EU-Frist für Post-Quantum-Kryptographie steht

Quantenwuerfel auf Mikrochip %E2%80%93 Symbol fuer Post Quantum Kryptografie
Bild: ©Finkenherd/stock.adobe.com

Im Juni 2025 hat die NIS-Kooperationsgruppe unter zentraler Mitwirkung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik die ‚Coordinated Implementation Roadmap for the Transition to Post-Quantum Cryptography‘ veröffentlicht. Das Dokument beantwortet eine Frage, die in europäischen Sicherheitsbehörden längst als geklärt gilt, in vielen Unternehmen jedoch noch immer diskutiert wird: Ja, Quantencomputer stellen eine reale Bedrohung für heutige Verschlüsselungsverfahren dar. Und ja, der Handlungsdruck ist akut. Die Roadmap markiert einen Wendepunkt, an dem aus theoretischen Warnungen verbindliche Zeitvorgaben werden.

Die Roadmap entstand in einer Arbeitsgruppe, die das BSI gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium, der französischen Agence Nationale de la Sécurité des Systèmes d’Information sowie den Niederlanden leitet. Sie baut auf einem Impulspapier auf, das Sicherheitsbehörden aus 21 europäischen Staaten im November 2024 unterzeichnet haben. Dessen Titel ‚Securing Tomorrow, Today‘ fasst die Dringlichkeit prägnant zusammen.

Ein Fahrplan mit Meilensteinen

Die EU-Roadmap gibt Organisationen einen gestuften Zeitrahmen vor. Bis Ende 2026 sollen nationale Roadmaps stehen, Pilotprojekte anlaufen und vor allem ein vollständiges Krypto-Inventar existieren, das eine risikobasierte Priorisierung ermöglicht. Bis Ende 2030 soll die Umstellung für Hochrisiko-Anwendungen abgeschlossen sein. Bis Ende 2035 schließlich müssen alle relevanten Systeme migriert werden.

Diese Fristen mögen auf den ersten Blick großzügig erscheinen. Das BSI warnt jedoch vor einer Unterschätzung des Aufwands. Die Umstellung auf Post-Quantum-Kryptographie ist komplexer als eine bloße Anhebung von Schlüssellängen, wie sie in der Vergangenheit der gestiegenen Rechenleistung konventioneller Computer Rechnung trug. Es handelt sich um einen vollständigen Austausch der Algorithmen, der Neuimplementierungen erfordert. Bevor ein flächendeckendes Ausrollen möglich wird, muss die Integration in zahlreiche Protokolle und Standardanwendungen erfolgen.

Store now, decrypt later ist in vollem Gange

Die Dringlichkeit erklärt sich aus einem Bedrohungsszenario, das unter dem Begriff Harvest now, decrypt later bekannt geworden ist. Verschlüsselte Kommunikation, die heute abgefangen und gespeichert wird, lässt sich künftig entschlüsseln, sobald entsprechende Quantenkapazitäten verfügbar sind. Für Daten mit langen Schutzfristen – staatliche Geheimnisse, Gesundheitsdaten, geistiges Eigentum – bedeutet das, dass der Zeitpunkt für den Schutz nicht in der Zukunft liegt, sondern in der Gegenwart.

Eine aktuelle BSI-Studie zum Entwicklungsstand von Quantencomputern unterstreicht diese Einschätzung. Die Fortschritte der Jahre 2024 und 2025 – insbesondere das Erreichen des Break-Even-Punkts in der Quantenfehlerkorrektur auf drei verschiedenen Plattformen – deuten auf einen kürzeren Zeitraum bis zur Entwicklung kryptanalytisch relevanter Quantencomputer hin, als viele Prognosen noch vor wenigen Jahren nahelegten.

