Künstliche Intelligenz in der Produktion: Factory Agents als digitale Belegschaft

528593
Bild: ©Jay Koppelman/stock.adobe.com

Transparenz über ihr Werksgeschehen erhalten Unternehmen häufig über KPI-Dashboards. Sie liefern anhand von Visualisierungen und Auswertungen definierter Kenndaten Informationen zur laufenden Produktion. Um ihren Nutzen auf dem Shopfloor ausspielen zu können, müssen Produktionsmitarbeiter handlungs- und reaktionsfähig sein. Hierfür ist zum einen die Fähigkeit zur möglichst unmittelbaren Datenanalyse erforderlich. Ergänzend könnten sogenannte Factory Agents über Fragen in natürlicher Sprache Zugang zu Ad-hoc-Analysen und Auswertungen von Produktions- und Maschinendaten vermitteln, sogar über verschiedene Datenquellen hinweg. Sie bieten damit dynamische Analyse- und Entscheidungsgrundlagen. In einem erweiterten Szenario könnten Manufacturing-KI-Agenten schließlich automatisiert zugehörige Prozesse übernehmen oder selbständig ihnen gestellte Aufgaben lösen.

KPI-Dashboards und Agenten

Die beschriebenen KPI-Dashboards lassen sich oft mit vergleichsweise geringem Aufwand erstellen, etwa mit der Power Platform von Microsoft oder anderen Tools. Neben klassischen Produktionskennzahlen lassen sich hier auch Telemetriedaten in nahezu Echtzeit anzeigen und überwachen. Ein Knowledge Agent erweitert die verfügbaren Informationen begleitend zu den sogenannten Factory Analytics. Was abstrakt klingt, heißt für die Teams vor Ort: Ein konversationsfähiger Agent ermöglicht natürlichsprachigen Zugriff auf Wissensquellen, etwa Informationen zu Eigenschaften bestimmter Maschinentypen, Anweisungen aus FMEA-Dokumenten sowie Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Ein Factory Agent ist im Grunde lediglich ein ‚Conversational Agent‘, der mit Produktionsdaten arbeitet. Dieser Ansatz könnte besonders interessant werden, wenn sich Informationen nicht mehr aus statischen Dashboards entnehmen lassen und Daten aus verschiedenen Systemen – etwa MES, ERP-Software und Maschinen – in Verbindung gebracht werden müssen. Er ist somit die Basis für eine Reduktion von Komplexität, als Vorbereitung einer datenbasierten Entscheidung. Denn ein Factory Agent kann etwa Erkenntnisse vermitteln, warum unerwartete Schwankungen von Zykluszeiten auftreten, der Ausschuss zunimmt oder Abweichungen bei Aufträgen auf einer speziellen Maschine zunehmen.

Auswertungen auf neuem Level

Damit ist ein solches System deutlich flexibler als klassische statische Auswertungen; die Unterschiede können entlang der fachlichen Struktur in der zugrunde liegenden Graph-Datenbank ermittelt werden. Anwender müssen nicht mehr einzelne Datenfelder aus verstreuten Systemen kombinieren und interpretieren. Zudem ist mit einem solchen Factory Agent die Verknüpfung mit weiteren Wissensquellen möglich (Knowledge Agent). Dabei ist der Einsatz vieler Factory Agents machbar, die ebenfalls abgestimmt aufeinander und untereinander wirken können.

Middleware mit Graph-Datenbank

Solchen durchgängigen Konzepten stehen eine Reihe von Hindernissen im Weg. Es dürfte ersichtlich sein, dass Datensilos ein Problem darstellen. Das gilt auch für proprietäre Schnittstellen, wenn sie einen Lock-in verursachen. Eng damit im Zusammenhang stehen Multi-Vendor-Thematiken: ERP-Software, MES, Scada-Tools und andere Steuerungssysteme von unterschiedlichen Lieferanten tun sich häufig schwer, einen einfachen Datenaustausch über ihre Systemgrenzen hinaus zu unterstützen. Diese und weitere Herausforderungen sorgen dafür, dass 70 Prozent der Unternehmen im Pilot-Stadium von KI-Projekten steckenbleiben. Um diese Probleme zu lösen, ließe sich als Kernkomponente eine Manufacturing-Datenplattform einrichten, etwa mit einer Graph-Datenbank auf Basis eines standardisierten Datenmodells für Produktion und Logistik (z.B. ISA 95). In diese Plattform könnte der Input aus den Datenquellen rund um die Fertigung einfließen.

