Was der Cyber Resilience Act mit dem OT-Bestand macht

578911
Bild: ©industrieblick/stock.adobe.com

Ab Dezember 2027 gelten die vollen Anforderungen des Cyber Resilience Act. Wer also heute eine Maschine konstruiert, die erst in anderthalb Jahren ausgeliefert wird, muss schon bei der Komponentenbeschaffung sicherstellen, dass alle verbauten digitalen und elektronischen Bauteile diesen Anforderungen genügen. Doch mit der Inverkehrbringung ist es nicht getan. Der CRA verpflichtet Maschinenbauer, die sicherheitsrelevanten Meldungen aller verbauten Komponenten über den gesamten Lebenszyklus der Maschine zu verfolgen und den Endkunden proaktiv, unentgeltlich und innerhalb enger Fristen zu informieren, sobald ein Hersteller eine Schwachstelle meldet. Was nach Verwaltungsaufwand klingt, ist in der Praxis eine operative Herausforderung ganz anderer Größenordnung: In einer einzigen Maschine stecken Steuerungskomponenten von möglicherweise 15 bis 20 verschiedenen Herstellern. Wer 30 Maschinen ausgeliefert hat, überwacht potenziell Hunderte von Artikeln bei Dutzenden von Lieferanten – täglich. Das ist manuell nicht mehr zu leisten.

NIS2 und CRA

Der CRA richtet sich an Hersteller und regelt, was sicher sein muss. Die NIS2-Richtlinie adressiert Betreiber kritischer und wichtiger Einrichtungen. Sie regelt, wer sicher sein muss. Im Maschinenbau treffen beide Welten aufeinander: Der Maschinenbauer trägt nach CRA eine Informationspflicht gegenüber seinem Kunden. Dieser Betreiber unterliegt seinerseits der NIS2 und muss Risiken bewerten, Maßnahmen einleiten und diese nachvollziehbar dokumentieren. Dazu muss er wissen, welche Komponenten in welchem Firmware-Stand in seiner Anlage laufen. Wer diese Informationsgrundlage nicht hat, kann die Anforderungen beider Regelwerke nicht erfüllen.

Das Common Security Advisory Framework

Das technische Werkzeug für die Kommunikation zwischen Komponentenherstellern und Betreibern existiert bereits: das Common Security Advisory Framework, kurz CSAF. Über Plattformen wie CERT@VDE liefern derzeit rund 50 Hersteller standardisierte, maschinenlesbare Sicherheitsmeldungen. CSAF beschreibt nicht nur, dass eine Schwachstelle existiert. Auch wird beschrieben, welche Produktversionen betroffen sind, wie kritisch die Lücke einzustufen ist und welche Maßnahmen empfohlen werden – von Firmware-Updates über das Schließen von Netzwerk-Ports bis hin zur Empfehlung, den Betrieb vorsorglich einzustellen.

CSAF funktioniert aber nur, wenn auf der Empfängerseite bekannt ist, welche der gemeldeten Komponenten im eigenen Bestand verbaut sind. Ein Sicherheitshinweis zu einer bestimmten Steuerungskomponente nützt einem Betreiber wenig, wenn er nicht weiß, ob und in welchem Schaltschrank genau dieses Gerät steckt.

Hier unterstützt OT360 von Inspares. Die Plattform erfasst alle verbauten elektronischen Bauteile auf Anlage- und Schaltschrankebene, gleicht diese kontinuierlich mit den eingehenden CSAF-Feeds ab und identifiziert automatisch, welche Anlage eines Kunden von einer neu gemeldeten Schwachstelle betroffen ist. Maßnahmen werden direkt im System dokumentiert: etwa ob ein Patch terminiert ist, eine Komponente getauscht wird oder eine Risikoabwägung zu einer bewussten Entscheidung geführt hat. Das schafft die Nachvollziehbarkeit, die NIS2 verlangt.

