Mehr Effizienz durch Process Mining: Daten statt Bauchgefühl

532429
Bild: ©mikael/stock.adobe.com

Wie laufen die eigenen Unternehmensprozesse denn wirklich ab? Diese Frage können viele Unternehmen nicht ohne Weiteres beantworten. Nur selten besteht ein vollständiger Überblick, für groß angelegte Prozessdokumentationen und -analysen fehlen oft Zeit und Ressourcen. Dabei verspricht eine Optimierung der eigenen Abläufe gerade in Zeiten mit angespannter Wirtschaftslage oft großes Potenzial. Denn die Effizienz im Tagesgeschäft beeinflusst in zentraler Weise die Wirtschaftlichkeit und damit Wettbewerbsfähigkeit einer Firma am Markt. Und mit der Nutzung eines modernen ERP-Systems verfügen Unternehmen oft bereits über einen weitreichenden Fundus an Indizien, die sich zu diesem Zweck auswerten lassen. Denn vom Einkauf über Produktion bis hin zur Logistik laufen im ERP-System täglich unzählige Transaktionen ab und jede Aktion hinterlässt Spuren im IT-System – Klicks, Buchungen, Zeitstempel. Ein Datenschatz, der mit Process Mining-Technologie Optimierungspotenziale aufzeigt – auch wenn es keine manuelle Dokumentationen gibt.

Die eigenen Abläufe als offenes Buch

Mit Process Mining lassen sich Ereignisdaten aus dem ERP-System auswerten und damit die realen Geschäftsprozesse automatisiert rekonstruieren, visualisieren, analysieren und optimieren. Kombiniert mit den digitalen Spuren aus angrenzenden Systemen wie dem CRM-System, dem DMS, der Logistikanwendungen oder dem MES, kann eine Prozesskarte entstehen, die zeigt, wie die Arbeit in der täglichen Praxis tatsächlich abläuft. Auf dieser Basis lassen sich dann Abweichungen vom Soll-Prozess oder Flaschenhälse identifizieren sowie Kennzahlen wie Durchlauf- oder Wartezeiten ermitteln. Verdeutlichen lässt sich dies am Beispiel der Kommissionierung: Hier könnte die Analyse von Lager-, Produkt- und Transaktionsdaten etwa aufzeigen, dass die zuständigen Mitarbeitenden bei einer bestimmten Artikelkategorie oft überraschend lange benötigen, um die erforderlichen Teile im System auszuwählen. Bei genauerer Analyse könnte sich dann etwa zeigen, dass für diese Kategorie eine sehr hohe Variantenzahl konfiguriert wurde, von denen es sich jedoch größtenteils um Sonderfälle handelt, die längst nicht mehr relevant sind. Ebenso kann die Visualisierung aufzeigen, wo möglicherweise redundante Arbeitsprozesse bestehen oder Workarounds vom Soll-Prozess abweichen. Die Vereinheitlichung der Abläufe kann dann Durchlaufzeiten verbessern und etwa die Rentabilität steigern.

Fünf Schritte zur Optimierung

Ein Process Mining-Projekt lässt sich in einem fünfstufigen Ansatz umsetzen. Dieser sollte technische und organisatorische Aspekte miteinander verbinden:

Vorbereitung – Ausgangspunkt für die Identifikation von Ineffizienzen, Flaschenhälsen oder Workarounds sind die Event-Daten des ERP-Systems sowie angebundener Systeme. Um ein möglichst umfassendes Bild der täglichen Abläufe zu erhalten, sollte sich die Datenbasis über einen repräsentativen Zeitraum erstrecken.

Analyse – Die gesammelten Daten werden der Process Mining-Anwendung zur Verfügung gestellt.

Visualisierung – Die Ergebnisse der Analyse werden zu Prozessdarstellungen verdichtet. Die Visualisierung schafft Transparenz über komplexe Abläufe und bildet so die Basis für die Identifikation von Optimierungspotenzial.

