Bulgarien und Tschechien im Wertschöpfungsnetzwerk

%C2%A9peteri AdobeStock 423821041
Bild: ©peteri/stock.adobe.com

Der Kostendruck in der deutschen Industrie hat in den vergangenen Jahren eine Schwelle erreicht, an der klassische Antworten wie Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung oder Skalierung des Einkaufs durch Mengenrabatte oft nicht mehr ausreichen. Lohnkosten, Energiepreise und regulatorische Auflagen haben sich auf einem Niveau eingependelt, das Unternehmen nach anderen Lösungen suchen lässt. Für Zulieferer, die Komponenten und Baugruppen z.B. für Automotive, Medizintechnik, Elektrotechnik oder Haustechnik fertigen, stellt sich damit zunehmend die Frage, wo in Europa noch wettbewerbsfähig produziert werden kann, ohne auf die EU-Vorteile zu verzichten. Damit wird Nearshoring eine Option.

Transport ist ein wesentlicher Kostenfaktor

Der naheliegende Treiber ist der Personalkostenvergleich. „Stundensätze in Bulgarien liegen bei etwa einem Viertel des deutschen Niveaus, ergänzt durch niedrigere Energie- und Gemeinkosten sowie attraktive Investitionsförderungen“, sagt Josef Gleixner, Geschäftsführer der Inotech Group. Der Systemlieferant für technische Kunststoffteile hat Werke in Deutschland, Tschechien und Bulgarien. Tschechien liegt kostenseitig zwar über Bulgarien, bietet dafür eine höhere Verfügbarkeit qualifizierter Facharbeiter, ein Standortvorteil, der besonders für technische Kunststoffteile und Automotive-Anwendungen relevant ist. Die geografische Nähe verstärkt diesen Effekt: Tschechien schließt an die deutsche Grenze an, so dass abhängig vom Standort der Werke sich Transportzeit und -kosten gegenüber innerdeutschen Strecken kaum unterscheiden. Allerdings greift der Kostenvorteil des Nearshorings nicht uneingeschränkt: Bei großvolumigen, sperrigen Bauteilen – etwa Frontschürzen oder Stoßfängern im Automotive-Bereich – relativiert sich die Ersparnis durch höhere Transportkosten. Hier ist die Standortwahl eine Frage der Bauteilgröße und Logistik, nicht allein der Lohnkosten. Aus diesem Grund ist es wichtig, osteuropäische Werke nicht als isolierte Standorte anzusehen, wo billig produziert werden kann, sondern vielmehr als Ergänzung zur deutschen Fertigung: Sie übernehmen jene Produktgruppen, bei denen der Kostenvorteil überwiegt, während Deutschland für spezifische, auflagenintensive oder transportkritische Fertigung zuständig bleibt.

Versorgung sicherstellen

Ein weiteres Argument ist die Versorgungssicherheit. Wer heute in Asien einkauft, sieht sich mit langen Lieferzeiten, unsicheren Frachtkapazitäten und aufwendigen Qualifizierungs- und Auditprozessen konfrontiert. Für Branchen mit kurzfristigem Abrufverhalten – etwa Automobilzulieferer, die Farbvarianten in wechselnden Stückzahlen benötigen – ist eine Beschaffung spezifischer Komponenten über Asien praktisch nicht darstellbar. Innerhalb der EU entfallen Zälle und lange Transportwege, Audits und Qualifizierungen lassen sich nach einheitlichen europäischen Standards durchführen. Für einen Systemlieferanten, der Komponenten und Baugruppen direkt an Automobilhersteller liefert, kommt hinzu: die geografische Nähe zu deren Werken. Automobilhersteller verlagern Fertigung zunehmend in Richtung Osteuropa. Ein Zulieferer mit eigenem Werk in Bulgarien oder Tschechien sitzt damit näher an den relevanten OEM-Standorten als ein rein deutscher Produzent. „Wir beliefern Werke im Osten direkt aus dem bulgarischen Standort, statt die Teile aus Deutschland anzuliefern“, sagt Gleixner. Es geht also auch um eine bewusste Positionierung innerhalb bestehender europäischer Liefernetzwerke.

