Ein teurer Irrglaube

Mpckup SmartUpload Final
Bild: Partscloud GmbH

Der Ersatzteilbedarf sieht anders aus als Fertigungsbedarf. Monatelang keine Bewegung, dann ein Ausschlag, danach wieder Stille. Wer dieses Muster mit Verfahren für die kontinuierliche Nachfrage plant, erhält systematisch verzerrte Prognosen. Bemerkt wird das selten, weil kaum jemand die Prognosegüte tatsächlich misst. Entscheidend für die Wahl des passenden Verfahrens sind zwei einfache Fragen: Wie oft tritt überhaupt Bedarf auf, und wie stark schwankt die Menge, wenn er auftritt? Bei den meisten Ersatzteilen lautet die Antwort: selten und wenn, dann unterschiedlich viel. Nur ein kleiner Teil des Sortiments zeigt einen regelmäßigen, gut vorhersehbaren Verbrauch, wie man ihn aus der Fertigung kennt. Genau bei den unregelmäßigen Teilen versagen Standardverfahren am deutlichsten.

Bewährte Methoden gibt es

Ein gleitender Durchschnitt mittelt über die bedarfsfreien Monate hinweg. Der Prognosewert bleibt dauerhaft niedrig positiv, obwohl der tatsächliche Bedarf entweder null oder deutlich höher ist. Exponentielle Glättung reagiert zwar schneller auf einen Ausschlag, fällt danach aber genauso langsam wieder ab und überschätzt die Folgemonate. Beide Verfahren mitteln über etwas, das sich nicht sinnvoll mitteln lässt. Für solche Bedarfsmuster gibt es eigene Verfahren, allen voran die Methode von Croston aus den 1970er-Jahren. Sie trennt zwei Größen, die sonst vermischt werden: die durchschnittliche Menge pro Bedarfsfall und den durchschnittlichen Abstand zwischen zwei Bedarfsfällen. Beide werden getrennt geschätzt und erst am Ende zur Prognose zusammengeführt. Auch Croston ist kein Wundermittel und passt nicht für jedes Teil gleich gut. Das führt zur eigentlichen Kernfrage: Wie stellt man fest, ob ein Verfahren wirklich besser ist?

Warum gängige Fehlermaße versagen

Der in der Praxis am häufigsten verwendete Fehlerwert ist der prozentuale Fehler, kurz MAPE: Er setzt die Abweichung ins Verhältnis zur tatsächlich verbrauchten Menge. Bei seltenem, unregelmäßigem Bedarf funktioniert das kaum, weil der tatsächliche Verbrauch in den meisten Monaten null ist. Ein Beispiel macht das greifbar: Ein Verfahren liegt in neun von zehn Monaten korrekt bei null und trifft im zehnten Monat die Menge auf 20 Prozent genau. Der ausgewiesene Fehler kann trotzdem mehrere hundert Prozent betragen. Ein Verfahren, das dagegen ständig knapp daneben liegt, aber nie eine bedarfsfreie Periode korrekt trifft, sieht dabei rechnerisch besser aus, obwohl es das nicht ist.

Fehler kosten unterschiedlich

Eine robustere Alternative ist der sogenannte MASE: Er vergleicht den Fehler eines Verfahrens nicht mit der einzelnen Periode, sondern mit dem Fehler, den man bekäme, wenn man einfach den letzten bekannten Wert fortschreibt. Werte unter eins bedeuten: Das Verfahren schlägt diese denkbar einfachste Prognose. Ein weiterer Punkt kommt oft zu kurz. Ein Prozentfehler sagt nichts darüber aus, was der Fehler tatsächlich kostet. Zwanzig Prozent daneben bei einem Drei-Euro-Teil ist etwas anderes als bei einer Baugruppe für dreitausend Euro. Wer den Fehler stattdessen in Euro bewertet, sieht schneller, bei welchen Teilen sich eine genauere Prognose überhaupt lohnt.

