KI-Analysen erklären mit Azure OpenAI: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Bislang unentdeckte Zusammenhänge erkennen - das soll künstliche Intelligenz in Zukunft leisten können.
Bislang unentdeckte Zusammenhänge erkennen – das soll künstliche Intelligenz in Zukunft leisten können. – Bild: ©Gorodenkoff/iStockphoto.com

‚Der Sicherheitsbestand von Artikel X sollte um 20 Prozent gesenkt werden.‘ – Empfehlungen eines KI-Algorithmus können die Lagerhaltung verschlanken und die Kapitalbindung verringern. Dennoch sehen sich Lagerverantwortliche in solchen Situationen der Herausforderung gegenüber, den Empfehlungen der Maschine quasi blind vertrauen zu müssen. In der Praxis ist dies für viele eine Hemmschwelle – zumal nicht zuletzt geschäftskritische Eigenschaften wie die Lieferfähigkeit von entsprechenden Anpassungen abhängen können. Abhilfe für dieses Dilemma verspricht nun ausgerechnet eine weitere intelligente Technologie: Generative Künstliche Intelligenz – beispielsweise auf Basis der Microsoft-Komponente Azure OpenAI – lässt sich in die Lage versetzen, die Faktoren zu benennen, die einer Entscheidung des Algorithmus zugrunde liegen bzw. sie maßgeblich beeinflusst haben. So erhalten Verantwortliche Begründungen und Hinweise, wie bestimmte Ergebnisse zustande kamen.

Pläuschchen mit den Daten

Das Potenzial generativer KI für die Auswertung von Datenanalysen steht bei verschiedenen Herstellern bereits seit geraumer Zeit im Fokus. So hat etwa Microsoft seinen Copilot um die Fähigkeit erweitert, Auswertungen von BI-Analysen mittels natürlicher Sprache zu kommunizieren. Im Austausch mit dem User lassen sich beispielsweise Diagramme erstellen oder der Fokus auf bestimmte Merkmale des Datensatzes legen. Darauf aufbauend arbeitet das Microsoft-Partnerunternehmen BE-terna aktuell an verschiedenen Pilotprojekten, um die Erklärungsfähigkeit von Azure OpenAI dazu zu nutzen, über die deskriptive Beschreibung der Ergebnisse hinaus auch Erkenntnisse zu deren Entstehung zu vermitteln. Auf die Frage: ‚Die KI empfiehlt im Mai eine unerwartet hohe Aufstockung des Lagerbestands von Produkt X. Woher kommt das?‘ könnte die Erklärung der KI dann lauten: ‚Im Hochsommer kam es in der Vergangenheit bereits oft zu Engpässen bei der Bevorratung von Produkt X, sowie bei ähnlichen Produkten. Daher hat die KI-Analyse empfohlen, den Lagerbestand jetzt zu erhöhen.‘

Auf dem Boden der Tatsachen

Immer wieder kursieren Beispiele durch die Medien, die zeigen, dass es generative KI-Modelle mit Realitätsnähe oder Fakten nicht so genau nehmen: ‚Wie lässt sich verhindern, dass der Pizzabelag vom Teig rutscht?‘ – ‚Mischen Sie einfach etwas Klebstoff in die Tomatensoße!‘ Wirft man einen Blick hinter die Kulissen der Technologie, sind Antworten wie diese wenig verwunderlich. Large Language Models generieren ihre Texte, indem sie nach jedem Wort ermitteln, welches nächste Wort im Kontext der Frage des Users am wahrscheinlichsten folgt. Die faktische Genauigkeit ist bei diesem Vorgehen zunächst zweitrangig. Wie lässt sich vermeiden, dass eine tatsächlich fehlerhafte KI-Analyse durch ein potenziell halluzinierendes Sprachmodell ‚erklärt‘ wird? Zu diesem Zweck kommt in der Praxis das sogenannte Grounding zum Einsatz, welches das Antwortspektrum einer generativen KI in einem bestimmten Fakten- oder Datenpool verankert und damit die Antwort des Sprachmodells in besonderer Weise an diesen Input knüpft. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Antworten des Sprachmodells auch faktisch zutreffend sind, um ein Vielfaches. Das Risiko von Halluzinationen sinkt.