Optimierung – Auf Grundlage der Analyse werden schließlich Verbesserungsmaßnahmen abgeleitet. Dazu können beispielsweise organisatorische Anpassungen, die Konsolidierung von Sonderfällen oder die Unterstützung eines Prozessschritts per Software gehören.

Change Management – Abschließend gilt es, die ermittelten Veränderungen zu kommunizieren und Auswirkungen klar aufzuzeigen. Wenn die betroffenen Personen hinter den Änderungen stehen, können sich die neuen Abläufe nachhaltig im Alltag etablieren.

Fallstricke umgehen

Damit ein Process Mining-Projekt Nutzen stiftet, gilt es insbesondere, häufig vorkommende Fallstricke zu vermeiden: Ungeeignete oder unvollständige Logs der ERP-Daten erschweren die Analyse, während gerade bei sensiblen Prozessdaten Sicherheits- und Datenschutzvorgaben lückenlos eingehalten werden müssen. Schließlich erfordert ein Process Mining-Projekt tiefgehendes Prozesswissen, um Ergebnisse korrekt interpretieren zu können. Entsprechend sollten sich Projektteams stets auch aus Experten der jeweiligen Fachbereiche zusammensetzen. Um Herausforderungen wie diese zu bewältigen, kann die Unterstützung durch spezialisierte Beratungsunternehmen hilfreich sein, die den Ablauf von der Einrichtung des Tools bis zur Ableitung der Empfehlungen unterstützen. Die Einbindung Externer bringt dabei nicht selten auch den Vorteil mit sich, dass neutrale, außenstehende Experten Unzulänglichkeiten oft deutlicher ansprechen können als internes Personal.

Agentic AI im Process Mining

Aufbauend auf den Ergebnissen einer Process Mining-Analyse bietet zunehmend auch künstliche Intelligenz die Möglichkeit, das Optimierungspotenzial auszuschöpfen: indem als besonders zeitraubend oder fehleranfällig identifizierte Prozesse automatisiert von künstlicher Intelligenz übernommen werden. So können KI-Agenten beispielsweise erkennen, wenn Lieferungen überfällig sind, Rückmeldungen aus eingehenden E-Mails auswerten und so Einkauf sowie Disposition entlasten. Im Vertrieb können KI-Agenten eingehende Kundenanfragen oder Bestellungen erkennen, diese automatisch verarbeiten und in strukturierte Aufträge umwandeln.

Modernisierung auf empirischer Basis

PascalDannecker BE terna
Autor Pascal Dannecker – Bild: ©Arkadiusz Sawko / Be-Terna GmbH

Modernes Process Mining ermöglicht es, den Datenschatz eines ERP-Systems bestmöglich zu nutzen und ohne manuelle Dokumentation Einblicke in die realen Prozessabläufe im Unternehmen zu erhalten. Damit schaffen Fertiger eine fundierte, empirische Basis für Optimierungen, unabhängig von Vermutungen oder Bauchgefühl.



  • Open Mind sichert sich Mehrheit an Hummingbird

    Open Mind sichert sich Mehrheit an Hummingbird

    Open Mind übernimmt die Mehrheit am MES-Hersteller Hummingbird Systems. Die CAD/CAM-Lösung von Open Mind wurde bereits im Rahmen einer Zusammenarbeit in das MES von Hummingbird integriert.

