Sicherheit kritischer Infrastrukturen: NIS2 und andere Vorschriften

463490
Bild: ©your123/stock.adobe.com

Das Fehlen einheitlicher, verbindlicher Vorschriften hat zu großen Unterschieden in der Cybersicherheit verschiedener Industriesektoren geführt. Besonders sichtbar wird diese Diskrepanz in Branchen, die mit kritischen Infrastrukturen zu tun haben. Enige Unternehmen sind bei den Sicherheitspraktiken für Betriebstechnik (OT) und industrielle Kontrollsysteme (ICS) gut aufgestellt sind, während andere hinterherhinken. Dieses Ungleichgewicht birgt Risiken für den gesamten Sektor.

Transparenz und Compliance stärken

Unter den nationalen Regierungen und Regulierungsbehörden in Europa zeichnet sich derweil ein Konsens dahingehend ab, dass die Mindestanforderungen an die Cybersicherheit erweitert werden müssen, um Unstimmigkeiten zu beseitigen. Überhaupt hat weltweit eine Phase intensiver Entwicklungen im Bereich der OT/ICS-Sicherheit begonnen, da wichtige Rahmenwerke aktualisiert und Standards sowohl in Deutschland als auch in Europa und auf anderen Märkten weltweit eingeführt werden, um den Schutz der nationalen kritischen Infrastruktur zu stärken.

Die Bereitstellung detaillierter Informationen über Vorfälle, ihre Auswirkungen und Notfall-Strategien ist für ein sicheres und widerstandsfähiges digitales Umfeld entscheidend. Darum hat der Gesetzgeber einige Schritte unternommen, um die Transparenz, die Rechenschaftspflicht und die Bereitschaft im Zusammenhang mit und zur Abwehr von Cyber-Bedrohungen zu verbessern. Das hierzulande derzeit gültige IT-Sicherheitsgesetz 2.0 sieht umfassende Meldepflichten vor und verlangt von den Betreibern kritischer Infrastrukturen (KRITIS) Nachweise, dass bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllt werden.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) agiert dabei als zentrale Melde- und Informationsstelle. Hier müssen KRITIS-Betreiber nachweisen, dass sie die Mindestanforderungen erfüllen. Dazu zählen sowohl angemessene technische als auch organisatorische Maßnahmen zur Verhinderung von IT-Sicherheitsvorfällen. Außerdem müssen Unternehmen in regelmäßigen Abständen Sicherheitsaudits, Prüfungen oder Zertifizierungen durchführen, um die Einhaltung der Sicherheitsanforderungen zu demonstrieren. Das BSI kann auch Informationen und Dokumente anfordern, die zur Bewertung der IT-Sicherheitslage und zur Abwehr von IT-Sicherheitsrisiken notwendig sind. Alle Vorschriften zielen darauf ab, die Resilienz und Sicherheit von wichtigen IT- und OT-Systemen zu erhöhen und damit die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen in Deutschland zu sichern. So weit bekannt.

Die nun für die gesamte Europäische Union geltende Richtlinie über Netz- und Informationssysteme (NIS2), die bis 17. Oktober 2024 in nationales Recht überführt werden muss, erweitert die Richtlinien auf Unternehmen in einer Vielzahl von Sektoren – darunter Chemie, Energie, Lebensmittel, Fertigung, Raumfahrt und Abwasserwirtschaft. Die Direktive wird in Deutschland in Form des NIS2-Umsetzungs- und Cybersicherheitsstärkungsgesetz (NIS2UmsuCG) umgesetzt und soll nicht nur die Kompetenzen des BSI weiter ausbauen, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Staat und Industrie stärken. Das bedeutet auch, dass sehr viel mehr Unternehmen ab diesem Zeitpunkt zum Kreis der kritischen Infrastruktur gehören werden, abhängig von Größe und Umsatz. Künftig gibt es 18 Sektoren, die in elf Sektoren hoher Kritikalität und sieben sonstige kritische unterteilt werden. Auf diese Weise wird NIS2 auch KMU (kleine und mittlere Unternehmen) erfassen, wobei mittlere Unternehmen in der Definition 50 bis 250 Mitarbeiter beschäftigen und einen jährlichen Umsatz von 10 bis 50 Millionen Euro oder eine Bilanzsumme von höchstens 43 Millionen Euro vorweisen. Kleine Unternehmen beschäftigen weniger als 50 Angestellte und erreichen einen Jahresumsatz von höchstens 10 Millionen Euro. Davon hängt ab, ob ein Unternehmen zu den wesentlichen oder wichtigen Betreibern zählt. Wer zudem im Sektor Hohe Kritikalität die Schwellenwerte mittlerer Unternehmen erreicht, ist schnell ein wesentlicher KRITIS-Betreiber. Monopolisten und Firmen, die einer speziellen Tätigkeit in den wesentlichen Sektoren nachgehen, müssen NIS2 immer einhalten – unabhängig von anderen Faktoren. Betroffen sind rund 40.000 Unternehmen in Deutschland.

