EU AI Act als gesellschaftliches Großexperiment

image 25
Bild: Inform GmbH

Da ist er nun – der EU AI Act. Nach dem zähen Ringen hat wohl vor allem die Einsicht zur Einigung geführt, dass eine noch längere Hängepartie die Unternehmen in eine höhere Rechtsunsicherheit und Planschwierigkeiten gebracht hätte – und sicher auch, dass man sich vor der Weltöffentlichkeit blamiert hätte. Schließlich wollte man in Europa zum Vorreiter der KI-Regulation werden. Das Ziel, die Menschheit vor den negativen Auswirkungen eines falschen Einsatzes von künstlicher Intelligenz schützen, ist im Gesetzestext in vielen Bereichen gut sichtbar. Es gibt z.B. ein Verbot von Social Scoring und anderen zweifelhaften KI-Praktiken. Ein vollständiges Verbot von Echtzeitüberwachung hat es hingegen nicht über die Ziellinie geschafft. Viele unproblematische KI-Anwendungen bleiben unreguliert – nur wer es in die High-Risk-Klasse bringt, sieht seine Entwicklungs- und Verbreitungsprozesse einer starken Regulatorik unterworfen. Das ist im Kern alles sehr nachvollziehbar.

Unklar trotz Überarbeitungen

Doch im EU AI Act steht eine große Menge an interpretationsbedürftigem Text. Das fängt schon bei der Definition des Kernbegriffs der künstliche Intelligenz an. In den zwischenzeitlichen Textversionen war sie so allgemein, dass Experten anmerkten, die Regulierung umfasse jedes Softwareprodukt – mit oder ohne KI. In der finalen Fassung wurde zwar ausgebessert. Doch ob das reicht, die Ziele zu erreichen, wissen wir noch nicht. Eine Hochrisiko-KI etwa wird anhand risikobehafteter Anwendungsfälle beschrieben. Dabei bleibt wiederholt unklar, wie gut die jetzigen Formulierungen ‚risikobehaftete‘ von ‚eigentlich unproblematischen‘ Anwendungsfällen zu unterscheiden helfen.

Ähnlichkeiten zur DSGVO

Wir wissen also nicht, ob die Regularien praktikabel sind und ob sie funktionieren werden. Wir wissen nicht, in welchen Bereichen der jetzige Entwurf über- und in welchen er eher unterreguliert. Das ist kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Risiken von KI als solche heute noch nicht gut verstanden werden. Tatsächlich führen wir damit ein großes Technologie- und Regulationsexperiment durch. Die Technologie ist zu wertvoll – und manchmal zu verführerisch – um nicht erforscht und verbreitet zu werden. Die Regulationsideen versuchen Schritt zu halten, was angesichts des rasanten Tempos schwer fällt. Die Situation erinnert an die 2018 von der EU eingeführte Datenschutzgrundverordnung (DSGVO): nachvollziehbare Intentionen, tiefgreifende Regulatorik, teils bis heute andauernde Unsicherheit sowie Aspekte, die sich als unpraktikabel erwiesen haben. Der EU AI Act tritt in diese Fußstapfen, nur in Bezug auf eine wichtigsten Technologien unserer Zeit – und ohne Praxisdaten, wie sich solche Regulationsansätze in dieser größeren Dimension auswirken. Ein sehr großes Experiment eben. Softwaretechniker wissen mit Komplexität umzugehen: iterativ herantasten und schrittweise verstehen. Bekommen wir eine solche Vorgehensweise in der Europapolitik? Werden wir sehen, wie Regulatorik erschafft, ausprobiert und in Teilen großzügig wieder verworfen wird? Das klingt nach Utopie, zumal die DSGVO seit 2018 unverändert ist. Dabei wäre dieser Ansatz in der Regulatorik vernünftig und ehrlich. Jedenfalls wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, diese Technologie weiterzuentwickeln und gleichzeitig einen verantwortungsvollen und menschendienlichen Einsatz sicherzustellen.

Autor: Dr. Jörg Herbers, Geschäftsführer, Inform GmbH



  • Petra Boss wird Co-CFO bei Xitaso

    Petra Boss wird Co-CFO bei Xitaso

    Mit Petra Boss hat Xitaso eine neue Geschäftsführerin. Als Co-CFO verantwortet die 55-Jährige gemeinsam mit Martin Huggenberger den Finance- und Legal-Bereich des Unternehmens.

