„Häufig fehlt es noch an klaren Business Cases“

Boris Otto, Mitglied im Forschungsbeirat Industrie 4.0, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut ISST und Professor für Industrielles Informationsmanagement an der Technischen Universität Dortmund, erklärt in einem Interview, was souveräne Datenräume sind, wie der aktuelle Stand der Umsetzung ist und wie sich unterschiedliche nationale Aktivitäten in Einklang bringen lassen.

Was wird unter souveränen Datenräumen verstanden, welche relevanten Akteure lassen sich identifizieren und welche Potenziale dieser Datenräume sehen Sie im Kontext von Industrie 4.0?

Boris Otto: Souveräne Datenräume ermöglichen es Unternehmen, Daten sicher, kontrolliert und vertrauensvoll mit Partnern auszutauschen, ohne dabei ihre Datenhoheit aufzugeben. Das ist essenziell für die datengetriebene Zusammenarbeit in vernetzten Wertschöpfungsketten, wie wir sie im Kontext von Industrie 4.0 zunehmend sehen: Ziele von Industrie 4.0 sind die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, der Resilienz und der Nachhaltigkeit von produzierenden Unternehmen. Erfolgsfaktor hierfür ist die Vernetzung, und zwar die Vernetzung von Produkten, Prozessen und Unternehmen, wofür Daten wiederum die Schlüsselressource sind. Daten müssen nicht nur im eigenen Unternehmen nach Kosten, Zeit und Qualität bewirtschaftet werden, sondern sie müssen auch in industriellen Ökosystemen geteilt und verwendet werden, damit sie ihr volles Nutzenpotential entfalten können. Denn Daten, die nicht genutzt werden, haben keinen Wert. Aufgrund des hohen Wert- und Innovationspotentials industrieller Daten darf das Datenteilen jedoch nicht bedingungslos erfolgen, sondern muss unter Wahrung der Datensouveränität des Datengebers und des Vertrauensschutzes der beteiligten Akteure erfolgen. Zu den relevanten Akteuren gehören neben großen Industrieunternehmen auch mittelständische Betriebe, Forschungsinstitutionen sowie öffentliche Stellen. Eine zentrale Rolle spielen Initiativen wie Gaia-X, Catena-X und natürlich die International Data Spaces Association (IDSA), die auf Interoperabilität und offene Standards setzen, um ein vertrauenswürdiges Datenökosystem zu schaffen.

Boris Otto 2023 seitlich2 Copyright Fraunhofer ISST Boris Otto
Boris Otto, Mitglied im Forschungsbeirat Industrie 4.0, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut ISST und Professor für Industrielles Informationsmanagement an der Technischen Universität Dortmund. – Bild: ©Fraunhofer ISST

Die Potenziale solcher souveräner Datenräume sind enorm: Sie reichen von effizienteren Prozessen über verbesserte Resilienz bis hin zur Entwicklung völlig neuer datenbasierter Geschäftsmodelle. Gerade in der Industrie 4.0 mit ihrer dezentralen, dynamischen Struktur sind souveräne Datenräume ein entscheidender Faktor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

Unser Ansatz ist klar: Datenräume schaffen die technologische Grundlage für Wertschöpfung aus Daten, während ergänzende Governance- und Geschäftsmodelle eine faire Verteilung des Nutzens auf alle Akteure sichern. Nur so kann ein echter europäischer Datenmarkt entstehen.

Wie schätzen Sie den aktuellen Stand der Entwicklung von Datenräumen in der deutschen Industrie ein und welche Herausforderungen gilt es insbesondere in technologischer, ökonomischer und institutioneller Hinsicht durch geeignete Strategien, Forschungs- und Umsetzungsaktivitäten zu adressieren?

