Rechtliche Orientierung für Cybersicherheitsforschende

Justitia vor Buecherregal mit Gesetzbuechern
Bild: ©schemev/stock.adobe.com

Cybersicherheitsforschende stehen mitunter gefühlt mit einem Bein im Gefängnis – es herrscht viel Unsicherheit darüber, was rechtlich im Rahmen von Wissenschaft erlaubt ist und was nicht. Rechtswissenschaftlerinnen des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit Athene haben deshalb eine Reihe von simulierten Gerichtsprozessen gestartet, um fiktive, aber realistische Fälle aus der Cybersicherheitsforschung verhandeln zu lassen. Die Urteile der Gerichtssimulation sollen als Wegweiser für die IT-Sicherheitsforschung dienen. Der erste simulierte Prozess hat am Dienstag in Darmstadt stattgefunden.

Der Bitkom beziffert die durch Cyberkriminalität verursachten Schäden der vergangenen 12 Monaten in Deutschland auf 178,6Mrd.€. IT-Sicherheitsforschende entwickeln im Rahmen ihrer Arbeit Schutzmechanismen vor solchen Angriffen. Dabei nutzen sie teilweise Methoden und Werkzeuge, die auch von Cyberkriminellen genutzt werden. Und hier liegt ein Problem: Obwohl sie die Methoden nutzen, um Maßnahmen gegen mögliche Cyberbedrohungen abzuleiten, ist Cybersicherheitsforschenden oft nicht klar, wie sie sich im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten verhalten sollen, um keine rechtlichen Schwierigkeiten zu bekommen. So besteht zunehmend die Gefahr, dass IT-Sicherheitsforschende aus Unsicherheit ihre Arbeit nicht mehr umfassend ausführen – was sich nachteilig auf den Kampf gegen Cyberkriminalität auswirkt.

Der erste Fall: Sensible Daten aus dem Darknet

Der erste fiktive Fall, der in Darmstadt verhandelt wurde, handelt von den Cybersicherheitsforschenden A und B, die regelmäßig im Darknet nach den neuesten Angriffsmethoden und -werkzeugen recherchieren. Dort stoßen sie auf eine Datei ‚Angebot-zur-Übernahme-von-Cyberangriffen-im-Auftrag.pdf‘. A und B entscheiden sich, die Datei herunterzuladen, um sich darüber zu informieren, welche Cyberangriffe im Auftrag angeboten werden. Doch die Datei enthält – als Arbeitsprobe der kriminellen Anbieter -überraschenderweise auch eine Liste mit tausenden gestohlenen Zugangsdaten zweier großer Unternehmen. Person A und Person B gehen mit dem zufälligen Fund unterschiedlich um. So dokumentiert A etwa jeden zentralen Schritt seines Umgangs mit den gefundenen Daten und loggt sich probeweise auch in einen Account ein, um zu testen, ob der Fund echt und aktuell ist, unterlässt jedoch eine Benachrichtigung der geschädigten Unternehmen, während B zwar die geschädigten Unternehmen benachrichtigt, jedoch keine Dokumentation über den Umgang mit den gefundenen Daten anfertigt und die Logins auch nicht austestet.

„Durch den unterschiedlichen Umgang der Cybersicherheitsforschenden mit dem ungeplanten Datenfund im Darknet wollen wir die rechtlichen Leitplanken links und rechts in einem solchen Fall besser kennenlernen“, erklärt Dr. Annika Selzer, Organisatorin der Studie und Koordinatorin des Forschungsbereichs Legal Aspects of Privacy & IT Security in Athene. Von dem Simulationsurteil erhofft sie sich eine möglichst große Orientierungshilfe für die Cybersicherheitsforschenden, deshalb agieren die Forscher im fiktiven Fall zum Teil auch anders, als es verantwortungsvolle Cybersicherheitsforschende tun würden.

Das Urteil

Das Gericht hat Person A aufgrund des probeweisen Logins in einen Account schuldig gesprochen, sie verwarnt und die Verurteilung zu einer Strafe von 20 Tagessätzen in Höhe von je 100€ vorbehalten. Zudem erteilte das Gericht der Person A die Auflage, 4.000€ an eine gemeinnützige Organisation zu zahlen. Zur Begründung erklärt der an der Studie teilnehmende Richter, dass Person A durch das Einloggen in einen fremden Account die Interessen der Dateninhaber verletzt habe, auch wenn es nur kurz und zu Testzwecken war. „Der Zweck heiligt in diesem Fall eben nicht die Mittel“, begründet der Richter. In allen weiteren Anklagepunkten wurde Person A freigesprochen, Person B wurde vollständig freigesprochen.

Auch wenn die Entscheidung nur auf einem fiktiven Fall basiert und endgültige Beurteilungen grundsätzlich einzelfallabhängig sind und nur durch die zuständigen Gerichte erfolgen können, liefert das Simulationsgericht Anhaltspunkte für die Praxis rund um die Strafbarkeit von Handlungen Cybersicherheitsforschender, etwa in Bezug auf die Überwindung von Zugangssicherungen, den Voraussetzungen für ein vorsätzliches Handeln und den Möglichkeiten der Rechtfertigung von strafrechtlich relevanten Handlungen.

