Warum ein MES-Projekt Change Management braucht

image 18
Bild: ©Art_Photo/stock.adobe.com

Eine MES-Software mit integrierter Advanced Planning und Scheduling-Funktion plant und steuert automatisch, wenn man sie lässt. Und das kann der entscheidende Punkt sein: In vielen Fällen entfaltet ein neu eingeführtes MES seine Leistungsfähigkeit nicht, weil Unternehmen in gängige Stolperfallen tappen. Betrachtet man die Aufgabenfelder eines MES-Systems, wie sie z.B. in der VDI-Richtlinie 5600 definiert sind, wird schnell klar, dass hier unterschiedliche Systematiken miteinander interagieren und mehr als ein Organisationsbereich des Unternehmens involviert ist.In der Regel wird das MES-System nicht zur Abdeckung aller Aufgabenfelder eingesetzt. So wird z.B. das Auftragsmanagement mit Stücklisten, Arbeitspläne, Disposition und Generierung von Fertigungsaufträgen mit Fertigungs-Arbeitsplan sowie -Stückliste üblicherweise durch das ERP-System abgedeckt. Die Daten des ERP-Systems müssen im MES korrekt interpretiert und verarbeitet werden, damit das Produktionssteuerungssystem seine Vorteile ausspielen kann. Die Aufgabenfelder Feinplanung und Feinsteuerung gehören zu den Kerndomänen eines MES. Eine systemgestützte und korrekte Planung, möglichst ohne manuelle Eingriffe, ist oftmals einer der Hauptmotivatoren für die Integration einer MES-Software. Firmen wollen jederzeit über eine realistische Reihenfolgeplanung und Belegungspläne mit haltbaren Lieferterminen verfügen. Anders als bei manueller Planung wird das MES alle Aufträge ohne zeitliche Limitierung betrachten und entsprechend einplanen. Diese Systematik sowie Planungsergebnisse lösen bei Anwendern, die bisher hauptsächlich manuell und mit Excel geplant sowie gesteuert haben, zunächst spürbare Skepsis aus. Die Planungsergebnisse des Systems werden angezweifelt.

Voraussetzungen für automatische Planung

Weiter sind in den Unternehmen parallel zur Einführung einige Voraussetzungen zu erfüllen, damit das MES seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen kann. Für eine realistische Reihenfolge-Planung der Aufträge unter Berücksichtigung der verfügbaren Ressourcen müssen vollständige und stimmige Fertigungs-Arbeitspläne sowie -Stücklisten vorliegen. Dabei ist darauf zu achten, dass der Auftragsdurchlauf vollständig im Fertigungs-Arbeitsplan abgebildet ist und die Fertigungs-Stückliste nicht nur die Bedarfsmaterialien je Arbeitsgang mit der erforderlichen Stückzahl enthält, sondern auch die benötigten Werkzeuge. Zudem sind korrekte Soll-Vorgabenzeiten für Rüst-, Bearbeitungs- und Personalzeiten erforderlich. Ohne exakte Kapazitätsangaben für die zu planenden Ressourcen wie Schichtzeiten der Arbeitsplätze, Material-, Werkzeug- und Personal-Verfügbarkeit als Engpass-Ressourcen, lässt sich keine exakte Planung realisieren. Und dann stellt sich die Frage, wo die relevanten Daten vorgehalten und der Planung als jeweils freie Verfügbarkeiten zur Verfügung gestellt werden. Ist dies nicht der Fall, stößt das MES schnell an seine Grenzen.

Wunsch und Wirklichkeit bei der Datenqualität

Zu Beginn einer MES-Einführung sind die meisten Unternehmen sicher, die erforderlichen Daten in der entsprechenden Qualität zu liefern. Ein erster Planungslauf zeigt dann meist ein ernüchterndes Ergebnis und die Suche nach Abweichungsgründen liefert unterschiedliche Ergebnisse. Vielfach ist die Zuordnung von Arbeitsgängen zum Arbeitsplatz nicht korrekt oder Planvorgaben bei Neuanschaffungen wurden nicht angepasst. Oder Arbeitspläne weisen nur Maschinengruppen und keine Einzelmaschinen aus, wie es erforderlich wäre. Nicht selten berücksichtigt die Materialverfügbarkeitsprüfung keine Reservierungsbestände. Oder Aufträge werden nicht priorisiert, denn nur der Liefertermin reicht in der Regel nicht aus. Ebenso findet sich in einigen Projekten eine unzureichende Datenbasis etwa bei der Abbildung einer überlappenden Fertigung oder des Werkzeug- oder Personalbedarfs.

