Connected Worker für den Mittelstand: 35 Prozent weniger Stillstände bei Gazelle

0:000:00

Screenshot 2024 12 13 at 141024 1
Bild: Workerbase GmbH

In vielen Produktionsunternehmen ist das Potenzial in aktueller KI-Technologie noch unerschlossen. Als Ursachen gelten Fachkräftemangel, komplexe IT-Landschaften und hohe Investitionen. Doch ein wesentlicher Punkt wird oft übersehen: Digitalisierung wird oft in alten Maßstäben gedacht. Großprojekte, die Jahre dauern, hohe Investitionen erfordern und die Organisation massiv belasten, gelten als schmerzlich erlernter Standard. Wer mit diesem Verständnis auf neue Technologien blickt, sieht womöglich weniger Chancen als Risiken. Kleine und mittlere Betriebe haben zudem meist weder große IT-Abteilungen noch die finanziellen Reserven, um langwierige Projekte zu stemmen. Genau dies kann verhindern, das Potenzial künstlicher Intelligenz auszuschöpfen.

Alte Muster durchbrechen

Doch KI-Technologie bietet die Gelegenheit, sich von den Denkweisen klassischer IT-Projekte zu lösen. Viele dieser Systeme lassen sich schneller, iterativer und ohne jahrelange Planung einführen, als etwa ein ERP-System. Sie funktionieren oft im Kleinen wie im Großen, bewirken konkrete Verbesserungen und lassen sich Schritt für Schritt erweitern.

Fahrradhersteller setzt auf Workerbase

Ein Beispiel findet sich beim niederländischen Fahrradhersteller Gazelle. Dort kam es regelmäßig zu Stillständen an den Montagebändern mit rund 100 Arbeitsstationen. Ursachen wurden weder erfasst, noch systematisch dokumentiert, doch die gleichen Probleme traten immer wieder auf. Um hier entgegenzuwirken setzte das Unternehmen auf eine Connected-Worker-Plattform: Im Gegensatz zu einem Manufacturing Execution System, das oft näher an den Maschinen agiert, oder Kollaborationstools, die eher Kommunikation ermöglichen, können manche Connected-Worker-Systeme die gesamte Arbeit im Shopfloor orchestrieren helfen. Sie bündeln Aufgaben, Informationen und Kommunikationswege im Kontext und dienen zugleich als Wissensspeicher für die Beschäftigten. Bei Gazelle kommt die Software Workerbase zum Einsatz. Deren Grundlage ist ein Low-Code-Ansatz, mit dem sich Abläufe ohne hohen Programmieraufwand modellieren und ändern lassen. Unternehmen können diese Anwendungen eigenständig erweitern, ohne dafür große IT-Kapazitäten bereitstellen zu müssen.

Startschuss Use Case

Die Einführung bei Gazelle begann mit einem Use Case: der Erfassung und Auswertung von Bandstillständen. Die Projektbeteiligten von Workerbase banden die Steuerung des Montagebands an die Plattform an und statteten jede Station mit Tablets aus. Damit konnten Mitarbeitende das Band stoppen, Unterstützung anfordern und die Gründe für Unterbrechungen vor Ort erfassen. Support-Mitarbeitende erhielten parallel Benachrichtigungen auf Smartwatches und waren dadurch schneller und besser vorbereitet am Einsatzort. Ergänzt wurde dieser Ablauf durch digitale Andon-Systeme, die automatisch eskalierten, wenn keine Rückmeldung erfolgte.

Alle Daten liefen in Dashboards zusammen, um Ursachen, Dauer und Kontext der Stillstände sichtbar zu machen – von der Art des Fahrrads bis hin zu den jeweils betroffenen Arbeitsschritten. Zusätzlich stellten die Dashboards KI-gestützte Hilfe bereit, die Mitarbeitenden Handlungsempfehlungen ausgaben. Damit wurde das Prozesswissen systematisch verfügbar gemacht – mehr Beschäftigte konnten eigenständig Probleme beheben, was die Reaktionszeiten verkürzte. Die Implementierung erfolgte innerhalb weniger Tage, Schnittstellen zur eingesetzten SAP-Software wurden angebunden. Der Betrieb lief währenddessen weiter, Schulungsaufwand war kaum nötig, da die Bedienung eng an den gewohnten Abläufen orientiert war.

Dadurch reduzierte Gazelle die Stillstände um 35 Prozent und produzierte 3.500 zusätzliche Fahrräder pro Jahr. Ohne neue Anlagen oder zusätzliches Personal. Bereits nach drei Monaten hatte sich die Investition amortisiert.

3 Gazelle Stop Details Bildrechte Workerbase
Bild: Workerbase GmbH

Nicht die Technik war das Hindernis

Technische Integration ist in Zeiten von KI selten das größte Hindernis. Ob ein System angenommen wird, entscheidet sich vielmehr auf dem Shopfloor. Akzeptiert wird sie meist dann, wenn sie einen Wert liefert, etwa weniger Stillstände, einfachere Dokumentation oder schnellere Unterstützung. Software sollte zudem möglichst intuitiv bedienbar und Schulungen nur in geringem Umfang erforderlich sein. Starten Projekte mit Verbesserungen, kann dies den Arbeitsalltag erleichtern. Die Bereitschaft, Schritt für Schritt neue Prozesse zu übernehmen, wächst dann häufig.

