Individuell trainierte Sensoriksysteme: KI-basierte Softsensoren in der Automation

347532 aufmacher
Bild: SSV Software Systems GmbH

Um mit einer Low-Code-Anwendung ein Formular in der IT-Welt zu digitalisieren, reichen als Quellsysteme einfache Datenbankanbindungen aus. Doch Anwendungsentwicklungen im OT-Umfeld erfordern diesbezüglich spezielle Maßnahmen. Hier benötigen Systeme in der Regel verschiedene Sensordaten, um eine Aufgabenstellung wirtschaftlich zu erfüllen. Aber nicht alle Sensordatenquellen liefern einfach zu handhabende Messwerte, wie Temperatur-, Luftdruck- oder Luftfeuchtigkeitsmessungen. Vielfach hat man es in der Praxis mit deutlich komplexeren Daten und einer aufwendigen Informationsgewinnung zu tun. Ein typisches Beispiel wäre ein Vibrationssensor, der eine dreidimensionale Beschleunigungsmessung durchführt und am Ausgang jeweils einen x-, y- und z-Messwert zur Verfügung stellt.

Softsensor misst Vibration

Um mit einem solchen Sensor beispielsweise Vibrationsdaten zu erzeugen, aus denen sich ein Maschinenzustand als Information für andere Anwendungen ableiten lässt, sind sowohl spezielle Datenerfassungsmethoden (periodisches Abtasten der drei Beschleunigungsdimensionen innerhalb eines bestimmten Zeitfensters und Zusammenfassen der Daten) als auch eine umfangreiche Datenvorverarbeitung oder sogar Datenanalyse erforderlich. Dafür werden komplexe mathematische Funktionen benötigt, beispielsweise Fourier-Transformationen. In Bezug auf eine Datenanalyse zur Zustandsbestimmung, also Condition Monitoring, sind häufig sogar KI-Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens (ML) erforderlich, die mit speziellen Lerndaten trainiert werden. Ein Beispiel sind künstliche neuronale Netzwerke, um Vibrationsdatenbilder zu klassifizieren. Beim derzeitigen Stand der Technik lassen sich solche Aufgaben in die Sensorik verlagern. Die Zielgröße am Sensorausgang wird dann bei einem solchen virtuellen Sensor oder Softsensor nicht direkt gemessen, sondern durch KI-Algorithmen berechnet.

Große Anwendungsvielfalt

KI-basierte Softsensoren bieten vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Ein weiteres Beispiel wären Bildsensordaten, in denen Objekte identifiziert werden müssen, also etwa Applikationen mit automatischer Objekterkennung für die Sensorrohdaten. Für diese Aufgabe lassen sich sogenannte Convolutional Neural Networks (CNNs) einsetzen, die nach einem Faltungsprinzip arbeiten. Dabei entsteht insgesamt ein Sensorsystem mit einer anwendungsbezogenen Software, die ML-Funktionen enthält. Die Lerndaten zum Training eines solchen virtuellen Sensors mit integriertem CNN sind in diesem Fall möglichst viele unterschiedliche Beispielbilddaten mit den zu erkennenden Objekten. Die Vorgehensweise mit einer CNN-basierten Bilderkennung eignet sich auch, um mit den Ausgangsdaten eines Bildsensors z.B. bestimmte Objekte zu zählen, die den Sichtbereich der Sensoroptik passieren.

347532 abb1
Die Modellentwicklung und Erstinbetriebnahme eines KI-basierten Softsensors erfordert eine temporäre Remote-Entwicklungsumgebung (siehe Entwicklungs-Box im Bild), um die Beteiligten untereinander zu vernetzten. – Bild: SSV Software Systems GmbH

