So wird ein ERP-System auf Low-Code-Basis implementiert

480678
Bild: Zero_wing/stock.adobe.com

Im ersten Schritt müssen sich Firmen sich über den Bedarf eines neuen ERP-Systems bewusst werden. Ohne klares Statement für eine Implementierung dürfte das Projekt von Anfang an schlingern. Sind Firmen entschieden, müssen sie sich über Zeitaufwand, Personal und Geld Gedanken machen und genügend davon bereitstellen. Auch mit Low-Code ist ein ERP-System nicht in einer Woche realisiert. Jetzt sollten sich die Unternehmen überlegen, ob sie lieber den klassischen Weg oder einen neuen wählen wollen. Der klassische Weg sieht so aus, sich etablierte Branchensoftware anzuschauen und Angebote einzuholen. Low-Code-basierte Systeme sind als Alternative zu dem klassischen Weg zu verstehen. Viele neue ERP-Systeme können in der Cloud betrieben werden, die meisten auch oder nur On-Premise. Bevor die Einführung beginnt, sollten realistische und messbare Ziele festgelegt werden. Wenn alle Beteiligten verstehen, was mit der Implementierung erreicht werden soll, steigen die Erfolgschancen des Projekts. Eckpunkte, Meilensteine und Erwartungen an die neue Software sind zu dokumentieren. In der Regel entsteht hier das Lastenheft.

Sven Luettgens 2
Bild: Gebra-IT GmbH

Key-User und Verantwortungsbereiche

Bevor die Gespräche mit einzelnen Systemanbietern beginnen, sollten Personengruppen im eigenen Unternehmen definiert sein. Zum einen sind das die sogenannten Key-User, mit denen das Projekt auf Seite der Anwenderfirma umgesetzt wird. Diese sollten nicht nur aus der IT-Abteilung kommen, sondern aus verschiedenen Abteilungen. So wird das neue System meist besser akzeptiert. Zum anderen legen Projektmanager die verantwortlichen Personen und die Entscheidungsträger fest. Ein Lenkungskreis aus Projektleitern, Abteilungsleitern und Geschäftsführung hat sich vielfach bewährt. Diese Personen sind dafür da, den Blick auf das ganze Projekt zu haben.

Der Auswahlprozess

Jetzt startet meistens die Evaluierungsphase. Je nachdem, ob Firmen sich für ein klassisches oder ein Low-Code-basiertes System entschieden haben, trennt sich hier der Auswahlprozess. Es gibt viele Anbieter von Standardsoftware für ERP, auf spezifische Branchen zugeschnittene Systeme schon viel weniger. ERP-Software auf Basis von Low-Code-Entwicklung ist – Stand heute – noch recht selten. Wenn Firmen unsicher sind, welchen Weg sie gehen wollen, können sie Vertreter beider Varianten zum Gespräch einladen, um sich ein besseres Bild zu verschaffen. Der Anbieter der Wahl sollte qualitativ hochwertige Software im Gepäck haben und die nötige Erfahrung, um die Implementierung des Systems erfolgreich zu unterstützen. Eine ERP-Einführung oder Umstellung ist ein Projekt, das enge Zusammenarbeit zwischen dem Hersteller und seinem Integrator erfordert, auch nach dem Go-Live. Vertrauen ist eine Voraussetzung.

Workshops und Prozessbilder

Nach dieser Phase kommen in der Regel nur noch eine Handvoll Systemlieferanten in Frage. Diese sollten nun im Rahmen eines Workshops beim Anwender ihr ERP- und Projekt-Knowhow beweisen. Dabei wird oft eine detaillierte Bestandsaufnahme erstellt, die Prozesse aufgedeckt, die aktuelle Situation definiert und das mögliche künftige ERP-System skizziert. Je nach Anbieter können Unternehmen einen Proof für den Testprozess anfragen. Das erstellte Lastenheft hilft an dieser Stelle zu erkennen, wie gut definierte Anforderungen, Meilensteine und Erwartungen zum Anbieter passen. Als Ergebnis eines solchen Workshops, der je nach Größe des Unternehmens und Zahl der Prozesse durchaus zwei bis zehn Tage dauern kann, erstellen Anwender und Anbieter gemeinsam ein Sollkonzept, das im Projekt als Leitplanke dienen wird. Der Softwarelieferant sieht jetzt konkret, welcher Bedarf vorhanden ist, welche Prozesse neu gestaltet oder umgebaut werden müssen und welche unangetastet bleiben. Am Ende dieser Phase sollten Unternehmen ein konkretes Angebot in den Händen halten.

