Wie KI bei der HardwareEntwicklung unterstützt

automotive
Die zunehmende Komplexität der Fahrzeugsysteme und kontinuierliche Software-Updates zwingen Automobilentwickler zum Überdenken, wie, wann und wo Entwicklungsarbeit geleistet wird. – Bild: JuliaHub, Inc.

Die Softwareentwicklung hat sich innerhalb kürzester Zeit verändert. Mit Tools wie GitHub Copilot, Cursor oder Claude Code ähnelt künstliche Intelligenz einem Mitarbeiter. Ingenieure müssen weniger Aufwand für Syntax und Boilerplate betreiben, dafür mehr für Systemdesign.

In der Hardware-Entwicklung, sei es in der Automobilindustrie, im Luft- und Raumfahrt-Sektor sowie in Energie oder Robotik, ist die Realität noch eine ganz andere. Trotz leistungsfähiger Simulationswerkzeuge und moderner Recheninfrastruktur ist die Kernarbeit des physikbasierten Modellierens seit Jahrzehnten nahezu unverändert geblieben. Ingenieure verbringen viel Zeit damit, Modelle aufzubauen, Teilsysteme zu koppeln und Ergebnisse zu validieren. Dieser Aufwand bremst die Entwicklung.

Warum Hardware eine andere KI braucht

Der Unterschied liegt in der Struktur der Arbeit. Softwarecode ist gleichzeitig Spezifikation und Implementierung, Fehler sind lokal und reversibel. Die Hardware-Modellierung arbeitet dagegen über Interpretationsebenen: Anforderungen müssen in Modelle übersetzt werden, physikalische Vorgänge müssen diskretisiert und Annahmen explizit gemacht werden. Die Validierung stützt sich auf ingenieurstechnisches Urteil und Expertise, nicht nur auf formale Prüfkriterien und oft auf physische Prototypen und Prüfstandstests, die wiederum Kosten, Zeitaufwand und Irreversibilität mitbringen.

Agiert eine KI einfach nur schneller, ohne die Systemstruktur zu verstehen, produziert sie Ergebnisse, die plausibel klingen, aber physikalisch falsch sein können. Geschwindigkeit ohne Genauigkeit schadet hier mehr als sie nützt. Jede sinnvolle KI-Anwendung in der Hardware-Entwicklung muss daher auf der Ebene von Modellen, Randbedingungen und physikalischen Gesetzen operieren, nicht nur auf der Ebene der numerischen Ausführung.

Zeitgewinn statt Datensafari

Beispiel – Modellieren eines Reibungsbremssystems für ein Elektrofahrzeug: Traditionell definiert ein Ingenieur dafür zunächst Geometrie und Parameter und baut mechanische sowie thermische Teilsysteme auf. Mechanisches Drehmoment, Reibungskontakt, Wärmeerzeugung, Wärmeableitung und regenerative Bremsstrategien müssen integriert werden. Jeder Schritt erfordert Fachwissen. Bereits ein einziger Vorzeichenfehler kann Ergebnisse kritisch verfälschen – und das oft ohne offensichtlichen Fehler, weil die Resultate auf den ersten Blick plausibel aussehen, auch wenn sie gegen physikalische Prinzipien verstoßen.

Was diesen Prozess besonders verlangsamt, ist die sogenannte ‚Datensafari‘: Selbst wenn die physikalischen Zusammenhänge verstanden sind, stockt der Fortschritt bei der Suche nach Parameterwerten. Materialeigenschaften, empirische Koeffizienten, Herstellerspezifikationen und ältere Testergebnisse sind über Datenblätter, Normen und institutionelles Gedächtnis verstreut. Das Auffinden, Validieren und Abgleichen dieser Eingaben kann so viel Aufwand erfordern wie die Modellerstellung selbst. Ein KI-Agent, der Parameterwerte systematisch recherchiert, abgleicht und dokumentiert, kann hier unterstützen. Nicht weil er das technische Urteil ersetzt, sondern weil er eine der zeitaufwändigsten Phasen des Workflows beschleunigt. KI-Agenten generieren systematisch Validierungsfälle, legen Annahmen in Modellstruktur und Parametern offen und dokumentieren Entscheidungen prüfbar.

Agenten brauchen Physikverständnis

Sie entfalten ihren Mehrwert dann, wenn sie handeln, Ergebnisse beobachten und ihren Ansatz schnell anpassen können. Dafür bedarf es mehr als ein großes Sprachmodell: Die KI benötigt formale Darstellungen der Physik, die sowohl aussagekräftig als auch maschinell interpretierbar sind. Erhaltungssätze müssen durchgesetzt, Annahmen explizit und Ergebnisse auf Gleichungen und Parameter zurückführbar sein.

Auf dieser Prämisse basiert Dyad, eine KI-native Simulationsplattform des Unternehmens JuliaHub. Diese behandelt Modelle als Objekte erster Klasse: Komponenten wissen, wie sie verbunden sind, Gleichungen wissen, was sie erhalten, Parameter kennen ihre Einheiten und Rollen. Diese Struktur erlaubt es KI-Agenten, innerhalb des technischen Workflows sinnvoll zu agieren, Modelle auf Basis von Absichten zu erstellen, physikalische Konsistenz zu validieren und Ergebnisse in ingenieurstechnischen Begriffen zu erklären.

