Erster photonischer Quantencomputer in Deutschland rechnet in Paderborn

Blick auf den Versuchsaufbau, wo das gequetschte Licht erzeugt wird. Das Foto zeigt nur einige der optischen Elemente, die für den Aufbau des gesamten Systems erforderlich sind.
Blick auf den Versuchsaufbau, wo das gequetschte Licht erzeugt wird. Das Foto zeigt nur einige der optischen Elemente, die für den Aufbau des gesamten Systems erforderlich sind. Bild: Universität Paderborn, Martin Ratz

Auch wenn Quantencomputer seit einigen Jahren Gegenstand intensiver Forschung sind, ist es bisher nicht gelungen, ausreichend robuste Systeme zu realisieren. An der Universität Paderborn haben es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun Europas größten Sampling-basierten Quantencomputer gebaut. PaQS (Paderborn Quantum Sampler) ist im Rahmen der PhoQuant-Förderinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von Forschenden der Universität Paderborn gemeinsam mit den Partnern Menlo Systems, Fraunhofer IOF Jena und Swabian Instruments entstanden und wird vom deutschen Quantentechnologieunternehmen Q.ANT koordiniert. In Kürze soll auch ein zweiter Sampling-basierter Quantencomputer mit Cloud Access am Standort des IOF in Jena in Betrieb genommen werden. Das mit rund 50Mio.€ geförderte Projekt vereint die Expertise von 13 Partnern aus Wissenschaft und Industrie.

Technologische Herausforderungen

„Quantencomputer sind äußerst empfindlich gegenüber Systemunvollkommenheiten. Deshalb arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit an verschiedenen experimentellen Plattformen. Die aktuell größten photonischen Quantencomputer stehen derzeit in China, Singapur, Frankreich und Kanada. Jeder technologische Ansatz im Quantencomputing hat seine Vor- und Nachteile. Zum Beispiel können photonische Netzwerke, also solche, die auf Licht basieren und mit kleinen Lichtteilchen, den Photonen, arbeiten, bei Raumtemperatur betrieben und in miniaturisierten, programmierbaren Schaltungen implementiert werden. Aber sie haben mit optischen Verlusten zu kämpfen. Diesem Problem stellen wir uns, indem wir auf die weltführende Expertise Deutschlands in der integrierten Photonik zurückgreifen. Uns ist es gelungen, einen sogenannten ‚Gaußschen Boson Sampler‘ zu realisieren, der aus skalierbaren Bauelementen besteht. Dafür mussten viele Komponenten erst neu entwickelt werden. Dies ist ein aufwendiger Prozess, der anschaulich die Größe und Komplexität des Unterfangens zeigt“, erklärt Prof. Dr. Christine Silberhorn, Physikerin und Sprecherin des Instituts für Photonische Quantensysteme (PhoQS) an der Universität Paderborn, an dem das Projekt angesiedelt ist.

Europas größter Gaußschen-Boson-Sampling-Maschine

Die Paderborner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben mit PaQS Europas größte Gaußsche-Boson-Sampling-Maschine realisiert. Dabei wird – vereinfacht ausgedrückt – gemessen, aus welchen Ausgängen eines photonischen Netzwerkes die Photonen kommen. „Das Gaußsche-Bosonen-Sampling ist ein Modell des photonischen Quantencomputers, das als Plattform für den Bau von Quantengeräten Aufmerksamkeit erlangt hat“, so Silberhorn. Im Gegensatz zu früheren Implementierungen hat das Team PaQS mit einem vorausschauenden Blick in Richtung Systemintegration und vollständiger Programmierbarkeit gebaut, betonen die Forschenden. Silberhorn: „Das bedeutet ganz konkret, dass wir ein voll programmierbares und integriertes Interferometer verwenden, mit dem wir jede gewünschte Konfiguration umsetzen können. Bei diesem Ansatz werden Lichtteilchen in einem Netzwerk von Lichtwellenleitern – man kann sich das etwa als Weichennetz in einem Rangierbahnhof vorstellen – verteilt und gelenkt. Am Ausgang des Netzwerks misst man, wo die Photonen aus dem Netzwerk herauskommen. Relevant könnte das zum Beispiel für die Lösung von Proteinfaltungsproblemen oder die Berechnung molekularer Zustände im Rahmen der Medikamentenforschung sein“. Die vollständige Programmierbarkeit bedeute außerdem, dass selbst solche Anwendungen implementiert werden können, die sich aus zukünftigen Untersuchungen ergeben – womit eine nie dagewesene Flexibilität und ein hoher Grad an Anwendbarkeit einhergehen. Aktuell wird das System erweitert, um komplexere Berechnungen zu ermöglichen und als Grundlage für Untersuchungen zu zukünftigen Geräten zu dienen, die die Systemintegration weiter erhöhen.

