Noch eher Assistent als Agent: Wie weit ist Agentic AI in der Produktion?

564096
Bild: ©InfiniteFlow/stock.adobe.com

Vor rund zwei Jahren hat die Fertigung ihre Reise durch den Hype-Zyklus der KI begonnen, und jetzt sind alle Augen auf die Umsetzung von Anwendungsfällen gerichtet. In den letzten zwölf Monaten haben sich generative KI-Anwendungen, die auf Large Language Models (LLMs) basieren, in den Fabrikhallen etabliert, um die Arbeitenden zu unterstützen und die Produktivität zu steigern. Sie beschleunigen die Erstellung von Dokumenten und deren Konvertierung in Formate wie digitale Arbeitsanweisungen und Videoanleitungen erheblich, reduzieren die Bereitstellungszeit und -kosten und bieten effizientere Suchfunktionen. Mehrsprachige Transkription von Inhalten helfen dabei, Sprachbarrieren zu überwinden. Steht jetzt die nächste Entwicklungsstufe der KI bevor: die Ära der agentenbasierten Systeme? Dem Adobe Agentic Readiness Report zufolge haben derzeit weniger als die Hälfte der deutschen Fertigungsunternehmen agentenbasierte KI eingeführt. 31 Prozent beabsichtigen jedoch, dies innerhalb der nächsten drei Monate zu tun, 16 Prozent innerhalb der nächsten zwölf Monate. Es gibt aber auch Bedenken: 37 Prozent der Befragten nennen den Datenschutz als Hauptproblem, 35 Prozent verweisen auf den technologischen Reifegrad und 31 Prozent auf die komplexe Integration. Hinzu kommt, dass es viele deutsche Unternehmen nach wie vor mit einem Mangel an qualifizierten Fachkräften und mit kulturellen Vorbehalten zu tun haben, etwa dem Misstrauen gegenüber autonomen Entscheidungen und der Angst vor Kontrollverlust.

Agentenbasierte KI in der Fertigung

Die Einführung von agentenbasierter KI in der Fertigung steckt noch in den Kinderschuhen, weshalb es viele offene Fragen gibt. KI-Agenten sind zunächst nichts anderes als autonome Softwaresysteme, die künstliche Intelligenz nutzen, um Aufgaben auszuführen, zu berechnen und Entscheidungen zu treffen, ohne dass ein Mensch eingreifen muss. Sie nehmen ihre Umgebung wahr, planen Aktionen, führen diese mit Werkzeugen aus und sie können mit der Zeit lernen und sich verändern.

Eher Assistent als Agent

In aktuellen Anwendungsfällen agiert die agentenbasierte KI eher wie ein Assistent oder ein halbautonomer, zielgerichteter Agent. ‚Human in the Loop‘ ist unerlässlich, um Leitplanken und Vertrauen zu schaffen und den Weg zum vernetzte Mitarbeitenden zu ebnen. Kurzfristig wird es realistisch sein, sich wiederholende Aufgaben im Hintergrund zu automatisieren, bei komplexen Aufgaben zu helfen, einfache Aufgaben schneller und effizienter auszuführen, Analysen durchzuführen, für die die Arbeitende keine Zeit haben, und als Co-Pilot bei der Navigation durch komplexe Prozesse zu fungieren. Aber die Hersteller sollten Leitplanken für die agentenbasierte KI einrichten, damit sie als Teammitglied arbeitet und nicht aus dem Ruder läuft. Das ist der Punkt, an dem zwischen selbständigem Handeln und echter Autonomie unterschieden werden muss: KI-Agenten können zwar handeln, aber der Benutzer muss die finale Kontrolle behalten. ‚Human in the Loop‘ ist dabei nicht nur eine Frage der Sicherheit, sondern auch eine Frage der Leistung und des Vertrauens. Für das Softwareunternehmen Poka sieht der Evolutionspfad für die Beziehung zwischen KI-Agenten und Arbeitenden in der Fertigung so aus:

Heute – Assistenten und Automatisierung

Konversationsbasierte Agenten werden eingesetzt, um bei Inhalten und Daten zu unterstützen, regelbasierte Trigger durchzusetzen und Hintergrundaufgaben auszuführen.