    mehr lesen: Open Mind sichert sich Mehrheit an Hummingbird

  • 350Mrd.€ weniger Wertschöpfung durch die Pandemie

    350Mrd.€ weniger Wertschöpfung durch die Pandemie

    Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind durch die Corona-Pandemie bisher 350Mrd.€ an Wirtschaftsleistung verloren gegangen. Im ersten Quartal dieses Jahres gehen die IW-Experten von einem weiteren…

    mehr lesen: 350Mrd.€ weniger Wertschöpfung durch die Pandemie

  • Umstellung auf S4/Hana für viele Unternehmen eine Herausforderung

    Umstellung auf S4/Hana für viele Unternehmen eine Herausforderung

    Umstellung auf S/4Hana ja, aber keine Zeit für die Vorbereitung. So sieht es die Mehrheit der befragten Unternehmen in einer Studie des Analystenhauses Techconsult. Bei 90 Prozent der Studienteilnehmer bemängeln…

    mehr lesen: Umstellung auf S4/Hana für viele Unternehmen eine Herausforderung

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Allianz zwischen PTC und Schaeffler

    Allianz zwischen PTC und Schaeffler

    Schaeffler und PTC gehen eine strategische Partnerschaft, im Rahmen derer neue digitale Möglichkeiten in der Produktentwicklung entstehen sollen. Die Allianz soll zudem auf Schaefflers Roadmap 2025 einzahlen.

    mehr lesen: Allianz zwischen PTC und Schaeffler

  • Ein KI-Sprachmodell für Europa

    Ein KI-Sprachmodell für Europa

    Im Forschungsprojekt ’OpenGPT-X’ soll ein KI-Sprachmodell für Europa entstehen. Unter der Leitung der Fraunhofer-Institute für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und für Integrierte Schaltungen IIS entwickelt ein Konsortium aus zehn…

    mehr lesen: Ein KI-Sprachmodell für Europa

  • Eine ’5G-Lawine’ lostreten

    Eine ’5G-Lawine’ lostreten

    In einem Acatech Impuls mit dem Titel ’5G in der Industrie’ zeigen die Projektbeteiligten auf, welche Maßnahmen nötig sind, um der Technologie zum Durchbruch zu verhelfen.

    mehr lesen: Eine ’5G-Lawine’ lostreten

  • Weniger Treibhausgasausstoß im ersten Pandemie-Jahr

    Weniger Treibhausgasausstoß im ersten Pandemie-Jahr

    Das Umweltbundesamt (UBA) hat seine finalen Berechnungen zum Emissionsausstoß 2020 an die Europäische Kommission übermittelt. Demnach ist der Ausstoß insgesamt zurückgegangen. UBA-Präsident Dirk Messner geht jedoch davon aus, dass der…

    mehr lesen: Weniger Treibhausgasausstoß im ersten Pandemie-Jahr

  • Heike Kohler-Reineke leitet Marketing bei Easy Software

    Heike Kohler-Reineke leitet Marketing bei Easy Software

    Mit Heike Kohler-Reineke hat Easy Software eine neue Leiterin für den Bereich Marketing & Communications. Sie wechselt von Sage zum Softwareanbieter.

    mehr lesen: Heike Kohler-Reineke leitet Marketing bei Easy Software

  • Zwei Drittel fürchten Online-Tracking

    Zwei Drittel fürchten Online-Tracking

    Laut einer Umfrage von NordVPN sind Deutsche zunehmend besorgt, dass Cyberkriminelle sie im Netz tracken, um an Daten und sogar ihre Identität heranzukommen.

    mehr lesen: Zwei Drittel fürchten Online-Tracking

  • Hannover Messe in den Frühsommer verschoben

    Hannover Messe in den Frühsommer verschoben

    In diesem Jahr wird die Hannover Messe nicht wie gewohnt im April stattfinden, sondern im Frühsommer. Aufgrund der aktuellen Corona-Lage soll die Messe vom 30. Mai bis zum 2. Juni…

    mehr lesen: Hannover Messe in den Frühsommer verschoben

  • Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen effektiv nutzen

    Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen effektiv nutzen

    Ransomware gehört zu den besonders variantenreichen Angriffstaktiken im Bereich Cyberkriminalität: Das BSI gibt an, dass täglich mehr als 400.000 neue Typen entwickelt werden – Tendenz steigend.

    mehr lesen: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen effektiv nutzen