Der Erfolg von DeepSeek und die Rolle Europas im KI-Wettbewerb

Photo Illustration of Newly Launched Chinese AI App DeepSee
Bild: ©Vista Vault/ stock.adobe.com

Dr. Vera Schmitt (Forschungsgruppenleiterin), Dr. Nils Feldhus (Postdoktorand) und Dr. Oliver Eberle (Postdoktorand) von der TU Berlin geben ihre Einschätzung zum jüngsten Erfolg des Large Language Models (LLM) DeepSeek aus China und erläutern im Interview den Unterschied zwischen Open-Source-Anwendungen wie DeepSeek und anderen LLMs sowie die Rolle Europas bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI).

1. Wie unterscheiden sich die Konzepte von DeepSeek und ChatGPT?

Schmitt und Feldhus: DeepSeek steht für Open-Source-Transparenz und Effizienz, während ChatGPT auf massive Rechenleistung und Skalierung setzt. Ersteres ermöglicht Anpassung und niedrigere Kosten, letzteres bietet optimierte Performance, bleibt aber proprietär und ressourcenintensiv.

Man muss allerdings sehen, dass DeepSeek nicht 100 Prozent Open-Source ist, denn zum Beispiel sind nicht alle Trainingsdaten bekannt, die in das Modell hineingeflossen sind. Die Verfügbarkeit der Modellparameter hingegen und die deutlich offenere Kommunikation seitens DeepSeek erlaubt es Initiativen der Open-Source-Community wie zum Beispiel „Open-R1“ die Reproduktion des Modells in Angriff zu nehmen und dabei auf viel weniger Ressourcen zurückgreifen zu müssen im Vergleich zur riesigen und teuren Infrastruktur von OpenAI, Microsoft und anderen.

Eberle: DeepSeek ist integriert in die „Hugginface Community“, eine Plattform, die bereits Hunderte von Open-Source-Modellen und Quellcode der Modelle verfügbar macht und eine wichtige Rolle in der Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Transparenz von LLMs sowohl in der Forschung als auch der Industrie spielt. DeepSeek verwendete in der Vergangenheit bereits andere Open-Source-Modelle (zum Beispiel das Llama-Modell von Meta) als Grundlage (zum Beispiel bei ‚DeepSeek-R1-Distill-Llama-70b‘). Dies spart Rechenaufwand, da die Destillation von Modellen deutlich weniger rechenintensiv ist als das Trainieren eines neuen Modells von Grund auf.

DeepSeek veröffentlicht detaillierte Beschreibungen und technische Reporte seiner Modelle und beschreibt hierin auch Negativ-Resultate. Dies ist ein hilfreicher Beitrag für die Open-Source-Community, weil so die Verbesserung von künftigen offenen LLM-Systemen vorangebracht wird. ChatGPT ist im Vergleich proprietär und nur das Interface ist zugänglich, die genaue Spezifikation des Modells und die trainierten Parameter sind nicht im Detail bekannt oder offen zugänglich. Der Code zum Trainieren sowie spezifische Datensätze werden meines Wissens nach weder von DeepSeek noch ChatGPT veröffentlicht.

Wie unterstützt der Open-Source-Ansatz bei Large Language Modellen konkret Ihre Forschungen? Wird Deepseek Ihre Forschung noch weiter voranbringen?

Schmitt und Feldhus: Ein Open-Source-Ansatz bei LLMs ermöglicht uns, Modelle gezielt für unsere Forschung anzupassen. Durch offenen Zugang können wir Transparenz gewährleisten und spezifische Architekturanpassungen vornehmen. Zudem können wir so Modelle evaluieren, sie weiterentwickeln und in Mensch-KI-Prozesse effektiver integrieren. DeepSeek könnte unsere Forschung weiter voranbringen, da es effizientere Modellarchitekturen und neue Trainingsansätze bietet und diese auf unseren Rechnern reproduzierbar macht. Besonders spannend sind potenzielle Verbesserungen bei der Ressourceneffizienz, aber auch in der mehrsprachigen Verarbeitung und der Adaptierbarkeit für spezifische Domänen, die unsere bestehenden Methoden ergänzen und optimieren könnten.

Eberle: DeepSeek reiht sich ein in andere Open-Source-Modell-Familien (Llama, Mistral, Qwen und so weiter) und ermöglicht es uns, Aussagen über eine breitere Menge an LLMs zu machen. Die Struktur dieser Modelle ist weitestgehend vergleichbar und unterscheidet sich vor allem durch den Trainingsansatz und die verwendeten Datensätze. DeepSeek ermöglicht uns nun Zugang zu einem Modell mit state-of-the-art Fähigkeiten in logischem Denken (reasoning capabilities), was zu neuen Einblicken in das Lösen komplexer Aufgaben durch LLMs führen könnte.

Arbeiten Sie bereits mit anderen Open Source Large Language Modellen (LLMs)?

