Wie Agentic AI die industrielle Automatisierung erweitert

AI Automation Workflow Enabling Business Process Orchestration with Data Analytics Optimization for Productivity and Enterprise Process Digital Innovation Powered by Artificial Intelligence
Bild: ©NicoElNino/stock.adobe.com

Agentic AI-Systeme können Daten analysieren, Muster erkennen, kontextbasiert entscheiden und lernen – ohne klassische Agentenarchitektur. Grundlage sind Technologien wie Large Language Models, Reinforcement Learning und multimodale Verarbeitung. In der Fertigung können agentisch agierende Module etwa Anomalien zwischen Temperatur- und Vibrationswerten erkennen und daraus Handlungsschritte ableiten. Sie stoßen automatisch Ersatzteilbestellungen an, koordinieren Wartungsfenster mit der Produktion oder initiieren vorbeugende Maßnahmen.

Agentic AI-Anwendungen bestehen meist aus spezialisierten Modulen, die über Schnittstellen kooperieren – allerdings ohne die Zielverfolgung und Kommunikationslogik klassischer Multiagentensysteme. Ein Modul erkennt etwa Produktionsabweichungen und übergibt die Daten zur Dokumentation, ein weiteres stößt automatisch die Nachprüfung an. Der Unterschied zu gängigen Automatisierungsansätzen: Agentic AI lässt sich modular in bestehende ERP-, MES- oder CRM-Systeme integrieren – und setzt Entscheidungen direkt operativ um.

Die Technologie markiert den nächsten Schritt: von regelbasierter Automatisierung hin zu kognitiver Prozessintelligenz. Produktionssysteme lassen sich so nicht nur steuern – sondern können sich selbst weiterentwickeln.

Einsatzfelder in der Industrie

Agentic AI eröffnet insbesondere dort Möglichkeiten, wo Prozesse komplex und variabel sind. In Bereichen wie Fertigung, Logistik und Instandhaltung ergeben sich konkrete Anwendungen mit hohem wirtschaftlichem Potenzial.

Ein Beispiel ist die vorausschauende Instandhaltung: Klassische Intervalle basieren auf festen Zeitwerten. Agentische Systeme analysieren Maschinendaten wie Temperatur oder Stromverbrauch kontinuierlich. Sie erkennen Abweichungen in Echtzeit und leiten automatisch Maßnahmen ein – etwa Ersatzteilbestellungen oder Wartungsfenster.

Auch in der Qualitätssicherung lässt sich Nutzen erzielen. Bilddaten aus der Produktion, etwa von Schweißnähten oder Leiterplatten, werden von Agentic-AI-Modulen analysiert. Die Systeme identifizieren Fehler, klassifizieren sie nach Typ und Risiko und leiten – je nach Regelwerk – Nacharbeiten oder Ausschussprozesse ein. Die Rückkopplung mit Produktionsdaten hilft zudem, systematische Fehlerquellen frühzeitig zu erkennen.

Rückmeldungen in der Lieferkette lassen sich ebenfalls automatisiert verarbeiten. KI-Module interpretieren E-Mails, Scans oder Portal-Eingaben, gleichen sie mit ERP-Daten ab und stoßen Folgeprozesse an – etwa Rückrufprüfung, Ersatzteilverfügbarkeit oder Gutschriftbuchung.

Auch personalisierte Produktionsprozesse können von der Technologie profitieren: Agentic AI interpretiert Kundenanfragen, konfiguriert individuelle Produktionsaufträge und stimmt diese mit der Maschinenkapazität ab. Der Mensch übernimmt hier zunehmend die Rolle des Supervisors, nicht mehr die des Ausführenden. Fachkräfte werden gezielt in komplexe Aufgaben eingebunden.

Agentic AI integrieren

Die Integration von Agentic AI ersetzt keine Infrastruktur, sondern ergänzt sie modular. Spezialisierte KI-Module übernehmen Aufgaben wie Datenerfassung, Interpretation und Ausführung. Über APIs und App-Connectors werden sie in vorhandene Systeme eingebunden. Die Datenhaltung erfolgt meist cloudbasiert oder hybrid – mit Zugriff auf Echtzeitdaten, historische ERP-Informationen und externe Quellen wie Wetter oder Marktpreise.

Die nächste Stufe der Integration verspricht die Einbindung und Nutzung sogenannter Physical AI. Dabei kommen KI-Systeme zum Einsatz, die als integraler Bestandteil in physische Maschinen wie Roboter oder Drohnen eingebettet sind. Der wesentliche Unterschied zu traditionellen OT-Maschinen liegt – neben den KI-Fähigkeiten – insbesondere in der Fähigkeit zur freien, physischen Bewegung im Raum bei der Ausführung identifizierter und festgelegter Agenten- oder KI-Aufgaben (‚Task‘).

