Fraunhofer-Institute entwickeln Bewertungsmethode für Klimaschutzmaßnahmen

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein, die Europäische Union bis 2050. Für viele Unternehmen bedeutet das: Sie müssen einen Transformationsplan vorlegen, aus dem hervorgeht, wie sie ihre Treibhausgasemissionen senken wollen. Dafür müssen die einzelnen Klimaschutzmaßnahmen bewertet und priorisiert werden. „Die effizientesten und wirtschaftlichsten Maßnahmen sollten zuerst umgesetzt werden“, rät Michael Rentschler vom Forschungsteam Sustainability Modeling and Analytics am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. Er hat zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK sowie vom Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik IST eine dynamische und szenarienbasierte Methode entwickelt, mit der Unternehmen ihre Klimaschutzmaßnahmen nach ökologischen und ökonomischen Kriterien bewerten können, um die effizientesten zu ermitteln.

pr solarpaneele fhi stuttgart
Solarpaneele am Parkhaus des Fraunhofer-Institutszentrums in Stuttgart. – Bild: Fraunhofer IPA/Foto: Rainer Bez

Detaillierte Emissionsbilanz ist Voraussetzung

Voraussetzung dafür ist laut den beteiligten Instituten eine detaillierte und normkonforme Emissionsbilanz. Da aber viele Unternehmen über unvollständige Datensätze verfügen bzw. relevante Informationen oft komplett fehlen, vervollständigen die Forschenden zunächst die Datenbasis. Dafür werten sie bestehende Produktionsdaten, öffentliche Statistiken und die einschlägige Fachliteratur aus. „In einem Unternehmen ist beispielsweise bekannt, welche Produkte in welcher Stückzahl auf welchem Kontinent verkauft wurden. Mit etwas Glück gibt es dann noch eine Statistik, anhand der sich abschätzen lässt, wie viele dieser Produkte am Ende ihrer Nutzungsphase auf welche Art entsorgt werden können. Aus diesen Angaben können wir dann auf entstehende Emissionen in der nachgelagerten Wertschöpfungskette schließen“, erklärt Felix Budde vom Fraunhofer IPK. Ähnlich verhalte es sich mit den vorgelagerten Emissionen, zum Beispiel durch den Einkauf von Rohstoffen.

Liegen alle relevanten Informationen vor, beginnt die Suche nach geeigneten Klimaschutzmaßnahmen. „Wer einfach die alten Verbrenner aus dem Fuhrpark verbannt und stattdessen Elektrofahrzeuge anschafft, gibt viel Geld aus, spart aber unter Umständen kaum Emissionen ein“, gibt Prof. Stephan Krinke, Leiter der Abteilung Nachhaltigkeitsmanagement und Life-Cycle Engineering am Fraunhofer IST, zu bedenken. „Entscheidend sind die Emissionsvermeidungskosten, also das Geld, das man ausgeben muss, um eine Tonne Treibhausgase einzusparen. Oft kann man schon zu überschaubaren Kosten viel erreichen, wenn man besonders energieintensiv produzierte Rohstoffe ersetzt, die eigenen Produkte energieeffizienter gestaltet, überflüssige Bauteile einspart oder in der Qualitätssicherung auf zerstörungsfreie Prüfmethoden setzt. Es ist sogar möglich, bis zu 25 Prozent der Emissionen einzusparen, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen“, führt Krinke weiter aus.

Drei Szenarien

Die Entscheidung für oder gegen eine Klimaschutzmaßnahme hängt auch von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Die Forschenden beschreiben in der Pressemitteilung drei Szenarien, die Teil des Modells sind und sich aus allgemeingültigen und unternehmensspezifischen Parametern zusammensetzen:

1. Progressives Szenario: Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen sind für ambitionierten Klimaschutz förderlich. Die CO2-Preise und die Verfügbarkeit von emissionsreduzierten Rohstoffen und Technologien sind hoch, die Kosten für erneuerbare Energien niedrig und die Verbraucher weisen eine hohe Zahlungsbereitschaft für dekarbonisierte Produkte auf. Laut Fraunhofer würden sich in diesem Szenario viele Klimaschutzmaßnahmen binnen kurzer Zeit rechnen. Ein großer Teil der Emissionen könnte durch Maßnahmen gemindert werden.

2. Konservatives Szenario: Die globalen Rahmenbedingungen für Klimaschutz verschlechtern sich: sinkende CO2-Preise, günstige fossile Energieträger und geringe Anreize für Kunden, mehr Geld für emissionsreduzierte Produkte auszugeben. Darüber hinaus ist das Angebot von alternativen Technologien, Kraftstoffen und Materialien gering. In einer solchen Welt wären laut Fraunhofer-Mitteilung wenige Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftlich sinnvoll. Das Gesamtreduktionspotenzial bliebe gering.

3. Business as usual: Aktuelle Entwicklungen und Trends setzen sich fort oder verbleiben auf dem heutigen Stand. Dies impliziert einen moderaten CO2-Preis, stabil bleibende Kosten für erneuerbare Energien und fossile Brennstoffe sowie eine mittlere Zahlungsbereitschaft für dekarbonisierte Produkte.

