Was hinter MES, MOM und Co. steckt: Fertigungs-IT beim Namen nennen

Viele Namen, ein gemeinsamer Nenner: Fertigungs-IT
Viele Namen, ein gemeinsamer Nenner: Fertigungs-IT – Bild: ©ipopba/stock.adobe.com

Ob MOM, MOS, MOP oder MEP: Bei der Vielfalt an Begriffen und Abkürzungen ist zumindest das M konstant – es steht für Manufacturing. Aber warum überhaupt die vielen Varianten? Die einzelnen Ausprägungen haben ganz unterschiedliche Historien.

MES – Manufacturing Execution System

MES bezeichnet eine Software, deren Funktionsumfang in der VDI-Richtlinie 5600 beschrieben wird. Diese umfasst zehn Aufgaben: Auftragsmanagement, Feinplanung & Feinsteuerung, Betriebsmittelmanagement, Materialmanagement, Personalmanagement, Datenerfassung, Leistungsanalyse, Qualitätsmanagement, Informationsmanagement und Energiemanagement. MES-Anbieter decken diese Aufgaben in unterschiedlichem Maße ab. Neben Vollsortimentern, die ein Produktportfolio mit einem hohen Grad an horizontaler Integration im Sinne der Automatisierungspyramide anbieten, gibt es zahlreiche Systeme, die sich mit verschiedenen Einzelfunktionen beschäftigen. Ein komplettes MES sollte Funktionen für alle zehn Aufgaben beinhalten.

Oft wird diese Definition eines MES als „deutsche Sichtweise“ bezeichnet. In anderen Regionen außerhalb Westeuropas versteht man unter MES teilweise deutlich weniger – bis hin zu einer reinen Maschinendatenerfassung. Das sind veraltete Ansichten, die aber nicht zuletzt mit der Einführung des Begriffs Manufacturing Operations Management (MOM) zusammenhängen. Der MES-Begriff hat sich kontinuierlich weiterentwickelt bis hin zu einem holistischen und vollständig integrierten Unterstützungssystem für die Fertigung.

MOM – Manufacturing Operations Management

Ein amerikanischer Analyst bezeichnet mit MOM ein Prinzip, das vermeintlich weit über den Funktionsumfang eines MES hinausgeht. Der Begriff entstand angeblich als Abgrenzung von Anbietern mit breitem Funktionsspektrum gegenüber Anbietern mit einfacheren Systemen. Demnach gehören viele Funktionen, die die VDI-Richtlinie 5600 einem MES zuordnet, eher zum Konzept eines MOM. Beispiele hierfür sind etwa Equipment Management, die Berücksichtigung von Personal und Material sowie verschiedene Funktionen für die Qualitätssicherung und die Feinplanung. Einem MES gesteht der Analyst laut eigener Markteinschätzung nur rudimentäre Planungsfunktionen zu. Der Fokus eines MES läge demnach auf dem Erfassen von Daten im Shopfloor und dem Ausführen von Anweisungen und Vorgaben. Alle weiterführenden Funktionen gehören in dessen Augen eher in ein MOM oder im Falle der Planungsfunktionen in ein Advanced Planning and Scheduling System (APS). Ein krasser Gegensatz zur deutschen Sichtweise (vgl. VDI-Richtlinie 5600), die einem MES die volle Funktionalität für eine Smart Factory zuweist. Daher könnte man den amerikanischen MOM-Begriff mit dem deutschen MES-Begriff gleichsetzen, was einige Anbieter in Europa auch tut.

MOS – Manufacturing Operations System

2017 versuchte ein deutscher MES-Anbieter den aus seiner Sicht überholten MES-Begriff neu zu definieren. Mit dem Manufacturing Operations System (MOS) wurde eine offenere Alternative zum vermeintlich monolithischen MES proklamiert. Monolithisch ist ein System, das einerseits nicht modular und andererseits nach außen abgeschottet ist. Ein MOS sei demnach eine Software mit offenen APIs. Die Nutzung einer sogenannten OpenAPI sei der Garant für einen freien Zugriff auf Produktionsdaten. Damit könnten vermeintliche Datensilos aufgelöst werden.