Der Vertragsabschluss

Liegen alle erforderlichen Informationen inklusive eines Angebots vor, kennen die Auftraggeber die Anbieter und deren ERP-Systeme sowie Methoden in der Regel schon sehr gut. Auf dieser Basis fällen Firmen die Entscheidung, wer den Zuschlag erhält. An dieser Stelle geht der Autor davon aus, dass ein ERP-System auf Basis von Low-Code eingeführt werden soll. Die folgend skizzierte Projektumsetzung weicht daher von einer typischen Implementierung ab.

Wasserfall vs. agile Methoden

Die klassische Softwareentwicklung folgt dem Wasserfall-Prinzip. Bei der Wasserfall-Methodik wird ein konkreter, langfristiger Plan mit einzelnen, festgelegten Sequenzen erstellt. Dazu wird ein Projekt in Stufen unterteilt. Erst wenn eine Stufe abgeschlossen ist, folgt die nächste. Dabei wird zu Anfang ein Konzept für die neue ERP-Software geschaffen und bereits festgelegt, wie sie am Ende aussehen soll. Das Modell bringt eine hohe Planungssicherheit mit sich, hat aber einen gravierenden Nachteil: Da der geplante Ablauf fest eingehalten wird, zeigen sich Fehler in der Umsetzung erst gehäuft am Ende des Projektes. Fehler so spät zu korrigieren ist zeitintensiver und teurer als in früheren Projektphasen. Als Alternative wird oft die agile Methode angewendet. Im Unterschied zum Wasserfall-Projekt, bei dem von vorneherein das Ergebnis feststeht, werden bei einem agilen Projekt die Teilergebnisse in jedem Sprint neu festgelegt. Das Gesamtergebnis kann sich über die Zeit verändern. Jeder Softwareteil wird direkt nach der Fertigstellung in Betrieb genommen. Die agile Methode bedeutet weniger Planbarkeit und Kontrolle. Deshalb verbinden heutzutage einige Anbieter die beiden Modelle miteinander. Sie ergänzen das planbarere Wasserfall-Modell um agile Projektmanagement-Methoden. Dabei bilden Punkte des Wasserfall-Modells Meilensteine, die sozusagen als Nordstern dienen. Detailpunkte werden agil in Produkt-Backlogs, Zwei-Wochen Sprints mit Überprüfung der Ergebnisse usw. umgesetzt. Unternehmen sollten sich von dem Ansatz ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ verabschieden und moderne Methoden bei der Projektumsetzung zulassen.

Zusammenbau des neuen ERP-Systems

Mit Low-Code-Technologie wird das ERP-System speziell für das jeweilige Unternehmen ‚zusammengebaut‘ beziehungsweise konfiguriert. Dazu greifen die Projektbeteiligten zunächst auf ein Basis-Set an fertig konfigurierten Prozessbausteinen zurück. In diesen spiegelt sich die ERP-Erfahrung des Systemanbieters wider. Die Bausteine können mehrere Schritte beinhalten, wie den Druck eines DHL-Labels als Prozess oder ganze Module, wie den Rechnungsdruck. Die Summe der fertigen Prozesse in unterschiedlichen Detailgraden ist als Base-Template oder Prozess-Baukasten zu verstehen. Im Projekt erfolgt dann die Anbindung an bereits vorhandene Systeme und Anwendungen. Grundsätzlich können Unternehmen viele dieser Tools auch ablösen, wenn sie die Prozesse über den Low-Code-Ansatz ins neue ERP-System integrieren. Wichtig ist an dieser Stelle auch die Datenmigration aus Alt-Systemen. Denn jetzt besteht für Unternehmen die Chance, ihre Daten im Rahmen der Migration zu bereinigen und Altlasten loszuwerden. Dieser Prozess ist hinsichtlich seiner Bedeutung und seines Zeitaufwands nicht zu unterschätzen.

Seiten: 1 2



  • Bechtle ernennt Marijke Kasius zur Vice President

    Bechtle ernennt Marijke Kasius zur Vice President

    Neue Position in den Niederlanden Bechtle ernennt Marijke Kasius zur Vice President Das IT-Systemhaus Bechtle verändert die Führungsstruktur und beruft Marijke Kasius zur Vice President für die Bechtle-Unternehmen in den…

    mehr lesen: Bechtle ernennt Marijke Kasius zur Vice President

  • VDMA zeichnet Nachwuchstalente aus

    VDMA zeichnet Nachwuchstalente aus

    Nachwuchspreis ’Digitalisierung im Maschinenbau’ VDMA zeichnet Nachwuchstalente aus 30 Absolventinnen und Absolventen von Deutschen Hochschulen waren für den Nachwuchspreis ’Digitalisierung im Maschinenbau’ nominiert. Vier von ihnen wurden nun für ihre…

