Digitalisierte Prozessketten bei Achenbach Buschhütten

Das Produktspektrum Achenbachs reicht von schlüsselfertigen 
Gesamtanlagen über Anlagenverbunde oder Einzelmaschinen bis hin zu ausgewählten 
Technologiekomponenten.
Das Produktspektrum Achenbachs reicht von schlüsselfertigen Gesamtanlagen über Anlagenverbunde oder Einzelmaschinen bis hin zu ausgewählten Technologiekomponenten. – Bild: Achenbach Buschhütten

Achenbach Buschhütten ist ein familiengeführter Einzelfertiger mit bald 575-jähriger Geschichte. Heute ist das Unternehmen aus dem südwestfälischen Kreuztal weltweit agierender Systemanbieter für Nicht-Eisen-Metall-Walzwerkanlagen mit eigener Automatisierungstechnik sowie für Folienschneidmaschinen zum Wickeln, Separieren und Schneiden dünnster Metallfolien. Die Entwicklung, Konstruktion, Fertigung und Inbetriebnahme der durchweg kundenindividuellen Anlagen sowie auch deren Betreuung über den gesamten Lebenszyklus hinweg übernimmt Achenbach selbst.

Digitale Services entwickelt

Speziell in Zusammenhang mit dem systematischen Service- und Supportprogramm gewinnt der Einsatz der eigenentwickelten Cloud-Plattform Optilink, über die die digitale Vernetzung der Anlagen erfolgt, an Bedeutung: Achenbach verfügt über ein digitales Modell seiner Maschinen, was den eigenen Konstruktions- und Fertigungsprozess transparenter macht sowie im Ersatzteil- und Wartungsgeschäft Vorteile bietet. Die Anlagenbetreiber wiederum können auf Basis der erfassten Maschinendaten ihren Herstellungsprozess optimieren, weil aktuelle Produktivitäts- und Verbrauchsanalysen ein Energie- und Qualitätsmanagement ermöglichen. Außerdem liefern die Daten Aufschluss über den Zustand der Komponenten, was eine vorausschauende Wartung ermöglicht.

Restrukturierung der IT-Organisation

Neben der Digitalisierung der gefertigten Maschinen, die durch die Abteilung ‚Digital Solutions‘ vorangetrieben wird, rückt die Unternehmensleitung auch die der Auftrags- und Projektabwicklung in den Fokus. Nachdem Sebastian Groos 2020 in die Geschäftsleitung eingestiegen war, sorgte er in seiner 2022 zusätzlich übernommenen Funktion als CIO dafür, dass die IT-Abteilung neue Strukturen erhielt. Während sich früher fünf Mitarbeitende um sämtliche IT-Themen kümmern mussten, arbeiten heute 13 Fachleute in vier Teams an unterschiedlichen Schwerpunkten. Eines ist auf die Geschäftsprozessentwicklung und ERP-Optimierung spezialisiert.

In diesem Team ist Dr. Andreas Weigel. Er kam 2023 zu Achenbach und koordiniert seit seiner Ernennung zum stellvertretenden IT-Leiter im Jahr darauf die Umsetzung der firmenweiten Prozessdigitalisierung. Unterstützt wird er dabei von Marco Edelmann, der seit dem Beginn seiner Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker im Jahr 2001 im Unternehmen arbeitet und die Gegebenheiten bestens kennt.

Achenbach übernimmt auch die Modernisierung von Anlagen eigener sowie fremder Herkunft und bietet ein systematisches Service- und Support-Programm an.
Achenbach übernimmt auch die Modernisierung von Anlagen eigener sowie fremder Herkunft und bietet ein systematisches Service- und Support-Programm an.Bild: Achenbach Buschhütten

ERP-Software als Datendrehscheibe

Fester Bestandteil der Prozesskette ist die betriebswirtschaftliche Branchensoftware AMS.ERP, die als unternehmensweite Datendrehscheibe dient. Das System war vor knapp 20 Jahren wegen seines Zuschnitts auf die Einzelfertigung implementiert worden. Obwohl eine Ablösung nie zur Diskussion stand, identifizierten Andreas Weigel und sein Team Verbesserungspotenzial im ERP-Kontext. Einerseits hatte das ERP-System infolge individueller Anpassungen an Durchgängigkeit und Update-Fähigkeit eingebüßt. Andererseits gab es bei der Einbeziehung der Anwender und Key User Luft nach oben, gerade was die Ermittlung abteilungsinterner Anforderungen betraf. Während die Key User früher vor Release-Updates ’nur‘ die jeweiligen Abteilungsprozesse testeten, wirken sie heute mit den Geschäftsprozessentwicklern zusammen aktiv an der Ausrichtung des System mit.