In Wirklichkeit sind sowohl der monolithische Aufbau eines MES als auch die genannten Datensilos das Ergebnis von Entscheidungen einzelner MES-Anbieter. In keiner Norm oder Richtlinie steht, dass ein MES monolithisch sein muss oder Datensilos aufbauen soll. Ein modularer Aufbau und der freie Zugriff auf die erfassten Produktionsdaten sind Eigenschaften, die heutige Manufacturing Execution Systeme auszeichnen. Wenn sich ein Anbieter dagegen entscheidet, dann hat das nichts mit dem allgemeinen MES-Begriff zu tun. Die Anlehnung des Begriffs MOS an MOM scheint in diesem Zusammenhang ebenfalls darauf anzuspielen, dass ein MES nicht alle für eine Smart Factory relevanten Funktionen mitbringt. In der VDI-Richtlinie 5600 steht nur, dass ein MES bestimmte Aufgaben erfüllen soll – nicht, welche davon eine Lösung zu einem MES machen. Demzufolge ist das MOS keine geeignete Alternative zum MES.

Ein amerikanischer Dienstleister versteht unter der Abkürzung MOS ein Angebot für die Optimierung des Maintenance Prozess. In diesem Fall steht MOS für Manufacturing Operating System und meint ein Betriebssystem für die Fertigung zur Verbesserung der Instandhaltung. Diese Nutzung der Abkürzung MOS hat für die Fertigungs-IT als Ganzes weniger Bedeutung.

MEP – Manufacturing Execution Platform

Ein weiterer MES-Anbieter aus dem deutschsprachigen Raum adressierte mit der Abkürzung MEP für Manufacturing Execution Platform die Architektur der Fertigungs-IT. Ein offener Best-of-breed-Ansatz sollte demnach die Funktionsweise der Fertigungs-IT erweitern und ermöglichen, dass Anwendungen unterschiedlicher Anbieter miteinander kombiniert werden können. In einem Webshop konnten Anwender dafür aus einer Anzahl eigener Anwendungen auswählen. Die Offenheit der Plattform für andere Anbieter war zumindest zum Zeitpunkt der Ankündigung nicht erkennbar. An den Aufgaben einer solchen Software ändert sich dadurch nichts – die Smart Factory stellt hier gewisse Anforderungen. Eine moderne Plattformarchitektur reicht hier nicht aus. Vielmehr braucht es eine Plattform, die unabhängig von den eigentlichen Anwendungen für Interoperabilität sorgt. MPDV setzt hier beispielsweise auf die Manufacturing Integration Platform (MIP). Anbietern und Integratoren füllen die Plattform dann mit Leben.

Eine Plattformarchitektur ist für den MES-Begriff also lediglich die konsequente technologische Weiterführung, aber keine Alternative.

MOP – Manufacturing Operations Platform

Mit der Manufacturing Operations Platform (MOP) beschrieb ein weltweit tätiges Beratungshaus im Jahr 2022 das Big Picture der Fertigungs-IT neu. Dabei werden Schnittstellen-dominierte Szenarien aus MES, ERP und vielen anderen IT-Systemen mit Fertigungsbezug durch einen gemeinsamen Plattformansatz abgelöst, der die Infrastruktur zur Datenerfassung von der Verarbeitung der Daten in den Anwendungen trennt. Durch die Plattformarchitektur reduzieren sich die Schnittstellen zwischen den Systemen signifikant, da es nur noch eine Schnittstelle je System braucht – die zur Plattform. Ein Ansatz, der zukunftsfähig sein könnte. Jedoch bleibt die Umsetzung unklar. MOP steht also nicht Konkurrenz zum MES, sondern ist eher ein Konzept, das den modernen MES-Gedanken unterstützt.

Fertigungs-IT: egal wie, aber richtig

Es kommt also nicht darauf an, wie man die Fertigungs-IT nennt, sondern, ob sie die Aufgaben erfüllt, die sie in der Smart Factory zu leisten hat. Dabei wird eine geeignete Architektur immer wichtiger. Interoperabilität im Sinne einer Kombination von Anwendungen beliebiger Hersteller ist notwendig, um die Vielfalt an Anforderungen der Fertigungsindustrie langfristig erfüllen zu können. Daher ist eine Erweiterung des MES-Begriffs zu einem plattformbasierten Manufacturing Execution System wünschenswert.



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