Nahe Zukunft – zielgerichtete Autonomie

Es entstehen denkende Agenten, die Absichten interpretieren und Unteragenten und Werkzeuge koordinieren. Bei der Behebung eines Problems leitet ein orchestrierender Agent beispielsweise Werkzeuge weiter, erstellt einen Lösungsvorschlag und lässt ihn durch den Benutzer freigeben.

Der Blick nach vorn – Proaktivität und Prognosen

Schließlich entwickeln sich die Agenten von reaktiv zu proaktiv weiter. Ab diesem Zeitpunkt sind sie in der Lage, frühe Signale von Ausfällen, Abweichungen oder Ineffizienzen zu erkennen, bevor diese auftreten. Sie können vorausschauende Analysen durchführen, um vorherzusagen, was passieren wird, und entsprechende Handlungsempfehlungen geben. Mit der Zeit sind KI-Agenten in der Lage, zu lernen und sich zu verbessern, sodass sich ihre Arbeitsabläufe kontinuierlich verbessern. Es folgen drei Anwendungsfälle in der Fertigung für KI-Agenten.

Probleme lösen

Angenommen, ein Bediener versucht, ein Problem zu beheben. Der Supervisor-Agent (Orchestrator) interpretiert die Absicht (David möchte ein Problem beheben) und leitet die Anfrage an einen wissensbasierten Agenten weiter. Dieser sucht nach möglichen Antworten. Wenn keine Lösung gefunden wird, schlägt der Orchestrator den nächstbesten Schritt vor: ‚Möchten Sie, dass ich das als Problem in Poka für Sie erfasse?‘. Der Agent erstellt unter Verwendung des ihm bereits vorliegenden Kontexts (Anlage, Ausrüstung usw.) den Entwurf für einen Problembericht und bittet den Benutzer um eine endgültige Bestätigung, bevor er ihn einstellt.

Warnungen an Vorgesetzte

Ein weiterer Use Case wäre, wenn der KI-Agent selbst Trends aufdecken kann, statt auf eine Schwellenwertüberschreitung zu warten. So kann er beispielsweise wiederkehrende Probleme in den Sicherheitschecklisten von Gabelstaplern feststellen. Der Agent meldet das Muster dem Vorgesetzten: ‚Ich erkenne häufiger Probleme bei Ihren Gabelstapler-Checks – vielleicht sollten Sie das untersuchen, bevor es eskaliert.‘

Schichtleistung erhöhen

Anhand von verfügbaren Daten, wie ausgefüllten Checklisten, den Mitarbeiterprofilen und den aktuellen Bedingungen an der Produktionslinie, können die Agenten früh erkennen, wann das Ergebnis einer Schicht gefährdet ist. Etwa ‚Die Schicht läuft seit einer Stunde, aber einige erforderliche Checklisten fehlen und 30 Prozent des Teams sind für diese Maschine nicht voll qualifiziert. Diese Bedingungen führen in der Regel zu einer niedrigeren Gesamtanlageneffektivität (Overall Equipment Effectiveness, OEE) und zu Qualitätsproblemen.‘ Mit Prognosefunktionen könnte der Agent Korrekturmaßnahmen vorschlagen, beispielsweise den Austausch eines Mitarbeitenden oder die Aufforderung, bestimmte Checklisten auszufüllen. Der Entwicklungspfad ist klar: von den hilfreichen Assistenten von heute über die zielgerichteten Agenten der nahen Zukunft bis hin zu proaktiven, Prognosesystemen, die Probleme vorhersehen, bevor sie eskalieren.



