Was EU und Industrie aus dem 5G-Debakel lernen können

Christian Maasem
Bild: Detecon International GmbH

Die Europäische Kommission will Europa bis 2030 zum bestvernetzten Kontinent der Welt machen und hat deshalb Anfang des Jahres 252 Millionen Euro für Konnektivitätsprojekte bereitgestellt. Und auch bei der Umsetzung des internationalen Infrastrukturentwicklungsplans Global Gateway erhöht die EU das Tempo. Ziel der Initiative ist es, Europa besser mit dem Rest der Welt zu vernetzen. Insbesondere gilt es dabei, die Konnektivität mit Entwicklungsländern und anderen Ländern der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) zu verbessern. Der Plan ist Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abzielt, die wirtschaftliche und politische Autonomie der EU besser abzusichern. Ein ehrgeiziges Ziel – gerade mit Blick auf den teilweise missglückten Start des Funkübertragungsstandards 5G. Zu hohe Investitionen und Zweifel am Nutzen der Technologie ließen die Industrieunternehmen zögern. Wie realistisch ist also das Vorhaben, welche Hürden sind noch zu überwinden und was können EU und Mitgliedsstaaten bei der Einführung von 6G besser machen?

Frühe Beteiligung der Industrie

Der Industriesektor wurde bei der Einführung von 5G spät einbezogen und beginnt erst jetzt, das mobile Industrienetz zu erschließen. Die Einführung von 6G bietet die Chance, von Anfang an mit konkreten Industrieanwendungen und Geschäftsmodellen auf den Markt zu gehen. Voraussetzung dafür sind jedoch einheitliche regulatorische Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern sowie eine weitreichende Strategie und Standardisierung, die genau definiert, welche Infrastruktur und Technologien die europäische Industrie benötigt. Außerdem sind neue Konzepte gefragt, die technologisch und wirtschaftlich tragfähig und nachhaltig sind.

Keiner will die Verantwortung tragen

Die Technologieanbieter arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung von 5G- und 6G-Netzen. Gleichzeitig sehen viele Industrieunternehmen die damit verbundene Konnektivität als Selbstverständlichkeit und Grundvoraussetzung an. Aspekte wie Zuverlässigkeit, Zugänglichkeit und Sicherheit sind für sie nachvollziehbarerweise wichtiger als die genaue technische Ausführung. Langfristig ist es jedoch notwendig, die Technologien entsprechend der Anforderungen der Industrie zu entwickeln und zu standardisieren. Dazu bedarf es in Zukunft – auch für 6G – einer besseren Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure und eines stärkeren Bewusstseins für die Bedeutung der Konnektivität. Derzeit schieben sich Unternehmen, Netzbetreiber und Behörden gegenseitig die Verantwortung zu, wenn es um die Erfüllung der Anforderungen und den Handlungsbedarf geht. Eine bessere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren und ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Konnektivität sind daher für die zukünftige Einführung des 6G-Netzes erforderlich.

Mehr Interoperabilität ist nötig

Noch zu oft sehen sich multinationale Unternehmen in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Anforderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen konfrontiert. Diese Inkonsistenzen gefährden die Effizienz und Effektivität grenzüberschreitender Geschäftsaktivitäten sowie die Entwicklung einheitlicher Standards und Technologien. Für die Umsetzung entsprechender Gesetze und länderübergreifender Regelungen sind ein gemeinsames Engagement der Länder und eine intensivere Zusammenarbeit unerlässlich. Ohne diese Zusammenarbeit werden die Herausforderungen des digitalen Zeitalters kaum zu bewältigen sein. Die Verantwortung, Digitalisierung und Konnektivität voranzutreiben, liegt daher nicht allein bei der EU als Organisation. Auch die jeweiligen Mitgliedstaaten selbst müssen intensiver zusammenarbeiten.

Impulse im vernetzten Europa

Um eine transnationale Konnektivitätsstrategie zu fördern, ist aber in erster Linie eine aktive Rolle der Industrie erforderlich. Dazu muss die EU verstärkt die Markttransparenz erhöhen und Industrieunternehmen früh in die Entwicklung und Standardisierung neuer Technologien einbinden. Das kann beispielsweise durch Richtlinien und Programme geschehen, die den Markt für Telekommunikationsdienste transparenter gestalten und mit anderen Technologiefeldern verknüpfen. So können Anwendungsfälle und Anforderungen früh in die Entwicklung einfließen.

Mängel im Fördersystem

Auch bei den Förderprogrammen der EU ist Luft nach oben. Zwar werden viele Konnektivitätsprojekte gefördert, doch sie dauern oft zu lange, um eine spürbare Wirkung zu entfalten. Insbesondere wenn Projekte oder Förderungen nach drei Jahren auslaufen, fehlt den Unternehmen oft der Businessplan, um die Betriebskosten zu stemmen. Künftig sind deshalb effizientere Prozesse und Zyklen notwendig, die es Unternehmen ermöglichen, schneller aus Projekten zu lernen und die Industrie stärker einzubinden.