Schmitt und Feldhus: Wir arbeiten viel mit unterschiedlichen LLMs wie zum Beispiel LLaMa, Mistral, Qwen, Bloom, Vicuna und haben auch angefangen, mit DeepSeek zu experimentieren. Diese Open-Source-Modelle setzen wir gezielt in verschiedenen Anwendungsbereichen ein. Ein besonderer Fokus liegt auf der Desinformationserkennung, wo wir LLMs nutzen, um Narrative in digitalen Medien zu analysieren, Falschinformationen aufzudecken und Erklärungen für erkannte Fehlinformationen bereitzustellen. Wir setzen LLMs auch für die Anonymisierung und Verarbeitung medizinischer Daten in gemeinsamen Projekten mit der Charité ein.

Seiten: 1 2 3



  • Vorteile von Standards und Normen nutzen

    Vorteile von Standards und Normen nutzen

    Für die Verbreitung von Innovationen sind Normen und Standards ein wichtiger Katalysator. Sie definieren die Meilensteine der Technik und ebnen innovativen Ideen den Weg zum Erfolg auf dem Markt. Auch…

    mehr lesen: Vorteile von Standards und Normen nutzen

  • Produktionspläne der Industrie gedämpft

    Produktionspläne der Industrie gedämpft

    Die Erwartungen der Produzenten an die nächsten Monate haben sich insgesamt wieder leicht ins Minus gedreht, ermittelten die Wirtschaftsforscher am ifo Institut. Vor allem Konsumgüter könnten sich wieder leicht schlechter…

    mehr lesen: Produktionspläne der Industrie gedämpft

  • IT-Sicherheit auf Linux-Basis

    IT-Sicherheit auf Linux-Basis

    In seiner kostenlosen Firewall Community, einer Sicherheitslösung auf Linux-Basis, steigt Endian ab der aktuellen Version 3.3.2 auf Rolling Releases um. Über Open-VPN können Mitarbeiter im Homeoffice sicher auf die Unternehmensressourcen…

    mehr lesen: IT-Sicherheit auf Linux-Basis

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • IPC mit zweiter Platinenebene

    IPC mit zweiter Platinenebene

    Der lüfterlose Industrie-PC C6027 von Beckhoff verfügt über eine zweite Platinenebene mit optionalen sechs RJ45-Ports oder integrierter 1s-USV.

    mehr lesen: IPC mit zweiter Platinenebene

  • Globaler Maschinenbau 2021 wieder im Plus

    Globaler Maschinenbau 2021 wieder im Plus

    Nach dem globalen Umsatzeinbruch um voraussichtlich 7 Prozent in diesem Jahr, wird für 2021 im Maschinenbau ein Umsatzwachstum von 6 Prozent prognostiziert.

    mehr lesen: Globaler Maschinenbau 2021 wieder im Plus

  • Aptean übernimmt Modula

    Aptean übernimmt Modula

    Mit dem Ziel, seine Präsenz in der DACH-Region weiter auszubauen hat das US-Unternehmen Aptean die Modula GmbH übernommen.

    mehr lesen: Aptean übernimmt Modula

  • Künstliche Intelligenz aus Deutschland stärken

    Künstliche Intelligenz aus Deutschland stärken

    Die nun veröffentlichte Normungsroadmap KI von DIN DKE sowie dem BMWi soll Handlungsempfehlungen für Standardisierung von künstliche Intelligenz geben. Die Roadmap ist online abrufbar.

    mehr lesen: Künstliche Intelligenz aus Deutschland stärken

  • Bessere Aussichten trotz des Lockdowns

    Bessere Aussichten trotz des Lockdowns

    Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist im November um 0,4 Punkte auf 100,5 Punkte gestiegen. Damit verbleibt der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im leicht positiven Bereich.

    mehr lesen: Bessere Aussichten trotz des Lockdowns

  • Eine nachhaltige Industrie 4.0

    Eine nachhaltige Industrie 4.0

    Anlässlich des Digital-Gipfels der Bundesregierung präsentiert die Plattform Industrie 4.0 Anwendungen für eine nachhaltige Industrie 4.0. Anhand von Analysen haben die Plattform-Spezialisten dabei drei mögliche Entwicklungspfade identifiziert.

    mehr lesen: Eine nachhaltige Industrie 4.0

  • Itelligence übernimmt finnisches SAP-Beratungshaus

    Itelligence übernimmt finnisches SAP-Beratungshaus

    Der SAP-Partner Itelligence übernimmt das finnische SAP-Beratungshaus Pasafin Oy. Mit der Übernahme will das Unternehmen seine Position in Skandinavien stärken.

    mehr lesen: Itelligence übernimmt finnisches SAP-Beratungshaus

  • Was international tätige Projektingenieure können sollten

    Was international tätige Projektingenieure können sollten

    Zurzeit liegt weder ein fest umrissenes Berufsbild noch klar formulierte Anforderungen an Projektingenieure vor, die in internationalen Projekten eingebunden sind.

    mehr lesen: Was international tätige Projektingenieure können sollten