In sieben Schritten zum digitalen Produktpass

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Digitale Produktpässe (DPPs) sollen bis 2030 EU-weit eingeführt werden und für alle in der EU tätigen Unternehmen verpflichtend sein. Ein DPP als Instrument der Circular-Economy sammelt und teilt Informationen über die Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts und schafft damit Transparenz. Laut Institut der deutschen Wirtschaft haben zwar etwa zwei Drittel der Unternehmen entsprechende Produktdaten in digitaler Form vorliegen. Aber nur ein Drittel ist in der Lage, diese effizient zu nutzen. Außerdem stellt nur etwa die Hälfte der Unternehmen ihren Kunden, Lieferanten oder anderen Partnern digitale Produktdaten bereit, und dann oft nicht standardisiert. Genau diese braucht es aber, um einen DPP ausfüllen zu können.

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Bild: Alexander Appel, Manager Sustainability & Mobility, MHP Management- und IT-Beratung GmbH

Nachholbedarf in der DACH-Region

Und laut aktuellem Industrie 4.0-Barometer der Managementberatung MHP und der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt sich weiterer Nachholbedarf in der DACH-Region: Demnach haben 80 Prozent der Befragten aus Ländern wie China, USA, UK und Indien angeben, bereits heute partiell oder vollständig in der Lage zu sein, sowohl Einzelteile als auch Endprodukte zu orten. In Deutschland, Österreich und Schweiz sind es trotz eines kontinuierlichen Aufwärtstrends 53 Prozent. Ein Grund dafür kann auf gewachsene IT-/OT-Landschaften zurückgeführt werden. Unternehmen in der DACH-Region sind etwa noch damit beschäftigt, bestehende Systeme zu integrieren und ältere Strukturen zu modernisieren. Gleichzeitig stehen sie stärker als internationale Wettbewerber unter regulatorischem Druck und verfügen zusätzlich oft noch nicht über die notwendige durchgängige Datenbasis.

Nutzen sichtbar machen

Firmen, die mindestens eine zirkuläre Strategie im Sinne der Kreislaufwirtschaft verfolgen, sind laut eines Reports des Instituts der deutschen Wirtschaft erfolgreicher als diejenigen, die das (noch) nicht tun. Ein Beispiel ist die Möglichkeit zur Nachverfolgung von Produkten und Ressourcen. Unternehmen, die ihre Lieferketten in Echtzeit überwachen gelten als resilienter gegenüber schwankenden Märkten und unvorhersehbaren Störungen. Folglich investieren viele Unternehmen verstärkt in solche Systeme.

Um Traceability als Standard weiter zu etablieren, ist es wichtig, auch den praktischen Nutzen von DPPs sichtbar zu machen. So entsteht durch den übergreifenden Blick auf ein Produkt auf der einen Seite die Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Produkte und Produktion zu verbessern, Materialkreisläufe zu optimieren und Lieferanten besser auszuwählen. Auf der anderen Seite können Konsumenten die Daten für ihre Kaufentscheidung nutzen, Zulieferer wiederum als Verkaufsargument, Reparaturunternehmen, um die Produktnutzungsdauer zu verlängern, und Verwertungs- und Recyclingunternehmen für den Produkt-End-of-Life.

Wissen und Klarheit schaffen

Voraussetzung ist, sich Klarheit über die (regulatorischen) Anforderungen zu schaffen. IT-seitig gilt es, ein standardisiertes Datenmanagement umzusetzen. Unternehmen müssen Daten aus diversen Quellsystemen zusammenführen, aggregieren und dann nutzerzentriert bereitstellen. Dazu gehören neben Produktname und -produzent, Eigenschaften und Herstellungsort auch Materialstammdaten, Daten zur Materialzusammensetzung, Nachhaltigkeitsdaten wie CO2-Emissionen, Verwertungsdaten wie Demontageanleitungen, Reparaturmöglichkeiten, die Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Sicherheitsinformationen oder Daten zur korrekten Entsorgung des Produkts.