Kurs auf eine vernetzte Zukunft

Die Europäische Kommission hat die Chance, aus den Fehlern zu lernen und ein interoperables Telekommunikationsumfeld zu schaffen, das auch andere Technologien umfasst, die für vollständige Anwendungsfälle erforderlich sind. So lassen sich die Komplexität des Marktes reduzieren und Investitionen in tragfähige 5G- und 6G-Projekte fördern. Es geht um eine gemeinsame Vision und eine Strategie für ein vernetztes Ökosystem in Europa – als Grundlage für die Wettbewerbsfähigkeit und damit den Wohlstand.



  • Veranstaltungshinweis

    Veranstaltungshinweis

    Der Automatisierungstreff, ursprünglich geplant vom 24. bis zum 26. März, wird auf September verschoben.

    mehr lesen: Veranstaltungshinweis

  • Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt

    Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt

    Die konjunkturelle Abkühlung ist nun auch am Ingenieurarbeitsmarkt qualifikations- und regionalübergreifend spürbar. Das zeigt der neue Ingenieurmonitor, den das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag des VDI vierteljährlich erstellt.

    mehr lesen: Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt

  • Neuer Hauptsitz für Aucotec

    Neuer Hauptsitz für Aucotec

    Aucotec hat seinen neuen Firmenhauptsitz in Isernhagen eröffnet.

    mehr lesen: Neuer Hauptsitz für Aucotec

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • 5G: Revolution mit Sicherheitsbedenken

    5G: Revolution mit Sicherheitsbedenken

    Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Accenture glauben acht von zehn Unternehmen an einen deutlichen Effekt von 5G, dennoch haben die befragten Unternehmen Sicherheitsbedenken.

    mehr lesen: 5G: Revolution mit Sicherheitsbedenken

  • Welchen Weg geht die EU?

    Welchen Weg geht die EU?

    Die EU-Kommission hat ihre Strategie für ein digitales Europa vorgestellt und dabei ihre europäische Datenstrategie sowie politische Optionen für die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) konkretisiert. „Ich will, dass dieses…

    mehr lesen: Welchen Weg geht die EU?

  • Mehr als 61 Millionen blockierte Ransomware-Angriffe

    Mehr als 61 Millionen blockierte Ransomware-Angriffe

    Der IT-Security-Anbieter Trend Micro verzeichnet in seinem Security-Roundup einen zehnprozentigen Anstieg bei der Erkennung von Ransomware-Angriffen. Darin beschreiben die Security-Experten die wichtigsten Entwicklungen in der Bedrohungslandschaft.

    mehr lesen: Mehr als 61 Millionen blockierte Ransomware-Angriffe

  • Industrie sieht Risiken in der Plattform-Ökonomie

    Industrie sieht Risiken in der Plattform-Ökonomie

    Laut einer Bitkom-Studie sehen deutsche Industrie-Unternehmen digitale Plattformen eher als Risiko für das eigene Geschäft an.

    mehr lesen: Industrie sieht Risiken in der Plattform-Ökonomie

  • VDE entwickelt erste international konsensfähige Ethik-Kennzeichnung für KI

    VDE entwickelt erste international konsensfähige Ethik-Kennzeichnung für KI

    Die Tech-Organisation VDE begrüßt das White Paper der EU-Kommission und liefert die von Digitalkommissarin Margrethe Vestager geforderte Risikoüberprüfung mit der ‚Ethik-Kennzeichnung für KI‘ . Ziel des VDE-Modells ist es, Transparenz…

    mehr lesen: VDE entwickelt erste international konsensfähige Ethik-Kennzeichnung für KI

  • Von einfacher Programmierung bis zum Mietmodell

    Von einfacher Programmierung bis zum Mietmodell

    Von 2020 bis 2022 werden rund 2Mio. neue Industrie-Roboter in den Fabriken weltweit installiert – davon geht die International Federation of Robotics (IFR) aus. Welche Trends diese Entwicklungen vorantreiben könnten,…

    mehr lesen: Von einfacher Programmierung bis zum Mietmodell

  • Stellenwert von Digitalisierungsmaßnahmen nimmt zu

    Stellenwert von Digitalisierungsmaßnahmen nimmt zu

    Security Automation, Management digitaler Identitäten, Aufbau neuer Plattformen, Schutz vor Bedrohungen durch IoT-fähige Geräte und Einsatz von DevOps — laut einer Studie des IT-Dienstleisters Capgemini sind dies die Trends des…

    mehr lesen: Stellenwert von Digitalisierungsmaßnahmen nimmt zu

  • Workshops und Marktplatz 4.0

    Workshops und Marktplatz 4.0

    Der Automatisierungstreff in Böblingen widmet sich vom 24. bis zum 26. März mit seinem Workshopangebot und dem Marktplatz Industrie 4.0 der digitalen Transformation.

    mehr lesen: Workshops und Marktplatz 4.0