Dabei ist der Umgang mit Schwachstellen in OT-Umgebungen strukturell komplexer als in klassischen IT-Umgebungen. Einen Patch einzuspielen, bedeutet in der Produktion häufig, die betroffene Anlage herunterzufahren. Das ist bei nicht-redundanten Steuerungen ein geplanter Eingriff, kein spontaner Klick. Die Priorisierung von Sicherheitsmeldungen und die Planung von Wartungsfenstern werden damit zum integralen Bestandteil des Instandhaltungsbetriebs.

Abkündigung durch Regulierung

Die Auswirkungen des CRA auf den Komponentenmarkt sind in ihrer Dimension noch wenig beleuchtet. Hersteller, die ihre Produkte nach Dezember 2027 weiterverkaufen wollen, müssen sie CRA-konform halten – einschließlich mindestens fünf Jahren Sicherheitspflege nach Inverkehrbringen. Für viele Bauteile mit kleinen Stückzahlen oder geringen Margen rechnet sich dieser Aufwand nicht. Die Konsequenz: Hersteller nehmen Produkte proaktiv aus dem Programm, die noch einige Jahre hätten laufen sollen.

Diese regulatorisch bedingte Abkündigungswelle läuft bereits. Produkte, die planmäßig 2028 oder 2029 ausgelaufen wären, werden im Jahr 2026 vom Markt genommen, bevor die CRA-Verpflichtungen greifen. Von einigen ‚Big Playern‘ des Marktes sind solche strategische Entscheidungen bereits bekannt geworden. Für Maschinenbauer mit langen Anlagenlebenszeiten bedeutet das: Wer heute eine Anlage mit 15 Jahren geplantem Betrieb ausliefert, muss damit rechnen, dass Teile der verbauten Komponenten weit früher nicht mehr beschaffbar sind, als der Betrieb es erfordern würde. Obsoleszenzmanagement war bislang reaktiv. Der CRA macht es zur strategischen Pflicht, die schon in der Konstruktionsphase beginnt.

Vom Bestandsmanagement zur Compliance-Grundlage

Der gemeinsame Nenner hinter CRA-Konformität, NIS2-Nachweisführung und aktivem Obsoleszenzmanagement ist eine vollständige, aktuelle und digital verfügbare Übersicht über alle verbauten elektronischen Komponenten. Ist dieser Bestand nicht bekannt, können weder Sicherheitsmeldungen gezielt zugeordnet noch Abkündigungen frühzeitig erkannt oder Maßnahmen nachvollziehbar dokumentiert werden.

Die Insapres-Plattform verknüpft Bauteilbestände und Firmware-Stände mit Herstellerdaten zu Abkündigungen und CSAF-basierten Sicherheitsmeldungen. Ein Partnernetzwerk aus Reparatur- und Beschaffungsdienstleistern hilft im Bedarfsfall bei der Identifikation von Ersatzlösungen. Mit Siemens ist inzwischen der erste Originalhersteller direkt an die Plattform angebunden.

Transparenz als Resilienz-Faktor

CRA und NIS2 sind keine parallelen Regulierungsprojekte, die sich getrennt abarbeiten lassen. Für produzierende Unternehmen und ihre Maschinenlieferanten greifen beide ineinander – und beide bauen auf derselben Grundlage auf: dem Wissen darüber, was im Schaltschrank steckt. Wer dieses Wissen nicht strukturiert vorhält, steht spätestens mit den ersten Meldepflichten des CRA ab September vor Problemen. Die Instandhaltung ist dabei kein nachgelagertes Thema mehr, sondern der Ausgangspunkt von Cyberstrategien im produzierenden Gewerbe.



  • Die Lieferkette im Visier von Hackern

    Die Lieferkette im Visier von Hackern

    Die Allianz geht davon aus, dass sich Ransomware-Angriffe vermehrt gegen Lieferketten richten könnten. Der Versicherer sieht dabei hauptsächlich IT-Dienstleister im Visier von Hackern. Und auch die Höhe der Lösegeldforderungen steigt.

