Wie Blasformtechnik datengetrieben optimiert wird

Spiral Distribution DieZeichnung
Bild: Ianus Simulation GmbH

Extrusionsblasformen zählen zu den zentralen Fertigungsverfahren der Kunststoffverarbeitung: Flaschen, Kanister, Fässer und technische Hohlkörper entstehen in Milliardenmengen mit diesem Verfahren. Der wirtschaftliche Druck auf die Hersteller wächst dabei kontinuierlich: steigende Rohstoff- und Energiekosten, höhere Qualitätsanforderungen, kürzere Produktzyklen. Hinzu kommt ein struktureller Wandel. Denn die steigende Nachfrage nach Recyclingmaterial erhöht die Anforderungen an Prozessstabilität erheblich, da sich Rezyklate in der Verarbeitung deutlich variabler verhalten als Primärmaterial. Die entscheidende Stellschraube in diesem System ist das Werkzeug bzw. der Wendelverteiler. Er bestimmt, wie das aufgeschmolzene Material im Blaskopf verteilt wird, welche Wanddicken entstehen, wie schnell Farbwechsel vollzogen werden können und ob der Prozess bei wechselnden Rohmaterialien stabil bleibt.

Der klassische Entwicklungsprozess sieht hier einen erfahrungsbasierten Ansatz vor, mit wenigen Varianten und begrenzten Simulationsressourcen. Das Optimum liegt irgendwo im mehrdimensionalen Parameterraum, wird aber mit klassischen Methoden selten systematisch gefunden.

Vom Einzelfall zur Massensimulation

Ein Hersteller von kundenspezifischen Blasformanlagen stand vor genau dieser Herausforderung. Jede Anlage ist ein Einzelprojekt, jedes Werkzeug wird individuell ausgelegt. Simulation war zwar vorhanden, aber nicht skalierbar. Pro Projekt flossen wenige manuelle Einzelanalysen ein, der Aufwand für eine breite Variantenuntersuchung war schlicht zu hoch.

Ausgehend von der Frage ‚Wie verstehe ich den gesamten Lösungsraum?‘ erkannte der Maschinenbauer Potenzial in der parametrischen Beschreibung des Werkzeugs. Parameter wie Steigungswinkel, Wendelbreite, Wendeltiefe und Austrittsspalt lassen sich mathematisch erfassen und damit automatisiert variieren. Auf dieser Grundlage bauten die Beteiligten eine vollautomatisierte Simulationsinfrastruktur in der Cloud auf. Geometrie, Betriebspunkt und Zielgrößen fließen als Datenpunkte ein und die Simulation läuft ohne manuelle Vorbereitung ab. Hunderte von Varianten lassen sich parallel berechnen und systematisch vergleichen. Es entstand ein Datengenerator, bei dem jeder Simulationslauf zum Aufbau eines strukturierten Datenpools beiträgt.

Das Surrogatmodell

Aus den systematisch generierten Simulationsdaten haben die Beteiligten dann ein neuronales Netz trainiert. Input sind Geometrie- und Prozessparameter, Output sind die entscheidenden Zielgrößen wie Druckverlust, Spülzeit und Homogenität der Austrittsgeschwindigkeit. Das Ergebnis ist ein sogenanntes Surrogatmodell. Ein ‚Sofort-Modell‘, das neue Designs ohne laufende Simulation bewerten kann. In der Optimierungslogik spielt dieses Modell eine zentrale Rolle: In frühen Iterationsphasen übernimmt es die schnelle Erstbewertung von Hunderten von Varianten und erst in den letzten evolutionären Stufen werden die aussichtsreichsten Kandidaten mit der physikalischen Vollsimulation explizit gerechnet. Pro Optimierungslauf werden so mehr als 500 Simulationen verarbeitet. Eine Tiefe der Parameterraumabdeckung, die manuell nicht erreichbar wäre.

Die Simulation sorgt für realitätsnahe Ergebnisse, die KI unterstützt die Entscheidungsfindung. Der Konstrukteur gibt Parameter vor, das System liefert optimierte Vorschläge, die anschließend via automatisierter Simulation validiert werden.

Messbarer Nutzen für Spülzeiten, Ausschuss, Rezyklat

Die Ergebnisse dieses Ansatzes sind quantifizierbar. Spülzeiten konnten um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Der Ausschuss ließ sich um bis zu 66 Prozent senken. Der Rezyklateinsatz konnte auf bis zu 85 Prozent gesteigert werden, ohne die Prozessstabilität einzubüßen.

Entscheider können auf mehreren Ebenen davon profitieren: Direkt zeigen sich sinkende Material- und Energiekosten, weniger Ausschuss sowie kürzere Stillstandzeiten. Indirekt liegt der Nutzen in einer schnelleren Time-to-Market, höherer Flexibilität gegenüber Kundenanforderungen und in der Fähigkeit, neue Rohstoffquellen (insbesondere Rezyklate) verlässlich zu verarbeiten. Strategisch wichtig ist zudem, dass ingenieurseitiges Erfahrungswissen im Prozess digitalisiert wird.

Das System findet die Lösung

Der aufgezeigte Ansatz verändert die Arbeitsweise in der Werkzeugentwicklung. Wo früher Erfahrung und wenige Tests nötig waren, ermöglichen heute Simulation viele Varianten, abgesichert durch KI-gestützte Auslegungssysteme. Nicht der Ingenieur sucht langwierig und manuell nach der besten Geometrie, sondern das System findet sie.

Dabei ist CFD-Simulation in der Blasformbranche nicht neu: Sie macht Strömungs- und Wanddickenverhalten physikalisch greifbar, bevor das erste reale Werkzeug gefertigt wird, und ersetzt damit teure Trial-and-Error-Zyklen durch belastbare Daten. Die Innovation des beschriebenen Ansatzes liegt in der Automatisierung, der Parallelisierung und dem systematischen Datenaufbau. Dadurch entsteht die Grundlage für KI und damit die Grundlage für Assistenzsysteme, die Entscheidungen im Engineering früher, schneller und sicherer machen.

Der Ansatz ist zudem nicht auf Blasformanlagen beschränkt. Überall dort, wo komplexe Strömungsprozesse parametrisch beschreibbar sind und Simulationsdaten systematisch aufgebaut werden können, lässt sich diese Logik anwenden.



  • Instandhaltung und Field Service mit SAP-Software abwickeln

    Instandhaltung und Field Service mit SAP-Software abwickeln

    Der 28. Jahreskongress SAP EAM 2024 findet am 20. und 21. Juni in Berlin statt. Auch dieses Mal stehen auf der unabhängigen Konferenz Neuigkeiten und Herausforderungen rund um SAP-softwaregestütztes Instandhaltungsmanagement…

    mehr lesen: Instandhaltung und Field Service mit SAP-Software abwickeln

  • AI Act nimmt letzte Hürde

    AI Act nimmt letzte Hürde

    Die Mitgliedsstaaten der EU wollen am 21. Mai 2024 im Ministerrat den AI Act beschließen. In der Verordnung werden Systeme mit künstlicher Intelligenz nach Risikoklassen unterteilt und reguliert. Bitkom-Präsident Dr.…

    mehr lesen: AI Act nimmt letzte Hürde

  • Decide4ECO nutzt Manufacturing-X für nachhaltige Produktentwicklung

    Decide4ECO nutzt Manufacturing-X für nachhaltige Produktentwicklung

    Im Rahmen der Initiative Manufacturing-X fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) das Konsortialprojekt Decide4Eco mit 7,3Mio.€. Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Produkte nachhaltiger entwickelt und…

    mehr lesen: Decide4ECO nutzt Manufacturing-X für nachhaltige Produktentwicklung

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Forschungsbeirat Industrie 4.0 stellt Engineering-Roadmap vor

    Forschungsbeirat Industrie 4.0 stellt Engineering-Roadmap vor

    Der Forschungsbeirat Industrie 4.0 stellt mit seiner Engineering-Roadmap und den darin enthaltenen Themenblöcken einen Rahmen für konkrete Forschungsschwerpunkte der nächsten zehn Jahre vor. Im Mittelpunkt stehen vier Hauptthemen.

    mehr lesen: Forschungsbeirat Industrie 4.0 stellt Engineering-Roadmap vor

  • Eine gemeinsame Sprache für Daten finden

    Eine gemeinsame Sprache für Daten finden

    Unternehmen treffen Entscheidungen meist auf Basis von strukturierten Daten. Dabei haben auch unstrukturierte Daten Erkenntnisse zu bieten. Der Software-Spezialist Progress erläutert, wie Unternehmen die beiden Datentypen zu einem sinnvollen Ganzen…

    mehr lesen: Eine gemeinsame Sprache für Daten finden

  • IFS ernennt Hannes Liebe zum COO für Nord-, Ost und Zentraleuropa

    IFS ernennt Hannes Liebe zum COO für Nord-, Ost und Zentraleuropa

    Hannes Liebe übernimmt ab sofort die Position des neuen Chief Operation Officer (COO) von IFS für die Region Nord, Ost und Zentraleuropa.

    mehr lesen: IFS ernennt Hannes Liebe zum COO für Nord-, Ost und Zentraleuropa

  • SPS ab 2025 wieder Ende November

    SPS ab 2025 wieder Ende November

    Die SPS wird im nächsten Jahr (2025) vom 25. bis zum 27. November in Nürnberg stattfinden und somit wieder auf den seit vielen Jahren bekannten Zeitraum zurückkehren. Auch die Termine…

    mehr lesen: SPS ab 2025 wieder Ende November

  • Was Unternehmen gegen Produktpiraterie tun können

    Was Unternehmen gegen Produktpiraterie tun können

    Produktpiraterie verursacht immense Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft – Eine neue Broschüre des Deutschen Patent- und Markenamts informiert, wie sich Unternehmen dagegen schützen und wehren können.

    mehr lesen: Was Unternehmen gegen Produktpiraterie tun können

  • Mit künstlicher Intelligenz gegen Krisen

    Mit künstlicher Intelligenz gegen Krisen

    Wie künstliche Intelligenz dabei helfen kann, Krisensituationen wie etwa Naturkatastrophen oder Krankheiten besser zu bewältigen, präsentierten Forschende aus unterschiedlichen Projekten auf dem Demo Day ’KrisenFest’.

    mehr lesen: Mit künstlicher Intelligenz gegen Krisen

  • Stackit und ServiceNow schließen Partnerschaft

    Stackit und ServiceNow schließen Partnerschaft

    ServiceNow-Lösungen können künftig auch in der Stackit-Cloud der Schwarz Gruppe (u.a. Lidl und Kaufland) gehostet werden. Beide Unternehmen haben dazu eine Partnerschaft vereinbart.

    mehr lesen: Stackit und ServiceNow schließen Partnerschaft

  • Optimistische Aussichten für den Maschinenbau in Indien

    Optimistische Aussichten für den Maschinenbau in Indien

    Indien wird für deutsche und europäische Maschinenbaufirmen zunehmend attraktiv. Die Wachstumserwartungen vor Ort sind aktuell sehr optimistisch.

    mehr lesen: Optimistische Aussichten für den Maschinenbau in Indien