Digitaler Zwilling und IIoT: Brücke zwischen Echtzeitdaten und Erfahrungswissen

515769
Bild: ©putilov/stock.adobe.com

Der digitale Zwilling entwickelt sich zunehmend zu einer tragenden Säule der digitalen Transformation industrieller Produktionsprozesse. In Verbindung mit künstlicher Intelligenz und dem Industrial Internet of Things-Infrastrukturen entsteht eine neue Qualität industrieller Steuerungssysteme: Erfahrungswissen von Mitarbeitenden wird mit objektiven Echtzeitdaten aus der Fertigung verknüpft, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu liefern. Die Fähigkeit, kontinuierliche Rückmeldungen aus dem laufenden Betrieb in Echtzeit zu verarbeiten und daraus unmittelbar handlungsleitende Impulse abzuleiten, ermöglicht Transparenz über Produktionsprozesse hinweg und versetzt Unternehmen in die Lage, flexibel und präzise auf interne wie externe Veränderungen zu reagieren.

Datenmodell und Kontextualisierung

Damit ein digitaler Zwilling effektiv arbeiten kann, benötigt er Zugriff auf ein intelligentes, semantisch strukturiertes Datenmodell. Dieses umfasst sowohl explizite, sensorisch erfasste Datenströme aus Maschinen und Anlagen als auch implizites Wissen aus früheren Entscheidungsprozessen, etwa aus Erfahrungswerten von Mitarbeitenden oder typischen Reaktionsmustern auf Störungen. Die Kombination beider Datenquellen ermöglicht eine kontextuelle Bewertung von Situationen und eine proaktive Steuerung.

Systemarchitektur und Funktionslogik

Die Grundlage für adaptive, digitale Zwillinge in der Fertigungssteuerung bildet eine modulare Systemarchitektur, die aus funktional differenzierten Komponenten besteht:

  • Der Observer erfasst kontinuierlich Prozessdaten und Zustände aus dem physischen Produktionsumfeld. Diese Daten werden in strukturierter Form gespeichert und bilden die Basis für alle weiteren Analysen.
  • Der Explanator nutzt semantische Informationsmodelle, um auf Basis der Beobachtungsdaten Abweichungen vom erwarteten Systemverhalten zu erklären. Dabei kommen sowohl regelbasierte als auch dynamisch lernende Modelle zum Einsatz, die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge identifizieren.
  • Der Evaluator bewertet mögliche Handlungsoptionen, um Abweichungen unter Berücksichtigung von Zielgrößen, Systemgrenzen und vergangenen Entscheidungen zu bewerten. In der Praxis kommen dabei einfache Entscheidungsbäume bis hin zu mehrkriteriellen Bewertungsverfahren zur Anwendung.
  • Der Decision Maker wählt aus den bewerteten Alternativen eine geeignete Maßnahme aus. Dabei werden typischerweise Optionen wie ‚Abwarten‘, ‚Parameteranpassung‘, ‚Konfigurationswechsel‘ oder ‚Delegation‘ berücksichtigt. Die Entscheidung kann regelbasiert, heuristisch oder durch KI unterstützt erfolgen.
  • Der Executor bereitet die Umsetzung der Maßnahme vor und übergibt sie an den Actuator, der die physische Ausführung innerhalb des Systems realisiert, sei es durch Anpassung von Maschinenparametern oder durch Kommunikation mit übergeordneten oder parallelen Systemen.

Diese Architektur ermöglicht kurzzeitige Anpassungen im laufenden Betrieb – automatisiert und situationsabhängig. Im Zusammenspiel mit digitalen Zwillingen, die verschiedene Konfigurationszustände digital repräsentieren, können Maßnahmen zudem vorab simuliert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit geprüft werden. Damit entstehen lernfähige, selbstoptimierende Systeme, die nicht nur reaktiv, sondern zunehmend auch prädiktiv agieren.