Otto: Deutschland hat mit Projekten wie Catena-X oder Gaia-X durchaus eine Vorreiterrolle eingenommen, aber wir stehen noch am Anfang. Viele Ansätze befinden sich derzeit im Pilotstatus – die breite industrielle Skalierung steht noch aus. Technologisch geht es vor allem darum, interoperable, skalierbare Architekturen zu schaffen, die sich in bestehende Systeme integrieren lassen. Ökonomisch fehlt es häufig noch an klaren Business Cases – insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ist die Einstiegshürde hoch. Ein weiteres Hindernis ist die die Data-Readiness der deutschen Unternehmen und Institutionen: Viele sind noch nicht so aufgestellt, dass sie ihre Daten zur Verfügung stellen können. Institutionell braucht es mehr Koordination zwischen Initiativen, Förderprogrammen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Hier helfen gezielte Maßnahmen: etwa die Förderung domänenspezifischer Datenräume, Open-Source-Werkzeuge zur Vereinfachung der Implementierung, klare Governance-Strukturen und natürlich internationale Standardisierung, um nationale Silos zu vermeiden. Derzeit bestehen Datenräume oft als isolierte Inseln ohne Verbindung zueinander – selbst zwischen einzelnen Initiativen. Unsere Vision ist eine umfassende Vernetzung sämtlicher Datenräume und damit echte, vollständige Interoperabilität.

Unter Ihrer Federführung wurde die International Data Spaces Association entwickelt, die Sie als stellvertretender Vorsitzender aktiv vorantreiben. Wie kann eine globale Datenökonomie erreicht werden und wie lassen sich verschiedene nationale Aktivitäten, Ansätze und Initiativen harmonisieren?

Otto: Unser Ziel bei der IDSA ist es, mit einem offenen, standardisierten Architekturmodell – dem IDS Reference Architecture Model – eine international anschlussfähige Grundlage für den souveränen Datenaustausch zu schaffen. Nur wenn wir über nationale Grenzen hinweg dieselben Prinzipien von Datenhoheit, Interoperabilität und Vertrauen leben, kann eine globale Datenökonomie entstehen. Die Herausforderung besteht darin, nationale und sektorale Initiativen zu koordinieren, ohne ihre individuellen Stärken zu verlieren. Dafür braucht es Dialog, gemeinsame Standards und eine klare Governance, auf europäischer wie globaler Ebene. In der IDSA arbeiten wir genau daran, gemeinsam mit Partnern aus über 20 Ländern und zahlreichen Industrien. Die Harmonisierung gelingt nur durch Kooperation – technologisch, regulatorisch und kulturell. Aber der Bedarf ist klar: In einer globalisierten Industrie sind Datenräume der Schlüssel, um Zusammenarbeit skalierbar, sicher und nachhaltig zu gestalten.



  • Deutsche Hersteller mit Rekordinvestitionen in Digitalisierung

    Deutsche Hersteller mit Rekordinvestitionen in Digitalisierung

    Rockwell Automation hat die deutschen Ergebnisse seines elften ‚State of Smart Manufacturing Reports‘ veröffentlicht.

    mehr lesen: Deutsche Hersteller mit Rekordinvestitionen in Digitalisierung

  • Proalpha ernennt Chief Revenue Officer

    Proalpha ernennt Chief Revenue Officer

    Die Proalpha Group, ein Anbieter von ERP- und Business Software, beruft Michael Wüstemeier (Bild) für die neugeschaffene Position des Chief Revenue Officers (CRO).

    mehr lesen: Proalpha ernennt Chief Revenue Officer

  • Die Ära der kostenlosen KI ist vorbei

    Die Ära der kostenlosen KI ist vorbei

    Die Wirtschaftlichkeit großer Sprachmodelle steht kurz davor, mit der Unternehmensrealität zu kollidieren, schreibt Pegasystems-CEO Alan Trefler (Bild).

    mehr lesen: Die Ära der kostenlosen KI ist vorbei

  • Geschäftsführerwechsel bei der SimPlan Integrations

    Geschäftsführerwechsel bei der SimPlan Integrations

    Im Zuge des 25-jährigen Bestehens der SimPlan Integrations hat die SimPlan Group angekündigt, dass im Jahr 2028 ein geplanter Geschäftsführerwechsel beim Tochterunternehmen stattfinden wird.

