MES-Architekturentscheidungen: Strategie statt Zufall

Die Integration von IT- und OT-Systemen liefert Produktionsteams umsetzbare Erkenntnisse und 
verlagert den Fokus von reaktiver Problemlösung hin zu proaktiver Optimierung.
Die Integration von IT- und OT-Systemen liefert Produktionsteams umsetzbare Erkenntnisse und verlagert den Fokus von reaktiver Problemlösung hin zu proaktiver Optimierung. – Bild: Rockwell Automation GmbH

Unternehmen erkennen, dass ihre MES-Entscheidung ebenso strategisch ist wie die Wahl von ERP- oder Automatisierungsarchitekturen. Angesichts zunehmender Volatilität in Lieferketten, steigender Compliance-Anforderungen und der komplexen Integrationslandschaft zwischen OT und IT sollten Architekturentscheidungen nicht dem Zufall überlassen werden.

MES als strategisches Rückgrat

Früher war MES-Software gleichbedeutend mit Shop-Floor-Kontrolle: Produktionsdaten erfassen, Qualitätsereignisse protokollieren, Rückverfolgbarkeit ermöglichen. Hersteller benötigen diese Funktionen weiterhin, doch ihre Erwartungen haben sich deutlich erweitert. Sie fordern integrierte Transparenz über den gesamten Produktionslebenszyklus, Echtzeitanalysen, nahtlose ERP-Interaktion und die Fähigkeit, Qualität, Scheduling und Bestandsmanagement innerhalb eines einheitlichen Rahmens zu verwalten. Diese erweiterte Rolle hebt MES von einem taktischen Werkzeug zu einer Plattform, auf der skalierbare, resiliente und intelligente Operationen aufbauen. Aus diesem Grund suchen viele Organisationen nach MES-Architekturen, die über Standorte hinweg skalieren, sich an veränderte Anforderungen anpassen und trotz Netzwerk- oder Prozessstörungen widerstandsfähig bleiben.

Standardisierung vs. lokale Flexibilität

Ein großer Automobilzulieferer mit Werken in Europa, Nordamerika und Asien steht vor einer typischen Herausforderung: Alle Standorte arbeiten unter einem unternehmensweiten ERP-System, doch jede Produktionsstätte verfügt über unterschiedliche Automatisierungslieferanten, Legacy-Systeme und Compliance-Anforderungen. Die Spannungen sind architektonischer und kultureller Natur. Die Zentrale wünscht standardisierte Prozesse und konsolidierte Daten. Lokale Operationen befürchten den Verlust von Reaktionsfähigkeit und Kontrolle.

Traditionelle MES-Systeme stellen Unternehmen oft vor eine Wahl: strikte Standardisierung mit dem Risiko mangelnder Flexibilität, oder, lokale Anpassungen mit der Folge von Fragmentierung, hohen Wartungskosten und komplexen Upgrade-Zyklen. Die Entscheidung dreht sich neben Feature-Listen auch darum, wie die Architektur Risiken mindern kann, etwa indem sie Governance über diverse Werke hinweg unterstützt, modulare Einführung ermöglicht, Datenkonsistenz gewährleistet und operative Resilienz sicherstellt. Sogenannte elastische MES-Architekturen ermöglichen es Organisationen, ein einheitliches Datenmodell über Standorte hinweg zu pflegen, während lokale operative Autonomie erhalten bleibt und technische Schulden minimiert werden.

Einfach statt komplex

Kleinere Mehrwerk-Hersteller mit begrenzten IT-Ressourcen stehen vor anderen Herausforderungen, denn ihre Sorgen kreisen oft um Risiken: Überentwickelte Lösungen, die konstante Integratorenunterstützung erfordern, unvorhersehbare Lebenszykluskosten und Systeme, die nicht mit dem Geschäft mitwachsen können.