Quantum Key Distribution

Bemerkenswert ist die klare Positionierung der europäischen Behörden gegenüber vermeintlichen Alternativansätzen. Quantum Key Distribution, von manchen Anbietern als zukunftssichere Lösung vermarktet, wird vom BSI in einem gemeinsamen Positionspapier mit europäischen Partnerbehörden als nicht einsatzreif eingestuft. Die Technologie sei nur in sehr speziellen Anwendungen einsetzbar und erfülle die Anforderungen aus Sicherheitssicht nicht. Ein gemeinsames Positionspapier europäischer Partnerbehörden zeigt die technologischen Einschränkungen auf.

Diese Einschätzung deckt sich mit der Position des US-Verteidigungsministeriums, das in einem November-Memorandum ebenfalls QKD als Ersatz für standardbasierte Post-Quantum-Kryptographie ausgeschlossen hat. Die transatlantische Übereinstimmung in dieser Frage sollte Unternehmen, die auf entsprechende Marketingversprechen setzen, zu denken geben.

Was ist nun zu tun?

Das BSI empfiehlt Organisationen, den Migrationsprozess unverzüglich einzuleiten. Der erste Schritt besteht in einer vollständigen Bestandsaufnahme aller kryptographischen Verwendungen. Das klingt trivialer, als es ist, denn neben offensichtlichen Anwendungen wie TLS-Zertifikaten für Webserver umfasst ein solches Inventar auch eingebettete Schlüssel in IoT-Geräten, Code-Signing-Zertifikate, Machine-to-Machine-Kommunikation und Verschlüsselung in Legacy-Systemen, deren Dokumentation oft lückenhaft ist.

Auf Basis dieser Bestandsaufnahme folgt eine Risikoanalyse. Dabei gilt es zu klären, welche Daten lange Schutzfristen haben, welche Systeme besonders exponiert sind und welche Abhängigkeiten zu externen Dienstleistern und deren Migrationsplänen bestehen. Die Antworten auf diese Fragen bestimmen die Priorisierung.

Das BSI betont zudem die Bedeutung von Krypto-Agilität als Architekturprinzip. Systeme sollten so konzipiert sein, dass sie neue Algorithmen aufnehmen können, ohne grundlegende Umbauten zu erfordern. Wer heute noch mit fest codierten Algorithmen arbeitet, baut technische Schulden auf, die sich später nur schwer abtragen lassen.

Für den Übergangszeitraum empfehlen das BSI und andere europäische Behörden hybride Systeme, die klassische und quantenresistente Verfahren kombinieren. Dieser Ansatz verspricht Schutz, solange die jeweiligen Verfahren nicht gleichzeitig gebrochen werden.

Standardisierung kommt voran

Die Sorge, man müsse auf finale Standards warten, ist inzwischen weitgehend unbegründet. Das amerikanische National Institute of Standards and Technology hat im August 2024 die ersten drei Post-Quantum-Verschlüsselungsstandards finalisiert. Das BSI hat seine Technische Richtlinie TR-02102 im März 2025 entsprechend aktualisiert und empfiehlt nun die NIST-Standards ML-KEM für den Schlüsselaustausch sowie ML-DSA und SLH-DSA als Signaturverfahren. Ergänzend bleiben die bereits seit 2020 empfohlenen Verfahren FrodoKEM, Classic McEliece, XMSS und LMS gültig, die unter aktiver BSI-Beteiligung bei der ISO standardisiert werden. Gute Gründe, sich besser früher als später mit Post-Quantum-Kryptographie zu befassen.



  • Neue Produktionstechnik für die Mobilität von morgen

    Neue Produktionstechnik für die Mobilität von morgen

    Um Mobilität in Zeiten von Verstädterung, Ressourcenknappheit und Klimawandel zukunftsfest zu machen, bündeln die Universität Stuttgart und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ihre Forschungskompetenzen im Innovationscampus ‘Mobilität der Zukunft‘…

    mehr lesen: Neue Produktionstechnik für die Mobilität von morgen

  • CEOs auf lange Sicht optimistischer

    CEOs auf lange Sicht optimistischer

    Im 23. Global CEO Survey von PWC rechnet mehr als die Hälfte der 1.581 befragten CEOs mit einem Rückgang des Weltwirtschaftswachstums. Auf lange Sicht zeigen sich die Befragten jedoch optimistischer.