Zeitachse im Softsensor

Noch etwas anspruchsvoller wird es, wenn eine Applikation eine Sensorik benötigt, die auf Grund der Ausgangsdaten die Vorhersage von Wartungsterminen im Sinn von Predictive Maintenance für eine Maschine oder Anlage ermöglicht. Für solche Aufgabenstellungen ist ein virtueller Sensor erforderlich, dessen KI-Funktionen in der Lage sind, eine zeitliche Dimension zu berücksichtigen. Dafür lassen sich rekurrente neuronale Netze wie LSTMs (Long-Short-Term Memory) in eine virtuelle Sensorik integrieren. Derartige Softsensoren erlernen beispielsweise aus historischen Datenbeständen einen Zusammenhang zwischen Ein- und Ausgangsdaten mit Zeitbezug und können anschließend im Praxiseinsatz einen diskreten (virtuellen) Messwert an die Anwendung liefern, mit dem sich ein Wartungstermin bestimmen lässt.

Spezialisierung möglich

Um komplexe Sensordaten in einer Software oder einem Steuerungssystem zu nutzen, eignen sich auch Methoden aus dem Bereich der Sensorfusion, also Prozesse, um Rohdaten mehrerer Sensoren mit Hilfe geeigneter Algorithmen zusammenzuführen. Dabei werden verschiedene Techniken eingesetzt, beispielsweise Kalman- und Bayes-Filter, Fuzzy-Logik sowie spezielle neuronale Netze. Insgesamt geht es darum, Sensordaten aus unterschiedlichen Quellen zu kombinieren, um einer Anwendung genauere Informationen zu liefern oder die Komplexität der Sensorik außerhalb der Anwendung zu kapseln.

Der Weg zum Ziel

Die erforderliche Software für einen KI-basierten Softsensor lässt sich mit Hilfe eines Prozesses aus den folgenden teils Stichpunkteartig aufgeführten sieben Einzelschritten entwickeln:

Anwendungsbezogene Datenerfassung: Echte Zustands- oder Betriebsdaten in der Zielumgebung erfassen und in einem Datenpool speichern. Für die weitere Entwicklung wird eine ausreichende Menge an qualitativ hochwertigen Daten benötigt, aus denen ein KI- bzw. ML-Modell in einer Trainingsphase die Zusammenhänge erlernen kann.

Anwendungsbezogene Merkmalsauswahl: Es folgen die Analyse der erfassten Daten und Auswahl geeigneter Merkmale, die in das Eingangsdatenbild des Softsensors übernommen werden. Bestimmen der Korrelationen zur erforderlichen Zielgröße am Softsensorausgang.

ML-Modell-Entwicklung: Ausreichend Prozesswissen sammeln und auswerten, ist nun gefragt. Finales Eingangsdatenbild festlegen und die jeweils erforderlichen Datenvorverarbeitungsschritte auswählen folgen. Nun passendes Modell entwerfen und geeignete Algorithmen aussuchen, um aus dem Eingangsdatenbild die jeweilige Zielgröße zu gewinnen. Werkzeugadaption vorbereiten, z.B. ein Data Exploration Tool (DET) erstellen.

ML-Modell-Training: Aus dem Datenpool passende Trainingsdaten aufbereiten und das ML-Modell in einer Trainingsphase erstellen. Integration des Codes für das ML-Training in das jeweilige DET, um Trainingswiederholungen zu ermöglichen.

ML-Modell-Test und -Integration: Passenden Inferenzcode erstellen. Aus dem Datenpool geeignete Testdaten aufbereiten und das neu erzeugte ML-Modell mit diesem Datenset validieren. Bei einem unzureichenden Testergebnis müssen die Prozessschritte zuvor teilweise oder vollständig erneut durchlaufen werden. Ist das Ergebnis zufriedenstellend, erfolgt die Integration des Modelltests in das DET (Werkzeug finalisieren, um neue ML-Modellversionen per DET zu erzeugen und auszutesten).

