Vom Compliance-Instrument zum Befähiger

370700 DPP Bild 2
Das Schema einer DPP-Infrastruktur. – Bild: Capgemini Deutschland GmbH

Ein digitaler Produktpass (DPP) ist ein Datensatz, der die Komponenten, Materialien und chemischen Substanzen oder auch Informationen zu Reparierbarkeit, Ersatzteilen oder fachgerechter Entsorgung für ein Produkt zusammenfasst. Die Daten stammen aus allen Phasen des Produktlebenszyklus (Entwicklung, Herstellung, Nutzung, Recycling) sowie aus der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette (von Rohstoffbeschaffung bis zum Recycling). Zahlreiche DPP-relevante Verordnungen sind bereits heute bekannt, weitere könnten weltweit hinzukommen. Die Einführung des DPP gilt als komplexes, unternehmensweites Vorhaben. Bestehende Standards aus Industrie und Forschung schaffen zwar ein Grundverständnis, reichen jedoch oft nicht für die Integration in bestehende Unternehmensprozesse und Systemlandschaften aus. Das E2E-DPP-Framework zielt darauf ab, diese Lücke mit einem eingesetzten Ansatz zu schließen. Unternehmen sollen ihre IT-Systeme so befähigen, dass sie DPP-Daten aggregieren und bereitstellen können.

Die Datenerfassung erfolgt entlang der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette – von der Nutzung bis zur Wiederverwertung. In einem Datenspeicher werden umfangreiche statische und dynamische Produkt- und Prozessdaten hinterlegt, aus denen die für einen DPP erforderlichen Datensätze generiert werden. Diese Datensätze werden in Form eindeutig identifizierbarer DPPs über digitale Portale mit differenzierten Zugriffsrechten bereitgestellt. Es existieren Ansätze für eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit, z. B. Datenräume (Catena-X) oder Industriestandards (Battery Pass). Plug-&-Play-Anwendungen, die End-to-End wirken, sind bislang jedoch kaum verfügbar.

DPP als Enabler

Neben der fristgerechten Umsetzung stehen Unternehmen vor Herausforderungen wie fehlender Governance, unklaren Zuständigkeiten, mangelnder IT-Readiness bzw. Datenqualität sowie der Befähigung von Lieferketten in Bezug auf globale Datenverfügbarkeit. Der DPP könnte jedoch das Potenzial haben, sich vom Compliance-Instrument zu einem strategischen Befähiger zu entwickeln. Bei der Erfüllung regulatorischer Anforderungen lässt sich durch die Verknüpfung ökologischer und sozialer Verantwortung mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ein Wettbewerbsvorteil erzielen. Als digitaler Zwilling kann der DPP Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen und fundierte Entscheidungen in Einkauf, Produktion, Logistik und Recycling unterstützen. Auf dieser Datenbasis sind Prozesse auto-matisierbar und Lieferketten nachhaltiger gestaltbar. So lassen sich etwa durch die Analyse von Materialdaten im DPP die Auswahl nachhaltiger Lieferanten unterstützen und Produktdesigns anpassen. Der DPP macht Kennzahlen wie CO2-Fußabdruck oder Recyclingfähigkeit messbar und unterstützt damit eine datenbasierte Steuerung der Nachhaltigkeitsstrategie. Zudem ermöglicht erst diese solide Datenbasis den verlässlichen Einsatz von KI-Applikationen. Der DPP könnte darüber hinaus interne Prozesse unterstützen, z. B. durch vereinfachte Bauteilrückverfolgung, vorausschauende Wartung und effizientere Rückrufaktionen. Nicht zuletzt kann der DPP die Grundlage für datengetriebene Geschäftsmodelle und zusätzliche Erlösquellen bilden, etwa über digitale Services zu Nutzung, Wartung und Wiederverwertung.

E2E-Framework für DPPs

Um die Potenziale von DPPs ausschöpfen zu können, braucht es eine robuste organisatorische und technische Grundbefähigung. Das E2E-DPP-Framework basiert auf drei zentralen Bausteinen: IT-Architektur, Datenarchitektur und Governance. Diese Bausteine wirken über alle drei Ebenen der DPP-Implementierung hinweg – von der Datenerfassung und -aggregation bis zur -bereitstellung. Jede Ebene soll sicherstellen, dass relevante Daten erhoben, sinnvoll aufbereitet und passgenau für Stakeholder verfügbar gemacht werden.

Governance: Um Potenziale zu erschließen, ist eine fundierte organisatorische Basis hilfreich. Sie erleichtert den effizienten Betrieb bestehender und die zügige Umsetzung neuer DPPs. Eine solche Governance sollte den gesamten DPP-Lebenszyklus abdecken und unter anderem folgende Punkte festlegen:

DPP-Identifikation: Zuständigkeit für das regulatorische Screening

Initiierung und Erstumsetzung: Zuständigkeit für Projektstart und Umsetzung

Linienbetrieb: Verantwortlichkeit für Betrieb und Wartung nach Roll-out

Neben definierten Verantwortlichkeiten ist ein standardisierter Kernprozess wichtig, um Transparenz und gleichförmige Abläufe zu schaffen und den Aufwand künftiger Initiativen zu senken.

Datenarchitektur: Zentrales Element ist ein lebenszyklusübergreifender, digitaler Produktzwilling auf Basis eines einheitlichen, qualitätsgesicherten Datenmodells. Durch den Einsatz branchenüblicher Ontologien können die Interoperabilität gefördert, Investitionskosten reduziert und die Integration in bestehende Ökosysteme erleichtert werden. Die Datenarchitektur folgt den ACID-Prinzipien (Atomarität, Konsistenz, Isolation, Dauerhaftigkeit), um Transaktionalität, Konsistenz und Beständigkeit der Daten sicherzustellen.

