Digitale Prozesszwillinge in China und EU

SoftSelect ITProduction Digital Twin
Bild: ©ipopba/istockphoto.com

Ein Digital Twin eines Geschäftsprozesses ist ein dynamisches, digitales Abbild eines realen Prozesses, das mit Echtzeitdaten gespeist wird. Diese digitale Repräsentation ermöglicht es, Prozesse zu überwachen, zu simulieren und zu optimieren. Zusammen mit Business Process Managements (BPM) entsteht ein leistungsfähiges Werkzeug zur kontinuierlichen Verbesserung von Abläufen. Im Gegensatz zum klassischen BPM erlaubt DTBP eine proaktive Steuerung. Durch die Integration von Sensordaten, KI-Algorithmen und Prozessmodellen können Unternehmen Abweichungen früher als zuvor erkennen und darauf reagieren.

Chinesische Perspektive und Entwicklungen

China setzt gezielt politische und technologische Rahmenbedingungen. Programme wie ‚Made in China 2025‘ und der ‚Digital China‘-Strategie verdeutlichen die Vision: die digitale Transformation der Industrie durch Schlüsseltechnologien wie KI, IoT, 5G und Cloud-Computing. Digital Twins gelten dabei als integraler Bestandteil der sogenannten ‚New Infrastructure‘ (). Die Regierung unterstützt die Entwicklung durch Investitionen, steuerliche Anreize und die Förderung von Pilotprojekten. Laut dem Weißbuch der China Academy of Information and Communications Technology (CAICT) aus dem Jahr 2022 sind Digital Twins ein strategisches Werkzeug zur Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Forschung und Standardisierung

Chinesische Universitäten wie die Tsinghua University, Tongji University und Zhejiang University veröffentlichen regelmäßig Forschungsarbeiten zu DTBP. Die Standardisierung erfolgt durch nationale Gremien wie das China Electronics Standardization Institute (CESI), das an einem umfassenden Rahmenwerk für Digital-Twin-Architekturen arbeitet. Wichtige Ziele sind Interoperabilität, Sicherheit und Skalierbarkeit. In Europa wird DTBP vor allem im Kontext von Industrie 4.0, Smart Manufacturing und dem digitalen Binnenmarkt betrachtet. Projekte wie Horizon Europe, Gaia-X und Catena-X fördern die Entwicklung von Plattformen, die auf Offenheit, Interoperabilität und Datenschutz setzen. Allerdings ist die Umsetzung in der Breite noch begrenzt. Während große Industrieunternehmen wie Siemens oder Bosch bereits erste DTBP-Systeme implementieren, fehlen KMU meist Ressourcen und Knowhow dafür.

Regulatorik und andere Hürden

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zur chinesischen Herangehensweise ist der starke Fokus der EU auf Datenschutz und ethische Standards. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stellt hohe Anforderungen an die Verarbeitung personenbezogener Daten, was die Implementierung von DTBP in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder der öffentlichen Verwaltung erschwert. Bei der Implementierung von Digital-Twin-basierten Prozessen treten mehrere weitere Hindernisse auf. Fragmentierte IT-Landschaften mit unterschiedlichen Systemen und Datenformaten erschweren die Integration. Zudem mangelt es an qualifizierten Fachkräften mit Kenntnissen in IT, Prozessmanagement und Datenanalyse. Viele Unternehmen scheuen außerdem die hohen Anfangsinvestitionen, insbesondere bei unklarer Rentabilität.

Handlungsempfehlungen für die EU

Um die Entwicklung und Nutzung von Digital Twin-Plattformen in Europa voranzubringen, sollte die EU gezielt Rahmenbedingungen schaffen. Die EU sollte Reallabore und Testbeds für Digital Twin-basierte Prozesse fördern, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Zudem ist der Aufbau europäischer Kompetenzzentren erforderlich, die technisches Know-how und regulatorisches Wissen bündeln. Es sollten DSGVO-konforme Referenzarchitekturen entwickelt werden, die als Blaupause für verschiedene Branchen dienen. Eine stärkere internationale Kooperation, insbesondere mit China, kann helfen, voneinander zu lernen und gemeinsame Standards zu entwickeln. Und es muss in digitale Infrastruktur investiert werden.