Künstliche Intelligenz hilft aus

Einige dieser Versäumnisse kann ein MES im Standard-Funktionsumfang meist ausgleichen. Hierzu zählt die Anpassung von Plan-Vorgabezeiten bei der Verplanung. Bei anderen genügen so einfache Korrekturen nicht, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Hierzu zählen die Priorisierung der Aufträge oder die bestmögliche Zuordnung des Arbeitsgangs auf die richtige Einzelmaschine aus der Maschinengruppe. Es gibt jedoch KI-gestützte MES-Software auf dem Markt, die auch solche Stolpersteine recht schnell automatisch beseitigen kann. Die KI kann geeignete Einzelmaschinen aus der Maschinengruppe identifizieren, dem Arbeitsgang zuordnen und dem Planungssystem zur Verfügung stellen. Ebenso wäre eine Korrektur der Planzeit-Vorgaben möglich, um die Planungsergebnisse zu verbessern. Um solche KI-Funktion zu nutzen, müssen Modelle anhand von Daten aus der Vergangenheit trainiert werden. Sind diese nicht verfügbar, können sie über eine zeitnahe Erfassung der Rüst- und Bearbeitungszeiten aus der Produktion ermittelt werden. Das dauert jedoch.

Maschinenanbindung gut vorbereiten

Um Werkern zuviele Dateneingaben zu ersparen, aber auch bedingt durch die Industrie 4.0-Diskussion, wird oft die automatisierte Datenerfassung über eine Maschinenanbindung gefordert. Dabei wird oft übersehen, dass ein weiteres Komplexitätsfeld eröffnet wird, für das bestimmte Voraussetzungen zu schaffen sind. Dazu gehören folgende Fragen: Verfügt die Maschine über die Kenntnis, welchen Fertigungsauftrag sie gerade bearbeitet, zählt sie die gefertigte Stückzahl oder meldet sie ein Taktereignis, ist sie in der Lage, die Rüstzeit korrekt zu melden, verfügt sie über eine Datenschnittstelle (z.B. OPC UA) und wenn nicht, kann diese nachgerüstet werden? Nicht nur mittelständische Unternehmen stoßen hier schnell an ihre Grenzen, auch in Bezug auf das Budget.

Der Blick zurück stoppt die Euphorie

Nachdem ein MES implementiert wurde, stellt sich nach anfänglicher Euphorie oftmals Ernüchterung sein. Diese Desillusionierung hat in der Regel nichts mit dem System zu tun. Oft liegen die Gründe im Zusammenspiel der Organisationseinheiten und in der mangelhaften Systemnutzung. Nicht selten welchseln die Beteiligten nach kurzer Zeit wieder auf alte Verhaltensmuster. Halten sich die Beteiligten etwa nicht an die geplante Auftragsreihenfolge, lösen sie damit dieselben Effekte wie vor der Systemeinführung aus. Menschlich betrachtet ist es verständlich, schließlich folgen alle dem bekannten Muster. Planerisch ist das eine Katastrophe, zumal das MES Verzögerungen oder Unterbrechungen sofort aufdeckt.

Nur Software reicht nicht

Die Einführung eines MES allein reicht also nicht aus, will eine Firma alle positiven Effekte erzielen, müssen in der Organisation gezielte Veränderungen vorgenommen werden. Deshalb sollten die vorhandenen Prozesse neu justiert werden. Ansonsten sinkt womöglich die Akzeptanz des Systems und die ursprünglichen Kritiker und Zweifler gewinnen wieder die Oberhand. Spätestens jetzt wird sichtbar, dass es sich bei der Einführung eines MES-Systems um ein klassisches Changemanagement-Projekt handelt, bei dem auch das Management mit eingebunden werden muss. Die Einhaltung der gemeinsam beschlossenen Rahmenbedingungen muss überwacht und eingefordert werden, auch im Management selbst. Die neue Arbeitsweise erfordert ein Umdenken in allen Ebenen.