    mehr lesen: CEOs auf lange Sicht optimistischer

  • Logimat in Stuttgart

    Logimat in Stuttgart

    Trendthemen wie künstliche Intelligenz oder Nachhaltigkeit haben Auswirkungen auf die gesamte Supply Chain. Auf der diesjährigen Logimat, die vom 10. bis zum 12. März in Stuttgart stattfindet, zeigen mehr als…

    mehr lesen: Logimat in Stuttgart

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gewinnen an Bedeutung

    Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gewinnen an Bedeutung

    In einer aktuellen Studie hat das Wirtschaftprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte weltweit mehr als 2000 C-Level-Führungskräfte zum Thema Industrie 4.0 befragt, 125 davon aus Deutschland. Die Analyse zeigt, dass für die…

    mehr lesen: Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gewinnen an Bedeutung

  • Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch

    Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch

    Im Rahmen einer Studie hat IBM Unternehmen unterschiedlicher Branchen zum Einsatz von KI-Technologien befragt. Die Ergebnisse zeigen einen Aufwärtstrend bei der Nutzung.

    mehr lesen: Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch

  • Neuer CEO bei NTT Data DACH

    Neuer CEO bei NTT Data DACH

    Das IT-Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen NTT Data hat Neuerungen im Management bekanntgegeben. Stefan Hansen übernimmt ab Februar die Position als CEO von NTT Data DACH.

    mehr lesen: Neuer CEO bei NTT Data DACH

  • Bedenken bei Datenschutz und IT-Sicherheit

    Bedenken bei Datenschutz und IT-Sicherheit

    Das Internet of Things (IoT) gewinnt in deutschen Unternehmen weiterhin an Bedeutung. Dafür sprechen eine steigende Projektzahl, höhere Erfolgsquoten sowie schnellerer Mehrwert.

    mehr lesen: Bedenken bei Datenschutz und IT-Sicherheit

  • Mehrere Sicherheitsfunktionen in einem Gerät

    Mehrere Sicherheitsfunktionen in einem Gerät

    Liss Appliances vereinen wichtige Sicherheitsfunktionen auf nur einem Gerät. Damit sind sensible Unternehmensnetzwerke vor Viren, Hackern sowie unerwünschten E-Mails und Webinhalten geschützt.

    mehr lesen: Mehrere Sicherheitsfunktionen in einem Gerät

  • Sicherheitskonzept für Embedded-Systeme

    Sicherheitskonzept für Embedded-Systeme

    Karamba Security stellt zwei neue Lösungen zum Schutz von IoT- und Automotive-Systemen vor. Mit VCode und XGuard Monitor erweitert das Unternehmen sein Produktportfolio um Schutzkomponenten für die Entwicklungs- und Post-Entwicklungsphase,…

    mehr lesen: Sicherheitskonzept für Embedded-Systeme

  • Appian übernimmt Novayre Solutions

    Appian übernimmt Novayre Solutions

    Novayre Solutions SL und dessen RPA-Plattform Jidoka gehören nun zu Appian. Mit dem Erwerb will das amerikanischen IT-Unternehmen seine Prozessautomatisierungsplattform um Werkzeuge für Robotic Process Automation ergänzen.

    mehr lesen: Appian übernimmt Novayre Solutions

  • Citrix-Schwachstelle unbedingt schließen!

    Citrix-Schwachstelle unbedingt schließen!

    Nutzer von Citrix-Systemen sollten unbedingt die aktuell bekannt gewordene Sicherheitslücke per Workaround schließen. Das meldet das BSI erneut, nachdem sich die Zahl der bekannt gewordenen Cyberangriffe über diese Schwachstelle häufen.

    mehr lesen: Citrix-Schwachstelle unbedingt schließen!