Wie Agentic AI in der Produktion unterstützt

Engineer interacting with artificial intelligence interface to manage industrial operations enhance automation and optimize smart systems using AI agents in modern factory environments
Bild: ©JD Studio/stock.adobe.com

Automatisierung ist in produzierenden Unternehmen seit Jahrzehnten etabliert. Sobald Prozesse jedoch Abstimmungen, Freigaben und Ausnahmen erfordern, stößt klassische Automatisierung an ihre Grenzen: Informationen verteilen sich über unterschiedliche Systeme und Entscheidungswege verlängern sich. An diesen Übergängen entstehen Intransparenz, Zeitverlust und manuelle Zusatzarbeit. Hier setzt Agentic AI als unterstützende Ebene an, die Informationen kontextualisiert und Prozesse koordiniert.

AI Agents in der Praxis

In der industriellen Praxis sind KI Agenten keine autonomen Entscheider, sondern haben eine klar umrissene Rolle. Sie übernehmen Aufgaben, die bislang manuell, zeitintensiv oder fehleranfällig waren, etwa Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammentragen, Inhalte fachlich einordnen oder relevante Dokumente identifizieren und in Beziehung setzen. Auf dieser Basis bereiten sie Entscheidungen vor, stoßen definierte Workflows an oder eskalieren Vorgänge gezielt an die zuständigen Rollen.

Entscheidend ist dabei weniger Autonomie als Kontextualisierung: Ein Agent erkennt, welche Informationen zu einem Vorgang gehören, welche Regelwerke oder Freigabeketten gelten und welche Personen eingebunden werden müssen. Wichtig ist: Ein guter Agent denkt nicht für Menschen, sondern sortiert für Menschen. Er agiert innerhalb klarer Leitplanken und folgt bestehenden Prozessen, statt sie zu ersetzen.

Praxisbeispiel: Abweichung im laufenden Produktionsprozess

Ein typisches Szenario: Während der Fertigung wird eine Abweichung festgestellt, etwa bei einem Bauteil oder einem Prozessparameter. Diese muss dokumentiert, bewertet und freigegeben werden. Meist beginnt nun eine manuelle Suche nach betroffenen Aufträgen, Spezifikationen, Zuständigkeiten oder ähnlichen Fällen. Hier kann ein KI-Agent unterstützen, indem er automatisch relevante Informationen zusammenträgt – etwa betroffene Aufträge, technische Dokumente, Prüfprotokolle, frühere Abweichungen oder Freigabehistorien. Er ordnet diese Informationen dem konkreten Vorgang zu, macht Abhängigkeiten sichtbar und bereitet eine strukturierte Entscheidungsgrundlage vor. Anschließend stößt der Agent den vorgesehenen Freigabeprozess an und informiert die zuständigen Rollen. Die Entscheidung über Maßnahmen oder Produktionsfreigaben bleibt beim Menschen. Ähnliche Muster lassen sich in weiteren Anwendungsfällen nutzen, etwa bei Reklamationsbearbeitung, Serienanlauf, Lieferantenabweichungen oder Änderungsmanagement.

Agenten nicht in der Verantwortung

Ein wichtiger Grundsatz beim Einsatz von KI-Agenten ist, dass diese Entscheidungen unterstützen, aber Verantwortung nicht ersetzen. In vielen industriellen Abläufen gibt es bewusst definierte Punkte, an denen ein Mensch die finale Freigabe geben muss. In der Praxis bedeutet das, dass ein AI Agent eine Entscheidung vorbereiten kann, getroffen wird sie jedoch von einer verantwortlichen Person.

Für die Akzeptanz im Werk muss klar sein, warum dieser Vorschlag gemacht wurde, welche Informationen herangezogen wurden, welche Alternativen möglich sind und wer die Freigabeverantwortung trägt. Ein praxistauglicher Agent muss außerdem mit Ausnahmen umgehen können. Gerade in der Produktion sind Sonderfälle die Regel: fehlende Dokumente, widersprüchliche Versionen, abweichende Lieferungen, Zeitdruck. Ein Agent sollte solche Situationen transparent machen, etwa durch gezieltes Eskalieren an die richtige Stelle, statt einen Prozess stillschweigend weiterzuschieben.

