Spieltheorie in der Beschaffung

Game theory is the study of mathematical models of strategic interaction among rational agents
Bild: ©Sang/stock.adobe.com

Die Zahl der Ausschreibungen, die mangels wettbewerbsfähiger Angebote scheitern, steigt. Anbieter halten sich aus rationaler Kalkulation häufig zurück: Sie haben hohe Opportunitätskosten und fürchten die langfristigen Risiken. Zudem wirken viele Vergabeprozesse unstrukturiert, intransparent oder opportunistisch. Die implizite Botschaft lautet häufig: ‚Die Regeln ändern sich jederzeit.‘ Für Anbieter können diese Prozesse so viel Unsicherheit enthalten, dass sie auf eine Teilnahme verzichten. Zugleich fehlt Einkäufern häufig die Zeit oder das methodische Rüstzeug, um der strukturellen Schwächung zu begegnen. Doch genau hier setzen spieltheoretisch fundierte Vergabe- und Verhandlungsmethoden an.

Vom Preisdrücken zum Mechanism Design

Spieltheorie versteht Vergabeprozesse als eine strategische Auseinandersetzung mehrerer, oft unvollständig informierter Teilnehmer. Jeder Bieter beobachtet und interpretiert das Verhalten des einkaufenden Unternehmens – aber auch sehr genau die Handlungen seiner Wettbewerber, soweit dies möglich ist. Er wägt Optionen ab und reagiert taktisch. Wer als Einkäufer weiß, wie er diese Dynamiken strukturiert, statt sie zu ignorieren, nimmt die Zügel in die Hand, gewinnt Kontrolle und erzielt ein besseres Ergebnis. Der Hebel heißt Mechanism Design. Dieser Teilbereich der Spieltheorie befasst sich mit der bewussten Gestaltung von Entscheidungs- und Verhandlungsprozessen. Ziel ist es, Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sich Anbieter im eigenen Interesse kompetitiv verhalten. Und zwar auch dann, wenn sie sich eigentlich zurückhalten wollen.

Warum klassische Vergaben scheitern

Ein typischer Fehler vieler Einkaufsabteilungen liegt im vermeintlich flexiblen Vorgehen: Offene Prozesse, fehlende Verbindlichkeit und unklare Zuschlagskriterien gehen oft mit der Hoffnung auf bessere Ergebnisse durch Spontanität einher. In Wahrheit jedoch verhindert genau diese Unverbindlichkeit strategisches Verhalten und fördert taktisches Abwarten.

Ein Beispiel: Ein Tier-1-Zulieferer im Automotive-Sektor wollte einen strategischen Entwicklungsauftrag vergeben. Ein sogenannter Innovationstag mit potenziellen Lieferanten sollte Wettbewerb erzeugen, wurde aber ohne Regeln und einen klaren Prozess durchgeführt – der Einkauf konnte die Anforderungen jederzeit ändern. Vor diesem Hintergrund verhielten sich die Bieter rationalerweise defensiv – der Auftrag wurde nicht vergeben. Ein anschließend entwickelter, klar strukturierter spieltheoretisch optimierter Vergabeprozess mit verbindlichen Regeln, Ausschlussmechanismen und monetarisierten Bewertungskriterien führte zu ernsthaften Angeboten und zu einer Senkung der Angebotspreise um durchschnittlich 22,4 Prozent.