Prognosegüte per Backtest messen

Die belastbarste Methode ist der Backtest gegen die eigene Historie. Ein Teil der Vergangenheit wird zurückgehalten. Das Modell wird nur auf den vorliegenden Daten trainiert. Anschließend wird die Prognose für den zurückgehaltenen Zeitraum mit dem tatsächlichen Verbrauch verglichen. Wichtig ist ein rollierendes Vorgehen. Ein einzelner Testzeitraum kann zufällig günstig oder ungünstig liegen, gerade bei seltenem Bedarf. Wer den Trainingsschnitt schrittweise verschiebt und den Test mehrfach wiederholt, bekommt ein belastbareres Bild als aus einem einzelnen Stichtag. In der Praxis lohnt es sich, mehrere Verfahren gegeneinander antreten zu lassen. Je Teil gewinnt, wer im Backtest den geringsten Fehler erzielt. Ein einzelnes, unternehmensweit einheitliches Verfahren ist für ein heterogenes Ersatzteilsortiment fast immer die schlechtere Wahl, weil die Bedarfsmuster zu unterschiedlich sind.

Die Software PartOS Forecast von PartsCloud unterstützt bei der Ersatzteil-Prognostik.
Die Software PartOS Forecast von PartsCloud unterstützt bei der Ersatzteil-Prognostik. – Bild: Partscloud GmbH

Schnelle Stichproben helfen

Für einen ersten Eindruck braucht es dafür keine große Investition und keine eigene Data-Science-Abteilung. Wer die Verbrauchsdaten der vergangenen zwei bis drei Jahre vorliegen hat, kann den Backtest für eine überschaubare Stichprobe von A-Teilen zunächst auch in einer einfachen Tabelle nachvollziehen: die letzten Monate zurückhalten, mit den davorliegenden Daten die Prognose bilden und anschließend mit dem tatsächlichen Verbrauch vergleichen. Das ersetzt keine dauerhafte Lösung, zeigt aber schon nach wenigen Stunden, ob das bisherige Verfahren überhaupt in die richtige Richtung rechnet oder ob es Zeit für einen Wechsel ist.

Und in der Praxis?

Ein typisches Beispiel: Ein Teil wird über das Jahr verteilt nur drei- oder viermal nachgefragt, dazwischen liegen mehrere bedarfsfreie Monate, und die bestellte Menge schwankt jedes Mal. Ein gleitender Durchschnitt würde für die kommenden Monate einen dauerhaften kleinen Restbedarf ausweisen, der so nie eintritt – tatsächlich ist der Bedarf entweder null oder auf einen Schlag mehrere Stück. Ein Verfahren wie Croston schätzt stattdessen getrennt, wie viel im Bedarfsfall typischerweise gebraucht wird und wie lange es bis zum nächsten Bedarfsfall dauert. Im Backtest zeigt sich bei solchen Teilen meist ein klares Bild: Croston-basierte Verfahren schneiden im MASE deutlich besser ab als gleitender Durchschnitt oder einfache exponentielle Glättung, die kaum über das reine Fortschreiben des letzten Werts hinauskommen. Bewertet man den verbleibenden Fehler zusätzlich am Einstandspreis, zeigt sich schnell, bei welchen Teilen sich eine genauere Prognose überhaupt lohnt und bei welchen der Aufwand den Nutzen übersteigt.

Fazit

Prognosegüte bei seltenem, unregelmäßigem Ersatzteilbedarf lässt sich nicht mit denselben Mitteln messen wie bei kontinuierlicher Fertigungsnachfrage. Wer den klassischen Prozentfehler auf ein Ersatzteilsortiment anwendet, misst häufig das Falsche und trifft Entscheidungen auf falscher Grundlage.

Drei Schritte helfen weiter:

  • die eigenen Teile danach unterscheiden, wie oft und wie regelmäßig sie gebraucht werden,
  • ein Fehlermaß wählen, das zu seltenem Bedarf passt, nicht das bequemste,
  • und die Prognose im rollierenden Backtest gegen die eigene Historie prüfen, Teil für Teil statt pauschal fürs ganze Sortiment.

Erst danach lässt sich seriös beurteilen, ob ein Prognoseverfahren tatsächlich etwas taugt oder ob es nur gut aussieht, weil bislang niemand genauer hingesehen hat.