    mehr lesen: Die Lieferkette im Visier von Hackern

  • Oliver Gronau wird CCO bei Auvesy

    Oliver Gronau wird CCO bei Auvesy

    Mit Oliver Gronau als CCO stößt ein weiteres Mitglied zum Management-Team des Datenmanagement-Spezialisten Auvesy, das zukünftig aus Tim Weckerle (CEO), Stefan Jesse (COO) und Oliver Gronau in der neugeschaffenen Position…

    mehr lesen: Oliver Gronau wird CCO bei Auvesy

  • Wie Projektingenieure mit Entwicklungspartnern kooperieren

    Wie Projektingenieure mit Entwicklungspartnern kooperieren

    Die Richtlinie VDI-MT 6602 Blatt 2 ‚Projektingenieur in Projekten mit Entwicklungspartnern – Anforderungen an die Qualifizierung‘ ist Anforderungsprofil für in der Praxis tätige Ingenieure und Projektingenieure, die ihre Fähigkeiten für…

    mehr lesen: Wie Projektingenieure mit Entwicklungspartnern kooperieren

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • IT-Sicherheitsmarkt vor Umsatzrekord

    IT-Sicherheitsmarkt vor Umsatzrekord

    Der Markt für IT-Sicherheit in Deutschland wächst ungebrochen. Das bisherige Rekordjahr 2020 könnte in diesem Jahr nochmals übertroffen werden. So geht der Digitalverband Bitkom von einem Plus von 9,7 Prozent…

    mehr lesen: IT-Sicherheitsmarkt vor Umsatzrekord

  • Zuliefermesse für den Maschinenbau

    Zuliefermesse für den Maschinenbau

    In Bad Salzuflen findet am 10. November die FBM statt. Bereits im Vorfeld der Messe können Unternehmen über eine Matchmaking-Plattform feste Termine mit den Ausstellern buchen.

    mehr lesen: Zuliefermesse für den Maschinenbau

  • Umsatzprognose auf Höchststand

    Umsatzprognose auf Höchststand

    Im neuen PWC-Maschinenbaubarormeter blicken mehr als die Hälfte der Unternehmen zwar optimistisch in die Zukunft. Im Vergleich zum Vorquartal ist dieser Wert jedoch zurückgegangen.

    mehr lesen: Umsatzprognose auf Höchststand

  • Produktionserwartungen steigen im September

    Produktionserwartungen steigen im September

    Die Produktionsaussichten in der Industrie haben im September zugelegt. Dabei werden die Pläne der Unternehmen von den derzeitigen Materialengpässen gebremst.

    mehr lesen: Produktionserwartungen steigen im September

  • Partnerschaft zwischen UiPath und CrowdStrike

    Partnerschaft zwischen UiPath und CrowdStrike

    UiPath und CrowdStrike wollen gemeinsam den Schutz von RPA-Prozessen verbessern. Die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen soll ein neues Sicherheitsniveau sowie mehr Transparenz bei RPA-Anwendungen bieten, heißt es in der Pressemitteilung.

    mehr lesen: Partnerschaft zwischen UiPath und CrowdStrike

  • Referenzbasis für TRIZ-Werkzeuge

    Referenzbasis für TRIZ-Werkzeuge

    Richtlinie VDI 4521 Blatt 1 ‚Erfinderisches Problemlösen mit TRIZ – Grundlagen und Begriffe‘ legt eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung von Inhalten der TRIZ-Methodik fest. Sie bietet eine Referenzbasis zum Vergleich…

    mehr lesen: Referenzbasis für TRIZ-Werkzeuge

  • Ekrem Yigitdoel wird Managing Director

    Ekrem Yigitdoel wird Managing Director

    Mit der Ernennung von Ekrem Yigitdoel zum Managing Director will sich die Open Industry 4.0 Alliance für weiteres Wachstum rüsten. Derzeit gehören dem Zusammenschluss rund 80 Mitglieder an.

    mehr lesen: Ekrem Yigitdoel wird Managing Director

  • Aus Innovation.rocks und Augmentaio wird Svarmony

    Aus Innovation.rocks und Augmentaio wird Svarmony

    Die beiden Unternehmen Innovation.rocks und Augmentaio wollen fusionieren und zukünftig gemeinsam als AR-Spezialist Svarmony am Markt auftreten.

    mehr lesen: Aus Innovation.rocks und Augmentaio wird Svarmony