Das 5G-Campusnetz bei Jaguar Land Rover

Mit Ericsson Private 5G schafft JLR eine Fertigungsumgebung, die KI, IoT-Sensoren und Automatisierung integriert.
Mit Ericsson Private 5G schafft JLR eine Fertigungsumgebung, die KI, IoT-Sensoren und Automatisierung integriert. – Bild: Ericsson GmbH

Viele Unternehmen im Automobilsektor setzen auf smarte Sensoren und Machine Learning – so auch JLR (Jaguar Land Rover), ein Hersteller von Luxusautomobilen. Ob IoT-Sensoren, Industrie-Edge-PCs oder vernetzte Arbeitsgeräte, industrielle Software wurde für die Fertigungsabteilung im britischen Werk in Solihull immer wichtiger. Die bestehende kabelgebundene Infrastruktur war jedoch nicht geeignet, neue Werkzeuge und Anwendungen flexibel zu integrieren oder die Produktionslinie anzupassen. Vor allem Anwendungen wie KI-gestützte Computer-Vision-Systeme, autonome Robotik oder fahrerlose Transportsysteme (FTS) erfordern extrem niedrige Latenzen und gleichzeitig hohe Datenübertragungsraten – Anforderungen, die die WLAN-Access-Points im vorherigen Netz, trotz ihrer Flexibilität, nicht erfüllen konnten. JLR ist deshalb auf Ericsson Private 5G umgestiegen – ein privates, unternehmenseigenes Mobilfunknetzwerk, das die besten technischen Voraussetzungen für den Einsatz verschiedener Arten von Industriesoftware mitbringt. Das Netzwerk unterstützt bei der Implementierung von digitalen Zwillingen, Condition Based Monitoring und Predictive Maintenance und kann erweitert werden.

Gründe für den Umstieg

Die Entscheidung für ein solches Netzwerk fiel bei JLR nach einem Besuch der Hannover Messe. Im Rahmen einer kleinen Installation führte der Automobilhersteller einen Machbarkeitsnachweis in Solihull durch, wo die Endmontage des Range Rover Sport stattfindet. Der Test zeigte positive Effekte in Bezug auf Latenzzeiten, die Anzahl gleichzeitig verbundener Geräte und nahtloser Netzwerkanpassungen.

Der Weg für den Umstieg war frei. Auch in Spitzen können nun große Datenmengen aus der Produktion in Echtzeit erfasst und übertragen werden: Im dedizierten 5G-Netz können allen Geräten und Maschinen in einer Fabrik fest definierte Bandbreiten zugewiesen werden, sodass es nicht zu Bandbreitenkonflikten mit anderen Geräten oder Aktivitäten im Netzwerk kommt. Dem Ausfall wichtiger Anwendungen durch Überlastung des Netzes wird so entgegengewirkt. Dadurch erfüllt 5G die technischen Anforderungen für die verschiedenen geschäftskritischen Anwendungen, die JLR in seiner Fertigung ermöglichen wollte.

24 Stunden-Betrieb als Hindernis

JLR sah noch einen weiteren Grund für das Drahtlosnetz: der hohe Zeit- und Kostenaufwand bei Anpassungen und Installationen am Netzwerk in der Produktion. Durch den 24-Stunden-Betrieb gibt es nur wenige Zeitfenster, um diese Arbeiten durchzuführen – meist am Wochenende oder in der Nacht. Außerdem müssen die Arbeiten oft mithilfe einer Hebebühne an unzugänglichen Stellen erledigt werden, was aus Sicherheitsgründen zum Stillstand der kompletten Anlage führt. Die Installation einer neuen Netzwerkanbindung könnte so bis zu sechs Wochen dauern.

Durch den Wechsel zu einem 5G-Netz erhält JLR nun Informationen von Geräten, die vorher nicht verbunden waren. Um deren Daten zu erhalten, gab es vorher keine optimal geeignete Konnektivität. 5G erleichtert es JLR, die eigenen Betriebsdaten in Echtzeit abzurufen, etwa wenn es um Predictive Maintenance geht: „Wir wissen, wann eine Maschine ausfallen wird und wann sie gewartet werden sollte – und wir können das Problem angehen, um den Ausfall zu vermeiden oder dessen Auswirkungen abzuschwächen. Wir reagieren also nicht nur, sondern handeln proaktiv. Und das bedeutet im Endeffekt, dass wir dadurch mehr Autos bauen werden“, sagt Stephen Mason, Advanced Digital Technologies Manager bei JLR.

