Friedrich Steininger: „Komplexität ist das Todesurteil vieler MES-Projekte“

DESC 4481
Bild: DE software & control GmbH

Herr Steininger, Sie sind Geschäftsführer bei DE software & control. Gegründet haben Sie die Firma zusammen mit Heino Migge und Onur Mubariz im Jahr 1997, derzeit beschäftigen Sie rund 70 Angestellte. Was machen Sie?
Friedrich Steininger: Wir kommen alle drei aus der Automatisierung mit damals starkem Fokus auf die Automobilindustrie. Ich selbst habe vor meinem Informatikstudium eine Schreinerlehre absolviert und als Schreiner gearbeitet, daher kenne ich die Produktion bereits aus dieser Perspektive. 1997 haben wir uns überlegt, mit welchem USP wir an den Markt gehen können. Damals waren wir die Ersten, die bei einem großen Automobilhersteller in Niederbayern eine Webapplikation im Shopfloor implementiert haben. Das ist jetzt über 20 Jahre her. Wir haben in dieser Zeit auch MES-Anwendungen gebaut, wobei der Begriff in Deutschland noch unbekannt war. Wir entschieden uns um die Jahrtausendwende ganz bewusst gegen den Hype im E-Commerce, um im klassischen Produktionsumfeld zu bleiben. Das machen wir noch heute.

Was machen Ihre Produkte?
Steininger: Unser System unterstützt Mitarbeiter im Shopfloor, indem es sie Schritt für Schritt durch komplexe Montageschritte oder Verpackungsprozesse leitet. Dabei nehmen wir das an sich alte Instrument der Arbeitsanweisung, um anhand der darin enthaltenen Informationen einen ganzen Prozess zu steuern. Wir visualisieren dazu nicht nur Bilder und Texte, sondern generieren aus ihnen etwa Steuerungs- und Rezeptparameter für angeschlossene Devices. Hier geht es um Schraubprogramme, Gewichtskontrollen oder Prüfaufgaben für Kamerasysteme. Im Kern übernimmt unser System drei Aufgaben: Informieren, Absichern und Dokumentieren.

Wie fügt sich Ihr System in eine klassische IT-Infrastruktur ein?
Steininger: Wenn Sie die Layerstruktur eines Unternehmens voraussetzen, sehen Sie ein ERP-System oben, ein MES darunter und die Automatisierungstechnik auf der untersten Ebene. Wir sehen unser Werkerassistenzsystem an der Grenze zwischen MES und Automatisierungstechnik. Doch im Gegensatz zu klassischen MES-Anbietern liegt unser Schwerpunkt nicht bei den Maschinen, sondern bei der Anbindung der Menschen im Werk. Hier beobachten wir seit sechs oder sieben Jahren einen Kulturwandel, der aus den Richtungen Industrie 4.0 und Digitalisierung getrieben wird und der das Thema Werkerassistenz zunehmend in den Vordergrund rückt.

Was verändert sich?
Steininger: Wir müssen die Herausforderung des demografischen Wandels stemmen. Wenn Sie sich die Alterspyramide anschauen, wird die Zahl der Renteneintritte in fünf Jahren die maximale Höhe erreichen. Das ist unser Kerntreiber! Wie schaffen wir es, das Wissen dieser Generation in die nächsten zu tragen? Genau das versuchen wir mit unseren Werkzeugen zu unterstützen, insbesondere mit unserem Werkerassistenzsystem. Und ich rechne mit einem riesigen Markt für diese Systeme.

Sie haben gerade ein neues Produkt vorgestellt.
Steininger: Unsere workstAItion 5.0, bei dem wir künstliche Intelligenz mit unserem Kernprodukt der Werkerassistenz verbinden. Also mit einem sehr bodenständigen, konventionellen Thema.

Was macht Ihre KI?
Steininger: Wir haben uns der Herausforderung gestellt, vor der Werkerassistenzsysteme seit Jahrzehnten stehen: Nämlich das Wissen der Fachkräfte zu erfassen und zu dokumentieren. Dafür haben wir eine KI aufgesetzt, die Angestellten bei der Arbeit sozusagen über die Schulter schaut und aus diesem Prozess Informationen verarbeiten und aufbereiten kann. Übrigens künftig auch im Videoformat. Dabei entstehen aber keine Utility-Filme. Diese Kategorie gibt es ja bereits und sie hat sich als wenig praxistauglich erwiesen. Unser Plan ist es, das aufgenommene Video zu transkribieren, aber nützliche Bilder und Szenen daraus zu extrahieren und in der Werkerassistenz zu verlinken.

