MES-Einführung bei Ottobock: Werker haben die Kontrolle

437428
Bild: Top Flow GmbH

1909 gegründet, vertreibt der Orthopädietechnik-Spezialist Ottobock seine Lösungen heute weltweit. Damit dies auch so bleibt, setzt das Unternehmen auf Innovation, hohe Qualitätsstandards und eine moderne Produktion. Die Fertigung ist jedoch komplex: ein breites Angebotsportfolio trifft auf die Notwendigkeit, die Produkte gegebenenfalls spezifisch auf die späteren Nutzerinnen und Nutzer anzupassen.

Hinzu kommt, dass die Produktion üblicherweise mehrstufig organisiert ist und aus unterschiedlichsten Fertigungsverfahren besteht. So entstehen zunächst sogenannte Passteile. Diese Komponenten werden dann von Orthopädiemechanikern individuell zusammengesetzt, etwa zu Prothesen. Zusätzlich verfügt Ottobock auch über eine eigene Endmontage für stärker standardisierte Produkte. Der Umfang der Losgrößen variiert von fünf bis zu 1.000 Werkstücken pro Fertigungsauftrag.

Um diese Produktion zu organisieren, nutzte das Unternehmen bis vor Kurzem verschiedene Module und Features der ERP-Software SAP ECC 6.0 inklusive der Erweiterung EHP 8. Ein ganzheitliches Manufacturing Execution System (MES) existierte bis dato nicht. „Insbesondere bei der Komponentenproduktion bestanden hier große Defizite – auch, weil diese bisher eher handwerklich geprägt war. Gleichzeitig entstand durch den zunehmenden Wettbewerb aber ein immer größerer Druck, kosteneffizienter zu produzieren“, sagt Thomas Einecke, Business Process-Spezialist bei Ottobock. „Daher wollten wir für die Passteile-Fertigung endlich eine moderne Lösung, die alle wichtigen Informationen in digitaler Form erfasst und zur Verfügung stellt. Diese sollte sich zudem möglichst nahtlos in unsere bestehende SAP-Landschaft einfügen.“

image 42
Bild: Top Flow GmbH

MES in SAP integriert

Die Verantwortlichen bei Ottobock stießen auf das SAP Add-on Top MES des IT-Spezialisten Top Flow. Dieses überzeugte den Duderstädter Medizintechnikhersteller durch Funktionalitäten wie etwa der hundertprozentigen Integration in SAP, der Möglichkeit, Betriebs- und Maschinendaten zu erfassen und diese als Grundlage für die Overall Equipment Effectivness (OEE) zu nutzen sowie der Option, einen digitalen Werkerdialog zu etablieren. „Zudem sprach für Top Flow, dass wir bereits deren Reporting- und Analysetool top SE16XXL einsetzten“, sagt Einecke.

Rollout zunächst im Stammwerk

Ein gemeinsames Projektteam skizzierte zunächst, wie der Shopfloor bei der Komponentenfertigung künftig organisiert sein sollte – anfänglich ausgerichtet auf das Stammwerk in Duderstadt. Zudem eruierten die Mitgleider, wo individuelle Software-Anpassungen nötig waren. „Dabei stellte sich heraus, dass wir unter anderem für die Anbindung unseres Qualitätssicherungssystems von AHP an das MES noch neue Schnittstellen konzipieren mussten“, sagt Patrick Ehlers, Projektmanager und Key-User bei Ottobock.

In einem Jahr digitalisiert

Innerhalb eines Jahres gelang es, die Komponentenproduktion zu digitalisieren. Zu den Neuerungen gehören beispielsweise:

• Eine digitalisierte Werkerführung: Zettel und Papier benötigen die Beschäftigten auf dem Shopfloor heute nicht mehr. Das Unternehmen hinterlegt die aus der Produktionsplanung abgeleiteten Arbeitsvorräte unmittelbar im MES. An den mit Terminals ausgestatteten Arbeitsplätzen können sich die Mitarbeiter dann frei aus diesem Arbeitsvorrat bedienen. Das System unterstützt sie, indem es alle für den nächsten Fertigungsschritt notwendigen Produktionsunterlagen anzeigt, etwa einschlägige technische Zeichnungen, Produktspezifikationen oder eine Deadline. Auch die Steuerung zwischen einzelnen nachgeordneten Produktionsstufen ist nun weitgehend automatisiert. Dies erfolgt über ‚machbare‘ Arbeitsvorräte. Der Werker eines nachgelagerten Fertigungsschrittes kann so erst mit der Weiterverarbeitung beginnen, sobald das System diesen freigibt. Damit dennoch keine Leerläufe entstehen, können sich die Werkerinnen und Werker frei an den weiteren ‚machbaren‘ Arbeitsvorräten bedienen. Die Produktionssteuerung erfolgt somit über ein Pull-System, bei dem die Beschäftigten die Kontrolle über die Feinsteuerung behalten.

• Digitale Services zur Werkerunterstützung: Das MES bietet zudem weitere Arbeitserleichterungen. Sofern Maschinen ausfallen, können Werker dies digital beim Meister melden. Im Gegensatz zur Ausgangssituation müssen sie den Meister bei Störungen somit nicht mehr aktiv suchen. Zudem können die Werker über das MES vom Arbeitsplatz aus Kanban-Prozesse auslösen und so zusätzliches Verbrauchsmaterial ordern – etwa dann, wenn Mehrbedarf durch erhöhten Ausschuss besteht.