Gequetschte Zustände treiben PaQS an

Die Implementierung eines solchen Systems erfordert ein tiefes Verständnis aller beteiligten Bausteine. Wie das Forschungsteam mitteilt, sorgen quantenmechanische Phänomene wie das sogenannte Quetschen und die Überlagerung oder Verschränkung von Photonen für die unglaublich hohe Rechenleistung von Quantencomputern. Am Anfang stehe dabei immer die Erzeugung einer bestimmten Quantenressource. Silberhorn erklärt: „Bei dem Gaußschen-Bosonen-Sampling ist diese Ressource als ,Squeezing‘ oder ,gequetschtes Licht‘ bekannt, dessen quantenmechanische Eigenschaften manipuliert und damit nutzbar gemacht wurden. Die Fachgruppe ‚Integrierte Quantenoptik‘ an der Universität Paderborn hat eine lange Tradition in der Verwendung von optischen Wellenleitern, um hoch optimierte gequetschte Zustände zu entwickeln. Wir haben auf diese Expertise zurückgegriffen, um eine Lichtquelle zu produzieren, die die PaQS-Maschine antreibt.“

Seiten: 1 2



  • Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

    Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

    Auf insgesamt 8.400m² errichtet Wibu System zwei neue Gebäude. Das eine soll zukünftig als Unternehmenssitz dienen, das andere soll als House of IT Security u.a. die Zusammenarbeit mit Startups fördern.

    mehr lesen: Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

  • ZVEI erwartet Produktionsrückgang

    ZVEI erwartet Produktionsrückgang

    Die Auftragseingänge in der deutschen Elektroindustrie sind im August 2019 um 6,7% gegenüber Vorjahr zurückgegangen. Die Inlandsbestellungen gaben um 9,6 und die Auslandsbestellungen um 4,5% nach. Im Gesamtzeitraum von Januar…

    mehr lesen: ZVEI erwartet Produktionsrückgang

  • it-sa verzeichnet Besucher- und Ausstellerplus

    it-sa verzeichnet Besucher- und Ausstellerplus

    Mehr Fachbesucher und eine größere Ausstellerzahl: Die IT-Sicherheitsmesse it-sa in Nürnberg hat mit ihrer diesjährigen Ausgabe neue Bestmarken erzielt.

    mehr lesen: it-sa verzeichnet Besucher- und Ausstellerplus

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Einsatz von 3D-Druck nimmt zu

    Einsatz von 3D-Druck nimmt zu

    Der Anteil der deutschen Unternehmen, die 3D-Druck einsetzen, ist zwar im Vergleich zum Jahr 2016 gestiegen – von 37 auf 63 Prozent. Eine Führungsposition hat Deutschland in der Studie des…

    mehr lesen: Einsatz von 3D-Druck nimmt zu

  • Fabriklayout im Flug erfassen

    Fabriklayout im Flug erfassen

    Im Forschungsprojekt ‚Instant Factory Maps‘ des Instituts für Integrierte Produktion Hannover IPH werden Fabriklayouts per Kameradrohne erfasst. Bei einem kurzen Rundflug durch die Fabrik nimmt die Drohne Tausende Fotos auf,…

    mehr lesen: Fabriklayout im Flug erfassen

  • Friedhelm Loh Group übernimmt IoTOS

    Friedhelm Loh Group übernimmt IoTOS

    Nach German Edge Cloud (GEC) gehört jetzt auch das Startup IoTOS zur Friedhelm Loh Group. Die Übernahme gab die Unternehmensgruppe nun bekannt. Die drei Unternehmen der Friedhelm Loh Group –…

    mehr lesen: Friedhelm Loh Group übernimmt IoTOS

  • Geschäftsführung

    Geschäftsführung

    Mit Maximilian Brandl hat sich das SCM-Projekthaus Salt Solutions Verstärkung für den Vorstand ins Haus geholt.

    mehr lesen: Geschäftsführung

  • SAP-Chef McDermott tritt zurück

    SAP-Chef McDermott tritt zurück

    Bill McDermott tritt als CEO der SAP SE zurück. Dies gab der Walldorfer Softwarekonzern am Freitag bekannt. Als Nachfolger sollen nun Jennifer Morgan und Christian Klein das Unternehmen als Doppelspitze…

    mehr lesen: SAP-Chef McDermott tritt zurück

  • Ausgaben für IT-Sicherheit steigen

    Ausgaben für IT-Sicherheit steigen

    Die Ausgaben für IT-Sicherheit erreichen in diesem Jahr ein neues Rekordhoch: Der Digitalverband Bitkom rechnet mit Investitionen in Höhe von 4,6 Mrd.€.

    mehr lesen: Ausgaben für IT-Sicherheit steigen

  • Mobile Lösungen für die Instandhaltung

    Mobile Lösungen für die Instandhaltung

    Die Managementberatung T.A. Cook lädt am 14. und 15. November zum Anwenderforum ‘Einsatz mobiler Lösungen in Instandhaltung und Service‘. 

    mehr lesen: Mobile Lösungen für die Instandhaltung

  • Informationen für die ERP-Auswahl und Wettbewerb

    Informationen für die ERP-Auswahl und Wettbewerb

    Entscheidungen über ein neues ERP-System sind teuer und binden das Unternehmen viele Jahre lang, daher will eine solche Entscheidung wohl überlegt sein.

    mehr lesen: Informationen für die ERP-Auswahl und Wettbewerb