Weitere Fälle gesucht

Die Simulationsstudie soll über mehrere Jahre weitergeführt werden. Für die nächsten simulierten Gerichtsprozesse können Cybersicherheitsforschende Vorschläge zu Fällen einreichen, die sie gerne verhandeln lassen würden. Mehr Informationen dazu finden sich hier.



  • Außenhandel legt zu

    Außenhandel legt zu

    Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wuchsen die Exporte der deutschen Wirtschaft im Oktober um 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Importe nahmen hingegen ab.

    mehr lesen: Außenhandel legt zu

  • Bosch-Forschungsteam macht DLT-Anwendungen skalierbar

    Bosch-Forschungsteam macht DLT-Anwendungen skalierbar

    Nicht der Mensch bezahlt an der Kasse, sondern das Auto direkt an der Ladesäule. In einer Ökonomie der Dinge könnte dies Wirklichkeit werden. Genau daran forscht Bosch gemeinsam mit der…

    mehr lesen: Bosch-Forschungsteam macht DLT-Anwendungen skalierbar

  • Fraunhofer IKS startet in München

    Fraunhofer IKS startet in München

    In München wurde das neue Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme IKS  eröffnet. Schwerpunkt der Forschung soll auf der Absicherung künstlicher Intelligenz (Safe Intelligence) liegen.

    mehr lesen: Fraunhofer IKS startet in München

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Auftragseingang sinkt zweistellig

    Auftragseingang sinkt zweistellig

    Nach einer kurzfristigen Entspannung im September liegt der Auftragseingang im Maschinen- und Anlagenbau im Oktober elf Prozent unter dem Vorjahreswert.

    mehr lesen: Auftragseingang sinkt zweistellig

  • Fast 200.000 Ingenieure im Maschinenbau

    Fast 200.000 Ingenieure im Maschinenbau

    Im Maschinen- und Anlagenbau sind laut der aktuellen Ingenieurerhebung des VDMA 199.800 Ingenieure beschäftigt – Rekordniveau, wie der Branchenverband mitteilt. Dennoch haben die Unternehmen Schwierigkeiten entsprechende Stellen zu besetzen.

    mehr lesen: Fast 200.000 Ingenieure im Maschinenbau

  • Neues Institutsgebäude für das KIT

    Neues Institutsgebäude für das KIT

    Ab dem nächsten Frühjahr sollen die Arbeiten am InformatiKOM auf dem Campus Süd des Karlsruher Instituts für Technologie beginnen. Auf 10.000m² entstehen zwei Gebäude, in denen unterschiedliche Disziplinen zusammengebracht werden…

    mehr lesen: Neues Institutsgebäude für das KIT

  • Produktivere Mitarbeiter durch künstliche Intelligenz

    Produktivere Mitarbeiter durch künstliche Intelligenz

    Die große Mehrheit der im Rahmen einer IFS-Studie befragten Unternehmen plant, in KI-Technologien zu investieren. Davon erhoffen sie sich an erster Stelle Produktivitätssteigerungen der Belegschaft.

    mehr lesen: Produktivere Mitarbeiter durch künstliche Intelligenz

  • Datenschutz und Quantencomputing

    Datenschutz und Quantencomputing

    Im neuen Projekt ‘PQC4MED‘ arbeitet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gemeinsam mit mehreren Partnern an Verfahren daran, medizinische Daten durch updatefähige Systeme langfristig vor Attacken durch Quantencomputer zu…

    mehr lesen: Datenschutz und Quantencomputing

  • Arbeitsmarktbarometer legt zu

    Arbeitsmarktbarometer legt zu

    Das IAB-Arbeitsmarktbarometer ist im November gestiegen. Gegenüber dem Vormonat legte der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) um 0,5 auf 102,1 Punkte zu. Verbessert hat sich der Ausblick…

    mehr lesen: Arbeitsmarktbarometer legt zu

  • Holger Michalka wird Teil der MR-Geschäftsführung

    Holger Michalka wird Teil der MR-Geschäftsführung

    Von Rittal zu MR: Zum April nächsten Jahres stößt Holger Michalka zur Maschinenfabrik Reinhausen und übernimmt dort die Leitung des Geschäftsbereichs ‘Products und Operations‘.

    mehr lesen: Holger Michalka wird Teil der MR-Geschäftsführung

  • Rockwell Automation tritt ISA Global Cybersecurity Alliance bei

    Rockwell Automation tritt ISA Global Cybersecurity Alliance bei

    Der neu gegründete Zusammenschluss ISA Global Cybersecurity Alliance hat sich zum Ziel gesetzt, die IT-Sicherheit in industriellen Betrieben voranzutreiben.

    mehr lesen: Rockwell Automation tritt ISA Global Cybersecurity Alliance bei