IT-Architektur: End-to-End angelegt, kosteneffizient und skalierbar. Neben DPPs kann sie auch weitere Anwendungsfälle unterstützen.

Datenfluss im DPP

Die Umsetzung eines digitalen Produktpasses erfordert einen strukturierten Umgang mit Daten entlang der Wertschöpfungskette. In der Phase der Datenerfassung müssen alle Upstream- und Downstream-Akteure technisch und rechtlich in die Lage versetzt werden, Informationen in definierten Formaten zu übertragen. Ein zwischengeschalteter Processing-Layer übernimmt die Prüfung und Harmonisierung der Rohdaten – auch auf semantischer Ebene – um sie in standardisierter Form nutzbar zu machen. Anschließend erfolgt die Datenaggregation: Informationen aus den Phasen des Produktlebenszyklus werden erfasst, konsolidiert und als digitaler Produktzwilling in Datenpakete überführt. Diese Pakete können auch für weitere Anwendungen genutzt werden. Bei der Datenbereitstellung werden die erstellten DPPs über Plattformen mit Zugriffsrechten zugänglich gemacht. Die Steuerung erfolgt über technologische Ansätze wie Verwaltungsschalen und wird vertraglich geregelt. Vor der Wahl oder Entwicklung einer DPP-Plattform empfiehlt sich eine Make-or-Buy-Analyse, da insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen bereits zahlreiche Produkte vorhanden sind. Ein Interoperability-Gateway ermöglicht zudem die Anbindung an internationale Standards, beispielsweise durch semantische Datenharmonisierung.

Quellenverzeichnis

1 Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) (2025): Was ist ein digitaler Produktpass?, Webseite, [online], www.bundesumweltministerium.de 2 Battery Pass Consortium (2024): Unlocking the Value of the EU Battery Passport, Webseite, [online], thebatterypass.eu



  • KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

    KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

    Homeoffice, flexible Arbeitsplätze und -orte sowie Videokonferenzen – in den letzten Jahren hat die Veränderung der Arbeitswelt ordentlich an Fahrt aufgenommen.

    mehr lesen: KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

  • Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

    Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

    Der Satz „Eine hundertprozentige IT-Sicherheit gibt es nicht“ ist vielen bekannt. Doch die Frage ist: Was folgt daraus? Das erklärt Christian Koch (Bild), Senior Vice President Cybersecurity, Innovations & Business…

    mehr lesen: Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

  • ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

    ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

    Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, fordert die EU-Kommission und die kommende Bundesregierung zum Handeln auf und kommentiert die heute bekanntgewordenen Exportbeschränkungen der US-Regierung auf KI-Chips wie folgt:“Die heute verkündeten Exportbeschränkungen…

    mehr lesen: ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

  • Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

    Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

    Besonders die Bedeutung der Softwareentwicklung für die eigenen Produkte oder kundenindividuellen Lösungen steigt in den kommenden fünf Jahren nochmals stark an.

    mehr lesen: Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

  • Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

    Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

    Rockwell Automation gibt die Ernennung von Fabrizio Scovenna (Bild) zum Vertriebsleiter, OEMs, für Europa, den Nahen Osten und Afrika bekannt.

    mehr lesen: Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

  • Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

    Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

    Wie entwickelte sich die Industrie 4.0 (I4.0) am Produktionsstandort Deutschland in den vergangenen Jahren?

    mehr lesen: Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

  • Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

    Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

    Trotz eines aktuell schwierigen konjunkturellen Umfelds erwartet der Digitalverband Bitkom im deutschen Markt für IT und Telekommunikation (ITK) 2025 ein Umsatzplus.

    mehr lesen: Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

  • Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

    Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

    Eine von Acatech koordinierte Taskforce aus Unternehmen und Wissenschaft legt in einem Positionspapier konkrete Handlungsempfehlungen vor, wie Deutschland ein, wie es heißt, „umfassendes, leistungsfähiges und auf europäischen Werten basierendes Angebot…

    mehr lesen: Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

  • Verbundvorhaben QR.N forscht an  Quantenrepeatern

    Verbundvorhaben QR.N forscht an Quantenrepeatern

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter auch Christoph Becher, Professor für Quantenoptik an der Universität des Saarlandes, und sein Kollege Jürgen Eschner, Professor für Quanten-Photonik forschen Quantenrepeatern.

    mehr lesen: Verbundvorhaben QR.N forscht an Quantenrepeatern

  • MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

    MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

    MPDV, ein Spezialist für Fertigungs-IT ergänzt sein Portfolio durch Beratungsdienstleistungen für das C-Level und Führungskräfte.

    mehr lesen: MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

  • Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

    Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

    Einen kleinen Lichtblick meldet der VDMA bei den Bestellungen aus den Euro-Ländern. Insgesamt kommt die Auftragslage im deutschen Maschinen- und Anlagenbau aber nicht in Schwung.

    mehr lesen: Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

  • Copa-Data eröffnet Büro in Tokio

    Copa-Data eröffnet Büro in Tokio

    Copa-Data hat eine Niederlassung in Japan gegründet. Mit dem Fokus auf Kundennähe und lokale Partnerschaften soll das neue Büro in Tokio den lokalen Support stärken und die industrielle Digitalisierung und…

    mehr lesen: Copa-Data eröffnet Büro in Tokio