Voraussetzungen und Stolpersteine

Damit KI-Agenten in der Produktion sinnvoll eingesetzt werden können, sind nicht zuerst neue Technologien entscheidend, sondern Grundlagenarbeit. Drei Voraussetzungen sind dabei besonders wichtig:

Klare Prozesse und Verantwortlichkeiten: Ein Agent kann nur dann koordinieren, wenn klar ist, wie ein Vorgang standardmäßig läuft: Welche Freigabeschritte gibt es? Welche Rolle entscheidet? Welche Fristen gelten? Wo sind harte Stopps vorgesehen? Viele Unternehmen merken hier, dass Prozesse zwar existieren, aber nicht durchgängig dokumentiert sind oder sie werden im Alltag unterschiedlich ausgeführt. Agentic AI bietet hier einen Hebel und macht solche Unschärfen sichtbar.

Kontext entsteht aus zugänglichen Inhalten: Oft stecken entscheidende Informationen in unstrukturierten Quellen. Sind diese schwer auffindbar, uneinheitlich benannt oder Versionsstände unklar, kann auch ein Agent nur begrenzt helfen. Deshalb ist ein realistischer Startpunkt oft, Zugriffe, Ablagen, Versionierung und Metadaten so zu ordnen, dass der nötige Kontext zuverlässig bereitgestellt werden kann.

Governance, Rechte und Nachvollziehbarkeit sind Pflicht: Gerade wenn Agenten Informationen systemübergreifend nutzen, müssen Rollen- und Rechtekonzepte sauber greifen: Wer darf was sehen? Wer darf was anstoßen? Was wird protokolliert? Praktisch relevant sind Audit-Trails, Freigabeprotokolle und klare Regeln, welche Aktionen automatisch angestoßen werden dürfen und welche ausschließlich nach Bestätigung. Ohne diese Leitplanken entsteht schnell Skepsis.

Typische Stolpersteine liegen dabei weniger in der KI selbst, sondern sind oft organisatorisch bedingt: zu breite Use Cases, fehlende Zuständigkeiten oder die Erwartung, dass Agenten sofort End-to-End-Prozesse autonom übernehmen. Erfolgreicher ist meist ein schrittweises Vorgehen mit einem klar abgegrenzten Prozess, der dann schrittweise ausgebaut wird.

Kein Systemersatz

Der Nutzen von Agentic AI entsteht dort, wo sie bestehende Prozesse stabil unterstützen und Medienbrüche reduzieren kann. Für produzierende Unternehmen bietet dies die Gelegenheit für einen pragmatischen Einstieg: Bestehende Systeme bleiben erhalten, während AI Agents als koordinierende Ebene helfen, Informationen nutzbar zu machen und Abläufe effizienter zu gestalten.



  • Open Industry 4.0 Alliance stellt App Store vor

    Open Industry 4.0 Alliance stellt App Store vor

    2019 hat sich die Open Industry 4.0 Alliance auf der Hannover Messe gegründet. Das mittlerweile 74 Mitglieder umfassende Konsortium stellt zur diesjährigen Messe einen eigenen App Store vor.

    mehr lesen: Open Industry 4.0 Alliance stellt App Store vor

  • Formnext-Veranstalter planen hybride Messe

    Formnext-Veranstalter planen hybride Messe

    Im November steht industrieller 3D-Druck in Frankfurt im Fokus. Dann öffnet die Formnext ihre Tore — als Präsenzveranstaltung. Zusätzlich ist ein digitales Angebot geplant.

    mehr lesen: Formnext-Veranstalter planen hybride Messe

  • Wie nachhaltig ist die deutsche Technologie-Branche?

    Wie nachhaltig ist die deutsche Technologie-Branche?

    In einer aktuellen Deloitte-Studie betrachten 86 Prozent der deutschen Technologiekonzerne Nachhaltigkeit als einen wichtigen Bestandteil ihrer Geschäftstätigkeit. Jedoch nehmen etwa zwei Drittel der darin befragten Unternehmen eine Diskrepanz zwischen Anspruch…

    mehr lesen: Wie nachhaltig ist die deutsche Technologie-Branche?