Ein weiterer Baustein in Agentic AI ist die Orchestrierung. Ein Steuerungsmodul koordiniert die Abläufe, priorisiert Aufgaben nach Dringlichkeit, Auswirkungen und verfügbaren Ressourcen. In modernen Systemen übernimmt dabei eine KI einen Teil der Entscheidungslogik und kann Abläufe basierend auf bestehendem Wissen (‚Memory‘) übernehmen, Aufgaben flexibel kontextualisieren, evaluieren sowie steuern, auch wenn sich die Ausgangslage ständig verändert.

In einer Montagelinie für Elektromotoren registriert zum Beispiel ein Sensor ungewöhnliche Vibrationen an einer Schraubeinheit. Ein KI-Modell, das mit historischen Maschinendaten trainiert wurde, stuft das Muster als auffällig ein – mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt ein technisches Problem vor. Gleichzeitig läuft auf derselben Linie ein Eilauftrag für einen wichtigen Kunden, während an einer anderen Station eine Kalibrierung geplant ist. Ein intelligenter Orchestrator bewertet nun automatisch, wie kritisch der Alarm ist, wie viel Zeit für den Auftrag bleibt und welche Alternativen im System verfügbar sind. Dabei orientiert er sich an einem vorab definierten Schema, das Sicherheitsrisiken besonders hoch gewichtet, gefolgt von Qualität, Termintreue und Effizienz. In diesem Fall stoppt das System die betroffene Einheit vorsorglich, zieht die Kalibrierung an einer Ausweichlinie vor und verlagert den Kundenauftrag dorthin.

Dabei lernt der Orchestrator mit jeder Entscheidung dazu. Er bekommt Rückmeldungen aus den angeschlossenen Systemen – etwa, ob die Maßnahme erfolgreich war oder zu Folgekosten geführt hat – und passt seine Priorisierungen entsprechend an. So entsteht ein System, das nicht nur automatisiert reagiert, sondern zunehmend vorausschauend agiert.

Ebenso zentral ist die Governance-Schicht: Rahmenbedingungen, Rollenkonzepte, Audit-Trails und Zugriffssteuerungen sorgen für Nachvollziehbarkeit und Compliance. Als Sicherheitsmechanismen kommen rollenbasierte Zugriffskontrollen (RBAC), Verschlüsselung und Monitoring zum Einsatz.

Von der Pilotierung zur Skalierung

Die Einführung agentischer KI ist ein strategisches Vorhaben. Viele Unternehmen unterschätzen die organisatorischen und kulturellen Veränderungen, die mit der Skalierung einhergehen. Erste, technisch in der Regel isolierte Pilotprojekte verlaufen oft erfolgreich, doch an fragmentierten Systemen, unklaren Zuständigkeiten und fehlender Change-Begleitung scheitert die produktive Umsetzung im großen Stil.

Der Einstieg sollte über gezielte Pilotprojekte erfolgen und idealerweise dort, wo Prozesse standardisiert, Daten gut verfügbar und Nutzenpotenziale konkret messbar sind. Beispiele sind etwa Buchhaltung, Logistik oder operative Instandhaltung. Wichtig sind eine enge Zusammenarbeit zwischen KI-Entwicklern und Fachpersonal, realistische Erwartungen, klare Verantwortlichkeiten und ein iterativer Rollout. Der Weg zur autonomen Prozesskette ist ein Lernprozess mit Rückschleifen – am besten beginnend mit datenstarken, messbaren Anwendungsfällen wie Rechnungsprüfung oder Retourenmanagement.

Agentic AI verändert Rollen: Fachkräfte trainieren Systeme, überwachen Entscheidungen und greifen bei Ausnahmen ein. Schulung und Akzeptanz sind dabei ebenso wichtig wie technische Exzellenz.

Ein Faktor sind zudem die Anforderungen an IT-Sicherheit und ethische KI: Es bedarf klarer Rahmenbedingungen, Berechtigungskonzepte, Zugriffssteuerung und Monitoring inklusive Protokollierung aller Aktivitäten. Besonders bei Zugriffen auf produktive Systeme sind insbesondere rollenbasierte Kontrolle und lückenlose Protokollierung essenziell.

Langfristig entsteht durch schrittweise Skalierung ein intelligentes Betriebssystem für die Wertschöpfung.