Mehr als Spritzguss anbieten

Ein Aspekt, der in der Diskussion um Standortkosten oft zu kurz kommt, ist die Tiefe der Wertschöpfung. Reine Spritzgussbetriebe stehen primär über den Maschinenstundenpreis im Wettbewerb – ein Geschäft, in dem die Marge gering und die Differenzierung schwierig ist. Anders verhält es sich, wenn Montage, Veredelung und Qualitätsprüfung Teil des Angebots sind. Wird ein Bauteil nicht nur gespritzt, sondern auch lackiert, bedruckt, beschriftet und zu einer fertigen Baugruppe montiert, verschiebt sich die Wertschöpfung und damit auch der Anteil, den der Mensch am Produktionsprozess hat. Gerade hier entfaltet der Kostenvorteil der osteuropäischen Standorte seine größte Wirkung, da arbeitsintensive Tätigkeiten wie Montage besonders stark vom Lohnkostengefälle profitieren. Gleixner erläutert: „Wir liefern z.B. Kühlergrille nicht als Einzelteil, sondern als fertig montierte Baugruppe. Für den Kunden bedeutet das einen einzigen Lieferanten statt einer fragmentierten Lieferkette aus Spritzgießer, Veredler und Montagebetrieb.“ Daraus resultieren weniger Schnittstellen, geringerer Logistikaufwand und kürzere Durchlaufzeiten.

Automotive ist nicht alles

Auch wenn die Automobilindustrie im Zentrum der Standortdiskussion steht, beschränkt sich der Bedarf an osteuropäischer Fertigungskapazität nicht auf diese Branche. Gehäuse für die Medizintechnik, bei denen das Fertigprodukt bis kurz vor Einbau der Elektronik vormontiert wird, oder Komponenten für Haustechnik und Telekommunikation – etwa Telefongehäuse oder Lautsprecherkomponenten – lassen sich ebenso effizient in Bulgarien und Tschechien fertigen. Auch im Bereich Heizungstechnik oder bei Verpackungen für die Kosmetikindustrie kann eine Verlagerung sinnvoll sein. Eine Einschränkung bleibt allerdings bestehen: Für Produkte, die unter Reinraumbedingungen gefertigt werden müssen – etwa bestimmte Pharma- und Medizinanwendungen -, fehlt an den osteuropäischen Standorten bislang die entsprechende Infrastruktur. Diese Fertigung bleibt vorerst in Deutschland konzentriert, ebenso wie spezifische Automotive-Anwendungen mit besonders engen Qualitätsanforderungen.

Maschinen und Standortlogik

Die Entscheidung, welches Produkt an welchem Standort gefertigt wird, folgt dabei keiner pauschalen Regel, sondern orientiert sich an der vorhandenen Maschinenausstattung. Gleixner sagt: „Wir haben über 200 Maschinen unterschiedlichster Größenklassen an acht Standorten, sodass sich Kapazitäten flexibel verschieben lassen.“ Qualitätsstandard und Auditfähigkeit unterscheiden sich dabei nicht zwischen den Ländern: Eine zentrale Qualitätsabteilung sorgt unternehmensweit für einheitliche Prozesse, regelmäßige Audits und vergleichbare Fertigungsstandards – unabhängig davon, ob ein Bauteil in Deutschland, Tschechien oder Bulgarien entsteht.



  • Cobotracks erhält Techman-Zertifizierung

    Cobotracks erhält Techman-Zertifizierung

    Cobotracks entwickelt und vertreibt 7-Achs-Lösungen für Cobots. Das belgische Unternehmen wurde nun von Techman zertifiziert.

    mehr lesen: Cobotracks erhält Techman-Zertifizierung

  • Anwendungsszenarien für den RPA-Einsatz

    Anwendungsszenarien für den RPA-Einsatz

    Robotic Process Automation kann manuelle Prozesse im Unternehmen beschleunigen. Doch wo genau setzt man die Technologie am besten ein? Hai Le, CEO von FPT Deutschland, gibt einen Überblick.

