Die Verwaltungsschale im Engineering

Die Etikettier-Maschine ESA 1025 von Bausch+Ströbel besteht aus Zukaufteilen verschiedener Hersteller. Diese stellen Engineeringdaten für die AAS bereit. Im Technologiedemonstrator wurde der Datenaustausch von den Komponentenherstellern zum Maschinenbauer erfolgreich erprobt.
Die Etikettier-Maschine ESA 1025 von Bausch+Ströbel besteht aus Zukaufteilen verschiedener Hersteller. Diese stellen Engineeringdaten für die AAS bereit. Im Technologiedemonstrator wurde der Datenaustausch von den Komponentenherstellern zum Maschinenbauer erfolgreich erprobt. Bild: Industrial Digital Twin Association e.V.

Die Etikettiermaschinen von Bausch+Ströbel sind ein Beispiel für komplexe Mechanik. Bevor ein neues Modell in Serie geht, testen die Ingenieure des Herstellers von Abfüll- und Verpackungsanlagen für die Pharma- und Kosmetikindustrie das mechatronische Verhalten virtuell in einem digitalen Zwilling. So sehen sie etwa sofort, ob mechanische Komponenten miteinander kollidieren.

Damit die virtuelle Inbetriebnahme realistisch gelingt, braucht der digitale Zwilling alle Informationen über diese Einzelteile – etwa Maße, Material oder Eigenschaften. Allerdings bezieht Bausch+Ströbel mechanische, elektrische und pneumatische Komponenten von verschiedenen Herstellern. Die Informationen mussten die Ingenieure bisher etwa von Webseiten oder über die direkte Kommunikation mit dem Hersteller zusammentragen und zum Teil händisch in die Engineeringtools eingeben. Änderungen der Zulieferer an den Teilen bekamen die Ingenieure dann oft mit. „Bisher konnte fast jeder Lieferant Daten liefern, wie er wollte“, sagt Constantin Liepert, Presales und Business Development Consultant bei Siemens.

A portrait of an industrial man and woman engineer with laptop in a factory working
Bild: ©Halfpoint/stock.adobe.com

Vom Standard zur Norm

Die Verwaltungsschale überwindet diese Hürden. Die AAS (Asset Administration Shell) ist die Drehscheibe für den Datenaustausch. Der Konsortialstandard besteht aus mehreren Teilen und bildet die Grundlage für die Norm IEC63278 sowie für die Regulierung in der EU. Einige Beteiligte bei Normierung und Regulierung sind auch in der IDTA aktiv. Die aktive Beteiligung der Mitgliedsunternehmen als Industriepartner in den IDTA-Arbeitsgruppen unterstützt die Akzeptanz des Standards sowie die Qualitätsprüfung.

Das ist wichtig, weil im Design und Engineering eines Produkts Entscheidungen getroffen werden, die den gesamten Lebenszyklus des Produkts betreffen, über die Nutzung bis zur Reparatur und Recycling. „80 Prozent der Eigenschaften werden in dieser frühen Phase definiert“, sagt Prof. Dieter Wegener von Siemens, der als Sprecher in verschiedenen Arbeitskreisen bei ZVEI, DIN und BDI den digitalen Produktpass 4.0 auf Basis der Verwaltungsschale vorantreibt. Das hat auch erhebliche Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck. Die AAS enthält jeden noch so kleinen Beitrag zur CO2-Emission eines Einzelteils, die sich im Endprodukt bei der Herstellung und später im Betrieb aufsummiert.

In dem Use-Case bei Bausch+Ströbel haben die Partner gezeigt, wie die Daten aus den Verwaltungsschalen der Zulieferer unmittelbar in das Engineering einer Etikettiermaschine einfließen. Die Ingenieure erstellen damit u.a. Szenarien für die virtuelle Inbetriebnahme der Maschine, also eine Simulation der Mechatronik, in der die Ingenieure frühzeitig überprüfen können, ob beispielsweise bewegliche Teile zusammenstoßen, ob das SPS-Programm reibungslos funktioniert oder ob ein optischer Sensor den korrekten Erfassungsbereich hat.

Zulieferer können die Verwaltungsschale direkt aus dem Product-Lifecycle-Management-System (PLM) erzeugen – im Technologiedemonstrator war das Siemens Teamcenter. Der Maschinenbauer wiederum kann die Verwaltungsschalen seiner Zulieferer direkt in die Software integrieren.

Product Change Notification

Bei Bausch+Ströbel haben die Partner eine weitere Funktion erporbt: die Product Change Notification innerhalb von Siemens Teamcenter. Ändert sich etwas an dem Bauteil, wird diese Änderung automatisch über die AAS an das PLM-System übermittelt. Die Zeitersparnis beträgt bis zu 79 Prozent.

Einen weiteren Use-Case haben die Partner bei Engel, einem österreichischen Hersteller von Spritzgussmaschinen, evaluiert. Das Konzept wurde so erweitert, dass die Ingenieure mehrere AAS-Datenräume verschiedener Zulieferer in die PLM-Software einbinden können. Ein AAS-Datenraum ist vereinfacht gesagt ein Speicherort bzw. Server, in dem die Verwaltungsschalen eines Unternehmens abgelegt und bei Bedarf zugänglich sind. Ingenieure können zugleich auf die verschiedenen Datenräume bzw. Verwaltungsschalen zugreifen, die für die Konstruktion notwendig sind. Per Mausklick werden alle notwendigen Engineeringdaten herunterladen, im PLM-System integriert und für die weiteren Engineeringtools verwendbar. Die AAS-Produktänderungen werden im PLM-System angezeigt.

Bei Bausch+Ströbel nahm die Auswahl einer passenden komplexen Komponente sowie die Datensuche und -aufbereitung bisher 30 Tage oder mehr in Anspruch. Ein Grund dafür ist etwa, dass viele Zulieferer noch keine Verhaltensmodelle für ihre Bauteile anbieten. Sind die Daten in der Verwaltungsschale jedoch vollständig und an das PLM angebunden, verkürzt sich die Zeit auf zehn Tage, wie der Technologiedemonstrator gezeigt hat. Bei Engel würde sich der Zeitaufwand von durchschnittlich 28,5 Tagen auf 18 Tage reduzieren.

Immer mehr internationale Mitglieder

Die Möglichkeiten der AAS sprechen sich auch außerhalb Deutschlands herum. Die IDTA verzeichnet hier ein Wachstum an internationalen Mitgliedern. Constantin Liepert: „Die IDTA sorgt für eine schnelle Standardisierung, auch international. Weil deutsche Unternehmen Vorreiter sind, bringt ihnen das einen Wettbewerbsvorteil etwa bei neuen Geschäftsmodellen auf Basis der Verwaltungsschale.“

Seiten: 1 2



  • Gefasoft eröffnet neuen Firmensitz

    Gefasoft eröffnet neuen Firmensitz

    In Regensburg ist die neue Firmenzentrale von Gefasoft offiziell eingeweiht worden.

    mehr lesen: Gefasoft eröffnet neuen Firmensitz

  • 4. Verpackungstag

    4. Verpackungstag

    Auf dem 4. Verpackungstag in Marktheidenfeld am 6. November werden die neuesten Trends für Verpackungsmaschinen vorgestellt. Das Networking-Event der Verpackungstechnik findet diesmal im globalen Headquarter für Machine Solutions von Schneider…

    mehr lesen: 4. Verpackungstag

  • Microsoft und Nvidia arbeiten zusammen

    Microsoft und Nvidia arbeiten zusammen

    Die beiden IT-Konzerne Nvidia und Microsoft kooperieren mit dem Ziel, Edge Computing intelligenter und schneller zu machen. Das gab Nvidia-CEO Jensen Huang im Rahmen des Mobile World Congress in Las…

    mehr lesen: Microsoft und Nvidia arbeiten zusammen

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Smarte Daten nutzen

    Smarte Daten nutzen

    Die Managementberatung T.A. Cook lädt vom 5. bis zum 6. Dezember zum Fachforum ‚Smart Data und Data Analytics in Instandhaltung und Technik‘ nach Berlin ein.

    mehr lesen: Smarte Daten nutzen

  • Erlöse mit Abo-Modellen wachsen

    Erlöse mit Abo-Modellen wachsen

    Weltweit hat die Subscription Economy in den vergangenen sieben Jahren zugelegt, um mehr als 350 Prozent. Im aktuellen Subscription Economy Index von Zuora wartet besonders die fertigende Industrie mit steigenden…

    mehr lesen: Erlöse mit Abo-Modellen wachsen

  • Unternehmen passen ihre Strategie an

    Unternehmen passen ihre Strategie an

    Disruption und Digitalisierung stellen Unternehmen vor Herausforderungen. In einer Studie des Datenspezialisten Teradata sieht sich die Mehrheit der Befragten damit konfrontiert, aufgrund dieser Herausforderungen die eigene Strategie zu überdenken.

    mehr lesen: Unternehmen passen ihre Strategie an

  • Software AG steigert Quartalsumsatz und -gewinn

    Software AG steigert Quartalsumsatz und -gewinn

    Im dritten Geschäftsquartal hat die Software AG bei Umsatz und Gewinn zugelegt. Der Gesamtumsatz wuchs um 7 Prozent, der Gewinn um 15 Prozent.

    mehr lesen: Software AG steigert Quartalsumsatz und -gewinn

  • Immer mehr Unternehmen setzen Industrie 4.0 um

    Immer mehr Unternehmen setzen Industrie 4.0 um

    Der Industrie-4.0-Index, den die Unternehmensberatung Staufen bereits zum sechsten Mal aufgelegt hat, ist auch in der 2019er Auflage erneut gestiegen. Demnach setzen mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen Industrie…

    mehr lesen: Immer mehr Unternehmen setzen Industrie 4.0 um

  • 105 Millionen Angriffe im ersten Halbjahr 2019

    105 Millionen Angriffe im ersten Halbjahr 2019

    Die IT-Security Eperten haben die Daten ihrer selbst eingerichteten Honeypots ausgwertet. Dabei zeigt sich ein großer Anstieg der Angriffe auf IoT-Geräte im Vergleich zum Vorjahr.

    mehr lesen: 105 Millionen Angriffe im ersten Halbjahr 2019

  • Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

    Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

    Auf insgesamt 8.400m² errichtet Wibu System zwei neue Gebäude. Das eine soll zukünftig als Unternehmenssitz dienen, das andere soll als House of IT Security u.a. die Zusammenarbeit mit Startups fördern.

    mehr lesen: Wibu Systems errichtet neue Firmenzentrale

  • Unternehmen erstellen Einsatzkonzepte für digitalen Zwilling

    Unternehmen erstellen Einsatzkonzepte für digitalen Zwilling

    Der Einsatz des digitalen Zwillings verspricht vielfältige Potenziale für den gesamten Lebenszyklus eines Produktes. Im Rahmen einer Befragung der Managementberatung Detecon halten die Studienteilnehmer vor allem den Unternehmensübergreifenden Einsatz für…

    mehr lesen: Unternehmen erstellen Einsatzkonzepte für digitalen Zwilling