Vom Piloten zur Plattform

Auch auf das Vorgehen kommt es an: klein anfangen, ausprobieren, anpassen, erweitern. Statt lange zu planen, können Projekte oft mit einem definierten Piloten beginnen. Sobald dieser Wirkung zeigt, lassen sich weitere Anwendungsfälle anschließen. KI ermöglicht es hier, im Vergleich zu klassischer Entwicklung mit hohem Programmieraufwand, Ergebnisse durch einfache Anweisungen zu erhalten. Dadurch bedarf es keiner keiner großen IT-Teams für Veränderungen. Jedoch sollten die Tools auf den Produktionsprozess und den Industriekontext abgestimmt sein.

Mehrwert sichtbar machen

Digitalisierung kann schnell einen Mehrwert bieten, wenn Einstiegshürden niedrig sind und Ergebnisse auch auf dem Shopfloor sofort sichtbar werden. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen gilt: Investitionen müssen sich lohnen, und zwar unmittelbar. Spüren Mitarbeitende, dass neue Systeme eine Hilfe sind, wächst die Akzeptanz.



  • Von neuen Einsatzfeldern bis zu KI

    Von neuen Einsatzfeldern bis zu KI

    Mit rund drei Millionen Einheiten hat der weltweite Bestand an Industrie-Robotern einen neuen Rekord erreicht. Die International Federation of Robotics nimmt 5 Trends in den Blick, die die Robotik im…

    mehr lesen: Von neuen Einsatzfeldern bis zu KI

  • Altsysteme Industrie 4.0-tauglich machen

    Altsysteme Industrie 4.0-tauglich machen

    In der Regel beginnen Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Produktion nicht auf der grünen Wiese. Viel eher geht es um die Umrüstung und Einbindung verschiedenster Legacy-Systeme in digitalisierte Workflows. Der…

    mehr lesen: Altsysteme Industrie 4.0-tauglich machen

  • Sven Mulder wird SAP Deutschland-Chef

    Sven Mulder wird SAP Deutschland-Chef

    SAP hat einen neuen Deutschland-Chef ernannt: Sven Mulder folgt mit Wirkung zum 1. März auf Alex Kläger.

    mehr lesen: Sven Mulder wird SAP Deutschland-Chef

  • Frans Scheper verantwortet EMEA-Geschäft bei Intel

    Frans Scheper verantwortet EMEA-Geschäft bei Intel

    Frans Scheper ist neuer General Manager und President EMEA beim Chip-Hersteller Intel. Er leitet somit das Gesamtgeschäft des Unternehmens in der Region.

    mehr lesen: Frans Scheper verantwortet EMEA-Geschäft bei Intel

  • Materialmangel verschärft sich wieder

    Materialmangel verschärft sich wieder

    Nach einer Entspannung im Januar, klagten im Februar wieder mehr Unternehmen über Probleme bei der Materialbeschaffung. Über alle Industriezweige hinweg berichten rund 75 Prozent von Engpässen.

    mehr lesen: Materialmangel verschärft sich wieder

  • Energiekosten stellen Industrie vor Probleme

    Energiekosten stellen Industrie vor Probleme

    Die steigenden Energiekosten beeinträchtigen die Produktion in Deutschland. So denkt laut einer Umfrage des BDI bereits ein Fünftel der Befragten über eine Verlagerung – etwa der Produktion – ins Ausland…

    mehr lesen: Energiekosten stellen Industrie vor Probleme

  • Künstliches Gehirn kommt mit einem einzigen Neuron aus

    Künstliches Gehirn kommt mit einem einzigen Neuron aus

    Neuronale Netze bestehen aus vielen einzelnen Neuronen. Forscher der TU Berlin haben nun ein solches Netz simuliert, dass mit nur einem einzigen Neuron auskommt. Damit könnte sich KI künftig besser…

    mehr lesen: Künstliches Gehirn kommt mit einem einzigen Neuron aus

  • Maschinenbauexporte fast wieder auf Vorkrisenniveau

    Maschinenbauexporte fast wieder auf Vorkrisenniveau

    Nach einem Exportrückgang im Jahr 2020 von 10,1 Prozent haben sich die deutschen Maschinenbauer dem Vorkrisenniveau wieder angenähert. Im vergangenen Jahr erreichten die Ausfuhren ein Plus von 9,8 Prozent.

    mehr lesen: Maschinenbauexporte fast wieder auf Vorkrisenniveau

  • Was Fertiger gegen Lieferengpässe tun

    Was Fertiger gegen Lieferengpässe tun

    Engpässe in der Lieferkette sind derzeit ein Problem für Industrieunternehmen. Eine Studie von Reichelt Elektronik zeigt, dass sich die Lage weiter verschärft hat.

    mehr lesen: Was Fertiger gegen Lieferengpässe tun

  • Enno Scharphuis neu im Fachverbandsvorstand

    Enno Scharphuis neu im Fachverbandsvorstand

    Der VDMA Fachverband Robotik + Automation hat mit Enno Scharphuis ein neues Vorstandsmitglied. Er folgt auf Johannes Linden.

    mehr lesen: Enno Scharphuis neu im Fachverbandsvorstand

  • Quantencomputing für den digitalen Zwilling

    Quantencomputing für den digitalen Zwilling

    Mit dem Forschungsprojekt ’Quasim’ verfolgen das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen und ihre Konsortialpartner das Ziel, Fertigungssimulationen wie etwa den digitalen Zwilling mithilfe von Quantencomputing zu beschleunigen und dadurch…

    mehr lesen: Quantencomputing für den digitalen Zwilling

  • Andreas Reif wird CFO bei Auvesy-MDT

    Andreas Reif wird CFO bei Auvesy-MDT

    Auvesy-MDT hat sein Management-Team erweitert und seit Jahresanfang mit Andreas Reif einen neuen CFO.

    mehr lesen: Andreas Reif wird CFO bei Auvesy-MDT