Wenn der Clever-Hans-Effekt zuschlägt

AI concept with a magnifying glass and right wrong symbols in the wooden cubes accuracy information from AI advantages and disadvantages right way to use AI
Bild: ©patpitchaya/ stock.adobe.com

KI-Modelle wie GPT, Llama oder Clipdienen dienen oft als Ausgangsbasis für spezialisierte KI-Modelle, die in der Wissenschaft, Industrie und nicht zuletzt in der medizinischen Diagnostik eingesetzt werden. Diese Foundation-Modelle werden mithilfe von sogenannten unüberwachten Lernmethoden (unsupervised Learning) trainiert, beispielsweise durch Selbstüberwachung. Ein Team von Wissenschaftlern des Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data (BIFOLD) an der TU Berlin hat in diesem Zusammenhang ein Problem nachgewiesen: Stützt sich ein Foundation-Modell bei seinen vermeintlich korrekten Entscheidungen etwa auf Artefakte in den Daten, kommt es zum sogenannten Clever-Hans-Effekt. Dieser kann das Modell erheblich beeinträchtigen und überträgt sich auf alle Modelle, die auf dem kompromittierten Foundation-Modell aufbauen.

Der Clever-Hans-Effekt im maschinellen Lernen beschreibt, wenn ein KI-Modell zwar richtige Vorhersagen trifft, aber für diese Entscheidung irrelevante oder unerwartete Muster nutzt. Der Name stammt vom Pferd ‚Clever Hans‘ (Kluger Hans), das zwar nicht rechnen konnte, aber die entsprechenden Zeichen seines Besitzers deuten konnte und so bei der korrekten Antwort per Hufklopfen oder Kopfnicken Signal gab. Ein Beispiel für diesen Effekt wäre ein Bildklassifikationsmodell, das zum Beispiel Pferde erkennen soll, seine Entscheidung aber hauptsächlich auf der Existenz eines unbemerkten Schriftzuges (Pferdebilder) am Rand der Bilder trifft.

Richtige Entscheidung, falsche Grundlage

Die Forscher demonstrierten die Existenz der Clever-Hans-Effekte beispielsweise im Kontext medizinischer Daten: Das Foundation-Modell PubMedCLIP, das für medizinische Bildanalyse entwickelt wurde, erkannte zwar erfolgreich zwei ähnliche Lungenröntgenbilder als ähnlich, traf seine Entscheidung jedoch hauptsächlich aufgrund irreführender Text-Anmerkungen auf beiden Röntgenbildern und nicht aufgrund von ähnlichen Pixelverteilungen in den Lungenregionen.

Die fehlerhafte Strategie, sich auf Text-Anmerkungen statt auf Bildinformationen zu stützen, sei ein direktes ‚Erbe‘ des Ausgangs-Modell Clip, so die Forschenden. Clip ist ein Foundation-Modell für Bilddatenanalyse, das auf unüberwachtem Lernen beruht. Ähnlich wie andere Foundation-Modelle, die auf diesem Verfahren beruhen, dient es als Basis für diverse neue Anwendungen und wird so zu einer potenziellen Fehlerquelle: „Wir halten es für essenziell, das unüberwachte Lernparadigma, auf dem diese Modelle basieren, zu überdenken. Nur so können wir sicherstellen, dass die darauf aufbauenden spezialisierten Modelle zuverlässig sind und nicht mit Clever-Hans-Effekten kontaminiert werden“, betont Bifold-Wissenschaftler Prof. Dr. Grégoire Montavon.

Erklärbare KI deckt Clever-Hans-Effekte auf

Entdeckt haben die Wissenschaftler diesen ‚Domino-Effekt‘ mithilfe von Methoden der Erklärbaren KI auf der Basis von LRP (Layer-wise Relevance Propagation). „Besonders nützlich ist hierbei die Erklärbare-KI-Methode BiLRP, die nicht nur aufzeigt, welche Pixel das Modell betrachtet, sondern auch, wie diese Pixel miteinander interagieren, um zwei Bilder als ähnlich oder unähnlich erscheinen zu lassen“, erklärt Gregoire Montavon. So fanden sie beispielsweise heraus, dass das CLIP-Modell bestimmte Merkmale wie Text oder Gesichter übermäßig stark berücksichtigt. Zudem konnten sie in einigen Fällen ebenfalls zeigen, dass die Erklärbare KI auch genutzt werden kann, um diese Fehler aus dem Basis-Foundation-Modell zu entfernen.

Unüberwachtes Lernen existierte bereits bevor Foundation-Modelle aufkamen und wurde auf nahezu jede Art von Datensatz angewendet, für den keine Labels verfügbar sind. Klassische Probleme, bei denen unüberwachtes Lernen zum Einsatz kam, waren etwa das Clustern von Daten oder das Erkennen von Anomalien in einem Datensatz – ein oft genutztes Verfahren der Qualitätssicherung in der industriellen Fertigung. In der Publikation zeigen die BIFOLD-Forscher, dass auch diese Modelle mit Clever-Hans-Strategien arbeiten.