  • Materialengpässe in der Industrie leicht rückläufig

    Materialengpässe in der Industrie leicht rückläufig

    Situation weiter entspannt Materialengpässe in der Industrie leicht rückläufig Mehr als die Hälfte der Unternehmen aus dem Automobilbau berichtet nach wie vor von Materialengpässen. In vielen anderen Industriesektoren hat sich…

    mehr lesen: Materialengpässe in der Industrie leicht rückläufig

  • Connected-Worker-Plattform

    Connected-Worker-Plattform

    Connected-Worker-Plattform Sieben Schritte zur autonomen Instandhaltung Gestiegene Preise belasten die deutsche Industrie weiterhin. Und auch beim Thema Fachkräfte ist keine Entspannung in Sicht. Hier kommt die autonome Instandhaltung ins Spiel.…

    mehr lesen: Connected-Worker-Plattform

  • Markus Wambach wird COO bei MHP

    Markus Wambach wird COO bei MHP

    Geschäftsführung erweitert Markus Wambach wird COO bei MHP MHP erweitert zum 1 Januar 2024 die Geschäftsführung. Markus Wambach verantwortet dann das operative Geschäft der Management- und IT-Beratung.

    mehr lesen: Markus Wambach wird COO bei MHP

  • Thomas Hibinger wird CEO der Viastore Group

    Thomas Hibinger wird CEO der Viastore Group

    Philipp Hahn-Woernle übergibt den Staffelstab Thomas Hibinger wird CEO der Viastore Group Die Viastore-Gruppe steht ab dem 1. Januar 2024 unter neuer Leitung. Thomas Hibinger übernimmt dann das Amt des…

    mehr lesen: Thomas Hibinger wird CEO der Viastore Group

  • Materialengpässe in der Industrie erneut rückläufig

    Materialengpässe in der Industrie erneut rückläufig

    Ifo-Umfrage Materialengpässe in der Industrie erneut rückläufig Im August waren erneut weniger Industrieunternehmen von Materialengpässen betroffen als noch im Juli. Am stärksten betroffen ist nach wie vor die Autoindustrie.

    mehr lesen: Materialengpässe in der Industrie erneut rückläufig

  • Fraunhofer IPA bietet Potenzialanalyse für die Intralogistik

    Fraunhofer IPA bietet Potenzialanalyse für die Intralogistik

    Fahrerlose Transportfahrzeuge und mobile Roboter Fraunhofer IPA bietet Potenzialanalyse für die Intralogistik Die Nachfrage nach mehr Automatisierung für intralogistische Abläufe ist hoch. Wann und wie genau sich fahrerlose Transportfahrzeuge oder…

    mehr lesen: Fraunhofer IPA bietet Potenzialanalyse für die Intralogistik

  • Rockwell Automation übernimmt Clearpath Robotics

    Rockwell Automation übernimmt Clearpath Robotics

    Rockwell Automation übernimmt Clearpath Robotics Durch die Übernahme des kanadischen Robotik-Spezialisten Clearpath Robotics will Rockwell sein Portfolio für die autonome Produktionslogistik ergänzen.

    mehr lesen: Rockwell Automation übernimmt Clearpath Robotics

  • LeanBI und Substring kooperieren

    LeanBI und Substring kooperieren

    IoT-Anwendungen für die Industrie LeanBI und Substring kooperieren Gemeinsam wollen LeanBI und Substring Produkte für das Internet der Dinge entwickeln und anbieten. Dafür haben die Unternehmen eine Entwicklungs- und Vertriebs-Kooperation…

    mehr lesen: LeanBI und Substring kooperieren

  • Thomas Hähn wird Vorstandsmitglied

    Thomas Hähn wird Vorstandsmitglied

    VDMA Robotik Thomas Hähn wird Vorstandsmitglied Der Vorstand von VDMA Robotik hat Thomas Hähn, Gründer & CEO der United Robotics Group, als neues Vorstandsmitglied berufen.

    mehr lesen: Thomas Hähn wird Vorstandsmitglied

  • IFS übernimmt KI-Anbieter Falkonry

    IFS übernimmt KI-Anbieter Falkonry

    KI-gestützte Anomalieerkennung IFS übernimmt KI-Anbieter Falkonry Der schwedische Softwareanbieter IFS hat die Übernahme von Falkonry bekanntgegeben. Falkonry ist ein kalifornisches Industrie-KI-Softwareunternehmen, das auf die automatisierte Highspeed-Datenanalyse und Anomalieerkennung für die…

    mehr lesen: IFS übernimmt KI-Anbieter Falkonry

  • All About Automation in Chemnitz wächst gegenüber Vorjahr

    All About Automation in Chemnitz wächst gegenüber Vorjahr

    Praxisnah automatisieren All About Automation in Chemnitz wächst gegenüber Vorjahr Am 27. und 28. September 2023 dreht sich in der Messe Chemnitz alles um die Themen Industrieautomation, Digitalisierung und Robotik.…

    mehr lesen: All About Automation in Chemnitz wächst gegenüber Vorjahr

  • Viastore beruft Dominic Daly zum CFO

    Viastore beruft Dominic Daly zum CFO

    Manager in der Intralogistik-Branche Viastore beruft Dominic Daly zum CFO Dominic Daly (Bild) ist neuer CFO bei Viastore Group, einem Anbieter von Intralogistik-Systemen. Zuvor war der studierte Betriebswirt als Führungskraft…

    mehr lesen: Viastore beruft Dominic Daly zum CFO