• Management-Dashboards zur Optimierung des Shopfloors: Für die gezielte Steuerung und kontinuierliche Verbesserung der Produktionssteuerung implementierte das Projektteam verschiedene Dashboards, die wichtige Kennziffern zur Maschinenauslastung, zu Ausfall- und Belegungszeiten, Mehrverbräuchen oder Störungen abbilden. „Insgesamt wird die Produktion dadurch deutlich transparenter. Die Kennzahlen kann das Controlling zudem nutzen, um übergeordnete Größen wie die OEE zu bestimmen“, erläutert Einecke.

Fehler eliminieren

Seit dem Go-Live im März 2022 gelang es Ottobock, die Auslastungen zu optimieren, Kosten zu senken und gleichzeitig die Qualität zu steigern. Die neuen Kennzahlensysteme unterstützen zudem dabei, gängige Fehlerquellen künftig schneller zu erkennen und so schrittweise zu eliminieren.

Das Unternehmen plant bereits den Rollout für weitere Standorte. „Als nächstes wollen wir das System in unserem Werk in Bulgarien einführen. Langfristig soll aber jedes Werk vom digitalisiertem Shopfloor profitieren“, sagt Thomas Einecke.

Autor: Bastian Schwengers, Top Flow GmbH, www.top-flow.de



  • Welt-Elektromarkt erholt sich 2021 deutlich

    Welt-Elektromarkt erholt sich 2021 deutlich

    Der Weltmarkt für elektrotechnische und elektronische Güter kam im vergangenen Jahr auf 4,6Bio.€. „Damit hat er sein 2019er-Niveau trotz Corona-Pandemie halten können“, so ZVEI-Finanzexperte Dr. Andreas Gontermann.

    mehr lesen: Welt-Elektromarkt erholt sich 2021 deutlich

  • Material wird knapp

    Material wird knapp

    Materialmangel erschwert die Produktion im Maschinebau. Laut einer Studie des Ifo Instituts berichten bereits 70 Prozent der Unternehmen von Versorgungsproblemen.

    mehr lesen: Material wird knapp

  • Cyber-Sicherheitsnetzwerk startet im Oktober

    Cyber-Sicherheitsnetzwerk startet im Oktober

    Durch Angriffe auf IT-Systeme entstehen in Deutschland jährlich Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe. Expertise zu Vorfallbehandlung können Unternehmen ab Oktober über das Cyber-Sicherheitsnetzwerk erhalten.

    mehr lesen: Cyber-Sicherheitsnetzwerk startet im Oktober

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Generationenwechsel bei GFOS

    Generationenwechsel bei GFOS

    Beim Digitalisierungsspezialisten GFOS hat die nächste Generation übernommen. Gunda Cassens-Röhrig übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung. Stellvertreterin wird Katharina Röhrig.

    mehr lesen: Generationenwechsel bei GFOS

  • 79 Prozent gefährden bewusst die Cybersicherheit

    79 Prozent gefährden bewusst die Cybersicherheit

    Eine neue Studie von ThycoticCentrify beleuchtet die Einstellung von Arbeitnehmern zur Cybersicherheit und die hohen Risiken, die sie eingehen, um ihre Arbeit zu erledigen. Die globale Umfrage unter mehr als…

    mehr lesen: 79 Prozent gefährden bewusst die Cybersicherheit

  • SASE etabliert sich in der IT-Sicherheit

    SASE etabliert sich in der IT-Sicherheit

    Unternehmen müssen die Sicherheit ihrer IT-Infrastruktur neu definieren, weil immer mehr Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Die ganzheitliche Sicherheitsarchitektur SASE (Secure Access Service Edge) wird sich deshalb in den kommenden Monaten…

    mehr lesen: SASE etabliert sich in der IT-Sicherheit

  • E-Mail Threat Report 2021

    E-Mail Threat Report 2021

    Einige der bedeutendsten Online-Bedrohungen für Unternehmen kommen nach wie vor per E-Mail. Endnutzer erhalten täglich Mails und diese können leicht gefälscht werden, um als legitim zu erscheinen. Kein Wunder, dass…

    mehr lesen: E-Mail Threat Report 2021

  • Junge Mitarbeiter wünschen sich Transparenz

    Junge Mitarbeiter wünschen sich Transparenz

    Werden neue Technologien wie beispielsweise künstliche Intelligenz Teil des Arbeistalltages wünscht sich ein Großteil der unter 31-Jährigen, darüber informiert zu werden. Dies geht aus einer Studie des IT-Security-Anbieters Kaspersky hervor.…

    mehr lesen: Junge Mitarbeiter wünschen sich Transparenz

  • Aktuelle Lage gut, Ausblick verschlechtert sich

    Aktuelle Lage gut, Ausblick verschlechtert sich

    Schlechtere Stimmung als noch im Juni. Geschäftsklima-Index des Ifo Instituts hat in der aktuellen Erhebung im Vergleich zum Vormonat nachgegeben.

    mehr lesen: Aktuelle Lage gut, Ausblick verschlechtert sich

  • Partnerschaft zwischen Trebing + Himstedt und Celonis

    Partnerschaft zwischen Trebing + Himstedt und Celonis

    Trebing + Himstedt hat die Partnerschaft mit Celonis bekanntgegeben. Die Unternehmen wollen zukünftig beim Thema Process Mining zusammenarbeiten.

    mehr lesen: Partnerschaft zwischen Trebing + Himstedt und Celonis

  • Firewall mit SSL Inspection

    Firewall mit SSL Inspection

    Lancom Systems erweitert sein Angebot an Rackmount-Firewalls für KMU. Die neue Lancom R&S Unified Firewall UF-360 ist eine Komplettlösung für Cybersicherheit, die moderne Cybersecurity-Technologien wie Unified Threat Management (UTM) mit…

    mehr lesen: Firewall mit SSL Inspection