Systemauswahl strategisch angehen

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Bild: Neonex Industry Performance GmbH

Nach der Visionsfindung, Mitarbeiterqualifikation und Potentialidentifikation stehen Operations-Führungskräfte vor der Herausforderung, ihre Roadmap mit priorisierten Digitalisierungs-Use Cases umzusetzen. Dabei gilt es zu klären, welches System sich für welche Aufgaben am besten eignet, welche Vor- und Nachteile die einzelnen Systeme haben und wie diese sinnvoll kombiniert werden. Welche Rollen spielen MES, Low-Code oder IIoT-Plattformen in der zukünftigen IT-Architektur? Und wie wird die Anbieterauswahl sinnvoll gestaltet? Pepperl+Fuchs, ein Spezialist für Fabrik- und Prozessautomatisierung aus Mannheim, löste diese Herausforderungen bei der Umsetzung seines Smart-Manufacturing-Programms gemeinsam mit den Smart-Factory-Spezialisten von Neonex.

MES, IIoT-Plattform oder doch Low Code?

Nach Qualifizierung und Inspiration des Kernteams von Pepperl+Fuchs durch ein individualisiertes Schulungsprogramm mit Besuch von anderen Unternehmen wurden Vision und Zielbild für die Transformation des Unternehmens definiert. Anschließend wurden Potentiale für digitale Use Cases in allen Werken identifiziert, vor dem globalen Bild bewertet und eingeplant. Nach Formierung des Teams ging das Unternehmen die Entwicklung der ersten Anwendungen an. Um die Use Cases abzubilden, wurden im Rahmen der Potentialanalyse vier mögliche Systemansätze identifiziert: Ein Manufacturing Execution System (MES), eine IIoT-Plattform, eine Low-Code-Plattform und ein Business Intelligence (BI)-System. Im Bewertungsprozess wurde allerdings klar, dass ein ME-System bereits eine Vielzahl der identifizierten Use Cases im Standard abbilden und ein Mehraufwand durch Einzelsysteme vermieden werden kann. Use Cases, die darüber hinaus gehen, sollen in einem Low-Code-System umgesetzt werden. Vor dem Hintergrund dieser Entscheidung ist eine zusätzliche IIoT-Plattform obsolet. Tobias Blöcher, Direktor des Programms bei Pepperl+Fuchs, sagt: „MES und Low-Code bieten eine spannende Kombination zur Abbildung komplexer Prozesse per MES und ein hohes Mitarbeiterinvolvement und -enablement sowie eine schnelle Realisierung über die Low-Code-Lösung. Das Denken und Handeln der Mitarbeiter bezüglich digitaler Produktionsunterstützung veränderten sich dadurch maßgeblich.“

Systemauswahl nicht trivial

Die Systemauswahl ist jedoch nicht trivial: Alle Stakeholder müssen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Prioritäten und Erfahrungen abgeholt werden, wenn die etablierte IT-Architektur durch neue Ansätze ersetzt werden soll. Insgesamt sollte die Anbieterauswahl der einzelnen Systeme sehr differenziert sein. Bei der Auswahl von größeren Systemen wie einem MES bietet sich ein standardisierter Auswahlprozess an, um eine transparente, detailliert nachvollziehbare Entscheidung zu treffen. Schließlich bedeutet ein solches System eine enorme Investition durch Anschaffungs- und Individualisierungskosten, aber auch einen Effekt für das Unternehmen in den nächsten 10 bis 15 Jahren. Das Beispiel der MES-Auswahl bei Pepperl+Fuchs zeigt dies: Für die Entscheider des Unternehmens war vor allem die Flexibilität des Systems wichtig, sodass beispielsweise alle Anbieter ohne API-Schnittstellen gleich zu Beginn herausgefiltert wurden, da diese keine Schnittstelle zur Low-Code-Anwendung erlaubt hätten. Anschließend wurde auf Basis der identifizierten Use Cases und Kernmodule eine Longlist erstellt und erste Interviews mit den Anbietern geführt.

Von der Longlist zur Shortlist

Im nächsten Schritt wurde die funktionale Evaluierung der Systeme durchgeführt, die sich aus 15 Use Cases im erweiterten Umfang mit über 100 Anforderungen zusammensetzte. Zudem erfolgte eine nicht-funktionale Bewertung, die Compliance, Datensicherheit und Dokumentationsanforderungen, die sich zum Beispiel durch ISO 27001 ergeben, evaluiert. In Kombination ergab sich daraus eine Shortlist mit vier möglichen Lieferanten. Diese wurden eingeladen, bei dem ein weiterer Lieferant von der Liste gestrichen wurde. Mit den verbleibenden wurden Referenzbesuche durchgeführt und funktionale Deep Dives in die Systeme vorgenommen.

Kostenbetrachtungen

Parallel erfolgte die Kostenbewertung der Systeme, die alle relevanten Positionen der Einmalkosten als auch der wiederkehrenden Kosten auf deren Skaleneffekte etwa im weiteren Rollout vergleichbar bewertet. Dabei wurde sichergestellt, dass alle maßgeblichen Kosten enthalten sind – auch diese, die oft übersehen werden können

Struktur beugt Fehlern vor

Der Ansatz für die Auswahl der anderen Systeme war einfacher: Für die Auswahl der Low-Code-Plattform wurden im Projekt Produkte von zwei Anbietern pilotiert, da durch die SaaS-Abrechnungsmodelle ein sehr geringes Anfangsinvestment entsteht. Nachdem die Systeme in der Praxis getestet und verglichen wurden, erfolgte die Entscheidung. Die Umsetzung bei Pepperl+Fuchs zeigt, wie komplex eine System- und Systemanbieterauswahl sein kann. Eine strukturierte, standardisierte Methode hilft, den Prozess zu beschleunigen und Fehlern vorzubeugen.