„KI wird die Rolle von CAD grundlegend verändern“

420415 DrAxelZein CEO WSCAD 1
Dr. Axel Zein, CEO, WSCAD

Herr Zein, nahezu jedes Softwareunternehmen spricht derzeit über KI. Wie viel ist Hype und wie viel ist tatsächlich ein grundlegender Wandel?

Axel Zein: KI ist definitiv mehr als ein Hype. Viele Technologien durchlaufen zunächst eine Phase überzogener Erwartungen. Das war bei Cloud, Internet oder CAD nicht anders. Bei künstlicher Intelligenz sehen wir aber bereits heute konkrete Produktivitätsgewinne. Die spannende Frage ist deshalb nicht mehr, ob KI die Industrie verändern wird, sondern wie tiefgreifend diese Veränderung ausfallen wird.

Welche Auswirkungen hat das speziell auf das Engineering?

Engineering steht weltweit unter Druck. Projekte werden komplexer, Dokumentationsanforderungen steigen, gleichzeitig fehlen qualifizierte Fachkräfte. Unsere internationale Studie mit über 1.200 Elektroingenieuren zeigt, dass mehr als die Hälfte der Ingenieure keine Zeit mehr für Innovation hat. Das eigentliche Problem ist nicht fehlendes Wissen oder fehlende Technologie. Das Problem ist fehlende Engineering-Kapazität.

Moderne Engineering-Systeme verfügen bereits über Automatisierungsfunktionen. Warum reichen die nicht mehr aus?

Automatisierung war in den vergangenen Jahrzehnten ein enormer Produktivitätstreiber. Makros, Konfiguratoren und regelbasierte Workflows haben die Effizienz deutlich erhöht. Diese Ansätze funktionieren jedoch am besten in stabilen Umgebungen. Heute erleben wir das Gegenteil: Varianten nehmen zu, Anforderungen ändern sich schneller, Kunden erwarten individuelle Lösungen. Die Komplexität wächst schneller als klassische Automatisierungssysteme mithalten können.

Wo liegt der Unterschied zwischen klassischer Automatisierung und KI?

Traditionelle Automatisierung folgt vorher definierten Regeln. KI kann zusätzlich Zusammenhänge erkennen, Kontext verstehen und Informationen interpretieren. Das eröffnet eine völlig neue Ebene. Statt nur bekannte Prozesse schneller auszuführen, kann KI Ingenieure dabei unterstützen, Wissen zu finden, Entscheidungen vorzubereiten oder sogar Lösungsvorschläge zu generieren.

Viele Menschen verbinden KI vor allem mit ChatGPT. Welche Rolle spielt generative KI im industriellen Umfeld?

Generative KI hat das Thema für viele Menschen sichtbar gemacht. Tatsächlich ist ein Chatbot aber nur die Oberfläche. Der eigentliche Wert entsteht dann, wenn KI mit Fachwissen, Unternehmensdaten und Engineering-Prozessen verbunden wird. Im Engineering geht es nicht darum, schöne Texte zu erzeugen. Es geht darum, technische Zusammenhänge zu verstehen und daraus verwertbare Ergebnisse abzuleiten.

Welche Anwendungsfälle sehen Sie heute bereits?

Wir sehen heute automatische Dokumentation, intelligente Suche, automatische Übersetzungen, Fehlererkennung oder die Generierung von Schaltplanbestandteilen und Schaltschrankaufbauten. Viele dieser Anwendungen sparen nur wenige Minuten pro Vorgang. In Summe entstehen daraus jedoch enorme Produktivitätsgewinne, weil Ingenieure täglich Hunderte solcher Aufgaben erledigen.

Sie sprechen häufig von AI-Native Engineering. Was verstehen Sie darunter?

Die meisten heutigen Systeme nutzen KI als zusätzliche, assistierende Funktion. AI-Native Engineering geht deutlich weiter. Dort wird KI zur zentralen Orchestrierungs- und Wissensebene des gesamten Engineering-Prozesses. Der Ingenieur beschreibt Ziele, Anforderungen und Randbedingungen. Das System unterstützt anschließend bei der Erarbeitung und Optimierung technischer Lösungen.

screenshot2

Ist dies das Ende klassischer CAD-Systeme?

Nein. CAD wird nicht verschwinden. Aber die Rolle von CAD wird sich stark verändern. In den vergangenen Jahrzehnten stand CAD im Zentrum des Engineering-Prozesses. Künftig wird CAD mehr zur Ausführungs- und Visualisierungsebene. Die eigentliche Intelligenz wandert in eine darüberliegende Schicht, die Engineering-Wissen versteht, Zusammenhänge erkennt und Prozesse orchestriert. Das ist AI-Native Engineering.

Das klingt nach einem Paradigmenwechsel.

Genau das ist es. Wenn wir auf die letzten 50 Jahre zurückblicken, sehen wir zwei große Transformationen. Die erste war der Wechsel vom Zeichenbrett zu CAD. Die zweite war der Übergang von CAD zu integrierten Engineering-Plattformen. Jetzt beginnt eine dritte Phase: der Übergang zu AI-Native Engineering. Aus unserer Sicht ist das die bedeutendste Veränderung seit der Einführung von CAD.

Welche Auswirkungen hat das auf die Rolle des Ingenieurs?

Der Fokus von Ingenieuren verschiebt sich von repetitiven Tätigkeiten hin zu Architektur, Systemdenken, Bewertung von Alternativen und technischen Entscheidungen. Der Ingenieur wird weniger Ausführer und stärker zum Orchestrator von Engineering-Prozessen.

Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen dafür schaffen?

