Mit dem DPP4.0 Wert aus Produktdaten schöpfen

250919 ZVEI AAS Grafik RGB
Bild: ZVEI e. V.

Mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) schafft die Europäische Union derzeit den regulatorischen Rahmen für digitale Produktpässe. Ziel ist es, strukturierte Informationen über Produkte entlang ihrer Wertschöpfungskette digital verfügbar zu machen, etwa zu Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit, Nachhaltigkeit oder Recyclingfähigkeit. Während der Digitale Produktpass (DPP) zunächst als Instrument für Transparenz und Nachhaltigkeit gedacht ist, eröffnet er für die Industrie weit größere Chancen. Aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie kann der Digitale Produktpass zum Ausgangspunkt für eine neue Generation digitaler Produktinformationen werden und damit zu einem wichtigen Baustein der industriellen Digitalisierung. Hier setzt das Konzept des DPP4.0 an.

Fragmentierte Informationen

In vielen Bereichen der Industrie werden Produktinformationen noch immer dokumentenbasiert verwaltet. Technische Datenblätter, Bedienungsanleitungen oder Prüfberichte werden typischerweise als PDF bereitgestellt und zwischen Herstellern, Integratoren und Betreibern ausgetauscht. Für Menschen sind diese Dokumente gut lesbar – für digitale Systeme sind sie nur eingeschränkt nutzbar. Informationen lassen sich nur schwer automatisiert auswerten oder in digitale Prozesse integrieren. Hinzu kommt, dass Produktinformationen häufig über verschiedene Systeme verteilt sind. Über die Lebensdauer eines Produkts hinweg entsteht so eine fragmentierte Informationslandschaft. Diese Fragmentierung erschwert nicht nur die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette, sondern begrenzt auch die Möglichkeiten der Digitalisierung. Anwendungen wie Predictive Maintenance, digitale Zwillinge oder automatisierte Serviceprozesse benötigen strukturierte, konsistente und maschinenlesbare Informationen über Produkte und Anlagen.

Der DPP4.0 löst Datensilos auf

Der DPP4.0 verbindet regulatorische Produkttransparenz mit den Architekturprinzipien der Industrie 4.0. Im Kern basiert das Konzept auf zwei Bausteinen: einer eindeutigen digitalen Identität für Produkte und Assets, sowie einer standardisierten digitalen Repräsentation von Produktinformationen. Jedes Produkt erhält eine weltweit eindeutige Kennung, den sogenannten ID Link. Diese bleibt über den Lebenszyklus hinweg gültig und verbindet das physische Produkt mit seiner digitalen Repräsentation. In der Praxis kann diese Identität über einen QR-Code direkt am Produkt hinterlegt werden. Wird der Code gescannt, kann auf die digitalen Informationen zum Produkt zugegriffen werden. Der Code selbst enthält dabei keine sensiblen Daten, sondern dient lediglich als Schlüssel zur digitalen Informationswelt des Produkts.

Die AAS praktisch nutzen

Der zweite Baustein des DPP4.0 ist die Asset Administration Shell (AAS). Sie beschreibt, wie Informationen über ein physisches Produkt strukturiert und standardisiert digital repräsentiert werden können. Man kann sich die Asset Administration Shell als eine Art digitalen Zwilling des Produkts auf Informationsebene vorstellen. Sie enthält strukturierte Informationen über Eigenschaften, Funktionen und den Lebenszyklus eines Produkts. Innerhalb der AAS werden Informationen in sogenannten Submodellen organisiert. Jedes Submodell beschreibt einen Aspekt des Produkts, etwa Identifikationsdaten, technische Eigenschaften, Betriebsparameter, Wartungsinformationen oder Nachhaltigkeits- und Compliance-Attribute. Diese Struktur ermöglicht es, unterschiedliche Informationsarten innerhalb eines gemeinsamen digitalen Rahmens zu verwalten.

Von Fragmentierung zu maschinenlesebaren Daten

Ein zentraler Nutzen des DPP4.0 besteht darin, dass Produktinformationen als strukturierte, maschinenlesbare Daten bereitgestellt werden. Dabei bleiben die Daten nicht statisch: Während der Digitale Produktpass vor allem Informationen über ein Produkt zum Zeitpunkt seines Inverkehrbringens beschreibt, erlaubt DPP4.0 eine Erweiterung dieser Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Er bildet die tatsächliche Nutzung und Entwicklung des Produkts ab, was gerade bei Jahrzehnte lang laufenden Anlagen wichtig ist. Ein weiterer Vorteil von DPP4.0 liegt in der Interoperabilität zwischen Unternehmen und Systemen. Industrieprodukte sind Teil komplexer Wertschöpfungsnetzwerke mit Herstellern, Anlagenbetreibern, Integratoren und Serviceunternehmen. Damit Informationen zwischen diesen Akteuren effizient ausgetauscht werden können, sind gemeinsame Standards erforderlich. Die Asset Administration Shell basiert auf internationalen Standards der Industrie 4.0 und ermöglicht es, Produktinformationen systemübergreifend zu interpretieren. Das erleichtert nicht nur die Integration von Produkten in digitale Systeme, sondern bildet auch die Grundlage für neue Formen der Zusammenarbeit in digitalen Datenökosystemen. Initiativen wie Manufacturing-X zeigen, wie Unternehmen künftig Daten sicher und souverän miteinander teilen können.

Von der Pflicht zur Kür

Der Digitale Produktpass wird häufig als regulatorische Pflicht wahrgenommen. Tatsächlich geht sein Potenzial weit darüber hinaus. In Verbindung mit dem DPP4.0 können Unternehmen regulatorische Anforderungen mit operativem Nutzen verbinden. Strukturierte digitale Produktinformationen ermöglichen effizientere Inbetriebnahmen, vereinfachten Zugriff auf technische Dokumentation, transparentere Wartungshistorien und die Integration von Komponenten in digitale Zwillinge. Wie konsequent physische Produkte für Aufgaben wie diese mit strukturierten digitalen Informationen verknüpft werden, wird in den nächsten Jahren die industrielle Transformation maßgeblich beeinflussen.



  • KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

    KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

    Homeoffice, flexible Arbeitsplätze und -orte sowie Videokonferenzen – in den letzten Jahren hat die Veränderung der Arbeitswelt ordentlich an Fahrt aufgenommen.

    mehr lesen: KI für Ergonomie am Arbeitsplatz

  • Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

    Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

    Der Satz „Eine hundertprozentige IT-Sicherheit gibt es nicht“ ist vielen bekannt. Doch die Frage ist: Was folgt daraus? Das erklärt Christian Koch (Bild), Senior Vice President Cybersecurity, Innovations & Business…

    mehr lesen: Absolute IT-Sicherheit ist eine Illusion, die wir nicht brauchen

  • ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

    ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

    Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, fordert die EU-Kommission und die kommende Bundesregierung zum Handeln auf und kommentiert die heute bekanntgewordenen Exportbeschränkungen der US-Regierung auf KI-Chips wie folgt:“Die heute verkündeten Exportbeschränkungen…

    mehr lesen: ZVEI kommentiert die Exportbeschränkungen der Biden-Regierung auf KI-Chips

  • Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

    Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

    Besonders die Bedeutung der Softwareentwicklung für die eigenen Produkte oder kundenindividuellen Lösungen steigt in den kommenden fünf Jahren nochmals stark an.

    mehr lesen: Stellenwert von Software im Maschinenbau steigt

  • Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

    Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

    Rockwell Automation gibt die Ernennung von Fabrizio Scovenna (Bild) zum Vertriebsleiter, OEMs, für Europa, den Nahen Osten und Afrika bekannt.

    mehr lesen: Fabrizio Scovenna wird OEM-Vertriebsleiter für EMEA-Region

  • Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

    Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

    Wie entwickelte sich die Industrie 4.0 (I4.0) am Produktionsstandort Deutschland in den vergangenen Jahren?

    mehr lesen: Auf den Spuren eines rückläufigen Industrie 4.0-Fortschritts

  • Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

    Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

    Trotz eines aktuell schwierigen konjunkturellen Umfelds erwartet der Digitalverband Bitkom im deutschen Markt für IT und Telekommunikation (ITK) 2025 ein Umsatzplus.

    mehr lesen: Bitkom-Prognose: ITK-Markt wächst 2025 auf 232,8 Milliarden Euro

  • Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

    Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

    Eine von Acatech koordinierte Taskforce aus Unternehmen und Wissenschaft legt in einem Positionspapier konkrete Handlungsempfehlungen vor, wie Deutschland ein, wie es heißt, „umfassendes, leistungsfähiges und auf europäischen Werten basierendes Angebot…

    mehr lesen: Handlungsempfehlungen für eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur

  • Verbundvorhaben QR.N forscht an  Quantenrepeatern

    Verbundvorhaben QR.N forscht an Quantenrepeatern

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter auch Christoph Becher, Professor für Quantenoptik an der Universität des Saarlandes, und sein Kollege Jürgen Eschner, Professor für Quanten-Photonik forschen Quantenrepeatern.

    mehr lesen: Verbundvorhaben QR.N forscht an Quantenrepeatern

  • MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

    MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

    MPDV, ein Spezialist für Fertigungs-IT ergänzt sein Portfolio durch Beratungsdienstleistungen für das C-Level und Führungskräfte.

    mehr lesen: MPDV erweitert Geschäftsbereich um Beratungssparte

  • Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

    Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

    Einen kleinen Lichtblick meldet der VDMA bei den Bestellungen aus den Euro-Ländern. Insgesamt kommt die Auftragslage im deutschen Maschinen- und Anlagenbau aber nicht in Schwung.

    mehr lesen: Trüber Herbst im Maschinen- und Anlagenbau

  • Copa-Data eröffnet Büro in Tokio

    Copa-Data eröffnet Büro in Tokio

    Copa-Data hat eine Niederlassung in Japan gegründet. Mit dem Fokus auf Kundennähe und lokale Partnerschaften soll das neue Büro in Tokio den lokalen Support stärken und die industrielle Digitalisierung und…

    mehr lesen: Copa-Data eröffnet Büro in Tokio