Echtzeitreaktion in der Lernfabrik

Ein Beispiel für die Umsetzung bietet ein in einer Lernfabrik entwickeltes cyber-physisches Produktionssystem. Die Architektur gliedert sich in aufeinander abgestimmte Module, die gemeinsam eine geschlossene Steuerungsschleife bilden. Der Observer erfasst kontinuierlich Betriebsdaten, der Explanator analysiert Abweichungen vom Sollzustand und der Evaluator prüft mögliche Handlungsoptionen unter Berücksichtigung vorheriger Entscheidungen und aktueller Parameter. Der Decision Maker wählt auf dieser Basis die optimale Strategie und überträgt diese an Executor und Actuator, die die Umsetzung in der Anlage übernehmen. In einem konkreten Anwendungsfall an einer Mensch-Roboter-Arbeitsstation identifizierte das System beispielsweise eine abfallende Leistungskennzahl, analysierte semantisch relevante Einflussgrößen wie Ermüdung oder Störung und veranlasste eine automatische Anpassung des Arbeitstakts. Die neue Konfiguration wurde ohne manuelles Eingreifen umgesetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht die Stärke des digitalen Zwillings, operative Prozesse nicht nur zu beobachten, sondern aktiv zu gestalten.

Während IIoT-Plattformen vor allem der Aggregation und Verfügbarkeit von Daten dienen, stellt der digitale Zwilling die semantische Ebene bereit, die für eine sinnvolle Interpretation und operative Nutzung dieser Daten notwendig ist. Die Kombination beider Elemente eröffnet neue Möglichkeiten der Fertigungssteuerung: Rückmeldungen aus dem laufenden Betrieb werden in Echtzeit erfasst, bewertet und direkt in Steuerungsentscheidungen überführt. Daraus entsteht eine adaptive Systemarchitektur, die sich an veränderte Anforderungen, schwankende Auslastungen oder technische Abweichungen eigenständig anpassen kann. Unternehmen erhalten so die Möglichkeit, ihre Produktionsprozesse kontinuierlich zu verbessern, Engpässe frühzeitig zu erkennen und Optimierungspotenziale auszuschöpfen. Gleichzeitig unterstützt der digitale Zwilling dabei, aus jedem Zyklus zu lernen und dieses Wissen in zukünftige Prozessentscheidungen einfließen zu lassen.

Strategische Relevanz

Auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der sich verändernden Arbeitswelt erhält der digitale Zwilling strategische Relevanz. Gehen Mitarbeitende in Rente, geht Erfahrungswissen verloren. Digitale Zwillinge bieten hier einen Ansatz, um dieses Wissen strukturiert zu erfassen, zu sichern und über Systemgrenzen hinweg verfügbar zu halten. Durch die enge Verzahnung von Echtzeitdaten mit Erfahrungswissen entsteht eine lernfähige Steuerungsebene, die flexibel auf Unwägbarkeiten reagieren kann und gleichzeitig als Wissensspeicher dient.

Die Entwicklung hin zu selbststeuernden, adaptiven Fertigungssystemen wird entscheidend durch die Verfügbarkeit semantisch angereicherter Datenmodelle und die Fähigkeit zur Echtzeitanalyse geprägt. Der digitale Zwilling fungiert dabei als Bindeglied. Seine Fähigkeit, Datenkontexte herzustellen, menschliche Entscheidungslogiken nachzuvollziehen und diese in aktuelle Situationen zu überführen, macht ihn zu einer Schlüsselkomponente im zukünftigen Produktionsumfeld. Besonders dort, wo hohe Komplexität und variable Anforderungen aufeinandertreffen, zeigt sich sein Potenzial: etwa bei der schnellen Umrüstung von Anlagen, der individuellen Anpassung von Lieferketten oder der Simulation von Produktionsalternativen im Rahmen strategischer Entscheidungsfindung.

Prof Gueter Bitsch 2
Bild: Becos GmbH

Autor:

Prof. Dr. Günter Bitsch ist
Gesellschafter und Geschäftsführer bei
der Becos GmbH.