Autor:

Gerd Rücker ist Leiter Vertrieb/CSO bei der Becos GmbH



  • Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

    Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

    Beim Workshop von Exor stehen neue Geschäftmodelle für Maschinen und Anlagen auf der Basis von IoT im Fokus. Der Anbieter liefert dazu Technologien und Methoden, mit denen Fertigungsbetriebe zunächst ein…

    mehr lesen: Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

  • MES-Strategie entwickeln

    MES-Strategie entwickeln

    Ein Workshop von HIR Hoff Industrie Rationalisierung behandelt die mögliche Rolle von Manufacturing-Execution-Systemen in Zeiten der digitalen Transformation.

    mehr lesen: MES-Strategie entwickeln

  • Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

    Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

    Der Maschinenbau bekommt die Folgen der Corona-Pandemie mit zunehmender Wucht zu spüren. Das geht aus einer zweiten Umfrage des VDMA unter 965 Mitgliedsfirmen hervor.

    mehr lesen: Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Beratungsangebote rund ums Homeoffice

    Beratungsangebote rund ums Homeoffice

    Cosmo Consult will in der Corona-Krise mit teils kostenfreie Webinaren, Workshops und Beratungspaketen Fachwissen rund um Microsoft Teams und die digitale Zusammenarbeit im Homeoffice anbieten.

    mehr lesen: Beratungsangebote rund ums Homeoffice

  • Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

    Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

    Nach 24,6 Punkten im Februar, ist der Bitkom-Ifo-Digitalindex im März auf 0,6 Punkte zurückgegangen. Dabei sind von den negativen Folgen im Zuge der Corona-Krise vor allem die Industrie und der…

    mehr lesen: Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

  • Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

    Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

    Im Maschinenbau werden immer häufiger modulare Anlagen gefertigt. Deren Zusammenstellung aus Spezialmodulen für verschiedene Teilaufgaben von unterschiedlichen Herstellern scheiterte bisher oft an inkompatiblen Kommunikationsstandards.

    mehr lesen: Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

  • Automatica in den Dezember verlegt

    Automatica in den Dezember verlegt

    Die Messe München hat sich dazu entschlossen, die Messe Automatica, die vom 16. bis zum 19. Juni stattfinden sollte, in den Dezember zu verschieben.

    mehr lesen: Automatica in den Dezember verlegt

  • Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

    Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

    Neue Maschinen und Anlagen waren auch im vergangenen Jahr weltweit gefragt. Allerdings erfolgten die Geschäfte bereits unter erschwerten Bedingungen: Der Wandel in der Automobilindustrie, der Handelskrieg zwischen den USA und…

    mehr lesen: Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

  • Keine Hannover Messe in 2020

    Keine Hannover Messe in 2020

    Die Hannover Messe kann dieses Jahr nicht stattfinden. Grund ist die zunehmend kritische Lage aufgrund der Covid-19-Pandemie und eine Untersagungsverfügung der Region Hannover.

    mehr lesen: Keine Hannover Messe in 2020

  • Nächste Management-Generation bei Siemens

    Nächste Management-Generation bei Siemens

    Siemens-CEO Joe Kaeser hat den Aufsichtsrat darüber informiert, dass er keine Verlängerung seines Vertrages anstrebt. Er wird zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Siemens Energy vorgeschlagen.

    mehr lesen: Nächste Management-Generation bei Siemens

  • Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?

    Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?

    Die Industrie setzt IoT-Lösungen vornehmlich in der Produktion, bei der Zeiterfassung und in der Lagerverwaltung ein. Dies geht aus einer Befragung hervor, die Ende vergangenen Jahres durchgeführt wurde.

    mehr lesen: Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?