Key User als Influencer

Dafür wurden organisatorische Voraussetzungen und Anreize geschaffen. Denn Unternehmensführung und Geschäftsprozessentwickler sind sich einig, dass eine durchgängig digitalisierte Ablauforganisation mit dem ERP-System nur gemeinsam mit den Fachleuten in den Abteilungen erreicht werden kann. Der Aufbau einer dauerhaften und abteilungsübergreifenden Key-User-Struktur führt in den einzelnen Projekten zu einem besseren Verständnis der übergeordneten Digitalisierungsstrategie. Zudem wird auf diese Weise die Basis für Hilfe zur Selbsthilfe in den Abteilungen geschaffen, wie Marco Edelmann es formuliert. Die Herausforderungen werden erst einmal analysiert und die Grundlagen für eine mögliche Umsetzung skizziert, bevor die IT-Abteilung kontaktiert wird. Diesen Weg, der auch beinhaltet, dass die Mitarbeitenden eigene Vorschläge für die sinnvolle Integration zukunftsträchtiger Technologien, Geräte und Systeme unterbreiten können, möchte Andreas Weigel konsequent ausbauen. Die Key User sollen zu internen ‚Influencern‘ werden, die als Multiplikatoren für Optimierungen und Innovationen werben.

Folienwalzwerke von Achenbach werden konstruktiv auf den konkreten Einsatzzweck hin maßgeschneidert angepasst, um zuverlässige Folienqualitäten auch bei hohen Walzgeschwindigkeiten, großen Walzbreiten und Coilgewichten zu produzieren.
Folienwalzwerke von Achenbach werden konstruktiv auf den konkreten Einsatzzweck hin maßgeschneidert angepasst, um zuverlässige Folienqualitäten auch bei hohen Walzgeschwindigkeiten, großen Walzbreiten und Coilgewichten zu produzieren.Bild: Achenbach Buschhütten

Praxistest bestanden

Bewähren konnten sich die neuen Key-User-Strukturen bei der Neugestaltung der ERP-Formulare und bei einem Release-Update. Andreas Weigel: „Zusammen mit den AMS-Beratern hatten wir im Vorfeld eine Roadmap erstellt, die dank der inzwischen gelebten Einbeziehung der Key User auf einem soliden Fundament aufsetzte.“ Auf diese Weise seien Unstimmigkeiten gar nicht erst entstanden. Für Marco Edelmann zeigt dies, dass die richtigen Lehren aus den beiden vorangegangenen Release-Wechseln gezogen worden waren. Denn die Key User konnten den Fokus beim Testen direkt auf die neuralgischen Punkte legen. Generell waren die Abteilungen angehalten, sich zuvorderst auf ihre wichtigsten Kernprozesse zu konzentrieren. „Von IT-Seite haben wir bewusst auf Vorgaben oder Priorisierungen verzichtet, weil die Experten ihr Abteilungsumfeld wie gesagt am besten kennen“, sagt Marco Edelmann. Laut ihm ist die Sorge vor Release-Wechseln in der gesamten Organisation verschwunden, da es der stetige Dialog aller Beteiligten ermögliche, „Updates immer schlanker zu fahren“.