Globale Initiativen

Auch international werden ähnliche Wege beschritten: In den USA verpflichtet der ‚Cyber Incident Reporting for Critical Infrastructure Act‘ (CIRCIA) kritische Infrastrukturen zur Meldung von Cyber-Vorfällen und Lösegeldzahlungen an die Cybersecurity & Infrastructure Security Agency (CISA). Diese ermöglicht als zentrale Anlaufstelle eine rasche Reaktion und Unterstützung bei Cyber-Angriffen und kann Trends identifizieren, um die nationale Cybersicherheit zu verbessern. Die neuen Vorschriften der U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) verlangen von börsennotierten Unternehmen außerdem eine umfassende Berichterstattung innerhalb von vier Tagen nach Entdeckung eines Vorfalls. Dabei muss genau erläutert werden, welche Auswirkungen der Vorfall hat und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Zusätzlich müssen diese Unternehmen die Rolle ihres Vorstands bei der Überwachung von Cyberrisiken offenlegen.

Die neuen Cybersecurity Management Guidelines for Japanese Enterprise Executives Ver. 3.0 des japanischen Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) geben Unternehmen jeder Größe Anweisungen, wie etwa „die Geschäftsleitung ihre verantwortliche Führungskraft (z.B. den CISO) anweisen sollte, Cybersecurity-Maßnahmen zu implementieren.“

In den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht die aktualisierte Cybersicherheitsstrategie von Dubai einen präventiven Schutz gegen Risiken vor und fördert Investitionen in die technologische Infrastruktur, um Dubais digitales Ökosystem und Smart-City-Initiativen zu unterstützen.

Hinzu kommen Initiativen wie der World Congress on Industrial Control Systems Security (WCICSS-2024), wo sich Forscher, Entwickler, IT-Sicherheitsfachleute, Manager und Service Provider zur Sicherheit von ICS und SCADA-Systemen austauschen.

Mirco Kloss TXOne
Bild: TXOne Networks

Über die Vorschriften hinaus gehen

Unternehmen, die in einem oder mehreren Ländern zur kritischen Infrastruktur zählen, könnten 2024 unter Druck geraten, falls sie sich nicht rechtzeitig mit den neuen Regularien der OT/ICS-Sicherheit auseinandersetzen. Allerdings ist auch die Vereinfachung der Regulierung ein wichtiger Punkt auf der Agenda, da die Länder versuchen, sich an internationalen Standards zu orientieren, um den Aufwand für die Einhaltung der Vorschriften für multinationale Unternehmen zu verringern.

Mit der bloßen Einhaltung von Vorschriften ist es jedoch nicht getan. Unternehmen sind angehalten, gleichzeitig Governance-Strukturen zu schaffen, Team-Fähigkeiten zu stärken, fortschrittliche Erkennung und Reaktion auf Bedrohungen gegen Cyber-Physical Systems (CPSDR) zu entwickeln und das Risikomanagement in der Lieferkette zu verbessern. Ferner werden Unternehmen und Regierungen eng zusammenarbeiten müssen, um Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit kritischer Infrastrukturen gewährleisten zu können.