    mehr lesen: Anwendungsszenarien für den RPA-Einsatz

  • Erste Details zur Fusion von Procad und Keytech

    Erste Details zur Fusion von Procad und Keytech

    Procad-Geschäftsführer Gerhard Knoch erstmals mit Details zur Fusion der PLM-Softwareanbieter Procad und Keytech. Die Lösungen beider Firmen sollen weiter wie angekündigt gepflegt und aktualisiert werden, mit der Zeit aber zusammenwachsen.

    mehr lesen: Erste Details zur Fusion von Procad und Keytech

  • IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt im Mai

    IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt im Mai

    Gegenüber April hat das IAB-Arbeitsmarktbarometer um 2 Punkte zugelegt und erreicht so den höchsten Stand seit März 2018.

    mehr lesen: IAB-Arbeitsmarktbarometer steigt im Mai

  • Gaia-X-Testbed in Kaiserslautern

    Gaia-X-Testbed in Kaiserslautern

    Die SmartFactory-KL, das DFKI und die TU-Kaiserslautern bauen ein Gaia-X-Testbed auf. Dabei soll ein gemeinsamer Datenraum für eine verteilte Produktion entstehen.

    mehr lesen: Gaia-X-Testbed in Kaiserslautern

  • Weltweite Investitionen in die Roboterforschung

    Weltweite Investitionen in die Roboterforschung

    Asien, Europa und Amerika passen mit der allmählichen Öffnung der Wirtschaft nach der Pandemie ihre Förderprogramme für die Robotikforschung an. Was aber sind die Ziele der offiziell betriebenen Regierungsprogramme heute?…

    mehr lesen: Weltweite Investitionen in die Roboterforschung

  • Wibu-Systems bezieht neuen Firmensitz

    Wibu-Systems bezieht neuen Firmensitz

    Wibu-Systems bezieht einen neuen Firmensitz in Karlsruhe. Zusammen mit dem Architekturbüro Archis Architekten + Ingenieure, IBA Immobilien, MDBM und Wolff+Müller wurde der Unternehmenscampus entwickelt und umgesetzt.

    mehr lesen: Wibu-Systems bezieht neuen Firmensitz

  • Ifo-Geschäftsklimaindex steigt im Mai

    Ifo-Geschäftsklimaindex steigt im Mai

    Der Ifo-Geschäftsklimaindex steigt im Mai auf 99,2 Punkte und erzielt damit den höchsten Wert seit Mai 2019. Demnach verbesserte sich die Stimmung in allen Sektoren.

    mehr lesen: Ifo-Geschäftsklimaindex steigt im Mai

  • 20Mio.€ für die 5G-Föderung

    20Mio.€ für die 5G-Föderung

    Frankreich und Deutschland wollen 5G-Anwendungen fördern und haben einen Förderaufruf gestartet. Konsortien können bis zum 1.September Förderanträge einreichen.

    mehr lesen: 20Mio.€ für die 5G-Föderung

  • ProAlpha übernimmt CP

    ProAlpha übernimmt CP

    ProAlpha erweitert sein ERP-Portfolio um die Lösungen von CP Corporate Planning. Das Hamburger Unternehmen wird somit Teil der ProAlpha-Gruppe.

    mehr lesen: ProAlpha übernimmt CP

  • Einführung & Migration zu SAP S/4Hana

    Einführung & Migration zu SAP S/4Hana

    Am 29. und 30. Juni widmet sich die Online-Veranstaltung ‚Einführung & Migration zu SAP S/4Hana‘ den Möglichkeiten der SAP-Software-Suite.

    mehr lesen: Einführung & Migration zu SAP S/4Hana

  • Partnerschaft zwischen Cosmo Consult und PAF

    Partnerschaft zwischen Cosmo Consult und PAF

    Die Cosmo Consult-Gruppe und die Process Analytics Factory haben eine Kooperationsvereinbarung getroffen. Dadurch vertreibt das Software- und Beratungsunternehmen zukünftig die Process Mining-Lösung PAFnow.

    mehr lesen: Partnerschaft zwischen Cosmo Consult und PAF