„Das unüberwachte Lernen ist ein zentrales Merkmal der großen Foundation-Modelle. Das wir in diesen Modellen verbreitet Clever-Hans-Effekte nachweisen konnten, ist ein Grund zur Besorgnis. Vor allem weil diese Foundation-Modelle die Basis vieler nachgelagerter spezialisierter KI-Modelle sind und die Clever-Hans-Effekte sich so immer weiterverbreiten. Unsere jüngsten Entwicklungen der Erklärbaren KI zeigen erstmals einen effektiven Weg, um diesen Domino-Effekt in Foundation-Modellen zu erkennen und zu beheben“, erläutert BIFOLD Co-Direktor Klaus-Robert Müller.

Die Forschungsarbeit wurde in der Fachzeitschrift Nature Machine Intelligence veröffentlicht: www.nature.com



  • Softwareplattform für vernetzte Fahrzeuge

    Softwareplattform für vernetzte Fahrzeuge

    Bosch und Microsoft wollen eine Softwareplattform für die nahtlose Vernetzung von Autos und Cloud entwickeln.

    mehr lesen: Softwareplattform für vernetzte Fahrzeuge

  • Die Pandemie hat Missstände deutlich gemacht

    Die Pandemie hat Missstände deutlich gemacht

    Rund drei Jahre nach Inkrafttreten der DSGVO und den damit verbundenen Verschärfungen im Umgang mit personenbezogenen Daten, waren sich noch zu Beginn des letzten Jahres immer mehr Unternehmen und Behörden…

    mehr lesen: Die Pandemie hat Missstände deutlich gemacht

  • Itac Software übernimmt Cogiscan

    Itac Software übernimmt Cogiscan

    Mit der Übernahme des kanadischen Unternehmens Cogiscan will Itac Software sein Portfolio an Industrie 4.0-Lösungen erweitern.

    mehr lesen: Itac Software übernimmt Cogiscan

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Neuer Spitzenwert und unsicherer Ausblick

    Neuer Spitzenwert und unsicherer Ausblick

    Im Jahr 2019 haben die Innovationsausgaben deutscher Unternehmen einen neuen Rekordwert erreicht. Für 2020 gehen die Autoren der Innovationserhebung von einem Rückgang der Ausgaben aus.

    mehr lesen: Neuer Spitzenwert und unsicherer Ausblick

  • Neuer CEO für Visometry

    Neuer CEO für Visometry

    Klaus Dibbern wird CEO des Augmented Reality-Spezialisten Visometry. Gleichzeitig wird Harald Wuest CPO des Unternehmens.

    mehr lesen: Neuer CEO für Visometry

  • Wie kommuniziert man eine Cyberattacke?

    Wie kommuniziert man eine Cyberattacke?

    Kommt es durch eine Cyberattacke zum Datendiebstahl, so stellt es für Unternehmen ein Worst-Case-Szenario dar – können doch erheblich finanzielle und materielle Schäden entstehen. In solchen Situationen muss auch die…

    mehr lesen: Wie kommuniziert man eine Cyberattacke?

  • T-Systems setzt auf die Cloud

    T-Systems setzt auf die Cloud

    ‚Cloud First‘ T-Systems setzt auf die Cloud T-Systems will sich strategisch neu aufstellen. Mit ‘Cloud First‘ setzt das Unternehmen künftig auf die Cloud. Die Investitionen in den Ausbau der Cloud…

    mehr lesen: T-Systems setzt auf die Cloud

  • Markus Asch wird CEO bei Rittal

    Markus Asch wird CEO bei Rittal

    Rittal hat einen neuen CEO. Markus Asch hat den Posten beim Herborner Unternehmen zum 1. Februar übernommen.

    mehr lesen: Markus Asch wird CEO bei Rittal

  • Der Digitalisierungsbedarf ist hoch

    Der Digitalisierungsbedarf ist hoch

    Wenn es um die Digitalisierung der eigenen Unternehmensprozesse geht, sehen IT-Verantwortliche in deutschen Unternehmen Bedarf in vielen Bereichen. Laut einer Studie des Analystenhauses Techconsult im Auftrag von Valantic liegt dabei…

    mehr lesen: Der Digitalisierungsbedarf ist hoch

  • Mehr Sicherheit für eingebettete Systeme

    Mehr Sicherheit für eingebettete Systeme

    Software und Hardware für vernetzte eingebettete Systeme müssen höchste Anforderungen an Sicherheit, Echtzeitfähigkeit, Energie- und Ressourceneffizienz erfüllen. In dem am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) koordinierten Projekt Xandar erarbeiten acht…

    mehr lesen: Mehr Sicherheit für eingebettete Systeme

  • Schicksalsjahr für die Eurocloud Gaia-X

    Schicksalsjahr für die Eurocloud Gaia-X

    Im Projekt Gaia-X sollen Datenräume entstehen, die europäischen Datenschutz-Standards entsprechen und die unabhängig von den großen Hyperscalern sind. Für Marc Schieder, CIO von Dracoon, entscheidet sich in diesem Jahr, ob…

    mehr lesen: Schicksalsjahr für die Eurocloud Gaia-X