Große MES-Suiten mit Hunderten von Modulen können die Organisation überfordern. Diese Hersteller benötigen eine Plattform, die modular einsetzbar ist, Transparenz bietet und zukünftige Erweiterungen ermöglicht. Flexible MES-Architekturen adressieren diese Anforderungen durch fähigkeitsbasierte Implementierung. Hersteller können zunächst Produktionssteuerungs- oder Qualitätsmodule einführen und später expandieren.

Ein strategischer Rahmen

Obwohl sich die Bedürfnisse großer und mittelständischer Hersteller unterscheiden, konvergieren beide zu ähnlichen architektonischen Prinzipien, die Risikominderung priorisieren. Eine einheitliche Architektur bietet eine zentrale Datenquelle über alle Funktionen hinweg. Modulare Skalierbarkeit ermöglicht schrittweise Einführung ohne Integrationsschwachstellen. Edge-Resilienz gewährleistet lokale Ausführung auch bei intermittierender Konnektivität. Cloud-native Operationen über Multi-Tenant-SaaS-Plattformen reduzieren IT-Overhead und vermeiden Upgrade-Lähmung. Echtzeitdatentransparenz unterstützt Entscheidungsfindungen.

Diese Elemente konstituieren zusammen eine MES-Plattform, die sich an Geschäftsanforderungen anpasst und gleichzeitig Governance, Kontinuität und Transparenz bewahrt.

Konnektivitätsverlust ohne Stillstand

Ein Nutzenfaktor elastischer MES-Software ist die Edge-to-Cloud-Balance. Entsprechende Architekturen trennen operative Ausführung von Unternehmenskoordination. Lokale Edge-Systeme erhalten die Ausführungskontinuität – Produktion, Qualitätsprüfungen, Bestandsaktualisierungen – ohne Unterbrechung aufrecht. Cloud-Komponenten bieten Unternehmenstransparenz, Analytics und standortübergreifende Governance. Dadurch werden etwa fehlgeschlagene Upgrades, fragmentierte Versionen und inkonsistente Daten vermieden. Kurzzeitige Konnektivitätsprobleme führen so nicht zu operativen Stillständen.

Die menschliche Dimension

Trotz immer ausgereifterer digitaler Plattformen bleibt vollautonome Fertigung selten. Menschliches Urteilsvermögen und operative Ausnahmen dominieren weiterhin Produktionsentscheidungen. Elastische MES-Architekturen unterstützen dieses menschliche Element. Echtzeitdashboards ersetzen manuelle Verfolgung. Integrierte Qualitätssysteme reduzieren Wiederprüfungszyklen. Connected-Worker-Schnittstellen verringern Fehler und erhöhen Produktivität.

Sebastien Prat Quelle Rockwell Automation
Bild: Rockwell Automation GmbH

Architektur für die Zukunft

Für Fertigungsverantwortliche in Deutschland und Europa ist die Frage nicht, ob sie ein MES einführen sollen, sondern welcher Architekturansatz für die Zukunft trägt. Moderne Strategien adressieren dabei strukturelle Herausforderungen wie technische Schulden durch fragmentierte Systeme, Upgrade-Lähmung oder Integrationsrisiken über OT- und IT-Landschaften hinweg.



  • Eine App zur Bauteilerkennung

    Eine App zur Bauteilerkennung

    In der Bildverarbeitung kommt künstliche Intelligenz seit langem zum Einsatz. Neuronale Netze erkennen beispielsweise Objekte des alltäglichen Lebens mit einer höheren Genauigkeit wieder als der Mensch. Forscher des Fraunhofer-Instituts für…

    mehr lesen: Eine App zur Bauteilerkennung

  • VDI ZRE veröffentlicht neue Prozesskette und Ressourcencheck

    VDI ZRE veröffentlicht neue Prozesskette und Ressourcencheck

    Durch industrielle biotechnologischen Prozesse ist es möglich, Güter ressourcenschonender und nachhaltiger zu produzieren. Das VDI Zentrum Ressourceneffizienz (VDI ZRE) hat als Online-Tool einen Prozess visualisiert, mit dem sich biotechnologische Verfahren…

    mehr lesen: VDI ZRE veröffentlicht neue Prozesskette und Ressourcencheck

  • Worauf CIOs achten sollten

    Worauf CIOs achten sollten

    Nicht Wachstum, sondern die Sicherung der Unternehmenszukunft steht während der Corona-Pandemie im Fokus der Unternehmen. Das Beratungsunternehmen Gartner hat diesbezüglich acht Maßnahmen identifiziert, die CIOs ergreifen sollten.

