Qualität und Energieeffizienz im Spritzguss verbessern

427944 IFM 5258
Digitale Transparenz: Moneo erfasst, visualisiert und analysiert alle Sensordaten und warnt selbstständig bei Grenzwertüberschreitungen oder Anomalien. – Bild: IFM Electronic GmbH

Rafi fertigt am Standort Bad Waldsee Kunststoffspritzgussteile für eigene HMI-Standardprodukte und für Kunden. Die Einsatzbereiche reichen von der Medizintechnik über die Agrartechnik bis hin zu industriellen und automobilen Anwendungen. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Maßhaltigkeit, Oberflächenqualität und Langzeitstabilität der Bauteile. Im Spritzgussprozess wird Kunststoffgranulat plastifiziert und unter hohem Druck in das Werkzeug eingespritzt. Die anschließende Abkühlphase ist für die Bauteilqualität entscheidend. Werkzeugtemperatur, Durchflussmenge des Kühlmediums und Temperaturdifferenzen zwischen Vor- und Rücklauf müssen exakt eingehalten werden. Bereits geringe Abweichungen können sich negativ auf Zykluszeit, Formstabilität oder Optik auswirken.

Prozesse sichtbar machen

Ausgangspunkt des Projekts war der gezielte Einsatz von Sensorik sowie der IIoT-Plattform Moneo des Automatisierungsspezialisten IFM. Der Spritzgussprozess sollte nicht länger ausschließlich über Erfahrungswerte und Stichproben bewertet, sondern datenbasiert, transparent und nachvollziehbar gemacht werden. Guido Zoll, Entwicklung und Konstruktion bei RAFI, beschreibt: „Wir wollten genau verstehen, was während eines Spritzgusszyklus tatsächlich passiert – und welche Parameter wirklich Einfluss auf Qualität und Effizienz haben.“ Im Fokus standen dabei insbesondere die thermischen Verhältnisse im Werkzeug, die Auslastung der Kühlkreisläufe sowie der Verbrauch unterstützender Medien wie Druckluft und elektrische Energie. Ziel war es, Transparenz zu schaffen und Stellhebel für Optimierungen zu finden.

Sensorik im Werkzeug und an der Maschine

In der Umsetzung wurden die unterschiedlichen Kühlkreisläufe der Spritzgusswerkzeuge mit Durchfluss- und Temperatursensoren ausgestattet. Diese erfassen kontinuierlich die Vorlauf- und Rücklauftemperaturen sowie das jeweilige Kühlwasservolumen. Auf dieser Basis lassen sich Temperaturdifferenzen präzise bestimmen und belastbare Rückschlüsse auf die Effizienz der Werkzeugkühlung ziehen. „Neben dem Kühlkreislauf analysieren wir auch die Stromaufnahme der Maschine, um Lastspitzen früh zu erkennen. Zusätzlich überwachen wir die Druckluftversorgung des Roboterarms und der Spritzgussmaschine, da sich Leckagen oder gelöste Verschraubungen unmittelbar in den Kennlinien zeigen. Diese Daten werden mit Moneo erfasst und ausgewertet. Überschreiten die Messwerte definierte Grenzbereiche, löst die Software automatisch eine Alarmmeldung aus. So lassen sich Störungen in Echtzeit identifizieren, wenn etwa ein Roboter aufgrund unzureichenden Drucks ein Bauteil verliert“, so Guido Zoll. Da Druckluft zu den kostenintensivsten Energieformen zählt, haben selbst kleine Leckagen erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen.

427944 IFM 5484
Präzise Temperaturen und exaktes Timing bilden die Grundlage für die Produktqualität im Spritzgussprozess. – Bild: IFM Electronic GmbH

Die zentrale IIoT-Plattform

Für Auswertung der Sensordaten wird Moneo genutzt: „Unsere IIoT-Plattform schafft Transparenz in der Anlage und zeigt, wie Maschinen tatsächlich betrieben werden“, sagt Christoph Schneider, Vice President Produktmanagement IIoT Use Cases bei ifm solutions. Guido Zoll ergänzt: „Außerdem können alle im Team – vom Gruppenleiter bis zum Schichtführer – auf die Kennzahlen zugreifen. Jeder sieht in den Kennlinien sofort, wenn ein Prozess stabil läuft oder wenn etwas aus dem Ruder gerät.“ Die eingesetzten IO-Link-Sensoren kommunizieren über IO-Link-Master, die die Daten bündeln und per Ethernet in das Firmennetzwerk übertragen. Von dort werden die Messwerte in die Plattform eingespeist. Moneo ist modular aufgebaut und deckt mehrere Ebenen ab – von der Geräteverwaltung über die Datenerfassung bis hin zur Analyse und Alarmierung.