  • IT-Dienstleister steigern Umsatz

    IT-Dienstleister steigern Umsatz

    Das Marktforschungsunternehmen Lünendonk & Hossenfelder hat im Rahmen der Studie ’Der Markt für IT-Beratung und IT-Services in Deutschland’ 83 IT-Dienstleister in Deutschland analysiert. Demnach konnten 65 Prozent von ihnen ihren…

    mehr lesen: IT-Dienstleister steigern Umsatz

  • Dan Smoot wird CEO bei Riverbed

    Dan Smoot wird CEO bei Riverbed

    Riverbed ernennt Dan Smoot zum President und CEO und will damit die nächste Wachstumsphase vorantreiben.

    mehr lesen: Dan Smoot wird CEO bei Riverbed

  • Fachkräftemangel im Maschinenbau verschärft sich wieder

    Fachkräftemangel im Maschinenbau verschärft sich wieder

    Im Maschinen- und Anlagenbau gewinnt der konjunkturelle Aufschwung deutlich an Fahrt. Doch nun rücken wieder zunehmend Fachkräfteengpässe in den Fokus der Unternehmen. Laut einer aktuellen Umfrage des VDMA unter rund…

    mehr lesen: Fachkräftemangel im Maschinenbau verschärft sich wieder

  • T-Systems CTO steht Board of Directors der Gaia-X Association vor

    T-Systems CTO steht Board of Directors der Gaia-X Association vor

    Maximilian Ahrens, CTO von T-Systems, wurde zum Vorsitzenden des Board of Directors der Gaia-X-Initiative gewählt.

    mehr lesen: T-Systems CTO steht Board of Directors der Gaia-X Association vor

  • Instabile Lieferketten machen Unternehmen zu schaffen

    Instabile Lieferketten machen Unternehmen zu schaffen

    Durchschnittlich 1Mio.€ Verlust Instabile Lieferketten machen Unternehmen zu schaffen Seit Anfang 2020 sind auch die Lieferketten weltweit immer instabiler und anfälliger geworden. Der Nachschub von Komponenten wie etwa Chips oder…

    mehr lesen: Instabile Lieferketten machen Unternehmen zu schaffen

  • SAP und TeamViewer arbeiten zusammen

    SAP und TeamViewer arbeiten zusammen

    Durch die strategischen Partnerschaft zwischen TeamViewer und SAP soll u.a. die AR-Lösung Frontline in das SAP-Angebot integriert werden.

    mehr lesen: SAP und TeamViewer arbeiten zusammen

  • Konsortium für Quantencomputing gegründet

    Konsortium für Quantencomputing gegründet

    Mit dem QUTAC haben sich zehn Unternehmen in einem Konsortium zusammengeschlossen um industrielle Anwendungen für Quantencomputing zu entwickeln.

    mehr lesen: Konsortium für Quantencomputing gegründet

  • Remote Work in der Fertigungsindustrie

    Remote Work in der Fertigungsindustrie

    Okta hat im Rahmen einer Studie ermittelt, wie Arbeitnehmer künftig arbeiten wollen. Demnach möchten sie ihr Arbeitsmodell zukünftig selbst wählen. Einige glauben jedoch nicht, dass ihr Arbeitgeber ihnen diese Flexibilität…

    mehr lesen: Remote Work in der Fertigungsindustrie

  • Siemens kauft Nextflow Software

    Siemens kauft Nextflow Software

    Transiente Strömungssimulation mit Simcenter Siemens kauft Nextflow Software Siemens erwirbt das französische Startup Nextflow Software. Durch die Integration deren CFD-Technologie ins Xcelerator-Portfolio sollen Anwender komplexe Applikationen mit transienten Strömungen und…

    mehr lesen: Siemens kauft Nextflow Software

  • Bundestag beschließt Unternehmensbasisregister

    Bundestag beschließt Unternehmensbasisregister

    Unternehmen sind in Deutschland in unterschiedlichen Registern erfasst, zwischen denen Daten selten oder gar nicht ausgetauscht werden. Mit dem nun beschlossenen Basisregister müssen Unternehmen ihre Daten künftig nur noch einmal…

    mehr lesen: Bundestag beschließt Unternehmensbasisregister

  • BSI eröffnet Stützpunkt in Saarbrücken

    BSI eröffnet Stützpunkt in Saarbrücken

    Am neuen BSI-Stützpunkt in Saarbrücken will das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtung seine Arbeit im Bereich künstliche Intelligenz ausbauen.

    mehr lesen: BSI eröffnet Stützpunkt in Saarbrücken

  • Kaspersky schickt Führungskräfte in virtuelles Kraftwerk

    Kaspersky schickt Führungskräfte in virtuelles Kraftwerk

    Mit einer VR-Version seines Simulationsspiels Interactive Protection Simulation will Kaspersky Führungskräften Knowhow darüber vermitteln, welchen Einfluss Entscheidungen auf die Cybersicherheit haben können.

    mehr lesen: Kaspersky schickt Führungskräfte in virtuelles Kraftwerk