    mehr lesen: Geschäftsführerwechsel bei der SimPlan Integrations

  • Was Ausbilder im Maschinen- und Anlagenbau beschäftigt

    Was Ausbilder im Maschinen- und Anlagenbau beschäftigt

    Laut VDMA-Ausbildungsumfrage steht die duale Ausbildung im Maschinen- und Anlagenbau auf einem stabilen Fundament und punktet mit hochmotivierten und zufriedenen Ausbilderinnen und Ausbildern.

    mehr lesen: Was Ausbilder im Maschinen- und Anlagenbau beschäftigt

  • Forterro übernimmt 3E Datentechnik

    Forterro übernimmt 3E Datentechnik

    Forterro, ein europäischer Anbieter von Industriesoftware, hat die geplante Übernahme des Software-Spezialisten 3E Datentechnik bekannt gegeben, dessen Software bei der Konstruktion und Herstellung von Fenstern und Türen zum Einsatz kommt.

    mehr lesen: Forterro übernimmt 3E Datentechnik

  • AutoSim automatisiert die Erstellung digitaler Simulationsmodelle

    AutoSim automatisiert die Erstellung digitaler Simulationsmodelle

    Das Forschungsprojekt AutoSim vereinfacht die Erstellung von Simulationsmodellen für die Produktion. Es kombiniert intelligente Datenverarbeitung mit interoperablen Informationsmodellen.

    mehr lesen: AutoSim automatisiert die Erstellung digitaler Simulationsmodelle

  • SAP investiert in KI-Unternehmen n8n

    SAP investiert in KI-Unternehmen n8n

    SAP investiert in die KI-Automatisierungsplattform n8n, wodurch sich die Bewertung des in Berlin ansässigen Startups auf 5,2Mrd.US$ erhöht und somit mehr als verdoppelt.

    mehr lesen: SAP investiert in KI-Unternehmen n8n

  • BSI veröffentlicht G7-Richtlinie zu SBOM for AI

    BSI veröffentlicht G7-Richtlinie zu SBOM for AI

    Unter der Federführung des BSI und der italienischen Cybersicherheitsbehörde ACN haben die Cybersicherheitsbehörden der G7-Staaten unter Mitwirkung der EU Kommission eine Richtlinie zur Software Bill of Materials (SBOM) for AI…

    mehr lesen: BSI veröffentlicht G7-Richtlinie zu SBOM for AI

  • Was passiert mit dem Menschen, wenn die Roboter kommen?

    Was passiert mit dem Menschen, wenn die Roboter kommen?

    Künstliche Intelligenz automatisiert längst digitale Prozesse. Jetzt übernehmen Roboter auch physische Routinen. Was das für die Menschen bedeutet, beleuchtet Sören Michl, Vice President AI Adoption bei IFS.

    mehr lesen: Was passiert mit dem Menschen, wenn die Roboter kommen?

  • Ein Schritt auf dem Weg zum Quanteninternet?

    Ein Schritt auf dem Weg zum Quanteninternet?

    Seit mehr als 60 Jahren gilt das ‚Bellsche Theorem‘ als Goldstandard, um zu zeigen, dass die Quantenmechanik den Regeln der klassischen Physik widerspricht.

    mehr lesen: Ein Schritt auf dem Weg zum Quanteninternet?

  • Der VDI feiert 170-jähriges Bestehen

    Der VDI feiert 170-jähriges Bestehen

    Vor 170 Jahren, am 12. Mai 1856, wurde der VDI in Alexisbad gegründet. Aus diesem Anlass blickt der Verein zurück und gibt zugleich die Gründung eines neuen Gremiums bekannt.

    mehr lesen: Der VDI feiert 170-jähriges Bestehen