    mehr lesen: Worauf CIOs achten sollten

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Digitalindex rutscht auf Tiefststand

    Digitalindex rutscht auf Tiefststand

    ITK-Unternehmen bewerten Geschäftslage noch als befriedigend, blicken aber pessimistisch in die Zukunft. Der Digitalindex des Branchenverbandes Bitkom rutschte auf den niedrigsten Wert seit seiner erstmaligen Erhebung.

    mehr lesen: Digitalindex rutscht auf Tiefststand

  • Kurzarbeit: Unternehmen wollen vorbereitet sein

    Kurzarbeit: Unternehmen wollen vorbereitet sein

    Etwa 55 Prozent der deutschen Unternehmen haben Kurzarbeit angezeigt. Darunter nicht nur Firmen, die stark von der Pandemie betroffen sind. Das geht aus einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft…

    mehr lesen: Kurzarbeit: Unternehmen wollen vorbereitet sein

  • Arbeitsmarktbarometer sinkt auf Tiefststand

    Arbeitsmarktbarometer sinkt auf Tiefststand

    Mit einem Stand von 93,5 Punkten weißt das IAB-Arbeitsmarktbarometer den niedrigsten Wert seit seiner erstmaligen Erhebung im Jahr 2008 auf.

    mehr lesen: Arbeitsmarktbarometer sinkt auf Tiefststand

  • KI und ERP für verbesserten Service

    KI und ERP für verbesserten Service

    Durch die Kooperation zwischen Proalpha und Empolis können Unternehmen ihren Servicemitarbeitern Wissen kontextsensitiv zur Verfügung stellen. Konkret wird Empolis Service Express in das ERP-System von Proalpha integriert.

    mehr lesen: KI und ERP für verbesserten Service

  • Handel mit China stark beeinträchtigt

    Handel mit China stark beeinträchtigt

    Zwar konnten die deutschen Elektroexporte im Februar 2020 mit einem Volumen von 16,7 Milliarden Euro noch ein leichtes Plus von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat verzeichnen. Jedoch gingen die…

    mehr lesen: Handel mit China stark beeinträchtigt

  • Ein FTS für kleine Unternehmen

    Ein FTS für kleine Unternehmen

    In einem gemeinsamen Forschungsprojekt wollen das Startup Flexlog und das IPH – Institut für Integrierte Produktion Hannover ein besonders günstiges und flexibles Fahrerloses Transportsystem entwickeln, das noch dazu ganz einfach…

    mehr lesen: Ein FTS für kleine Unternehmen

  • Schneider Electric: Umsatz um 6,4 Prozent rückläufig

    Schneider Electric: Umsatz um 6,4 Prozent rückläufig

    Schneider Electric hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2020 einen Umsatz in Höhe von 5,8Mrd.€ erzielt. Das ist ein Rückgang von 6,4% gegenüber dem Vorjahresquartal.

    mehr lesen: Schneider Electric: Umsatz um 6,4 Prozent rückläufig

  • Kontaktstelle für die Sicherstellung von grenzüberschreitenden Lieferketten

    Kontaktstelle für die Sicherstellung von grenzüberschreitenden Lieferketten

    Mit einer Kontaktstelle zur Sicherstellung in den Lieferketten hat das Bundeswirtschaftsministerium eine zentrale Anlaufstelle für Unternehmen eingerichtet.

    mehr lesen: Kontaktstelle für die Sicherstellung von grenzüberschreitenden Lieferketten