Wettbewerb statt Preisblindheit

In klassischen Ausschreibungen geben Anbieter einmalig ein Angebot ab, das meist auf Annahmen basiert und einen Puffer beinhaltet. Verhandelt wird dann oft bilateral. Der Wettbewerbsdruck bleibt niedrig, Spielräume werden nicht genutzt. Spieltheoretisch optimierte Prozesse setzen hingegen auf mehrstufige, strukturierte Verhandlungsformate. Alle Anbieter kennen vorab die Regeln, die Zahl der Runden und die Entscheidungslogik. Aus Käufersicht relevante Unterschiede zwischen Bietern wurden monetär bewertet und werden im sogenannt Verhandlungspreis berücksichtigt. Er repräsentiert dann nicht den monetären Preis, sondern den Preis und alle monetär bewerteten Vor- und Nachteile – vergleichbar mit den Total Cost of Ownership. Oft geben Bieter zunächst Initialangebote ab, deren Höhe im Vergleich zu anderen Bietern voher festgelegte und den Bietern bekannte Konsequenzen hat: Diese reichen vom Ausschluss von den Verhandlungen bis zu deutlich gesteigerten Chancen in späteren Verhandlungsphasen. In den folgenden Runden können die Bieter ihre Angebote verbessern. Die Wahrscheinlichkeit, den Auftrag zu erhalten, steigt mit jeder Verbesserung ihres Angebots. Dieser Prozess zwingt zur ernsthaften Kalkulation, eröffnet neuen Anbietern Chancen und zwingt auch etablierte Lieferanten, ihre Angebote zu verbessern. Auf diese Weise steuert der Einkauf den Verhandlungsprozess und über die gesetzten Anreize das Verhalten der Anbieter. Interessanterweise ist der Vorteil dieser Herangehensweise umso größer, je komplexer die zu beschaffende Leistung ist und je schwieriger die Leistungen von Lieferanten verglichen werden können.

Beispiel OEMs vs. Distributoren

Gero von Grawert SW
Gero von Grawert – Bild: Competitio Consulting GmbH

Ein Maschinenbauunternehmen plante die Beschaffung von Maschinen im zweistelligen Millionenbereich. Ursprünglich sollten die OEMs unverbindliche Preislisten einreichen, während die finalen Verhandlungen mit den Distributoren geführt werden sollten. Dadurch lagen die eigentlichen Preishebel bei den OEMs, konnten aber nicht wirksam genutzt werden. Durch eine Umkehrung des Prozesses entstand ein glaubwürdiges Alternativszenario: Zunächst gaben die Distributoren Gebote über ihre Gesamtkonditionen ab – einschließlich Garantien und Servicelevels. Auf dieser Basis wurden anschließend finale Preisverhandlungen mit den OEMs geführt. So entstand echter Verhandlungsdruck auf OEM-Seite, die Angebote wurden vergleichbarer, und das Unternehmen erzielte eine signifikante Kostensenkung.

Angebotsverhalten verändern

Ein Mittelständler vergab regelmäßig große Bauleistungen. Trotz vieler Anbieter deuteten steigende Preise auf Absprachen unter ihnen hin. Ein spieltheoretisch für diese Situation entwickeltes sogenannt Flexdesign half: Dabei wurden keine Losgrößen oder Pakete vorgegeben, sondern Mengen im Verhandlungsprozess festgelegt. So standen erstmals die Kapazitäten vieler kleiner Bieter in Wettbewerb mit den Kapazitäten weniger großer Bieter. Alle Bieter kannten die Zuschlagslogik, aber nicht das Verhandlungsergebnis, Absprachen waren logisch nun unmöglich. Die spieltheoretisch optimierten Verhandlungen erzielten Preissenkungen von 15 bis 32 Prozent.

Christoph Pfeiffer SW
Christoph Pfeiffer – Bild: Competitio Consulting GmbH

Wirkt gerade im Mittelstand

Viele Mittelständler verfügen über eingeschränkte Ressourcen im Einkauf. Zeit, Personal und Datenlage sind begrenzt. Dennoch oder gerade deshalb wirkt spieltheoretisches Vorgehen hier besonders stark. Schon kleine strukturelle Änderungen im Prozess erzeugen oft hohe Wirkung und führen zu besseren ROIs. Die Methoden können schrittweise eingeführt werden und lassen sich dann skalieren.