KI kann nur so gut sein wie die Informationen, auf die sie zugreifen kann. Unternehmen sollten deshalb ihre Engineering-Daten, Standards und Wissensbestände systematisch aufbereiten. Genauso wichtig ist es aber mit KI zu starten. Organisationen brauchen Zeit sich anzupassen und Prozesse umzustellen. Wer heute beginnt, eine saubere Datenbasis aufzubauen und KI zu nutzen, verschafft sich einen erheblichen Vorteil für die kommenden Jahre.

Womit beschäftigt sich WSCAD aktuell?

Wir beschäftigen uns damit, wie Engineering in Zukunft aussehen wird. Wir entwickeln nicht einfach weitere KI-Funktionen für bestehende Workflows. Unser Ziel ist eine AI-Native Engineering-Plattform, die Engineering-Wissen versteht, Zusammenhänge erkennt und Ingenieure aktiv unterstützt. Damit entsteht eine neue Generation von Engineering-Systemen, die Produktivität, Skalierbarkeit und Innovationsgeschwindigkeit auf ein neues Niveau hebt.

Wo steht die Branche in fünf bis zehn Jahren?

Exakte Prognosen sind schwierig. Was wir aber bereits heute erkennen können, ist die Richtung. Engineering-Systeme werden intelligenter, wissensbasierter und stärker vernetzt. Unternehmen, die KI lediglich als weiteres Software-Feature betrachten, werden Potenzial verschenken. Die eigentliche Chance liegt darin, Engineering neu zu denken. Genau dort beginnt die Reise in das Zeitalter des AI-Native Engineering.

So könnte künstliche Intelligenz nach Auffassung von Axel Zein, WSCAD, das Computer Aided Design verändern.
So könnte künstliche Intelligenz nach Auffassung von Axel Zein, WSCAD, das Computer Aided Design verändern. – Bild: WSCAD GmbH


  • Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

    Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

    Die Grenze zwischen Produkt und ergänzender Dienstleistung verschwimmen zunehmend und produzierende Unternehmen vollziehen den Wandel vom Produkt- zum Service- bzw. Lösungsanbieter. Wie sich solche sogenannten Produkt-Service-Systeme (PSS) entwickeln und damit…

    mehr lesen: Wie kann ein passendes Produkt-Service-System aussehen?

  • Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

    Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

    Der IT-Security-Anbieter Trend Micro hat Erkenntnisse zu cyberkriminellen Aktivitäten sowie dem Handel mit Produkten und Dienstleistungen im Cyberuntergrund veröffentlicht.

    mehr lesen: Sinkendes Vertrauen unter Cyberkriminellen

  • Unternehmen mit steigenden Erwartungen

    Unternehmen mit steigenden Erwartungen

    Nach dem Rückgang im vergangenen Monat legt der Ifo-Geschäftsklimaindex im Mai wieder zu. Dabei haben sich vor allem die Erwartungen für die kommenden Monate verbessert.

    mehr lesen: Unternehmen mit steigenden Erwartungen

  • PLM-Lösungen im Vergleich

    PLM-Lösungen im Vergleich

    Im Marktspiegel ‘Business Software PLM/PDM 2020/2021‘ werden mehr als 40 PLM-Lösungen hinsichtlich ihrer Funktionen untersucht.

    mehr lesen: PLM-Lösungen im Vergleich

  • „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

    „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

    Die Corona-Krise stellt die Globalisierung auf den Prüfstand. Für VDI-Präsident Volker Kefer ist die Situation Herausforderung und Chance zugleich. Im Interview spricht er über die Lage des Technikstandorts Deutschland heute…

    mehr lesen: „Das hohe Maß an Flexibilität und Kreativität sollte uns positiv in die Zukunft blicken lassen“

  • Die digitale Version der XR Expo geht online

    Die digitale Version der XR Expo geht online

    Ab sofort können sich Aussteller und Besucher auf einer digitalen Plattform für die XR Expo Virtual 2020 am 25. und 26. Juni registrieren.

    mehr lesen: Die digitale Version der XR Expo geht online

  • Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

    Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

    Wechselnde Umgebungsbedingungen durch Ad-hoc-Vernetzung, ständige Rekonfigurationen bedingt durch kleine Losgrößen und Softwareupdates im Feld sind Indikatoren dafür, dass das Testen von Systemen im laufenden Betrieb zunehmend an Bedeutung gewinnt. Um…

    mehr lesen: Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

  • Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

    Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

    Unternehmen mit KI-Projekten sind dann am erfolgreichsten, wenn die Qualifizierung der eigenen Mitarbeiter den gleichen Stellenwert wie Investitionen in intelligente Technologien hat. Dazu gehört auch das Schaffen einer Lernkultur, die…

    mehr lesen: Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

  • Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

    Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

    Von Februar bis April befragte der Digitalverband Bitkom Industrieunternehmen nach dem Stand der Digitalisierung. Im Vergleich zur Studie von vor zwei Jahren zeigt sich eine positive Entwicklung.

    mehr lesen: Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

  • Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

    Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

    Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Exporte der deutschen Maschinenbauer im ersten Quartal gesunken — im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent.

    mehr lesen: Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

  • Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

    Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

    63 Prozent der KMU rechnen laut einer McKinsey-Befragung mit einem Umsatzrückgang im aktuellen Quartal. Dennoch blicken 77 Prozent nach wie vor positiv in die Zukunft.

    mehr lesen: Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

  • SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator

    SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator

    Im Production Level 4 Demonstrator stellt die SmartFactoty-KL neue Produktionstechniken vor — ein Update der Industrie 4.0.

    mehr lesen: SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator