Zögerliche Digitalisierung in der Fertigungsindustrie

Eine IFS-Studie bescheinigt der Fertigungsindustrie eine zögerliche Digitalisierung. U.a. sehen sich Unternehmen vom technologischen Überangebot konfrontiert.
Eine IFS-Studie bescheinigt der Fertigungsindustrie eine zögerliche Digitalisierung. U.a. sehen sich Unternehmen vom technologischen Überangebot konfrontiert.Bild: ©xiaoliangge/stock.adobe.com

Laut einer Untersuchung von IFS, einem Anbieter von Cloud- und KI-Software, steht die die Fertigungsindustrie an einem kritischen Wendepunkt. Die Bilanz der Studienautoren: Obwohl sich Produktionsunternehmen der Notwendigkeit einer digitalen Transformation bewusst sind, verhindern fehlende Strategien und ein Überangebot an technologischen Lösungen ein entschiedenes Handeln.

Die Umfrage unter 815 internationalen Führungskräften aus dem produzierenden Gewerbe zeigt, dass zwar alle Befragten den Einsatz von Technologie als überlebenswichtig für ihr Unternehmen ansehen, allerdings bezeichnen sich nur 10 Prozent als digitale Vorreiter. 65 Prozent der Befragten stuften sich hingegen selbst als Nachzügler ein. Sie sind in den frühen Phasen der digitalen Transformation stecken geblieben und haben keinen konkreten Plan für die nächsten Schritte erstellt.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: 82 Prozent der befragten Hersteller gaben an, dass ihr Unternehmen nicht länger als ein bis drei Jahre überleben wird, wenn es sich nicht stärker im Technologiebereich engagiert. Diejenigen Unternehmen, die sich als digital führend einschätzen, zeigen sich hingegen zuversichtlich, dass sie auch kommende Herausforderungen überstehen werden. Mehr als ein Viertel von ihnen (28 Prozent) glaubt, bis zu fünf Jahre ohne neue Investitionen auskommen zu können.

Orientierungslos im Technologie-Dschungel

Die Ergebnisse zeigen ebenfalls, dass die Vielzahl an Optionen und Angeboten Unternehmen oft an einer Entscheidung hindert. Auf die Frage nach den Prioritäten der Technologien benannten mehr als 80 Prozent der Befragten jede Option als wichtig. Diese Orientierungslosigkeit verhindere ein entschlossenes Handeln, so die Studienverantwortlichen.

Hinzukommt, dass in der Studie jede Führungsebene andere Prioritäten angibt. Nahezu alle Befragten auf dem C-Level (94 Prozent) sind der Ansicht, dass Cloud Computing die wichtigste Technologie für die digitale Transformation ist, während auf Ebene der Bereichs- und Abteilungsleiter die Mehrheit am ehesten IoT (Internet of Things) als die zentrale Technologie ansieht (81 Prozent). Operative Mitarbeiter betrachten wiederum digitale Zwillinge (85 Prozent) und künstliche Intelligenz (84 Prozent) als vorrangig. Diese Unentschlossenheit vergrößert die Kluft zwischen Nachzüglern und digital führenden Unternehmen – die 45 % ihres IT-Budgets in Transformationsprojekte investieren.

Ein Fünftel der Befragten geben Change Management (22 Prozentt) und die Komplexität der IT (21 Prozent) als die größten Hindernisse. Auch im ESG-Bereich (Environmental, Social and Governance) zeigt sich in der Studie Handlungsbedarf: Während 39 Prozent der Befragten aktiv ESG-Initiativen entwickeln, fehlt es den meisten Herstellern (71 Prozent) an einer glaubwürdigen Strategie. Gleichzeitig sehen 28 Prozent den Klimawandel als größte Herausforderung an.

Neuer Logistik-Strategien

Obwohl die Umsetzung digitaler Transformationsprojekte viele Herausforderungen mit sich bringt, herrscht auf Seiten der befragten Hersteller eine positive Grundstimmung – und viele setzen bereits auf Next Generation Tools. Insbesondere im Bereich der Lieferketten zeigen fast alle Unternehmen (98 Prozent) Interesse an neuen geografischen Strategien wie etwa die Verlagerung in näher gelegene oder politisch stabilere Regionen. Digitale Vorreiter setzen dabei auf Technologien wie erweiterte Szenario-Simulationen, während Nachzügler häufig noch auf isolierte Risikobewertungstools zurückgreifen.

Auch im Hinblick auf den CO2-Fußabdruck zeigen sich produzierende Unternehmen in der IFS-Untersuchung zunehmend zuversichtlich, was die Chancen durch ESG-Initiativen angeht. Der Fokus verschiebt sich von rein regelkonformen Maßnahmen hin zu tiefgreifenden Verbesserungen bei Durchlaufzeiten und Qualität. Gleichzeitig eröffnen diese Ansätze Potenziale für innovative Geschäftsmodelle wie die Kreislaufwirtschaft, die eine nachhaltige Transformation der Branche vorantreiben könnten.

Hinweis zur Methodik: Die von dem Marktforschungsunternehmen Censuswide durchgeführte Studie umfasst eine Stichprobe von 815 Führungskräften im Bereich Fertigung mit einem Unternehmensumsatz von mindestens £150 Mio. in folgenden Ländern: Großbritannien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Norwegen, Schweden, Frankreich, Japan, USA, Polen, Tschechische Republik, Singapur, Australien, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Belgien, Kanada und Indonesien.

Censuswide befragte insgesamt mindestens 50 Teilnehmer aus den folgenden Teilbranchen: Automobilindustrie, Chemie, Lebensmittel & Getränke, industrielle Fertigung, High-Tech (einschließlich Medizintechnik) und Life Sciences. Die Befragten stammen gezielt aus den Abteilungen Fertigung/Produktion, Lieferkette, Beschaffung, Finanzen, Betrieb, Forschung & Entwicklung, Unternehmensstrategie und Logistik (gleichmäßige Verteilung insgesamt). Die Datenerhebung fand zwischen Juni und Juli 2024 statt.