Methodik für alle Branchen geeignet

Laut den Fraunhofer-Forschenden ist die entwickelte Methodik grundsätzlich für alle Branchen geeignet. Voraussetzungen seien eine solide Datengrundlage und eine umfassende Analyse. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bieten Unternehmen dabei Hilfestellung.

www.ipk.fhg.de



  • Unternehmen zweifeln an Ransomware-Resilienz

    Unternehmen zweifeln an Ransomware-Resilienz

    Unternehmen verwalten heute mehr als zehn Mal so große Datenmengen wie noch vor fünf Jahren. Dabei befürchteten 62 % der Befragten in einer aktuellen Untersuchung von Dell Technologies, ihre Maßnahmen…

    mehr lesen: Unternehmen zweifeln an Ransomware-Resilienz

  • 71 Prozent der Firmen nutzen quelloffene Software

    71 Prozent der Firmen nutzen quelloffene Software

    Bitkom-Umfrage zu Open Source 71 Prozent der Firmen nutzen quelloffene Software In einer aktuellen Befragung des Bitkom gaben 71 Prozent der Teilnehmer an, frei verfügbare Programme im Unternehmen zu nutzen.…

    mehr lesen: 71 Prozent der Firmen nutzen quelloffene Software

  • MES zwischen On-Premise und Cloud-Betrieb

    MES zwischen On-Premise und Cloud-Betrieb

    Der MES-Anbieter Proxia Software kapselt Funktionen seiner Software, um Anwendern mehr Flexibilität beim Cloud-Betrieb ihres Produktionssteuerungssystems zu ermöglichen. Eine Datenvorverarbeitung im sogenannten Fog Layer soll durch eine geringere Anzahl an…

    mehr lesen: MES zwischen On-Premise und Cloud-Betrieb

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Zwei Neuzugänge bei Igel

    Zwei Neuzugänge bei Igel

    Christiane Ohlgart und Kris Hamner verstärken das Management-Team von Igel. Ohlgart wird als neue Finanzchefin und Hamner als neuer Personalchef zum Executive Team in San Francisco stoßen.

    mehr lesen: Zwei Neuzugänge bei Igel

  • Einheitliche Standards für die Industrie 4.0

    Einheitliche Standards für die Industrie 4.0

    In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Forschungsprojekt InterOpera wollen Forscherinnen und Forscher zusammen mit der Industrie einheitliche Methoden zur Umsetzung der Verwaltungsschale in der Praxis erarbeiten.

    mehr lesen: Einheitliche Standards für die Industrie 4.0

  • BSI fordert den Crashtest für Cyber-Sicherheit

    BSI fordert den Crashtest für Cyber-Sicherheit

    In seinem Branchenbild Automotive spricht sich das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik dafür aus, auch die Cybersicherheit in der Lieferkette der Automobilbauer bzw. in einem frühen Entwicklungsstadium in den…

    mehr lesen: BSI fordert den Crashtest für Cyber-Sicherheit

  • Schnittstellen validieren in regulierten Industrien

    Schnittstellen validieren in regulierten Industrien

    Die Richtlinie VDI/VDE 3516 Blatt 6 ‚Validierung im GxP-Umfeld – Validierung von Schnittstellen‘ ist im August 2021 erschienen. Sie lässt sich zur Validierung von Schnittstellen zwischen computergestützten Systemen im regulierten…

    mehr lesen: Schnittstellen validieren in regulierten Industrien

  • Motek 2021: Montagetechnik-Messe mit echten Menschen

    Motek 2021: Montagetechnik-Messe mit echten Menschen

    Fachbesucher der industriellen Automatisierungsbranche treffen sich vom 5. bis 8. Oktober auf dem Messeduo Motek/Bondexpo in Stuttgart. Beide Messen sollen als Präsenzmesse stattfinden.

    mehr lesen: Motek 2021: Montagetechnik-Messe mit echten Menschen

  • Materialmangel der Industrie verschärft sich

    Materialmangel der Industrie verschärft sich

    Der Materialmangel in der deutschen Industrie hat sich weiter verschärft. 69,2 Prozent der Industriefirmen in Deutschland klagten im August laut einer Umfrage des Ifo Instituts über Engpässe und Probleme bei…

    mehr lesen: Materialmangel der Industrie verschärft sich

  • T-Systems und Google arbeiten an souveräner Cloud

    T-Systems und Google arbeiten an souveräner Cloud

    Gemeinsam wollen T-Systems und Google Cloud ab Mitte 2022 eine souveräne Cloud für Deutschland zur Verfügung stellen. Der Betrieb der Cloud unterliegt dabei der Kontrolle von T-Systems.

    mehr lesen: T-Systems und Google arbeiten an souveräner Cloud

  • Open Industry 4.0 Alliance und Packaging Valley arbeiten zusammen

    Open Industry 4.0 Alliance und Packaging Valley arbeiten zusammen

    Open Industry 4.0 Alliance und Packaging Valley wollen gemeinsam die herstellerübergreifende Integration in der Verpackungsindustrie realisieren. Die Schwerpunkte der Zusammenarbeit liegen auf Master Data Management, Plant Analytics und Predictive Maintenance.

    mehr lesen: Open Industry 4.0 Alliance und Packaging Valley arbeiten zusammen