  • VDMA Robotik + Automation wählt neuen Vorstand

    VDMA Robotik + Automation wählt neuen Vorstand

    Der VDMA Robotik + Automation hat im Rahmen seiner Mitgliederversammlung einen neuen Vorstand gewählt. Als neuer Vorsitzender folgt Hahn Automation-CEO Frank Konrad auf Wilfried Eberhardt.

    mehr lesen: VDMA Robotik + Automation wählt neuen Vorstand

  • Siemens und Zscaler kooperieren

    Siemens und Zscaler kooperieren

    Siemens und Zscaler arbeiten zusammen, um Kunden den sicheren Zugriff vom Arbeitsplatz im Büro oder mobil auf Operational-Technology(OT)-Systeme und -Anwendungen im Produktionsnetzwerk zu ermöglichen.

    mehr lesen: Siemens und Zscaler kooperieren

  • Bechtle erwirbt Open Networks

    Bechtle erwirbt Open Networks

    Der österreichische Ableger von Bechtle hat Open Networks erworben. Die neuen Spezialisten bringen insbesondere Erfahrung in den Bereichen Application Services, Datacenter, Security und Netzwerk mit. Die Firma betreut rund 250…

    mehr lesen: Bechtle erwirbt Open Networks

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Wie Firmen Innovationspotenzial freisetzen

    Wie Firmen Innovationspotenzial freisetzen

    Viele Konzepte etwa für Modern Workplaces und Digitalisierung hinterfragen Unternehmenskonzepte, die auf traditionelle Strukturen und Hierarchien setzen. Robert Lindner, Senior Regional Director & Country Manager Germany bei Red Hat, hat…

    mehr lesen: Wie Firmen Innovationspotenzial freisetzen

  • Blue Yonder gehört jetzt Panasonic

    Blue Yonder gehört jetzt Panasonic

    Panasonic hat sämtliche Unternehmensanteile des IT-Plattformanbieters Blue Yonder erworben. Der Kauf ist Teil der Konzern-Strategie, einzelne Geschäftsfelder zu stärken. Blue Yonder bewertet die Investition mit 8,5 Milliarden US-Dollar.

    mehr lesen: Blue Yonder gehört jetzt Panasonic

  • Maschinenbauern gehen Komponenten aus

    Maschinenbauern gehen Komponenten aus

    Die Auftragsbücher im Maschinen- und Anlagenbau füllen sich, aber immer mehr Firmen verzeichnen Engpässe in ihren Lieferketten. Auch der Fachkräftemangel wird vermehrt zum Problem. Zu diesen Erkenntnissen kommt der VDMA…

    mehr lesen: Maschinenbauern gehen Komponenten aus

  • 25 Prozent der Firmen planen höhere Investitionen

    25 Prozent der Firmen planen höhere Investitionen

    Erwartungen an die Post-Covid-Zeit 25 Prozent der Firmen planen höhere Investitionen 70 Prozent der Fertigungsunternehmen rechnen mit einem Wachstum ihrer Branche, gaben die Teilnehmer in einer Umfrage von CBAF an.…

    mehr lesen: 25 Prozent der Firmen planen höhere Investitionen

  • Cyberangriffsrisiko reduzieren

    Cyberangriffsrisiko reduzieren

    Bei sechs von zehn (63%) Cyberangriffen, die vom Kaspersky Global Emergency Response Team untersucht wurden, setzen die Angreifer Brute-Force-Methoden ein und nutzen Schwachstellen aus, um die IT-Systeme eines Unternehmens zu…

    mehr lesen: Cyberangriffsrisiko reduzieren

  • Phishing-Mails verursachen die höchsten Schäden

    Phishing-Mails verursachen die höchsten Schäden

    Schreiende Kinder, ungewohntes Arbeitsumfeld und schlechte Büroausstattung: Das Arbeiten im Homeoffice ist nicht für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur angenehm.

    mehr lesen: Phishing-Mails verursachen die höchsten Schäden

  • Endpoint-Schutz bei Offline-Systemen

    Endpoint-Schutz bei Offline-Systemen

    In Teilen der IT-Welt dominiert die Meinung, dass einige Systeme keinen Endpoint-Schutz benötigen. Diese Einschätzung ist häufig für solche Geräte anzutreffen, die isoliert und nicht mit dem Internet verbunden sind…

    mehr lesen: Endpoint-Schutz bei Offline-Systemen

  • Top Malware im August 2021

    Top Malware im August 2021

    Check Point Research hat den Global Threat Index für August 2021 veröffentlicht. Formbook ist nun die am weitesten verbreitete Malware in Deutschland.

    mehr lesen: Top Malware im August 2021