  • Hyperkonvergente Infrastrukturen mit Potenzial für den Mittelstand

    Hyperkonvergente Infrastrukturen mit Potenzial für den Mittelstand

    Das Beratungsunternehmen Techconsult hat gemeinsam mit Gridscale untersucht, wie mittelständische Unternehmen die Modernisierung ihrer IT-Infrastrukturen vorantreiben. Die daraus resultierende Studie gibt Einblicke, mit welchen Herausforderungen sich die Unternehmen bei ihrer…

    mehr lesen: Hyperkonvergente Infrastrukturen mit Potenzial für den Mittelstand

  • Gesamtkonzept für mehr Resilienz

    Gesamtkonzept für mehr Resilienz

    Entwicklungen wie der Klimawandel oder die Digitalisierung haben das Thema Resilienz in die öffentliche Diskussion gerückt. Durch die Corona-Pandemie wird diese neu auf die Probe gestellt. Fraunhofer-Forscher haben nun ein…

    mehr lesen: Gesamtkonzept für mehr Resilienz

  • Rhebo integriert Apps für Cybersecurity

    Rhebo integriert Apps für Cybersecurity

    Rhebo hat sich der Partnerwelt ctrlX World von Bosch Rexroth angeschlossen. So setzt Rhebo auf ctrlX Automation als Integrationsplattform und zusätzlichen Marktplatz für ihre industriellen Monitoring-Lösungen, die sowohl für die…

    mehr lesen: Rhebo integriert Apps für Cybersecurity

  • Ifo Institut erwartet geringeres Wachstum

    Ifo Institut erwartet geringeres Wachstum

    Für das laufende Jahr geht das Ifo Institut von einem wirtschaftlichen Wachstum von 3,7 Prozent aus. Damit zeigen sich die Forscher pessimistischer als noch im Dezember.

    mehr lesen: Ifo Institut erwartet geringeres Wachstum

  • Alarmmanagement in modularen Automatisierungssystemen

    Alarmmanagement in modularen Automatisierungssystemen

    Modulare Anlagen werden in der Fertigungs- und Verfahrenstechnik vermehrt eingesetzt. Die Planungszeit neuer Anlagen und Umbauarbeiten sollen so beschleunigt werden, um Stillstände beziehungsweise die Time-to-Market zu verkürzen.

    mehr lesen: Alarmmanagement in modularen Automatisierungssystemen

  • Kleine Betriebe unverhältnismäßig hart getroffen

    Kleine Betriebe unverhältnismäßig hart getroffen

    Die EU-Kommission plant umfassende Auflagen zur Vermeidung und Meldung von Cyberangriffen. Diese betreffen zukünftig fast alle mittelständischen Industriebetriebe.

    mehr lesen: Kleine Betriebe unverhältnismäßig hart getroffen

  • Verstärkte Angriffe der Ransomware-Gruppe

    Verstärkte Angriffe der Ransomware-Gruppe

    Das Incident Response Team (IRT) von Varonis Systems beobachtet seit November 2020 verstärkte Angriffe von Darkside, Inc. auf Unternehmen in Nordamerika und Europa.

    mehr lesen: Verstärkte Angriffe der Ransomware-Gruppe

  • Jedes Dritte Unternehmen setzt auf Outsourcing im eigenen Land

    Jedes Dritte Unternehmen setzt auf Outsourcing im eigenen Land

    Welchen Stellenwert IT-Outsourcing für deutsche Unternehmen haben kann, zeigt ein Whitepaper von IDC und Comarch. Darin geht man der Fragestellung nach, wie verbreitet Onshoring und Offshoring sind. Demnach lagert jede…

    mehr lesen: Jedes Dritte Unternehmen setzt auf Outsourcing im eigenen Land

  • Trumpf übernimmt Lantek

    Trumpf übernimmt Lantek

    Mit der Übernahme von Lantek erweitert Trumpf sein Softwareportfolio. Das spanische Unternehmen entwickelt Software für die Blech- und Metallbearbeitung.

    mehr lesen: Trumpf übernimmt Lantek