Werden die Menschen mit einer neuen Form der Werkerassistenz arbeiten?
Steininger: Ja, jedoch die Ergebnisse sind ähnlich. Aber Unternehmen gelangen über einen anderen Weg zu diesen Ergebnissen. Früher überlegte der Prozessplaner, wie Werker und Werkerinnen die Arbeitsschritte sinnvoll abarbeiten. Dafür brauchte er Ablaufdiagramme, Skizzen, Word- und Excel-Dateien oder sogar Expertensysteme. Diese Dokumente wurden später im Shopfloor verteilt oder geschult. Unser KI-System erweitert insbesondere die Vorgehensweise bei der Erstellung, aber nicht nur.

Seiten: 1 2 3



  • Neuer Vertriebspartner nah am SAP-Markt

    Neuer Vertriebspartner nah am SAP-Markt

    Die Feinplanungsspezialistin Dualis GmbH IT Solution will mit einer neuen Vertriebspartnerschaft ihre Position im SAP-Umfeld stärken. Cpro IoT Connect vertreibt und implementiert künftig die APS-Lösung Ganttplan als Platinum-Partner.

    mehr lesen: Neuer Vertriebspartner nah am SAP-Markt

  • SAP kündigt Travel Management-Alternative auf S/4Hana an

    SAP kündigt Travel Management-Alternative auf S/4Hana an

    Reisekostenmanagement mit SAP-Software ist weiterhin On-Premise möglich. Nach dem Druck der SAP-Anwendervereinigung DSAG hat SAP angekündigt, die Lösung Travel Management auf die Hana-Plattform zu migrieren. Damit können Firmen den Wechsel…

    mehr lesen: SAP kündigt Travel Management-Alternative auf S/4Hana an

  • Riverbed ernennt Andreas Riepen zum Regional Vice President

    Riverbed ernennt Andreas Riepen zum Regional Vice President

    Andreas Riepen übernimmt die Position des Regional Vice President Sales für die DACH-Region beim IT-Unternehmen Riverbed.

    mehr lesen: Riverbed ernennt Andreas Riepen zum Regional Vice President

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Kaspersky identifiziert Angriffe auf Industriezulieferer

    Kaspersky identifiziert Angriffe auf Industriezulieferer

    Wie der IT-Security-Anbieter Kaspersky berichtet, wurden Unternehmen weltweit über zielgerichtete Phishing-Mails angegriffen, bei denen die Angreifer das Mimikatz-Programm nutzten. Kaspersky hat diese Angriffe analysiert.

    mehr lesen: Kaspersky identifiziert Angriffe auf Industriezulieferer

  • Lieferketten kommen wieder in Gang

    Lieferketten kommen wieder in Gang

    In einer 5. Blitzumfrage des VDMA zeigt sich, dass sich die Lieferketten der deutschen Maschinenbauer nach und nach erholen. Die Branche hat jedoch weiterhin mit Auftragseinbußen zu kämpfen.

    mehr lesen: Lieferketten kommen wieder in Gang

  • Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

    Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

    Die Grenze zwischen Produkt und ergänzender Dienstleistung verschwimmen zunehmend und produzierende Unternehmen vollziehen den Wandel vom Produkt- zum Service- bzw. Lösungsanbieter. Wie sich solche sogenannten Produkt-Service-Systeme (PSS) entwickeln und damit…

    mehr lesen: Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

  • Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

    Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

    Der IT-Security-Anbieter Trend Micro hat Erkenntnisse zu cyberkriminellen Aktivitäten sowie dem Handel mit Produkten und Dienstleistungen im Cyberuntergrund veröffentlicht.

    mehr lesen: Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

  • Unternehmen mit steigenden Erwartungen

    Unternehmen mit steigenden Erwartungen

    Nach dem Rückgang im vergangenen Monat legt der Ifo-Geschäftsklimaindex im Mai wieder zu. Dabei haben sich vor allem die Erwartungen für die kommenden Monate verbessert.

    mehr lesen: Unternehmen mit steigenden Erwartungen

  • PLM-Lösungen im Vergleich

    PLM-Lösungen im Vergleich

    Im Marktspiegel ‘Business Software PLM/PDM 2020/2021‘ werden mehr als 40 PLM-Lösungen hinsichtlich ihrer Funktionen untersucht.

    mehr lesen: PLM-Lösungen im Vergleich

  • „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

    „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

    Die Corona-Krise stellt die Globalisierung auf den Prüfstand. Für VDI-Präsident Volker Kefer ist die Situation Herausforderung und Chance zugleich. Im Interview spricht er über die Lage des Technikstandorts Deutschland heute…

    mehr lesen: „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

  • Die digitale Version der XR Expo geht online

    Die digitale Version der XR Expo geht online

    Ab sofort können sich Aussteller und Besucher auf einer digitalen Plattform für die XR Expo Virtual 2020 am 25. und 26. Juni registrieren.

    mehr lesen: Die digitale Version der XR Expo geht online