Praxiseinsatz des Softsensors: Inferenzcode und ML-Modell in die Zielumgebung integrieren und möglichst unter Ende-zu-Ende-Bedingungen testen. Für diesen Prozessschritt sollte eine geeignete Test- und Debug-Umgebung bzw. entsprechende Werkzeugauswahl zum Einsatz kommen. Des Weiteren sollten Inferenzcode und Modell mit Hilfe des DET über eine Over-the-Air (OTA)-Updatemöglichkeit austauschbar sein. Dabei sind die jeweiligen Cybersecurity-Anforderungen zu beachten (z.B. Einsatz von Modellsignaturen).

Monitoring plus CI/CD Pipeline-Einsatz: Zum Schluss gilt es, den Betrieb des KI-basierten Softsensors fortlaufend mit einem geeigneten Monitoring zu überwachen und bei Bedarf per DET die erforderlichen Updates zu erstellen, zu testen und zum Einsatz zu bringen. Betreiber benötigen also eine Softwarewartungs (CI/CD)-Pipeline.

Zielumgebung umsetzen

Die Entwicklung beginnt mit der Datenerfassung in der Zielumgebung. Die Sensorhardware wird dafür mit einer speziellen Testbed-Firmware ausgestattet, die alle Sensor-intern zur Verfügung stehenden Messdaten periodisch an ein Entwicklungssystem liefert. Damit wird ein Datenbestand geschaffen, der sich analysieren lässt, um das erforderliche Datenverständnis zu schaffen und das Eingangsdatenbild für das KI-Modell festzulegen. Wichtig ist, dass alle an der Entwicklung beteiligten Fachleute einen gemeinsamen Fernzugriff auf die Rohdaten und Datenanalyseergebnisse haben – die KI-Modellentwicklung für einen Softsensor ist eine Teamleistung und erfordert eine intensive kooperative Zusammenarbeit verschiedener Experten an meist unterschiedlichen Standorten.

Entwicklungs-Box auf Zeit

Der Inferenzbetrieb der jeweiligen KI-Modellvariante lässt sich auf der Entwicklungs-Box über einen längeren Zeitraum austesten. Dabei werden die Zielgrößen beispielsweise an eine Steuerung oder Low-Code-Digitalisierungsanwendung weitergeleitet und dort genutzt. Bei zufriedenstellenden Ergebnissen erfolgt die finale Modellintegration in den Softsensor und der Praxiseinsatz. Die Entwicklungs-Box wird dann nicht mehr benötigt.

Auf dem Automatisierungstreff 2025 (8. bis 10. April im WTZ-Tagungszentrum in Heilbronn) veranstaltet SSV Software Systems am 8. April den Anwender-Workshop „KI-basierte Sensorik als SPS-Erweiterung‘. Im zum Workshop gehörenden Hands-on werden zwei Beispiele von den Sensorrohdaten bis zum KI-Modell behandelt: 1. Eine Predictive-Maintenance-Erweiterung, um aus Vibrationsdaten KI-basiert den Verschleiß rotierender Komponenten zu bestimmen und eine vorausschauende Wartung zu realisieren. 2. Eine Machine-Vision-Anwendung, um per Bildsensor bestimmte Objekte auf einem Transportband automatisch zu erkennen und zu zählen (KI-basierte Objekterkennung). Den Teilnehmern wird aufgezeigt, dass durch den Einsatz passender Methoden und Werkzeuge das Erstellen eines KI-Modells in etwa so komplex ist, wie die Konfiguration einer vernetzten Anlage – also mit anderen Worten: Eine durchaus zu bewältigende Aufgabenstellung.



  • Exeon erweitert Geschäftsführung

    Exeon erweitert Geschäftsführung

    Exeon erweitert die Geschäftsleitung um einen Chief Marketing Officer. Gregor Erismann, der die Stelle am 1. Februar 2021 antritt, war zuvor Geschäftsleitungsmitglied und CMO der Digitalagentur Namics.

    mehr lesen: Exeon erweitert Geschäftsführung

  • Roboterdichte erreicht neuen Rekordwert

    Roboterdichte erreicht neuen Rekordwert

    Die Roboterdichte im produzierenden Gewerbe hat weltweit mit durchschnittlich 113 Industrie-Robotern pro 10.000 Mitarbeiter einen neuen Rekord erreicht. Das berichtet die International Federation of Robotics.