Wirtschaftliche Auswirkungen und ROI

Laut einer Untersuchung der Shanghai Jiao Tong University aus dem Jahr 2023 konnten Unternehmen in der Fertigung durch den Einsatz von DTBP:

  • die Durchlaufzeiten um bis zu 30 Prozent reduzieren,
  • die Fehlerquote um 25 Prozent senken,
  • und die Kundenzufriedenheit um 15 Prozent steigern.

Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Technologie auch ein wirtschaftliches Transformationsinstrument ist. In Europa hingegen fehlt es häufig noch an belastbaren ROI-Modellen.

Gesellschaft und Ethik

Während China primär auf Effizienz und technologische Führerschaft fokussiert, wird in Europa zunehmend die gesellschaftliche Dimension von Digital Twin-basierten Prozessen diskutiert. Dabei stehen oft drei Fragen im Mittelpunkt: Wie transparent sind Entscheidungen, die auf Basis simulierter Prozesse getroffen werden? Wer haftet, wenn ein digitaler Zwilling eine falsche Entscheidung trifft? Und welche Auswirkungen hat die Automatisierung durch DTBP auf Beschäftigung und Qualifikationsprofile? Diese Themen spielen in China bisher eine geringere Rolle, gewinnen jedoch auch dort an Bedeutung.

Internationale Zusammenarbeit und Geopolitik

Die Entwicklung von DTBP ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine geopolitische Frage. China strebt mit Initiativen wie der ‚Digital Silk Road‘ () eine globale Führungsrolle im Bereich digitaler Infrastrukturen an. Europäische Unternehmen stehen vor der Herausforderung, einerseits von chinesischem Knowhow zu profitieren, andererseits aber auch technologische Souveränität zu wahren. Ein möglicher Weg ist die Entwicklung gemeinsamer Standards und Pilotprojekte, etwa im Rahmen multilateraler Organisationen wie der ISO oder durch bilaterale Forschungskooperationen.

Ausblick und Fazit

385520 Michael Gottwald
Autor Michael Gottwald – Bild: SoftSelect GmbH

Die nächste Entwicklungsstufe von DTBP liegt in der Kombination mit sogenannten Cognitive Digital Twins – also digitalen Zwillingen, die nicht nur simulieren, sondern auch autonom lernen und Entscheidungen treffen. In China wird bereits an solchen Konzepten geforscht, etwa im Bereich autonomer Fabriken oder intelligenter Städte. Und China demonstriert damit eindrucksvoll, wie DTBP zur Effizienzsteigerung, Prozessautomatisierung und Innovationsförderung beitragen können. Die EU kann von diesen Erfahrungen profitieren, muss jedoch ihre eigenen regulatorischen und ethischen Anforderungen berücksichtigen. Eine strategische Kombination aus technologischer Offenheit, europäischer Werteorientierung und internationaler Zusammenarbeit ist ein Schlüssel zur erfolgreichen Implementierung von DTBP in Europa. Für den Kontinent bietet sich die Chance, die sicher auch als eine Notwendigkeit im internationalen Wettbewerb interpretiert werden muss, durch gezielte und umfangreichere Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur eine eigene, wertebasierte Vision von DTBP zu entwickeln – eine, die Effizienz mit Nachhaltigkeit, Transparenz und gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.