Fortschritt durch Rückschnitt

Ein weiterer Grundpfeiler der IT-Strategie, die COO und CIO Sebastian Groos mit seinem IT-Team entwickelt hat, war die Rückkehr zum Standard der eingesetzten ERP-Software. Denn die bei Achenbach im Laufe der Jahre hinzugefügten Anpassungen erschwerten die durchgängige Verwendung des Systems. Daher wurde eine Liste erstellt, um jene Anpassungen zu identifizieren, die sich ohne übermäßigen Aufwand durch Standardfunktionalität ersetzen lassen. Auch hier sind die Key User im Boot, denn dieser Rückbau geht zwangsläufig mit veränderten Abläufen einher. „Schätzungsweise 30 Anpassungen können wir relativ leicht ersetzen. Dennoch müssen wir im Vorfeld immer mit den Key Usern in den betroffenen Abteilungen klären, welchen Weg der AMS-Standard vorgibt und wie wir damit umgehen. Mit dem Aufspielen der nächsten ERP-Version werden wir dann etliche Anpassungen zurückfahren“, beschreibt Andreas Weigel den Plan.

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Bild: ©MdNazim/stock.adobe.com

KI in der Losgröße 1+

In der Unikatfertigung ist jeder Auftrag anders, weshalb weder Standardkalkulationen noch Standardstücklisten verwendet werden können. Genau in dieser Komplexität der Losgröße 1+ sieht AMS.Solution den Ansatzpunkt für die Integration von KI in bestehende ERPLandschaften. Mit dem KI-Client von AMS.ERP, der ab Version 16.0 verfügbar ist, sollen vorhandene Prozess- und Firmendaten in Echtzeit für kontextbezogene Handlungsempfehlungen genutzt werden. Technisch greift das System über lokal gehostete KI-Sprachmodelle auf strukturierte ERP-Daten sowie unstrukturiertes Unternehmenswissen wie technische Dokumentationen, Zeichnungen, Normen oder Servicereports zu. Diese Inhalte werden per Retrieval-Augmented Generation indexiert und in Echtzeit nach inhaltlicher Bedeutungsähnlichkeit durchsucht. In der Praxis unterstützt das System u.a. den Angebotsprozess, die Auftragsvorbereitung, den Einkauf und den Service. Der Ansatz zielt zugleich auf Datensouveränität, weil die KI-Komponenten bei den Anwenderunternehmen lokal installiert werden.

ERP-Standard als Basis für weitere Digitalisierung

Mit der Nutzung des ERP-Standards schaffen die Verantwortlichen die solide Basis für den weiteren Ausbau der Digitalisierung im Unternehmen. Denn weil die Ausprägung der Maschinen – wie in der Einzelfertigung üblich – bei Vertragsunterschrift selten bekannt ist, muss das ERP-System mit dynamischen Produktstrukturen umgehen können. Dazu unterstützt AMS.ERP wachsende Stücklisten, die versionssicher abbilden, was sich bei der Konstruktionsarbeit verändert. Die Nutzung der mitlaufenden Kalkulation, die das ERP-System ebenfalls von Hause aus mitbringt, wird laut Andreas Weigel erst nach dem Zurückfahren der Sonderanpassungen umfassend möglich sein.

Von Büro bis in die Fertigung

Grundsätzlich bescheinigen die Geschäftsprozessentwickler den kaufmännischen Bereichen bei Achenbach heute schon eine hohe digitale Durchgängigkeit, wobei die noch vorhandenen Unterbrechungen identifiziert und sukzessive abgestellt werden. In der Fertigung und Montage geschieht der digitale Ausbau ebenfalls schrittweise und kontinuierlich. Erfolgten die meisten Arbeitsschritte hier bislang noch weitgehend papierbasiert, wurden seit Anfang 2025 an vielen Punkten in den Produktionsstätten Monitore installiert, auf denen die Werker digitale Informationen zu den jeweiligen Maschinen und Anlagen einsehen können. Dabei handelt es sich um anklickbare 3D-Visualisierungen, über die sich tief in die Stücklistenebenen abtauchen lässt. Möglich wird diese Art der interaktiven Darstellung, weil mittlerweile zu jeder Maschine ein digitales Modell existiert. „Unsere IT-Infra- und Systemstruktur unterstützt uns dabei, uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich gut können: gute Maschinen und Anlagen für unsere Kunden zu bauen“, betont COO und CIO Sebastian Groos.