KI-Entscheidungen verständlich machen

Kira Vinogradova, bei Telekom MMS auf Machine Learning, Generative KI, Explainable AI und Computer Vision spezialisiert.
Kira Vinogradova, bei Telekom MMS auf Machine Learning, Generative KI, Explainable AI und Computer Vision spezialisiert. – Bild: Deutsche Telekom MMS GmbH

Zwei baugleiche Produktionsanlagen laufen in einem Betrieb. Während die eine störungsfrei läuft, meldet die andere einen drohenden Ausfall. Eine in der prädiktiven Wartung eingesetzte KI empfiehlt eine sofortige Überprüfung – doch auf welcher Grundlage? Für Instandhaltungs-Teams ist es wichtig, zu wissen, welche Datenmerkmale auf den Defekt hindeuten, welche Ereignisse in der Vergangenheit diesen möglicherweise ausgelöst haben und wie sich vergleichbare Situationen künftig vermeiden lassen. So entsteht eine Mensch-Maschine-Interaktion, die über Automatisierung hinausgeht. Der Ansatz der erklärbaren KI (Explainable AI) liefert Methoden und Techniken, die es ermöglichen, die Entscheidungen und Funktionsweise von KI-Modellen für Menschen verständlich zu machen.

Wie entscheided die KI?

Explainable AI (XAI) macht sichtbar, wie KI-Modelle zu ihren Empfehlungen gelangen. Zudem deckt erklärbare KI Verzerrungen (Bias) in den Daten auf – etwa wenn die Datensätze bestimmte Fehlerarten überrepräsentieren, Labels falsch vergeben sind oder scheinbare Zusammenhänge auftauchen, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Die Technologie verbessert die Qualität und Verlässlichkeit von KI-gestützten Entscheidungen. Zudem schafft sie Transparenz, ermöglicht Rechenschaft und senkt das Risiko fehlerhafter Ergebnisse. Die gesetzlichen Vorgaben dafür sind bislang noch sehr vage formuliert. Ihre praktische Umsetzung erfordert daher sowohl technologische Exzellenz als auch ein klares Leitbild für verantwortungsvolle KI. Um das Verhalten komplexer KI-Modelle nachvollziehbar zu machen, kommen verschiedene Methoden der Explainable AI zum Einsatz:

·Counterfactual Explanations: Die Methode zeigt auf, welche minimalen Änderungen zu einer anderen Entscheidung geführt hätten. Daraus lassen sich Empfehlungen darüber ableiten, wie ein Ausfall künftig verhindert werden kann.

·Feature Importance: Feature Importance bewertet, welche Merkmale die Entscheidungen eines Modells am stärksten beeinflusst haben – insbesondere bei Modelltypen, die auf Entscheidungsbäumen basieren, wie Decision Trees, Random Forests oder Gradient Boosting. Zu diesen Merkmalen zählen z.B. bestimmte Sensordaten oder Werte aus früheren Wartungsprotokollen.

·Lime (Local Interpretable Model-agnostic Explanations): Lime ersetzt komplexe Modelle vorübergehend durch einfache, verständliche Modelle, die gezielt in der „Nähe“ eines bestimmten Datenpunkts trainiert wurden. Dafür erzeugt Lime künstlich veränderte Daten, indem es einzelne Merkmale ausblendet und so sichtbar macht, welche Merkmale im jeweiligen Fall entscheidend waren. Dazu gehören beispielsweise Sensorwerte oder Tabellenspalten.

·Shap (SHapley Additive exPlanations): Shap bewertet ebenfalls den Einfluss jedes Merkmals auf die Vorhersage. So lässt sich beispielsweise erkennen, welche Sensorwerte maßgeblich zur Diagnose eines bevorstehenden Ausfalls beitragen – und wie stark sie im Verhältnis zu anderen Faktoren wirken.

Auch die Darstellung der Ergebnisse spielt eine Rolle. Fortschritte in der Visualisierung von XAI machen Erkenntnisse inzwischen auch für Anwenderinnen und Anwender ohne technisches Vorwissen verständlich. Zum Einsatz kommen dabei etwa Heatmaps, die Bildklassifikationen erklären – etwa in der automatisierten Qualitätskontrolle. Balkendiagramme helfen dabei, den Einfluss einzelner Merkmale übersichtlich darzustellen. Dashboards ermöglichen nutzerfreundliche Erklärungen des Modellverhaltens. Regelmäßige Neukalibrierungen passen die Modelle zudem an aktuelle Daten an und erhalten ihre Vorhersagegenauigkeit (Modell-Drift).

Erklärbare KI implementieren

Für eine erfolgreiche Einführung ist jedoch mehr als rein technisches Knowhow erforderlich. Hier bietet sich ein systematisches Vorgehen an:

1. Bestandsaufnahme: Welche KI-Systeme sind bereits im Einsatz? Welche Datenquellen stehen zur Verfügung?

2. Zieldefinition: Wo kann XAI den größten Nutzen erzielen? Bei Wartung, Ausfallprävention, Qualitätssicherung und Effizienz der Datenaufnahme, oder wird XAI für die Akzeptanz von KI benötigt?

3. Methodenauswahl: Welche XAI-Techniken passen zu den konkreten Anwendungsfällen?

4. Pilotprojekt: In einem abgegrenzten Bereich testen, evaluieren, verbessern.

5. Skalierung: Erfolgreiche Ansätze auf weitere Bereiche übertragen.

6. Kontinuierliche Optimierung: Modelle und Parameter der XAI-Methoden regelmäßig überprüfen, neu kalibrieren und an veränderte Bedingungen anpassen.