Sieben Schritte

Um mit der Umsetzung eines digitalen Produktpasses zu beginnen, können Unternehmen in sieben Stufen vorgehen. Auf der ersten Stufe werden aktuelle und zukünftige relevante gesetzliche Anforderungen analysiert und daraus funktionale und nicht-funktionale Anforderungen für den digitalen Produktpass abgeleitet. Anschließend geht es darum, Datenbedarfe für relevante Nutzergruppen zu identifizieren. Dafür bieten sich Interviews, User Journeys oder zu testende Hypothesen an. Anhand von Use Cases können potenzielle Auswirkungen auf den Business Case betrachtet und über die Nutzergruppen validiert werden. Die nächste Stufe umfasst die Konzeption des Zielzustands. Dafür werden ein Datenmodell, eine Architektur sowie nutzerfreundliche User Interfaces erstellt. Aus den vorhandenen Datenquellen und Attributen ergibt sich eine geeignete Umsetzungsumgebung.

Strukturiertes Vorgehen

Eine weitere Stufe ist die Pilotierung – eine mehrstufige technische Erprobung. Dabei werden verschiedene Datenquellen eingebunden und Daten aggregiert, sowie qualitativ und quantitativ verschiedene Ansätze und Technologien verglichen. Ausgehend von den Ergebnissen können Unternehmen den digitalen Produktpass zielgerichtet technisch weiterentwickeln, diesen in ihre IT-Infrastruktur einbetten und ersten Nutzergruppen zur Verfügung stellen. In der nächsten Stufe empfiehlt es sich, eine Roadmap zur Skalierung ihres digitalen Produktpasses zu entwickeln. Dazu werden relevante Plattformen, Konsortien und übergreifende Partner identifiziert. In diesem Zuge ist es sinnvoll, weitere Use Cases für den Einsatz eines digitalen Produktpasses zu analysieren und die entstehenden Potenziale zur Optimierung von Business Cases zu nutzen. In der letzten Stufe sollten Unternehmen ein geeignetes langfristiges Betriebsmodell finden – ob auf eigener Infrastruktur, auf Cloud-Plattformen oder bei Drittanbietern. Durchgängiges Reporting und kontinuierliche Verbesserungsprozesse helfen beim Betrieb.

Datenpunkte zentral managen

Produktlebenszyklusdaten über die verschiedenen Akteure hinweg strukturiert zu erfassen und verwalten, ist für Unternehmen die Pflicht. Die Kür ist der Aufbau einer zentralen Datenplattform mit allen für die Compliance relevanten Datenpunkten. Nachhaltigkeit benötigt ein datenbasiertes, vernetztes Modell, das automatisierte und skalierbare Bewertungs- und Berichterstattungsprozesse ermöglicht. Das reduziert den manuellen Aufwand und erleichtert den Umgang mit regulatorischen Vorgaben. Gleichzeitig können Unternehmen steigende Erwartungen seitens Investoren, Kunden und Mitarbeitern erfüllen sowie eine verlässige Entscheidungsgrundlage für Einkauf, Produktion und Strategie schaffen. Damit das Realität wird, müssen Nachhaltigkeit, IT und Compliance gemeinsam handeln.

Hier sollten Unternehmen darauf achten, dass Plattformen Daten über Fachbereiche hinweg harmonisieren, Transparenz über Dashboards, KPI-Tracking und automatisierte Alerts bieten sowie die Möglichkeit beinhalten, Audits zu erstellen und Reportings anzubinden. Zudem kann KI-Unterstützung dabei helfen, Emissionen vorherzusagen, Risiken in der Lieferkette zu erkennen, Ziele zu simulieren und Maßnahmen vorzuschlagen beziehungsweise Entscheidungen zu treffen.

Der Weg zum Zero Impact Product

Das langfristige Ziel sollten sogenannte Zero Impact Products sein – Produkte ohne negative Umweltauswirkungen. Um dies zu erreichen, müssen vor allem sogenannte ‚Scope-3-Emissionen‘ berechnet werden, die bei Industrieunternehmen schnell mehr als 80 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen können. Außerdem bedarf es der Betrachtung des Product Environmental Footprint (PEF) bzw. in einer Spezifikation den Product Carbon Footprint (PDF). Eine zentrale Datenplattform kann hier unterstützen.