Komplexität bewältigen

In domänenübergreifenden Systemen (elektrisch, thermisch, chemisch) breiten sich Fehler leicht aus. In der Robotik verlangsamen lange Wege vom Konzept zum Hardware-Prototyp jede Iteration. Strukturierte, physikbewusste Agenten können in all diesen Kontexten helfen, Komplexität zu reduzieren, ohne dabei Zuverlässigkeit zu opfern.

Fortschritte in Modellierung, differenzierbarer Programmierung und Solver-Technologie erlauben es zudem, physikalische Systeme strukturiert abzubilden und von KI analysieren zu lassen. Dyad hilft, indem es physikalische Zusammenhänge maschinenverständlich macht und alle Modellierungsentscheidungen nachvollziehbar dokumentiert – eine Voraussetzung für den Einsatz in sicherheitskritischen Bereichen.

Partnerschaft statt Automatisierung

KI-Agenten übernehmen mechanische, repetitive und vorbereitende Aufgaben. Ingenieure widmen ihre Zeit der Auswertung von Ergebnissen, dem Vergleich von Entwurfsoptionen und der Abwägung von Kompromissen. Je tiefer das ingenieurstechnische Urteil, desto größer der Hebel, den diese Agenten bieten. Es geht darum, die Komplexität dorthin zu verlagern, wo Maschinen am stärksten sind, und die menschliche Aufmerksamkeit für Entscheidungen zu bewahren, die Urteilsvermögen erfordern.



  • Wie ist die Stimmung in der Fertigungsindustrie

    Wie ist die Stimmung in der Fertigungsindustrie

    In einer Studie des IIoT-Spezialisten Relayr wurden je 100 Unternehmen in den USA und in Deutschland zu aktuellen Entwicklungen während der Coronakrise befragt. Dabei zeigen sich sogar positive Effekte.

    mehr lesen: Wie ist die Stimmung in der Fertigungsindustrie

  • Cosmo Consult expandiert nach Asien

    Cosmo Consult expandiert nach Asien

    Die Cosmo Consult-Gruppe eröffnet eine Niederlassung in Hongkong und plant darüber hinaus weitere Standorte in Asien.

    mehr lesen: Cosmo Consult expandiert nach Asien

  • Auftragseingang im Maschinenbau weiter rückläufig

    Auftragseingang im Maschinenbau weiter rückläufig

    Wie bereits im April blieb der Auftragseingang der deutschen Maschinenbauer auch im Mai weit unter dem Niveau des Vorjahres. Die Bestellungen blieben 28 Prozent unter dem Vorjahreswert.

    mehr lesen: Auftragseingang im Maschinenbau weiter rückläufig

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Produktion legt wieder zu

    Produktion legt wieder zu

    Laut statistischem Bundesamt hat sich die Industrie im Mai von den Einbrüchen verursacht durch die Corona-Pandemie etwas erholt. Die Produktion legte zu, verfehlt das Mai-Ergebnis des Vorjahres jedoch um 19,3…

    mehr lesen: Produktion legt wieder zu

  • Drei von vier Unternehmen erwarten schnelle Erholung

    Drei von vier Unternehmen erwarten schnelle Erholung

    Zwei Drittel (66 Prozent) der Unternehmensleiter weltweit sind optimistisch, dass sich der europäische Markt relativ schnell vom wirtschaftlichen Abschwung durch die COVID-19-Pandemie erholen wird. Das geht aus einem Report des…

    mehr lesen: Drei von vier Unternehmen erwarten schnelle Erholung

  • Neuer CSO bei Proalpha

    Neuer CSO bei Proalpha

    Der ERP-Anbieter Proalpha hat einen neuen Chief Sales Officer. Zum 1. Juli hat Michael T. Sander die Position übernommen. Er folgt auf Andree Stachowski.

    mehr lesen: Neuer CSO bei Proalpha

  • Leuze nimmt neues Distributionszentrum in Betrieb

    Leuze nimmt neues Distributionszentrum in Betrieb

    Leuze will bis Ende Juli sein neues Distributionszentrum in Betrieb nehmen.

    mehr lesen: Leuze nimmt neues Distributionszentrum in Betrieb

  • Armin Schnettler wird VDE-Präsident

    Armin Schnettler wird VDE-Präsident

    Der VDE hat mit Prof. Dr. Armin Schnettler einen neuen Präsidenten. Er folgt auf Dr. Gunther Kegel.

    mehr lesen: Armin Schnettler wird VDE-Präsident

  • Plattform für digitale Ausweisdokumente

    Plattform für digitale Ausweisdokumente

    Infineon Technologies bietet mit Secora ID eine einfach zu integrierende Sicherheitsplattform für digitale Ausweisdokumente, die kontaktlos funktionieren.

    mehr lesen: Plattform für digitale Ausweisdokumente

  • In der Krise mehr digitalisieren

    In der Krise mehr digitalisieren

    52 Prozent der Unternehmen wollen ihre Ausgaben bezüglich der digitalen Transformation erhöhen. Dies hat der Business-Software-Anbieter IFS in einer Studie ermittelt für die weltweit mehr als 3.032 Führungskräfte befragt wurden.

    mehr lesen: In der Krise mehr digitalisieren

  • Veränderungen in Bosch-Geschäftsführung

    Veränderungen in Bosch-Geschäftsführung

    Bosch Rexroth gibt einige Veränderungen in der Geschäftsführung bekannt. Unter anderem tritt Filiz Albrecht die Nachfolge von Christoph Kübel an, der zum Jahresende in den Ruhestand geht.

    mehr lesen: Veränderungen in Bosch-Geschäftsführung