Auf diesem Weg stehen Unternehmen oft vor technischen Herausforderungen: Neue Systeme müssen in bestehende Infrastrukturen integriert werden, es gibt Datenschutzbestimmungen und Daten müssen in entsprechender Qualität vorliegen. Interdisziplinäre Teams aus Data Scientists, Fachkräften aus der Praxis und künftigen Nutzerinnen und Nutzern sowie agile Methoden und Schulungen unterstützen die Einführung.

Explainable AI für die Zukunft

XAI macht sichtbar, warum eine KI zu einer bestimmten Einschätzung kommt, welche Datenmerkmale ausschlaggebend waren, welche Verzerrungen in den Daten auftauchen und wie ähnliche Situationen künftig verhindert werden können. Visualisierungen und lokal verständliche Erklärmodelle wie Lime oder Shap machen die komplexen Zusammenhänge auch für Nicht-Experten nachvollziehbar. Explainable AI wird somit zu einem strategischen Schlüssel auf dem Weg zu resilienter Produktion, informierter Wartung und nachhaltigem Unternehmenserfolg.



  • Lynx Software Technologies gewinnt Preis

    Lynx Software Technologies gewinnt Preis

    Lynx Software Technologies gibt bekannt, dass Lynx Mosa.ic im Rahmen der IoT Breakthrough Awards zur ‚IoT Security Platform of the Year‘ gekürt wurde.

    mehr lesen: Lynx Software Technologies gewinnt Preis

  • Plattformmodul für die Produktion

    Plattformmodul für die Produktion

    Dynatrace tritt in den Markt für Cloud Application Security ein. Dazu hat das Unternehmen seine Software-Intelligence-Plattform um ein neues Modul erweitert: Das neue Dynatrace Application Security Module bietet kontinuierliche Runtime-Application-Self-Protection…

    mehr lesen: Plattformmodul für die Produktion

  • Gefahrenpotenzial steigt weiter

    Gefahrenpotenzial steigt weiter

    Was wird sich bei der Sicherheit kritischer Infrastrukturen, Industrie- und Produktionsanlagen im neuen Jahr ändern? Welche Herausforderungen erwarten die Sicherheitsverantwortlichen, welche Trends zeichnen sich ab? Die Experten für industrielle Cybersecurity…

    mehr lesen: Gefahrenpotenzial steigt weiter

  • Mehr Polizeipräsenz im digitalen Raum

    Mehr Polizeipräsenz im digitalen Raum

    Die Bedrohung durch Internetkriminelle wird immer größer. Darüber sind sich 94% der Internetnutzer einig. Die große Mehrheit sieht daher Staat und Behörden in der Pflicht, stärker gegen Kriminelle im digitalen…

    mehr lesen: Mehr Polizeipräsenz im digitalen Raum

  • Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik

    Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik

    Um die Entwicklung KI-basierter Funksensor-Edge-Anwendungen zu vereinfachen, hat SSV mit dem WSEI/154A den weltweit ersten Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit einer 868MHz-Funktechnik gemäß IEEE802.15.4 entwickelt. Als Sensing Endpoint gehört ein Evaluation Board…

    mehr lesen: Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik

  • Intelligente Überwachung von Produktionsmaschinen

    Intelligente Überwachung von Produktionsmaschinen

    Die Forschungspartner Technische Hochschule Deggendorf und die Technische Universität München sowie den beiden Unternehmen Schindler & Schill (EasyLogix) und Systema haben das BMWi-ZIM-Projekt MobiCM erfolgreich abgeschlossen. Ziel war die Entwicklung…

    mehr lesen: Intelligente Überwachung von Produktionsmaschinen

  • Verlängerter Lockdown lässt Wirtschaft stagnieren

    Verlängerter Lockdown lässt Wirtschaft stagnieren

    Nach ersten Schätzungen geht das Ifo-Institut von einer Stagnation der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal aus. Erst im zweiten Quartal gehen die Experten wieder von einem Zuwachs aus.

    mehr lesen: Verlängerter Lockdown lässt Wirtschaft stagnieren

  • DIN und VDE DKE kooperieren mit Enterprise Singapore

    DIN und VDE DKE kooperieren mit Enterprise Singapore

    Die Normungsorganisationen DIN und VDE DKE haben eine Kooperationsvereinbarung mit ‚Enterprise Singapore‘ getroffen. Die Zusammenarbeit soll unter anderem die Bereiche Industrie 4.0 sowie künstliche Intelligenz umfassen.

    mehr lesen: DIN und VDE DKE kooperieren mit Enterprise Singapore

  • Anstieg der Konjunkturerwartungen im Januar

    Anstieg der Konjunkturerwartungen im Januar

    Im Januar sind die Konjunkturerwartungen im ZEW-Indikator gestiegen. Trotz des Lockdowns haben sich die Aussichten demnach verbessert. Dabei seien vor allem die Exporterwartungen gestiegen, sagt ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach, Ph.D.

    mehr lesen: Anstieg der Konjunkturerwartungen im Januar

  • Produktion unter erschwerten Bedingungen

    Produktion unter erschwerten Bedingungen

    Elektronikfertigung während der Pandemie Produktion unter erschwerten Bedingungen Da man in der Produktion nicht so ohne weiteres auf Homeoffice setzen kann, müssen sich Fertiger Konzepte einfallen lassen, wie sie unter…

    mehr lesen: Produktion unter erschwerten Bedingungen