Anbindung an eine Cloud

Die Integration kann über ein sogenanntes Cloud-Connector-Framework erfolgen. Als Output verspricht ein solches Setup jene Einblicke, die als Grundlage für Entscheidungen bei der Fertigungssteuerung dienen. Factory Agents müssen skalieren können, um mit unterschiedlichen Infrastrukturen und Bestandskomponenten zurechtzukommen. Heterogene Umgebungen erfordern zwei Abstraktionen: technisch etwa für die Anbindung und Kommunikationsprotokolle sowie auf Datenebene, Stichwort Industriedatenmodell. Dafür ist eine Event-basierte und quasi-echtzeitfähige Architektur mit entsprechender Skalierung geeignet, um selbst viele Produktionsstandorte und Linien anzubinden.

Gängige Fragestellungen

Die aussichtsreichsten Factory Agents sind meist individuell zu ermitteln. Hierbei arbeiten interdisziplinäre Teams, etwa IT, OT und Produktion, in der Regel am erfolgreichsten. Im Prozess zählen Fragen wie: Wo geht am meisten Effizienz verloren? Wo ist die Implementierung am einfachsten durchzuführen? Wo liegt das geringste betriebliche Risiko, falls etwas nicht funktioniert? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung, sowohl im Hinblick auf Team-Kapazität als auch Technologie? In welchem Szenario ist unter Berücksichtigung dieser Faktoren die Wirkkraft am größten?

Erfahrungen aus der Praxis

In der Praxis sollen Factory Agents häufig helfen, ungeplante Maschinenstillstände zu verhindern, also Ausfallzeiten reduzieren. Auch die Minimierung von Informationsverlusten oder hohem Aufwand bei Schichtwechseln sowie die Steigerung der Produktqualität – etwa durch das Ermitteln von Ursachen für nicht-konforme Teile und das Erkennen zugehöriger Abhängigkeiten – gehören zu den zentralen Anwendungsfeldern. Ebenso geraten die Optimierung der Wartungsplanung und der Personaleinsatz oft in den Fokus. Diese Beispiele verdeutlichen, dass mit dem Einsatzbereich eines Multi-Factory-Agent-Setups auch ihr Wirkungsgrad wächst. Deshalb sollte bei Planung und Implementierung der Produktionsumgebung auch auf weitere Anpassungen vorbereitet werden. Es gilt zudem das gängige Prinzip der Prozessdigitalisierung: Wer einen schlechten Prozess digitalisiert, erhält lediglich eine digitalisierte Version desselben schlechten Prozesses.

Im dynamischen Umfeld

Der Umbau großer Produktionsanlagen ist kein Ad-hoc-Projekt. Vielmehr wird es in den meisten Fällen auf eine schrittweise Einrichtung hinauslaufen. Denn solche Brownfield-Umgebungen unterliegen einer gewissen Dynamik, werden gewartet, aktualisiert und modernisiert – wer diese Gelegenheiten nutzt, kann zudem von den einzelnen kleineren Projekten lernen. Letztlich wird die Sicht auf den gesamten Herstellungsprozess künftig bedeutsamer werden: Eine zunehmend autonome Fertigung auf Basis eines kognitiven digitalen Gehirns verspricht eine konsequentere Optimierung der Produktion, als es heute möglich ist.