KI auf die richtige Fährte führen

Ein Grounding kann mit der Methode ‚Retrieval-Augmented Generation‘ (RAG) umgesetzt werden. Dabei wird die eigentlich vom User gestellte Frage (Prompt) nicht unmittelbar an das Sprachmodell zur Beantwortung weitergegeben, sondern zuvor im Hintergrund – unsichtbar für die Anwenderin oder den Anwender – durch ein neues ‚Hidden Prompt‘ ersetzt, das die ursprüngliche Anfrage erweitert und das Sprachmodell durch zusätzliche Daten und Quellen auf die richtige Fährte führt. Aus der User-Frage ‚Woher kommt der Einbruch der Absatzzahlen im März?‘ wird so im Hintergrund etwa: ‚Generiere eine Antwort auf die Frage: ‚Woher kommt der Einbruch der Absatzzahlen im März?‘ Benutze für deine Antwort ausschließlich folgende Quellen: […] Sollte sich die Frage auf Basis dieser Quellen nicht beantworten lassen, gib diese Tatsache als Rückmeldung aus.‘ Welche Quellen erforderlich sind, um die Frage korrekt zu beantworten, muss im Praxiseinsatz automatisiert in Echtzeit ermittelt werden. Hierzu kommt eine zwischengeschaltete Software zum Einsatz, die Retrieval Function. Sie ermittelt mit Vektordarstellungen (den Embeddings) aller vorhandenen Informationen im Input-Fundus, welche davon besondere inhaltliche Nähe zur Frage aufweisen und daher wahrscheinlich zur Beantwortung hilfreich sein könnten.

Dokumentationen und Einflussfaktoren als Input

Um nun die Ergebnisse einer zuvor ausgeführten KI-Analyse – etwa zum Lagerbestand – zu erklären, ist spezifischer Input erforderlich: Neben der Dokumentation des jeweiligen Datenmodells sollten dabei vor allem die Parameter und Ergebnisse des KI- oder ML-Algorithmus mit übergeben werden, der den Forecast erstellt hat. Auf diese Weise kann das Sprachmodell Rückschlüsse über die Mechanismen ziehen, durch die der Algorithmus auf der Basis von Daten zu Ergebnissen kommt. Hierbei spielt die Feature Importance eine wichtige Rolle: Machine-Learning-Algorithmen können Parameter zurückgeben, die beschreiben, wie wichtig die Rolle einzelner Faktoren für die Ergebnisse des Modells waren. Auf Basis solcher Feature-Importance-Scores wäre die KI beispielsweise in der Lage, die Faktoren zu benennen, die ein bestimmtes Ergebnis maßgeblich beeinflusst haben: ‚Das Wetter fiel im untersuchten Monat deutlich stärker ins Gewicht als die Feiertage, die hier kaum eine Rolle spielten.‘ Schließlich ließen sich auch externe Quellen wie Nachrichtenseiten als Input für die Erklärung der Analyse hinzufügen. Sie verbreitern den Horizont des Sprachmodells und versetzen es in die Lage, etwa für die Erklärung eines Lieferengpasses auch auf eine hierfür relevante Lieferkettenunterbrechung aufgrund der aktuellen Lage hinzuweisen, wenn darüber auf der Nachrichtenseite berichtet wurde.

Horizont erweitern

Gestützt auf Informationen wie diese wird generative KI schon bald in der Lage sein, Kontext zur Entstehung von KI-Ergebnissen und -Empfehlungen zu liefern – und Produktionsverantwortlichen somit Einblicke in die Black Box der Algorithmen zu gewähren. Gerade bei unrealistisch erscheinendem Output können Herleitungen oder Begründungen hilfreich sein, um neben der detaillierten grafischen Aufbereitung die Stichhaltigkeit der KI-Analyse prüfen zu können, anstatt sie mangels Nachvollziehbarkeit ignorieren zu müssen. Genau dies sind die Szenarien, in denen künstliche Intelligenz ihre Vorteile ausspielen kann: bislang unentdeckte Zusammenhänge erkennen. Doch zugehört wird meist nur dem, der eine neue Erkenntnis gut begründen kann. Das gilt für Menschen wie für künstliche Intelligenzen. Der Autor Fabio Eupen ist Data Scientist bei der BE-terna GmbH.



  • Ein Motorrad fürs Wasserstoffzeitalter

    Ein Motorrad fürs Wasserstoffzeitalter

    Ein deutsch-tschechisches Konsortium aus Forschungseinrichtungen und Unternehmen arbeitet im Projekt Hydrocycle an einem Wasserstoff-Motorrad. Unter anderem wollen die Partner einen neuartigen Brennstoffzellenstack entwickeln

    mehr lesen: Ein Motorrad fürs Wasserstoffzeitalter

  • Verbände üben Kritik am AI Act

    Verbände üben Kritik am AI Act

    Regeln für künstliche Intelligenz Verbände üben Kritik am AI Act In dieser Woche wird Deutschland voraussichtlich grünes Licht für den aktuellen Entwurf des EU AI Acts geben. Verbände äußern jedoch…

