Höheres Tempo in den Abteilungen

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Paus baut unter anderem Fahrzeuge und Maschinen für den Berg- und Tunnelbau. – Bild: Hermann Paus Maschinenfabrik

Seit mehr als 50 Jahren entwickelt, konstruiert und produziert die Hermann Paus Maschinenfabrik am Standort Emsbüren Industriegüter für besondere Aufgaben. Es entstehen beispielsweise explosionsgeschützte Fahrzeuge für den Kohlebergbau oder Personentransporter für die Untertagebeförderung mit bis zu 32 Plätzen. Bereits seit Jahrzehnten agiert der 250 Mitarbeitende starke Familienbetrieb als weltweiter Anbieter von mobiler Bergbautechnik. Um das komplexer werdende Projektgeschäft zu organisieren, führte Paus 2016 das Projektmanagementsystem AMS.ERP ein. Die von AMS.Solution entwickelte Software führt die kaufmännischen und technischen Informationen zusammen, die bei der Auftragsabwicklung entstehen. Zudem dient die Software als Datendrehscheibe für weitere Digitalisierungsschritte.

Hohe Fertigungstiefe

Was die bei Paus üblichen Losgrößen anbelangt, stellen Wiederholprojekte im Segment der Bergbaufahrzeuge die absolute Ausnahme dar. Dies liegt laut der Prokuristin und Organisationsleiterin Marlies Pöppe daran, „dass die Anforderungen in den Gruben und Tunneln außerordentlich stark voneinander abweichen. Allein das Lichtmaß der Schächte, aber auch die atmosphärischen Bedingungen unter Tage und die Beschaffenheit des zu bearbeitenden Materials führen zu einer Varianz, die den Einsatz kundenspezifischer Lösungen zwingend erforderlich macht.“ Um passgenaue Produkte zu liefern, setzt der 1968 gegründete Sondermaschinenbauer auf eine hohe Fertigungstiefe. Indem die Bergbaufahrzeuge komplett eigengefertigt werden, erschließt sich das Unternehmen die Flexibilität und das Wissen, um marktgerechte Innovation bereitzustellen. In den anderen Produktlinien der Firma wie die Lifttechnik oder Baumaschinen liegt die Eigenleistung niedriger, dafür bewegen sich die zwischen 30 und 50 Stück pro Baureihe. Für die Ablauforganisation bedeutet dies Komplexität, da die Unikatfertigung der Bergbautechnik neben dem Prinzip der Kleinserienfertigung zu bewältigen ist.

Kernaufgaben erkennen und unterstützen

Um technologisch einen Schritt voraus zu sein und auf sich verändernde Kundenanforderungen schnell reagieren zu können, brauchen vor allem die Mitarbeitenden in den Bereichen Konstruktion und Produktentwicklung ausreichend Beinfreiheit. Ein Beispiel dafür ist die ab etwa 2010 zunehmende Nachfrage nach autonom fahrenden Industriefahrzeugen: „Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Entwicklungen ist es nicht verwunderlich, dass der Wunsch nach mehr Datendurchgängigkeit in der Konstruktionsabteilung besonders groß war“, erinnert sich Marlies Pöppe. Schließlich gehe es bei der Verknüpfung der technischen und kaufmännischen Informationen vor allem darum, die Fachkräfte von Routinearbeiten zu entlasten. Paus‘ Organisationsleiterin, die in ihrer Rolle auch für den ERP-Betrieb verantwortlich zeichnet, erläutert dies anhand der Stücklistenpflege: „Statt die zu verbauenden Materialien in Fleißarbeit manuell in den Stücklisten erfassen zu müssen, sollen sich die Kollegen auf die Konzeption und Spezifikation innovativer Industrielösungen konzentrieren können.“

Unter Tage fahren Unikate. Schon Details wie unterschiedliche Schachtmaße 
führen zu veränderten Anforderungen an die Spezialfahrzeuge.
Unter Tage fahren Unikate. Schon Details wie unterschiedliche Schachtmaße führen zu veränderten Anforderungen an die Spezialfahrzeuge.Bild: Hermann Paus Maschinenfabrik

Systeme ohne Schnittstellen

Obwohl die hierzu erforderlichen Anwendungen eigentlich schon vor der Einführung von AMS.ERP im Einsatz waren, ließ sich die gewünschte Systemintegration nicht verwirklichen. Dies lag in erster Linie an dem damaligen ERP-System, dessen Lieferant wenige Monate, nachdem Paus es erworben hatte, Insolvenz anmelden musste. Es entstand eine Systemlandschaft, die von händischer Datenübertragung, Mehrfacherfassung und schlechter Datenqualität geprägt war.

Entscheidung fiel leicht

Diesen Zustand wollte der Hersteller mit der Implementierung der ERP-Software 2016 abstellen. Heute beginnt die Prozesskette im Vertrieb, wo Angebote im System kalkuliert werden. Kommt es zu einer Bestellung, wandelt die ERP-Software das Angebot automatisch in einen Auftrag um. Die nun einsetzende Auftragsabwicklung führt über die Bereiche Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, Fertigung, Einkauf und Materialwirtschaft bis hin zur Montage und zum Versand. Module für Finanzbuchhaltung, Personalwesen, Controlling, Zeitwirtschaft, Betriebsdatenerfassung, Produktdatenmanagement, Exportabwicklung und Servicemanagement ergänzen das Informationssystem. „Das ERP-System über alle Bereiche und Produktlinien hinweg einzuziehen, war damals ein echter Quantensprung“, sagt Marlies Pöppe.

Greifbarer Nutzen

Die Nutzung der gemeinsamen Datenbasis brachte von Beginn an zahlreiche Vorteile mit sich, die bis heute gelten: Die Einschätzungen zur projektübergreifenden Kapazitätsplanung sind viel genauer, wodurch mögliche Engpässe schnell auffallen. Auch aus diesem Grund konnte die allgemeine Liefertermintreue gesteigert werden. Der wichtigste Aspekt ist jedoch, dass die Wirtschaftlichkeit der Projekte auftragsbegleitend abgefragt werden kann. Die Software bringt standardmäßig sämtliche Funktionalitäten für eine exakte und mitlaufende Kalkulation mit – unter Berücksichtigung aller Budget- und Solldaten. Durch die datengestützte Transparenz in den Projekten konnte die Geschwindigkeit bei der Erledigung der jeweiligen Aufgaben in den meisten Abteilungen deutlich erhöht werden. Heute sind für Marlies Pöppe die validierten Daten, die auch die Unternehmensleitung für ihre strategischen Entscheidungen heranzieht, das A und O für die Geschäftsentwicklung. „Wir hatten auch früher ein Gefühl dafür, ob ein Projekt gut gelaufen ist oder nicht. Wir hatten auch ein Gefühl dafür, ob zu viel oder zu wenig Material auf Lager war. Das Vorhandensein verlässlicher Daten macht jedoch aus Gefühl Gewissheit“, sagt die ERP-Verantwortliche: „Durch die Daten haben wir bereits etliche Fehleinschätzungen vermieden und jede Menge Optimierungspotenzial ausfindig gemacht.“