  • Nvidia wird Gesellschafter beim DFKI

    Nvidia wird Gesellschafter beim DFKI

    Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) hat mit Nvidia einen neuen Gesellschafter. Beide Unternehmen forschen gemeinsam in den Bereichen Machine Learning und Deep Learning.

    mehr lesen: Nvidia wird Gesellschafter beim DFKI

  • CDOs vor allem in großen Unternehmen etabliert

    CDOs vor allem in großen Unternehmen etabliert

    Bezogen auf die Gesamtwirtschaft haben 19 Prozent der Unternehmen die Position eines Chief Digital Officers bzw. eines Leiters Digitalisierung geschaffen. Das geht aus einer Befragung des Digitalverbands Bitkom hervor.

    mehr lesen: CDOs vor allem in großen Unternehmen etabliert

  • Corona und die Folgen für die Wirtschaft in Deutschland

    Corona und die Folgen für die Wirtschaft in Deutschland

    Die Auswirkungen von COVID-19 auf unsere Gesellschaft und die Wirtschaft sind enorm und betreffen uns alle.

    mehr lesen: Corona und die Folgen für die Wirtschaft in Deutschland

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • AI-fähige Microlearning-Lösung für die Industrie 4.0

    AI-fähige Microlearning-Lösung für die Industrie 4.0

    Aveva und Axonify wollen gemeinsam eine KI-Microlearning-Lösung für die Industrie anbieten. Beide Unternehmen haben sich diesbezüglich auf eine strategische Partnerschaft geeinigt.

    mehr lesen: AI-fähige Microlearning-Lösung für die Industrie 4.0

  • Industry Show: Virtuelle Messe für alle Bereiche der Industrie

    Industry Show: Virtuelle Messe für alle Bereiche der Industrie

    Der TeDo Verlag veranstaltet ab dem 4. Mai eine virtuelle Messe rund um unsere Themen Automatisierung, Robotik und Energieverteilung, Schaltschrankbau, Industrielle IT, IIoT usw. Wir wollen so eine Lösung finden,…

    mehr lesen: Industry Show: Virtuelle Messe für alle Bereiche der Industrie

  • IoT-Geräte als Köder für Cyberangreifer

    IoT-Geräte als Köder für Cyberangreifer

    Attivo Networks hat seine auf der Deception-Technologie basierende ThreatDefend-Plattform in das Microsoft Azure Security Center integriert. Dadurch wird die Erkennungsrate und Reaktionszeit bei Angriffen auf den Microsoft-Dienst Azure IoT Edge…

    mehr lesen: IoT-Geräte als Köder für Cyberangreifer

  • Zoom-Nutzer verstärkt im Visier

    Zoom-Nutzer verstärkt im Visier

    Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor große Herausforderungen – nicht nur im privaten Bereich, sondern auch beruflich. Unzählige Menschen weltweit arbeiten derzeit erstmals im Homeoffice.

    mehr lesen: Zoom-Nutzer verstärkt im Visier

  • Auftragseingang im Maschinenbau im Februar 2020

    Auftragseingang im Maschinenbau im Februar 2020

    Im Februar verfehlten die Auftragseingänge im deutschen Maschinenbau ihr Vorjahresniveau real um 4 Prozent. Während die Bestellungen der inländischen Kunden um 6 Prozent sanken, lagen die Auslandsorders um 3 Prozent…

    mehr lesen: Auftragseingang im Maschinenbau im Februar 2020

  • Neuer Vice President Americas bei Leuze

    Neuer Vice President Americas bei Leuze

    Sergio Resendiz (Bild) ist neuer Leuze-Vice President Americas und berichtet direkt an den CEO Ulrich Balbach.

    mehr lesen: Neuer Vice President Americas bei Leuze

  • Wenn der Roboter beim Prüfen hilft

    Wenn der Roboter beim Prüfen hilft

    Eine zentrale Anwendung beim Roboter-Einsatz ist die Kollaboration zwischen Mensch und Maschine – beispielsweise die Unterstützung bei für den Menschen belastenden Aufgaben. Welche Vorteile eine produktive Mensch-Roboter-Kooperation (MRK) haben kann,…

    mehr lesen: Wenn der Roboter beim Prüfen hilft

  • Körperschall im Edge analysieren

    Körperschall im Edge analysieren

    Der Condition-Monitoring-Workshop ‚Smart Monitoring – Körperschallanalyse im Edge‘ (max. 20 Teilnehmer) von Systec Electronic zeigt, wie sich mit unterschiedlichen Technologien physikalische Eigenschaften von Maschinen und Anlagen erfassen und zusammenführen lassen.

    mehr lesen: Körperschall im Edge analysieren