Binder stellt Warenfluss neu auf: Logistik vereinfacht

image 18
Bilder: Franz Binder GmbH & Co. Elektrische Bauelemente KG

Die Anforderungen an Warenlager haben sich verändert, und nicht nur die logistischen Abläufe sind im Wandel, sondern auch die Technologien, die diese am Laufen halten. Es kann sich also lohnen, auf die technische Modernisierung anderer Lager zu schauen, um einzuschätzen, welche Lösungsansätze auch im eigenen Fall Sinn ergeben. Bei Binder, einem der Anbieter im Bereich Rundsteckverbinder für die Industrie- und Automatisierungstechnik, entsteht am Hauptsitz in Neckarsulm in zwei Bauphasen ein neues Werk mit Produktion, Logistik, Büros und Sozialräumen. Wie für nahezu alle Lagerbetreiber ging es auch hier darum, Effizienz und Qualität zu steigern und die Kosten zu senken. Kunden erwarten heutzutage schnellere Lieferungen. Zugleich werden die Logistikprozesse komplexer. Daher war der Anspruch, sowohl auf Hard- als auch auf Softwareebene, dem Warenfluss die Komplexität zu nehmen. Hier lohnt ein Blick auf die Bauprozesse.

Zum Ende des ersten Bauabschnitts nahm Binder die Produktion und den Logistikbereich mit Hochregallager für Paletten und Kleinteilelager für Behälter sowie Fördertechnik planmäßig in Betrieb. Das neue Zentrallager vereint die zuvor baulich und räumlich getrennten Versand- und Teilelager. In der zweiten Bauphase werden dann schrittweise die drei Werke zusammengeführt und zugleich direkt an das Zentrallager angebunden. Durch die Konzentration der Warenströme wird die Komplexität der logistischen Abläufe reduziert. Möglich macht das eine neue Logistikanlage.

Zwei Ansätze

Verfolgt wurden u.a. zwei Lösungsansätze, die auf andere Lager übertragbar sind – Platzoptimierung und Automatisierung. Eine der größten Herausforderungen in Warenlagern ist die effiziente Platznutzung. Das hieß in diesem Fall, dass Räumlichkeiten zusammengelegt oder enger miteinander verbunden wurden. Platzoptimierung kann aber auch die Maximierung der Lagerkapazität bedeuten, die im Zuge steigender Nachfrage nach Produkten erforderlich wird. Hier können etwa automatische Regalsysteme und vertikale Lagerung zum Einsatz kommen. Vollautomatisierte Lager können heute dreimal so hoch gebaut werden wie manuelle Lager. Durch die Höhe lagern mehr Produkte auf kleinerer Fläche, nicht zuletzt, wenn man wie in diesem Use Case noch auf doppeltiefe Lagerung setzt. Der zweite Lösungsansatz, Automatisierung, ist für Lagerbetreiber omnipräsent. Automatisierte Systeme wie fahrerlose Transportsysteme oder Roboter ermöglichen eine effiziente und präzise Lagerverwaltung. Gibt es gutlaufende manuelle Prozesse, kann eine Kombination von manuellen und automatisierten Prozessen im Lager sinnvoll sein. Vorausgesetzt, es sind genügend Arbeitskräfte vorhanden. Denn mit Automation können Unternehmen auch dem bestehenden Fachkräftemangel begegnen. Dabei ersetzen Automationssysteme nicht nur manuelle Prozesse, sondern vereinfachen z.B. mit Step-by-Step-Anweisungen an den Arbeitsplätzen Prozesse so weit, dass auch ungelernte Mitarbeiter diese ausführen können.

Orchestriert mit SAP

Wachstumsbedingt stießen die die Kapazitäten bei Binder an ihre Grenzen. Mit Blick auf die Zukunft hatte sich das Unternehmen daher für ein vollautomatisiertes Lager entschieden, nicht zuletzt, da es eine Doppelnutzung gibt. Der Neubau ist sowohl Nachschublager für die Produktion als auch Fertigwarenlager für den Versand. Möglich ist dies, wenn die Software-Seite – in diesem Fall SAP-Software – die Systeme aussteuert. Das Lager besteht aus einem automatischen Palettenlager (APL) mit doppeltiefer Lagerung und einer Kapazität von rund 1.500 Stellplätzen sowie einem 4-fach tiefem Shuttlelager für Behälter mit rund 45.000 Behälterplätzen in drei Gassen und 58 Ebenen. Die Ein- und Auslagerung der Paletten im APL erfolgt über ein vollautomatisches Regalbediengerät und einer Leistung von 35 Doppelspielen pro Stunde. Im Shuttlelager kommen pro Gasse vier Shuttlefahrzeuge zum Einsatz, die eine Leistung von 450 Doppelspiele pro Stunde erbringen. Das ermöglichte eine Verdreifachung der Kapazität im Vergleich zum alten Lager. Über die Zahl der Shuttlefahrzeuge kann die Leistung der Anlage mit dem perspektivisch weiter zunehmenden Bedarf sogar noch wachsen. Um die Automatisierungssysteme in Gleichklang zu halten, kommen SAP EWM (Extended Warehouse Management) und SAP EWM/MFS (Materialflusssystem) zum Einsatz. Erstgenanntes bildet die Prozesse in den Bereichen Wareneingang, Lagerung, Produktionsversorgung sowie Kommissionierung und Versand ab, SAP EWM/MFS den Materialfluss in den automatischen Lagerbereichen. Die Austarierung all dieser Abläufe gelingt durch die offene Struktur beider Programme. So lässt sich SAP EWM nahtlos mit anderen SAP-Modulen und -Softwaresystemen wie SAP ERP, SAP S/4Hana und SAP TM verknüpfen bzw. in sie integrieren. Für das Shuttlelager wurde etwa ein individualisiertes Prozess-Management-System von Körber aufgesetzt, das sich ebenfalls in das übergeordnete SAP-System einfügte.