    mehr lesen: VDMA zeichnet Nachwuchstalente aus

  • Ransomware-Gruppe BlackCat setzt Opfer mit Vorschriften unter Druck

    Ransomware-Gruppe BlackCat setzt Opfer mit Vorschriften unter Druck

    Kommentar von Martin J. Krämer, KnowBe4 Ransomware-Gruppe BlackCat setzt Opfer mit Vorschriften unter Druck Jüngste Ereignisse zeigen, dass Cyberkriminelle nicht nur über technisches Knowhow verfügen, sondern auch über ein grundlegendes…

    mehr lesen: Ransomware-Gruppe BlackCat setzt Opfer mit Vorschriften unter Druck

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Was Lernfabriken zur Weiterbildung beitragen

    Was Lernfabriken zur Weiterbildung beitragen

    Fachkräfte für die Industrie 4.0 Was Lernfabriken zur Weiterbildung beitragen Was können sogenannte Lernfabriken 4.0 für die Weiterbildung von Fachkräften leisten? Sehr viel – wenn Lehrkonzepte und Rahmenbedingungen stimmen. Zu…

    mehr lesen: Was Lernfabriken zur Weiterbildung beitragen

  • Das Online- und Präsenz-Lernen verzahnen

    Das Online- und Präsenz-Lernen verzahnen

    Blended Learning Das Online- und Präsenz-Lernen verzahnen Viele Unternehmen nutzen inzwischen die Digitaltechnik, um sogenannte Blended-Learning-Konzepte in ihrer Organisation zu realisieren – auch weil diese Lernform den Erwartungen der Angehörigen…

    mehr lesen: Das Online- und Präsenz-Lernen verzahnen

  • Studie: Carbon Capture and Storage in Industrieprozessen

    Studie: Carbon Capture and Storage in Industrieprozessen

    CO2-Emissionen einlagern Studie: Carbon Capture and Storage in Industrieprozessen Technologien zum Abtrennen und Speichern von CO2 (CCS) waren vor einigen Jahren für Kohlekraftwerke im Gespräch – stießen aber auf massiven…

    mehr lesen: Studie: Carbon Capture and Storage in Industrieprozessen

  • Geschäftsklima in der Autoindustrie kühlt ab

    Geschäftsklima in der Autoindustrie kühlt ab

    Zahlen des Ifo Instituts Geschäftsklima in der Autoindustrie kühlt ab Im Juni 2023 ist Stimmung der Automobilindustrie deutlich eingebrochen. Und nach Angaben des Ifo Instituts hat sich dieses Niveau bis…

    mehr lesen: Geschäftsklima in der Autoindustrie kühlt ab

  • Forschungsausgaben im Maschinenbau auf Rekordwert

    Forschungsausgaben im Maschinenbau auf Rekordwert

    Forschung- und Entwicklung Forschungsausgaben im Maschinenbau auf Rekordwert Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland hat im Jahr 2022 knapp 8,7Mrd.€ für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Das war eine Steigerung von…

    mehr lesen: Forschungsausgaben im Maschinenbau auf Rekordwert

  • Michael Pieper wird XPLM-Geschäftsführer

    Michael Pieper wird XPLM-Geschäftsführer

    Karl Wachtel übergibt Unternehmensführung Michael Pieper wird XPLM-Geschäftsführer Karl Wachtel hat die Führung des PLM-Spezialisten XPLM übergeben. Seit November leitet Michael Pieper die Geschicke des Dresdner Unternehmens.

    mehr lesen: Michael Pieper wird XPLM-Geschäftsführer

  • Industrie steigert Investitionen in Klimaschutz

    Industrie steigert Investitionen in Klimaschutz

    Plus 74 Prozent in 10 Jahren Industrie steigert Investitionen in Klimaschutz Etwas mehr als 4Mrd.€ hat die deutsche Industrie im Jahr 2021 im Bereich Klimaschutz investiert. Wie das Statistische Bundesamt…

    mehr lesen: Industrie steigert Investitionen in Klimaschutz

  • Starkes Netzwerk in unsicheren Zeiten

    Starkes Netzwerk in unsicheren Zeiten

    Die SPS in Nürnberg ist der Branchentreff für Automatisierer. Welche Trends dabei in diesem Jahr hervorstechen und was Besucher darüber hinaus erwarten können, berichtet Silke Schulz-Metzner, Vice President SPS beim…

    mehr lesen: Starkes Netzwerk in unsicheren Zeiten