  • Hohe Erwartungen an die Blockchain

    Hohe Erwartungen an die Blockchain

    Die Blockhain soll Unternehmen u.a. neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Laut einer Bitkom-Befragung kommt die Technologie bisher aber nur selten zum Einsatz.

    mehr lesen: Hohe Erwartungen an die Blockchain

  • Liliana Scheck leitet Teradata Schweiz

    Liliana Scheck leitet Teradata Schweiz

    Teradata Schweiz setzt Liliana Scheck als neue Country Managerin ein. Wie das Unternehmen mitteilt, soll ihr Fokus auf mehr Partnerschaften und Cloud-Innovationen liegen.

    mehr lesen: Liliana Scheck leitet Teradata Schweiz

  • Neuer Senior Vice President und General Manager EMEA bei Red Hat

    Neuer Senior Vice President und General Manager EMEA bei Red Hat

    Hans Roth wird neuer Senior Vice President und General Manager EMEA bei Red Hat. Er folgt auf Werner Knoblich, der das Unternehmen zum Jahresende verlassen wird.

    mehr lesen: Neuer Senior Vice President und General Manager EMEA bei Red Hat

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Acht von zehn werden Opfer von Cyberattacken

    Acht von zehn werden Opfer von Cyberattacken

    Acht von zehn Personen (79 Prozent) waren in den vergangenen 12 Monaten von kriminellen Vorfällen im Netz betroffen. Nur noch eine kleine Minderheit von 21 Prozent gibt an, keine solchen…

    mehr lesen: Acht von zehn werden Opfer von Cyberattacken

  • Forterro übernimmt Myfactory

    Forterro übernimmt Myfactory

    Mit der Übernahme des Cloud-ERP-Softwareanbieter Myfactory will Forterro seine Stellung im Dach-Markt ausbauen. Das Unternehmens soll nach der Übernahme eigenständig innerhalb der Forterro-Gruppe agieren.

    mehr lesen: Forterro übernimmt Myfactory

  • Weltweite Roboterdichte in fünf Jahren verdoppelt

    Weltweite Roboterdichte in fünf Jahren verdoppelt

    Mit seiner Roboterdichte von 371 Industrie-Robotern pro 10.000 Mitarbeiter liegt Deutschland laut aktuellem World Robotics Report unter den Top 5 weltweit. An erster Stelle liegt nach wie vor Südkorea.

    mehr lesen: Weltweite Roboterdichte in fünf Jahren verdoppelt

  • BSI warnt vor Schwachstelle in Java-Bibliothek Log4j

    BSI warnt vor Schwachstelle in Java-Bibliothek Log4j

    Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat seine bestehende Cyber-Sicherheitswarnung für die Schwachstelle in der Java-Bibliothek Log4j auf Rot hochgestuft.

    mehr lesen: BSI warnt vor Schwachstelle in Java-Bibliothek Log4j

  • Open-Source-Einsatz oftmals ohne Strategie

    Open-Source-Einsatz oftmals ohne Strategie

    Zwei von drei Unternehmen stehen Open Source aufgeschlossen gegenüber, so eine Bitkom-Studie. 25 Prozent der Befragten verfolgen beim Einsatz von Open-Source-Software eine Strategie.

    mehr lesen: Open-Source-Einsatz oftmals ohne Strategie

  • CyberArk stellt Blueprint für die Umsetzung vor

    CyberArk stellt Blueprint für die Umsetzung vor

    Der Netzwerkperimeter hat für die Sicherheit in einer Zeit der verstärkten Nutzung von Cloud-Services und Automatisierungslösungen sowie der Remote-Arbeit an Bedeutung verloren.

    mehr lesen: CyberArk stellt Blueprint für die Umsetzung vor

  • Ixon verlegt  Firmensitz

    Ixon verlegt Firmensitz

    Mit der Verlegung des Firmensitzes ins niederländische Boxmeer will sich der IIoT-Spezialist Ixon für weiteres Mitarbeiterwachstum rüsten. Zugleich erhofft sich das Unternehmen durch die Nähe zur deutschen Grenze größeres Potenzial…

    mehr lesen: Ixon verlegt Firmensitz

  • Siemens Mobility kooperiert mit RazorSecure

    Siemens Mobility kooperiert mit RazorSecure

    Siemens Mobility und RazorSecure haben eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, um Betreibern von Schienenfahrzeugen weltweit verbesserte Lösungen für die Cybersicherheit im Bahnverkehr anbieten zu können.

    mehr lesen: Siemens Mobility kooperiert mit RazorSecure