Zügig installiert

Nach dem erfolgreichen Proof of Concept ging es an die technische Implementierung. Zunächst waren einige Anpassungen nötig, wie beispielsweise Firewall Change Requests und andere Netzwerkvorbereitungen. Die eigentliche Einrichtung verlief schnell und einfach. „Das Equipment von Ericsson kam freitags und am Sonntagmorgen waren wir live – das habe ich so nicht erwartet. Im Prinzip war es Plug&Play. Auch die Anzahl der Radio Dots ist im Vergleich zu den zuvor installierten WLAN-Antennen viel geringer“, sagt Mason.

Softwareseitig wurde die IoT-Datenerfassungsplattform Litmus eingeführt, die in Containern auf speziell für industrielle Anwendungen entwickelten Dell Gateway Edge-PCs betrieben wird. Container ermöglichen eine schnelle und einfache Bereitstellung von Software, indem Anwendungen unabhängig vom Betriebssystem kompakt, flexibel und sicher ausgeführt werden. Die Edge-PCs erfassen, verarbeiten und analysieren Daten direkt von Produktionsanlagen, Robotern und Steuergeräten, um Informationen unmittelbar an das Fertigungsteam weiterzugeben. Auch sie ließen sich nahtlos in die bestehende Automatisierungsinfrastruktur integrieren.

Besonders vorteilhaft bei der Implementierung war, dass Ericsson gemeinsam mit seinen Partnern Dell und Litmus technische Herausforderungen schnell lösen konnte, insbesondere bei der Konfiguration der containerbasierten Endgeräte. Diese laufen nicht unter Windows, Linux oder Ubuntu und haben keine klassische Nutzungsoberfläche für das Set-up, sie müssen also gesondert konfiguriert werden.

Mehr Potenzial

Die Einführung von Private 5G hat bereits erste positive Auswirkungen, darunter verkürzte Installationszeiten und deutlich schnellere Anpassungen in der Fertigungsinfrastruktur. JLR erwartet auch messbare Verbesserungen bei der technischen Verfügbarkeit, kürzere Reparaturzeiten und eine erhöhte Betriebsleistung. Weitere Effizienzsteigerungen ergeben sich aus schnellerer Netzwerkbereitstellung und geringeren IT-Ressourcen für die Fehlerbehebung. Darüber hinaus ermöglicht die neue Technologie die Echtzeit-Geolokalisierung von Anlagen und Mitarbeitenden, was zusätzliche Potenziale zur Prozessoptimierung verspricht.

In Solihull gibt es derzeit keinen Bereich, in dem 5G nicht eingesetzt werden kann – auch wenn einige anspruchsvoller sind als andere. Die Lackiererei beispielsweise ist eine komplexe Umgebung, die sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Es gibt keine Laufwege, sondern Leitern. Konnektivitätsoptionen wie Ethernet und WiFi haben dort nicht gut funktioniert, was den Bereich aktuell zur Daten-Blackbox macht. 5G hat hier also das Potenzial, einen Bottleneck in der Produktion zu beheben. Zusätzlich ist geplant, 5G auch in Außenbereichen und Logistikzonen zu testen.

JLR hat sich zum Ziel gesetzt, die Produktion von Range-Rover-Fahrzeugen zu verbessern. Neben den technischen Verbesserungen soll die drahtlose Konnektivität langfristig eine innovative, nachhaltige und zukunftsfähige Fertigung beim Automobilhersteller unterstützen – insbesondere, wenn es um den Einsatz anspruchsvoller Industriesoftware geht.



  • Mittler zwischen Mehrwert und Sicherheit

    Mittler zwischen Mehrwert und Sicherheit

    Am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT entsteht gerade die Software KMUsecure. Das Programm soll produzierende KMU dabei unterstützen, kritische Netzwerkschnittstellen zu sichern und Vernetzung leichter zur Optimierung zu nutzen.

    mehr lesen: Mittler zwischen Mehrwert und Sicherheit

  • Accenture übernimmt Salt Solutions

    Accenture übernimmt Salt Solutions

    Der SAP-Partner und MES-Integrator Salt Solutions wird Teil von Accenture. Wie die Unternehmensberatung bekannt gab, ist die Vereinbarung bereits unterschrieben.

    mehr lesen: Accenture übernimmt Salt Solutions

  • Vertrauenswürdige Prozessoren aus Deutschland

    Vertrauenswürdige Prozessoren aus Deutschland

    Im Projekt Scale4Edge arbeiten 22 Akteure aus Wissenschaft und Wirtschaft an besonders vertrauenswürdiger Computerhardware. Entstehen soll ein skalierbares Edge-Computing-Ökosystem rund um die Risc-V-Architektur etwa für Industrieanwendungen, Heimautomation und selbstfahrende Autos.

    mehr lesen: Vertrauenswürdige Prozessoren aus Deutschland

  • Innovationsranking im produzierenden Mittelstand

    Innovationsranking im produzierenden Mittelstand

    Innovation gehört zu den drei wichtigsten Digitalisierungszielen im Mittelstand, gleich nach Mitarbeiterproduktivität und Prozessmodernisierung. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die im Auftrag des ERP-Anbieters Proalpha entstand. Doch wo ist…

    mehr lesen: Innovationsranking im produzierenden Mittelstand

  • Arbeitsmarktbarometer dreht ins Plus

    Arbeitsmarktbarometer dreht ins Plus

    Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist im September 2020 um 1,7 Punkte auf 100,1 Punkte gestiegen. Erstmals seit Beginn der Corona-Krise liegt der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) damit nicht…

    mehr lesen: Arbeitsmarktbarometer dreht ins Plus

  • Ergänztes IT-Sicherheitskonzept für Profinet

    Ergänztes IT-Sicherheitskonzept für Profinet

    Parallel mit den ersten Profinet-Spezifikationen veröffentlichte PI ein umfassendes Security-Konzept, das in mehreren Schritten weiter detailliert und angepasst wurde.

    mehr lesen: Ergänztes IT-Sicherheitskonzept für Profinet

  • GIS und EAM fusionieren zu Rodias

    GIS und EAM fusionieren zu Rodias

    Innerhalb der Robur-Gruppe haben sich die Firmen GIS und EAM zusammengetan. Beide Firmen bringen langjährige Erfahrungen rund um die Instandhaltung, Wartung und das Anlagenmanagement in den Zusammenschluss ein. Als Rodias…

    mehr lesen: GIS und EAM fusionieren zu Rodias

  • Credential Stuffing in der Medienbranche

    Credential Stuffing in der Medienbranche

    Angriffe auf Medienunternehmen durch Kontoübernahmen stiegen bereits zwischen 2018 und 2019 deutlich an. Im Zuge der diesjährigen Pandemie vervierfachten sich schädliche Anmeldeversuche sogar.

    mehr lesen: Credential Stuffing in der Medienbranche

  • Startups stellen Lösungen vor

    Startups stellen Lösungen vor

    Zehn IT-Sicherheitsanbieter haben Chance, als das beste Security-Startup der DACH-Region ausgezeichnet zu werden. Nachdem sie im Fachjuryentscheid überzeugen konnten, heißt es jetzt, im Speed-Pitch das Publikum zu gewinnen.

    mehr lesen: Startups stellen Lösungen vor

  • Hindernisse für den KI-Einsatz überwinden

    Hindernisse für den KI-Einsatz überwinden

    Trotz zahlreicher Innovationsmöglichkeiten zögern viele Unternehmen und Behörden noch bei der Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) im Bereich Cybersicherheit.

    mehr lesen: Hindernisse für den KI-Einsatz überwinden

  • Integrierte OT-Sicherheit

    Integrierte OT-Sicherheit

    Rhebo und Barracuda adressieren mit einer kombinierten Lösung vollumfängliche Cybersicherheit für industrielle Netzwerke und IIoT-Geräte.

    mehr lesen: Integrierte OT-Sicherheit

  • Schutz von Remote-Mitarbeitern

    Schutz von Remote-Mitarbeitern

    Um die Verwaltung der Cybersicherheit einfacher und zugänglicher zu gestalten, stellt SonicWall die Zero-Touch-fähigen Multi-Gbit TZ-Firewalls mit SD-Branch-Funktionen vor. Die neuen Firewalls TZ570 und TZ670 sind die ersten Desktop-Firewalls, die…

    mehr lesen: Schutz von Remote-Mitarbeitern