Daten im IIoT verarbeiten

Im System werden die Sensordaten erfasst, gespeichert und nachvollziehbar aufbereitet. So lassen sich Prozessverläufe über Stunden, Tage oder Wochen analysieren und mit Qualitätsmerkmalen der gefertigten Bauteile korrelieren. Über Dashboards lassen sich Prozesszustände darstellen. Diese Transparenz und die Auswertung der Messwerte zu aussagefähigen Kennzahlen ist ein entscheidender Schritt. Denn dann können Musterveränderungen in Temperatur- oder Durchflusskurven sowie die Analyse der berechneten Wärmemenge beispielsweise schleichende Verschmutzungen von Kühlkanälen sichtbar machen.

Vom Monitoring zur Optimierung

427944 IFM 5564
Kunststoffspritzgussmaschine inklusive Roboter für das Handling der Formteile. – Bild: IFM Electronic GmbH

Neben dem Monitoring war die Ableitung von Maßnahmen das Projektziel. So fand der Kunststoffverarbeiter bereits Optimierungspotenzial bei der Kühlwassermenge heraus. Es zeigte sich nämlich, dass statt der angestrebten Temperaturdifferenz von zwei Grad Celsius lediglich 0,8 Grad erreicht wurden – ein Hinweis auf überdimensionierten Durchfluss. Durch die Anpassung des Kühlkreislaufs ließ sich Energie sparen, ohne die Prozessstabilität zu beeinträchtigen. Gleichzeitig eröffnen die Daten die Möglichkeit, Zykluszeiten zu verkürzen. Guido Zoll von RAFI sagt: „Der Grundgedanke war, Ressourcen zu schonen und nur so viel einzusetzen, wie tatsächlich notwendig ist – also Kühlwasser, Strom oder Druckluft gezielt zu nutzen. Außerdem wollten wir Spitzenströme vermeiden. Wenn mehrere Maschinen gleichzeitig ihre Heizelemente einschalten, entstehen hohe Lastspitzen. Mit den erfassten Daten können wir künftig steuern, dass die Maschinen zeitlich versetzt anlaufen. So lassen sich diese Spitzen kappen und Energie einsparen.“ Denn neben der Kostensenkung soll der datenbasierte Ansatz einen Beitrag zur Reduzierung von Energieverbrauch und CO2-Emissionen leisten.

Skalierung und Weiterentwicklung

Das Projekt ist bei RAFI bewusst skalierbar angelegt. „Aktuell planen wir die Erweiterung auf weitere Maschinen. Außerdem wollen wir zusätzliche Sensoren einbinden, etwa zur Messung der Feuchtigkeit im Trockner, der Drücke im Werkzeug, der Hallentemperatur oder der Klimaanlage. Ziel ist, in Moneo alle Parameter zu erfassen, die Einfluss auf die Qualität der Spritzgussteile haben könnten“, so Guido Zoll. Erweiterungen wie zustandsbasierte Wartung, automatische Handlungsempfehlungen oder KI-gestützte Auswertungen sollen den Weg von der reinen Transparenz hin zur selbstoptimierenden Produktion weiter unterstützen.