  • Abschwung erfasst Robotik und Automation

    Abschwung erfasst Robotik und Automation

    Der VDMA Robotik + Automation rechnet für das laufende JaHr mit einem Umsatzminus von fünf Prozent und auch für das nächste Jahr geht der Verband von einem weiteren Rückgang aus.

    mehr lesen: Abschwung erfasst Robotik und Automation

  • Ifo-Geschäftsklima-Index legt um 0,3 Punkte zu

    Ifo-Geschäftsklima-Index legt um 0,3 Punkte zu

    Die deutschen Manager blicken im November etwas positiver in die Zukunft als noch im Vormonat. Der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts legte leicht, 0,3 Punkte, zu.

    mehr lesen: Ifo-Geschäftsklima-Index legt um 0,3 Punkte zu

  • Monika Pienkos leitet Produktentwicklung bei Itac

    Monika Pienkos leitet Produktentwicklung bei Itac

    Itac Software hat Monika Pienkos die Leitung der Software- und Produktentwicklung übertragen. Die Diplom-Informatikerin kommt von CompuGroup Medical Deutschalnd zum MES-Sepzialisten.

    mehr lesen: Monika Pienkos leitet Produktentwicklung bei Itac

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Keine Datengrundlage für besseren Service

    Keine Datengrundlage für besseren Service

    Vielen Unternehmen fehlt die nötige Datengrundlage, um ihre Serviceangebote zu verbessern. Das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Bearing Point hervor. Demnach haben 40 Prozent der befragten Unternehmen keinen oder…

    mehr lesen: Keine Datengrundlage für besseren Service

  • Maintenance in Dortmund

    Maintenance in Dortmund

    Die Maintenance geht 2020 ins mittlerweile elfte Jahr. Vom 12. bis zum 13. Februar werden rund 220 Aussteller in den Dortmunder Messehallen erwartet.

    mehr lesen: Maintenance in Dortmund

  • Unternehmen können Anträge für 5G-Frequenzen stellen

    Unternehmen können Anträge für 5G-Frequenzen stellen

    Die Nutzung von privaten 5G-Frequenzen kann beginnen. Wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) mitteilt, können Unternehmen ab sofort Anträge stellen.

    mehr lesen: Unternehmen können Anträge für 5G-Frequenzen stellen

  • Neuer Geschäftsführer bei Softing Industrial Automation

    Neuer Geschäftsführer bei Softing Industrial Automation

    Seit Anfang November ist Frank Steinhoff (Bild) neuer Geschäftsführer bei Softing Industrial Automation. Er ist am Hauptsitz des Unternehmens in Haar bei München tätig.

    mehr lesen: Neuer Geschäftsführer bei Softing Industrial Automation

  • Industrieverbände begrüßen Vergabebedingungen

    Industrieverbände begrüßen Vergabebedingungen

    Nach dem Start der Frequenzvergabe für industrielle und landwirtschaftliche 5G-Netze äußern sich die vier Industrieverbände VCI, VDA, VDMA und ZVEI in einer gemeinsamen Pressemitteilung zu den Vergabebedingungen.

    mehr lesen: Industrieverbände begrüßen Vergabebedingungen

  • Frankreich als Wachstumsmotor für deutsche Maschinenausfuhren

    Frankreich als Wachstumsmotor für deutsche Maschinenausfuhren

    Die Abkühlung der Weltwirtschaft hinterlässt Bremsspuren in den deutschen Maschinenexporten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres legten die Auslieferungen nach Angaben des Statistischen Bundesamts um nominal 0,6% oder 0,82Mrd.€…

    mehr lesen: Frankreich als Wachstumsmotor für deutsche Maschinenausfuhren

  • Automation trifft Software

    Automation trifft Software

    Vom 26. bis zum 28. November 2019 wird das Nürnberger Messegelände zum Branchentreff der Automatisierungstechnik. Dabei weist die SPS – Smart Production Solutions in diesem Jahr erstmals bereits im Namen…

    mehr lesen: Automation trifft Software

  • Branchentreff in Hamburg

    Branchentreff in Hamburg

    Die Nortec – Fachmesse für Produktion lädt vom 21. bis zum 24. Januar nach Hamburg ein. Unter dem Motto ‘Zukunft? Läuft!‘ finden Besucher Lösungen und Technologien für eine moderne Produktion.

    mehr lesen: Branchentreff in Hamburg