    mehr lesen: Roboterdichte erreicht neuen Rekordwert

  • Emotet-Infrastruktur zerschlagen

    Emotet-Infrastruktur zerschlagen

    Die Schadsoftware Emotet hat zu großen Schäden in Unternehmen, Institutionen und Privathaushalten geführt. Nun ist es gelungen, das dahinterstehende Netzwerk zu zerschlagen.

    mehr lesen: Emotet-Infrastruktur zerschlagen

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Mit digitalem und nachhaltigem Wandel aus der Krise

    Mit digitalem und nachhaltigem Wandel aus der Krise

    Europäische Unternehmen, die sowohl ihre Digitalisierung als auch einen nachhaltigen Wandel vorantreiben, haben laut einer Accenture-Studie bessere Chancen, sich schneller von den Folgen der Covid-19-Pandemie zu erholen bzw. sogar gestärkt…

    mehr lesen: Mit digitalem und nachhaltigem Wandel aus der Krise

  • Maschinen- und Anlagenbau spürt leichten Rückenwind

    Maschinen- und Anlagenbau spürt leichten Rückenwind

    Der Maschinen- und Anlagenbau zieht eine gemischte Bilanz für das abgelaufene Jahr, so das Ergebnis der 9. VDMA-Blitzumfrage zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, an der 575 Mitgliedsunternehmen teilnahmen. Vier…

    mehr lesen: Maschinen- und Anlagenbau spürt leichten Rückenwind

  • PlusServer und GFT kooperieren für das IoT

    PlusServer und GFT kooperieren für das IoT

    Mit der Sphinx Open Online on Pluscloud haben Plusserver und GFT Technologies ihre Kompetenzen im Bereich IoT gebündelt. Einsatzgebiete sind beispielsweise Smart Factories in der Produktion.

    mehr lesen: PlusServer und GFT kooperieren für das IoT

  • ATS erwirbt Lean Scheduling International

    ATS erwirbt Lean Scheduling International

    Mit der Übernahme durch ATS Global wird aus der Lean Scheduling international die ATS Lean Scheduling International.

    mehr lesen: ATS erwirbt Lean Scheduling International

  • Lynx Software Technologies gewinnt Preis

    Lynx Software Technologies gewinnt Preis

    Lynx Software Technologies gibt bekannt, dass Lynx Mosa.ic im Rahmen der IoT Breakthrough Awards zur ‚IoT Security Platform of the Year‘ gekürt wurde.

    mehr lesen: Lynx Software Technologies gewinnt Preis

  • Plattformmodul für die Produktion

    Plattformmodul für die Produktion

    Dynatrace tritt in den Markt für Cloud Application Security ein. Dazu hat das Unternehmen seine Software-Intelligence-Plattform um ein neues Modul erweitert: Das neue Dynatrace Application Security Module bietet kontinuierliche Runtime-Application-Self-Protection…

    mehr lesen: Plattformmodul für die Produktion

  • Gefahrenpotenzial steigt weiter

    Gefahrenpotenzial steigt weiter

    Was wird sich bei der Sicherheit kritischer Infrastrukturen, Industrie- und Produktionsanlagen im neuen Jahr ändern? Welche Herausforderungen erwarten die Sicherheitsverantwortlichen, welche Trends zeichnen sich ab? Die Experten für industrielle Cybersecurity…

    mehr lesen: Gefahrenpotenzial steigt weiter

  • Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik

    Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik

    Um die Entwicklung KI-basierter Funksensor-Edge-Anwendungen zu vereinfachen, hat SSV mit dem WSEI/154A den weltweit ersten Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit einer 868MHz-Funktechnik gemäß IEEE802.15.4 entwickelt. Als Sensing Endpoint gehört ein Evaluation Board…

    mehr lesen: Ende-zu-Ende Technologie-Stack mit Funktechnik