  • Deutschland mit gutem Innovationssystem aber Schwächen in digitaler Infrastruktur

    Deutschland mit gutem Innovationssystem aber Schwächen in digitaler Infrastruktur

    Angesichts des deutschen Abschneidens beim diesjährigen Global Innovation Index hat die Präsidentin des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA), Eva Schewior, zu mehr Dynamik bei der Sicherung der Innovationsfähigkeit in Deutschland…

    mehr lesen: Deutschland mit gutem Innovationssystem aber Schwächen in digitaler Infrastruktur

  • Peter Leibinger als neuer BDI-Präsident vorgeschlagen

    Peter Leibinger als neuer BDI-Präsident vorgeschlagen

    Nach zwei Amtszeiten als BDI-Präsident wird Siegfried Russwurm am Jahresende das Amt satzungsgemäß abgeben.

    mehr lesen: Peter Leibinger als neuer BDI-Präsident vorgeschlagen

  • Neue Höchstzahl an Industrierobotern in Deutschland

    Neue Höchstzahl an Industrierobotern in Deutschland

    Die deutsche Wirtschaft hat 28.355 neue Industrieroboter installiert – ein neues Allzeithoch: 2023 stieg der Absatz um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der operative Bestand erreichte den neuen europäischen…

    mehr lesen: Neue Höchstzahl an Industrierobotern in Deutschland

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Arvato Systems und Advanco starten Partnerschaft

    Arvato Systems und Advanco starten Partnerschaft

    Arvato Systems und Advanco, ein Anbieter von Track & Trace-Systemen für die Pharma- und Life Science-Branche, bündeln ihre Expertise und starten eine Partnerschaft.

    mehr lesen: Arvato Systems und Advanco starten Partnerschaft

  • Saskia Fontanive und Christian Schweizer werden COOs

    Saskia Fontanive und Christian Schweizer werden COOs

    Im September 2024 hat der SAP-Gold-Partner und Cloudspezialist Innovabee seine Geschäftsführung um Saskia Fontanive und Christian Schweizer erweitert.

    mehr lesen: Saskia Fontanive und Christian Schweizer werden COOs

  • Siemens gliedert eMobility-Geschäft aus

    Siemens gliedert eMobility-Geschäft aus

    Siemens plant, sein eMobility-Geschäft auszugliedern. Im Jahr 2018 bündelte das Unternehmen seine Ladeaktivitäten für Elektrofahrzeuge und überführte diese 2022 in eine eigene Geschäftseinheit.

    mehr lesen: Siemens gliedert eMobility-Geschäft aus

  • Rechtliche Orientierung für Cybersicherheitsforschende

    Rechtliche Orientierung für Cybersicherheitsforschende

    Cybersicherheitsforschende stehen mitunter gefühlt mit einem Bein im Gefängnis – es herrscht viel Unsicherheit darüber, was rechtlich im Rahmen von Wissenschaft erlaubt ist und was nicht.

    mehr lesen: Rechtliche Orientierung für Cybersicherheitsforschende

  • DFKI und Taiwan AICoE vereinbaren KI-Zusammenarbeit

    DFKI und Taiwan AICoE vereinbaren KI-Zusammenarbeit

    Das Taiwan AI Center of Excellence (AICoE) und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) haben eine Absprache zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit geschlossen.

    mehr lesen: DFKI und Taiwan AICoE vereinbaren KI-Zusammenarbeit

  • Auftragsbestand der Industrie wächst um 1 Prozent

    Auftragsbestand der Industrie wächst um 1 Prozent

    Der Auftragsbestand in der Industrie ist nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Juli 2024 gegenüber Juni 2024 saison- und kalenderbereinigt um 1 Prozent gestiegen.

    mehr lesen: Auftragsbestand der Industrie wächst um 1 Prozent

  • Sebastian Durst wird CEO bei Weidmüller

    Sebastian Durst wird CEO bei Weidmüller

    Die Weidmüller-Gruppe gibt zum 1. Oktober 2024 Veränderungen in der ersten Führungsebene bekannt: Dr. Sebastian Durst, bisher Vorstand Operations, übernimmt die neu geschaffene Position des Chief Executive Officer (CEO).

    mehr lesen: Sebastian Durst wird CEO bei Weidmüller

  • Sereact macht Jörg Ziesmann zum Sales Director

    Sereact macht Jörg Ziesmann zum Sales Director

    Jörg Ziesmann (Bild) ist neuer Sales Director beim KI-Robotik-Spezialisten Sereact.

    mehr lesen: Sereact macht Jörg Ziesmann zum Sales Director