  • Ifo-Index fällt um 1,2 Punkte

    Ifo-Index fällt um 1,2 Punkte

    Lieferengpässe drücken die Stimmung der deutschen Wirtschaft. So gehen die Indexwerte von Industrie, Handel und Dienstleistungen im Oktober zurück. Lediglich aus dem Bauhauptgewerbe kommen positive Signale.

    mehr lesen: Ifo-Index fällt um 1,2 Punkte

  • Energieeffizienz verbessern, CO2-Ausstoß verringern

    Energieeffizienz verbessern, CO2-Ausstoß verringern

    Die EU soll bis 2050 klimaneutral werden – über den European Green Deal und eine Abgabe auf CO2-Emissionen. Fraunhofer-Forschende unterstützen Unternehmen bei der Reduktion ihrer Emissionen mittels Net-Zero-Technologien.

    mehr lesen: Energieeffizienz verbessern, CO2-Ausstoß verringern

  • Vier neue Vertriebspartner für Universal Robots

    Vier neue Vertriebspartner für Universal Robots

    Universal Robots (UR) baut sein Vertriebsnetz in Deutschland aus. Mit SCS Robotik, JDT Robotics, PTS Automation sowie der Somack sind vier neue Partner hinzugekommen.

    mehr lesen: Vier neue Vertriebspartner für Universal Robots

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Cyberangriffe gefährden die Digitalisierung

    Cyberangriffe gefährden die Digitalisierung

    Im seinem neuen Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland fordert das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik der Cybersicherheit eine stärkere Bedeutung beizumessen. Die Gefährdungslage sei hoch, so Bundesinnenminister Horst Seehofer.

    mehr lesen: Cyberangriffe gefährden die Digitalisierung

  • Materialise eröffnet Metall-Kompetenzzentrum für 3D-Druck

    Materialise eröffnet Metall-Kompetenzzentrum für 3D-Druck

    Der 3D-Druck-Spezialist Materialise vergrößert seinen Bremer Standort und hat ein Metall-Kompetenzzentrum für 3D-Druck eröffnet, das künftig 120 Mitarbeitern Platz bieten soll.

    mehr lesen: Materialise eröffnet Metall-Kompetenzzentrum für 3D-Druck

  • Moxa und Crosser arbeiten zusammen

    Moxa und Crosser arbeiten zusammen

    Mit dem Ziel Komplettlösungen für das Industrial Internet of Things anbieten zu können, arbeiten Moxa Europe und Crosser zukünftig zusammen. Dazu integriert Moxa den Low-Code-Ansatz von Crosser in seine Lösungen.

    mehr lesen: Moxa und Crosser arbeiten zusammen

  • Neuer Geschäftsführer bei Sage

    Neuer Geschäftsführer bei Sage

    Christoph Stoica verantwortet als neuer Geschäftsführer zukünftig die Landesgesellschaften in Zentraleuropa von Sage. Er übernimmt das Amt zum 1. November.

    mehr lesen: Neuer Geschäftsführer bei Sage

  • Höchstes Budget für Nachhaltigkeit im Maschinenbau

    Höchstes Budget für Nachhaltigkeit im Maschinenbau

    68 Prozent der deutschen Maschinen und Anlagenbauer haben Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie verankert, 39 Prozent von ihnen – und damit mehr im Vergleich zu anderen Branchen – stellen spezielles Budget…

    mehr lesen: Höchstes Budget für Nachhaltigkeit im Maschinenbau

  • Aras ernennt Roque Martin zum CEO

    Aras ernennt Roque Martin zum CEO

    Roque Martin wird neuer CEO beim Low-Code-Spezialisten Aras. Der bisherige CEO und Unternehmensgründer Peter Schroer wechselt in das Board of Directors.

    mehr lesen: Aras ernennt Roque Martin zum CEO

  • Angriffsflächen-Management verbessert IT-Sicherheit

    Angriffsflächen-Management verbessert IT-Sicherheit

    Unter der digitalen Angriffsfläche versteht man alle Angriffsvektoren, über die ein unautorisierter Nutzer versuchen kann, Daten einzubringen oder zu entwenden.

    mehr lesen: Angriffsflächen-Management verbessert IT-Sicherheit

  • Neuer CEO bei IoT Inspector

    Neuer CEO bei IoT Inspector

    Jan C. Wendenburg übernimmt die Leitung von IoT Inspector der Analyse-Plattform für Sicherheit im Internet der Dinge (IoT). Er kommt von Cergate zum IoT-Spezialisten.

    mehr lesen: Neuer CEO bei IoT Inspector