  • Drei Maßnahmen gegen Deepfake-Angriffe

    Drei Maßnahmen gegen Deepfake-Angriffe

    KI-gestützter Identitätsbetrug kommt weltweit häufiger vor. Allein in Österreich stieg die Zahl der Deepfake-Angriffe in diesem Jahr um 119 Prozent, ergab eine KPMG Austria-Umfrage. Mit diesen drei Maßnahmen lassen sich…

    mehr lesen: Drei Maßnahmen gegen Deepfake-Angriffe

  • IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt erneut

    IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt erneut

    Trotz anhaltend schwieriger Konjunktur bleibt der Arbeitsmarkt-Indikator des IAB in Deutschland das dritte Mal leicht im Plus.

    mehr lesen: IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt erneut

  • China will Industrieroboter exportieren

    China will Industrieroboter exportieren

    Die chinesische Regierung will künftig verstärkt Industrieroboter exportieren, um Wirtschaftswachstum herbeizuführen.

    mehr lesen: China will Industrieroboter exportieren

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Thorsten Steger ist CCO bei Industrie Informatik

    Thorsten Steger ist CCO bei Industrie Informatik

    Der MES-Hersteller Industrie Informatik hat Thorsten Steger zum CCO ernannt.

    mehr lesen: Thorsten Steger ist CCO bei Industrie Informatik

  • Preiserwartungen gehen leicht zurück

    Preiserwartungen gehen leicht zurück

    Vor allem in der Industrie und angrenzenden Dienstleistungen wollen weniger Unternehmen ihre Preise erhöhen, hat das IFO-Institut für August 2024 errechnet. Anders sieht es für Verbraucher und Bauträger aus. Hier…

    mehr lesen: Preiserwartungen gehen leicht zurück

  • Manning leitet VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie

    Manning leitet VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie

    Vivian Manning vertritt seit dem 1. August die Interessen der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie.

    mehr lesen: Manning leitet VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie

  • Wie sieht die Zukunft der IT/OT-Konvergenz aus?

    Wie sieht die Zukunft der IT/OT-Konvergenz aus?

    Der IT/OT Convergence Summit 2024 findet am 18. und 19. September in Darmstadt statt. Veranstalter Aonic lädt ein, sich über die Verknüpfung der digitalen Welt der IT mit der realen…

    mehr lesen: Wie sieht die Zukunft der IT/OT-Konvergenz aus?

  • Eine der größten Aufdach-Solaranlagen Bayerns

    Eine der größten Aufdach-Solaranlagen Bayerns

    Der Folienhersteller Allvac hat seine Produktion modernisiert und setzt dabei nicht nur auf neue Technik, sondern auch auf regenerative Energie. Dafür hat die Firma in Waltenhofen in Bayern über zehn…

    mehr lesen: Eine der größten Aufdach-Solaranlagen Bayerns

  • IT-Modernisierungsstau bei Warehouse Operations

    IT-Modernisierungsstau bei Warehouse Operations

    Manhattan Associates und Vanson Bourne haben in Deutschland 200 Lieferketten-Spezialisten zum Stand ihrer Warehouse Operations befragt. Dabei kam heraus, dass sich die Branche mit vielen Belastungen und Unsicherheitsfaktoren konfrontiert sieht.…

    mehr lesen: IT-Modernisierungsstau bei Warehouse Operations

  • Elke Anderl verantwortet T-Systems-Vertrieb

    Elke Anderl verantwortet T-Systems-Vertrieb

    T-Systems hat mit Elke Anderl eine neue Vertriebs- und Marketingchefin. Sie übernimmt das Amt zum 1. September von Urs M. Krämer.

    mehr lesen: Elke Anderl verantwortet T-Systems-Vertrieb

  • Maschinenexporte: Schwaches erstes Halbjahr

    Maschinenexporte: Schwaches erstes Halbjahr

    Die Maschinen- und Anlagenbaufirmen aus Deutschland mussten im ersten Halbjahr 2024 deutliche Einbußen auf den Auslandsmärkten hinnehmen.

    mehr lesen: Maschinenexporte: Schwaches erstes Halbjahr