    mehr lesen: Verbände üben Kritik am AI Act

  • Hesthaven neuer KIT-Präsident

    Hesthaven neuer KIT-Präsident

    Jan S. Hesthaven folgt auf Holger Hanselka Hesthaven neuer KIT-Präsident Prof. Jan S. Hesthaven wird neuer Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie. Er folgt auf Prof. Holger Hanselka, der Mitte…

    mehr lesen: Hesthaven neuer KIT-Präsident

  • Nostradamus arbeitet an europäischer Quanten-Testinfrastruktur

    Nostradamus arbeitet an europäischer Quanten-Testinfrastruktur

    Kommunikationsnetz mit Quantenverschlüsselung Nostradamus arbeitet an europäischer Quanten-Testinfrastruktur Ein von der Telekom geführtes Konsortium verantwortet den Aufbau von Quanten-Testinfrastruktur für Europa. Die Europäische Union will damit die Sicherheit ihrer Kommunikationsnetze,…

    mehr lesen: Nostradamus arbeitet an europäischer Quanten-Testinfrastruktur

  • Unternehmen ziehen gemischte LkSG-Bilanz

    Unternehmen ziehen gemischte LkSG-Bilanz

    Ein Jahr Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz Unternehmen ziehen gemischte LkSG-Bilanz Eine Studie von IntegrityNext zeigt, dass Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitenden eine mäßig positive Bilanz nach dem ersten Jahr des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) ziehen. Als…

    mehr lesen: Unternehmen ziehen gemischte LkSG-Bilanz

  • Umati eröffnet Showroom in China

    Umati eröffnet Showroom in China

    Ab sofort können sich Interessierte auch in China live von den Vorteilen offener, standardisierter Schnittstellen auf Basis von OPC UA überzeugen und Umati besser kennenlernen. Die gemeinsame Konnektivitätsinitiative von VDW…

    mehr lesen: Umati eröffnet Showroom in China

  • Vagner Rego wird neuer Chef von Atlas Copco

    Vagner Rego wird neuer Chef von Atlas Copco

    Ab Mai in neuer Position Vagner Rego wird neuer Chef von Atlas Copco Zum 1. Mai übernimmt der Brasilianer Vagner Rego beim schwedischen Industriekonzern Atlas Copco die Position des Präsidenten…

    mehr lesen: Vagner Rego wird neuer Chef von Atlas Copco

  • Mehr Sicherheit für 5G/6G-Infrastrukturen

    Mehr Sicherheit für 5G/6G-Infrastrukturen

    Forschungsprojekt RealSec5G Mehr Sicherheit für 5G/6G-Infrastrukturen Im Projekt ’RealSec5G’ sollen die Anforderungen der Datensicherheit in Kommunikationsgeräten für 5G/6G-Infrastrukturen in einem deterministischen Time-Sensitive-Netzwerk (TSN) erprobt werden. Im Projekt konzipiert das Fraunhofer-Institut…

    mehr lesen: Mehr Sicherheit für 5G/6G-Infrastrukturen

  • Synostik stellt Geschäftsführer Maik Ekert vor

    Synostik stellt Geschäftsführer Maik Ekert vor

    Mit sofortiger Wirkung Synostik stellt Geschäftsführer Maik Ekert vor Der IT-Dienstleister Synostik gibt Veränderungen in der Führungsebene bekannt und hat Maik Ekert mit sofortiger Wirkung zum Geschäftsführer ernannt.

    mehr lesen: Synostik stellt Geschäftsführer Maik Ekert vor

  • Aleph Alpha erweitert Führungsteam

    Aleph Alpha erweitert Führungsteam

    Jan Hiesserich ist neuer Vice President of Strategy & Communications bei Aleph Alpha. Er kommt vom US-Datenanalyse-Spezialisten Palantir Technologies zum Heidelberger KI-Startup.

    mehr lesen: Aleph Alpha erweitert Führungsteam

  • Fabian Kuttenkeuler leitet Vertrieb

    Fabian Kuttenkeuler leitet Vertrieb

    Wechsel bei Kontron Electronics Fabian Kuttenkeuler leitet Vertrieb Kontron Electronics hat einen neuen Vertriebsleiter. Fabian Kuttenkeuler übernimmt das Amt von Franz Ott, der neuer Business Development Manager des Unternehmens wird.

    mehr lesen: Fabian Kuttenkeuler leitet Vertrieb

  • KI und Hochleistungscomputer beschleunigen Forschung

    KI und Hochleistungscomputer beschleunigen Forschung

    Materialwissenschaft KI und Hochleistungscomputer beschleunigen Forschung Forschende gehen davon aus, ihre Arbeit mit einer Kombination aus künstlicher Intelligenz (KI) und Cloud Computing auf ein Tempo beschleunigen zu können, das bis…

    mehr lesen: KI und Hochleistungscomputer beschleunigen Forschung