    mehr lesen: Petra Boss wird Co-CFO bei Xitaso

  • Dämpfer für das IAB-Arbeitsmarktbarometer

    Dämpfer für das IAB-Arbeitsmarktbarometer

    Im Vergleich zum Vormonat sinkt das IAB-Arbeitsmarktbarometer im Mai 2024 um 0,8 Punkte. Der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) befindet sich nun mit 99,8 Punkten unter dem…

    mehr lesen: Dämpfer für das IAB-Arbeitsmarktbarometer

  • Wago und Radiflow bündeln ihre Kräfte zur Stärkung der OT-Sicherheit

    Wago und Radiflow bündeln ihre Kräfte zur Stärkung der OT-Sicherheit

    Wago und Radiflow gehen eine Partnerschaft ein und bündeln künftig ihre Kompetenzen: Wago zählt zu den international führenden Anbietern von elektrischer Verbindungs- und Automatisierungstechnik.

    mehr lesen: Wago und Radiflow bündeln ihre Kräfte zur Stärkung der OT-Sicherheit

  • AI’d Forge hilft beim Transfer von KI-Technologien

    AI’d Forge hilft beim Transfer von KI-Technologien

    Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und der finnische KI-Spezialist Emblica mit Sitz in Helsinki wollen Unternehmen künftig bei der digitalen Transformation unterstützen.

    mehr lesen: AI’d Forge hilft beim Transfer von KI-Technologien

  • Bechtle führt belgische Einzelgesellschaften zusammen

    Bechtle führt belgische Einzelgesellschaften zusammen

    Der IT-Dienstleister Bechtle bündelt die belgischen Gesellschaften Bechtle Group BE Public, Bechtle Direct NV und Bechtle NV in der Bechtle NV.

    mehr lesen: Bechtle führt belgische Einzelgesellschaften zusammen

  • T-Systems hat einen neuen Marketing-Chef

    T-Systems hat einen neuen Marketing-Chef

    Zum 1. September übernimmt Christian Loefert das Marketing von T-Systems. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist bereits seit 2008 für den Telekom-Konzern tätig.

    mehr lesen: T-Systems hat einen neuen Marketing-Chef

  • Bestellungen im Maschinenbau wachsen um 10 Prozent

    Bestellungen im Maschinenbau wachsen um 10 Prozent

    Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer melden im April ein Auftragsplus von 10 Prozent. Die Talsohle sei erreicht, kommentiert VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers.

    mehr lesen: Bestellungen im Maschinenbau wachsen um 10 Prozent

  • Klassische und Quanten-Algorithmen in Kombination

    Klassische und Quanten-Algorithmen in Kombination

    Im Rahmen eines Forschungsprojekts kombinieren Classiq und Hewlett Packard Enterprise klassisches High-Performance-Computing (HPC) mit Quantencomputing. Ziel ist es, kombinatorischer Optimierungsprobleme zu lösen.

    mehr lesen: Klassische und Quanten-Algorithmen in Kombination

  • Telekom und Trumpf schließen Vertriebspartnerschaft für 5G-System

    Telekom und Trumpf schließen Vertriebspartnerschaft für 5G-System

    Telekom und Trumpf bauen ihre Zusammenarbeit aus. Im Rahmen einer Vertriebspartnerschaft bieten die Unternehmen etwa ein von Trumpf entwickeltes Ortungssystem an, das von T-Systems auf einer Edge-Cloud bereitgestellt wird.

    mehr lesen: Telekom und Trumpf schließen Vertriebspartnerschaft für 5G-System

  • Gründungen auf neuem Tiefststand –  vor allem verarbeitendes Gewerbe betroffen

    Gründungen auf neuem Tiefststand – vor allem verarbeitendes Gewerbe betroffen

    Im Jahr 2018 führten 25 Prozent der jungen Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe Marktneuheiten ein. Im aktuellen IAB/ZEW-Gründungspanel ist dieser Wert auf 21 Prozent gesunken. Zudem beobachten die Studienverantwortlichen insgesamt einen…

    mehr lesen: Gründungen auf neuem Tiefststand – vor allem verarbeitendes Gewerbe betroffen

  • Künstliche Intelligenz: Algorithmen und Chips zusammen entwickelt

    Künstliche Intelligenz: Algorithmen und Chips zusammen entwickelt

    Leistungsfähige Mikrochips sind entscheidend für den erfolgreichen Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Das am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) koordinierte Projekt EDAI verfolgt einen neuen Ansatz: Die Forschenden koppeln den…

    mehr lesen: Künstliche Intelligenz: Algorithmen und Chips zusammen entwickelt

  • VDMA-Befragung: Arbeitskräftemangel kostet Umsatz

    VDMA-Befragung: Arbeitskräftemangel kostet Umsatz

    Nur zwei von drei Unternehmen im Maschinenbau können aktuell die Mehrheit ihrer offenen Stellen für Fachkräfte besetzen. Der Arbeitskräftemangel kostet sie nun auch Umsatz.

    mehr lesen: VDMA-Befragung: Arbeitskräftemangel kostet Umsatz