Ansatz übertragbar?

Was lässt sich aus diesem Use-Case auf andere Warenlager übertragen? Hardwareseitig lohnt sich ein solches Shuttlelager sicher nicht für jedes Unternehmen. Abschauen lässt sich aber sicher die Planung von Raum und Technologie. Denn es ist abzusehen, dass die Konzentration der Warenströme ein immer wichtig werdender Ansatz zur Lageroptimierung ist.

Wie viele Abläufe automatisch, wie viele manuell erfolgen sollen, gilt es individuell abzuwägen. Jedoch hilft Automatisierungstechnologie Platz zu sparen und Prozesse zu beschleunigen. Eine durchgängige IT-Struktur hilft, ein Logistiksystem mit mehr Durchsatz und Kapazität zu etablieren. Die Modularität der Systeme sorgt zugleich dafür, dass Anlagentechnik variabel mitwachsen kann. Denn mag es auch keinen universellen Lösungsweg geben, gibt es doch einen universellen Anspruch an künftige Warenlager – Flexibilität. Raumgestaltung, Automatisierung und IT-Strukturen werden dabei eine Hauptrolle spielen.

Autor: Veit Liemen, Chief Sales & Marketing Officer, Körber Supply Chain



  • Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

    Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

    Beim Workshop von Exor stehen neue Geschäftmodelle für Maschinen und Anlagen auf der Basis von IoT im Fokus. Der Anbieter liefert dazu Technologien und Methoden, mit denen Fertigungsbetriebe zunächst ein…

    mehr lesen: Geschäftsmodelle mit dem Internet of Things

  • MES-Strategie entwickeln

    MES-Strategie entwickeln

    Ein Workshop von HIR Hoff Industrie Rationalisierung behandelt die mögliche Rolle von Manufacturing-Execution-Systemen in Zeiten der digitalen Transformation.

    mehr lesen: MES-Strategie entwickeln

  • Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

    Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

    Der Maschinenbau bekommt die Folgen der Corona-Pandemie mit zunehmender Wucht zu spüren. Das geht aus einer zweiten Umfrage des VDMA unter 965 Mitgliedsfirmen hervor.

    mehr lesen: Maschinenbau spürt weitere Auswirkungen der Corona-Krise

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Beratungsangebote rund ums Homeoffice

    Beratungsangebote rund ums Homeoffice

    Cosmo Consult will in der Corona-Krise mit teils kostenfreie Webinaren, Workshops und Beratungspaketen Fachwissen rund um Microsoft Teams und die digitale Zusammenarbeit im Homeoffice anbieten.

    mehr lesen: Beratungsangebote rund ums Homeoffice

  • Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

    Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

    Nach 24,6 Punkten im Februar, ist der Bitkom-Ifo-Digitalindex im März auf 0,6 Punkte zurückgegangen. Dabei sind von den negativen Folgen im Zuge der Corona-Krise vor allem die Industrie und der…

    mehr lesen: Stimmung in der Digitalbranche trübt sich ein

  • Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

    Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

    Im Maschinenbau werden immer häufiger modulare Anlagen gefertigt. Deren Zusammenstellung aus Spezialmodulen für verschiedene Teilaufgaben von unterschiedlichen Herstellern scheiterte bisher oft an inkompatiblen Kommunikationsstandards.

    mehr lesen: Mit OPC UA over TSN zur Losgröße 1

  • Automatica in den Dezember verlegt

    Automatica in den Dezember verlegt

    Die Messe München hat sich dazu entschlossen, die Messe Automatica, die vom 16. bis zum 19. Juni stattfinden sollte, in den Dezember zu verschieben.

    mehr lesen: Automatica in den Dezember verlegt

  • Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

    Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

    Neue Maschinen und Anlagen waren auch im vergangenen Jahr weltweit gefragt. Allerdings erfolgten die Geschäfte bereits unter erschwerten Bedingungen: Der Wandel in der Automobilindustrie, der Handelskrieg zwischen den USA und…

    mehr lesen: Weltmarkt für Maschinen legt 2019 leicht zu

  • Keine Hannover Messe in 2020

    Keine Hannover Messe in 2020

    Die Hannover Messe kann dieses Jahr nicht stattfinden. Grund ist die zunehmend kritische Lage aufgrund der Covid-19-Pandemie und eine Untersagungsverfügung der Region Hannover.

    mehr lesen: Keine Hannover Messe in 2020

  • Nächste Management-Generation bei Siemens

    Nächste Management-Generation bei Siemens

    Siemens-CEO Joe Kaeser hat den Aufsichtsrat darüber informiert, dass er keine Verlängerung seines Vertrages anstrebt. Er wird zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Siemens Energy vorgeschlagen.

    mehr lesen: Nächste Management-Generation bei Siemens

  • Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?

    Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?

    Die Industrie setzt IoT-Lösungen vornehmlich in der Produktion, bei der Zeiterfassung und in der Lagerverwaltung ein. Dies geht aus einer Befragung hervor, die Ende vergangenen Jahres durchgeführt wurde.

    mehr lesen: Wie weit sind deutsche Unternehmen beim Internet of Things?