„Es kann nur in großem Maßstab funktionieren“

Herr Plagge, in unserem letzten Gespräch 2023 haben Sie gesagt, dass für eine erfolgreiche Zukunft – gerade bei deutschen Automobilherstellern – ein Mindsetwechsel nötig sei. Ist dieser eingetreten? Wo stehen wir heute beim Software-defined Vehicle?

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Michael Plagge, Vice President Ecosystem, Development der Eclipse Foundation – Bild: Eclipse Foundation

Das Thema Software-defined Vehicle hat durchaus an Durchschlagskraft gewonnen. Dies zeigt auch die Tatsache, dass Ende Juni elf Vorstandsmitglieder von elf sehr großen Firmen ein Memorandum of Understanding dazu unterschrieben haben. Sind wir schon da, wo wir sein sollten? Nein. Ich glaube, dass da noch viel Raum ist, um Dinge besser zu machen. Ich versuche dies immer in drei Phasen zu beschreiben: Wir haben die erste Phase – die ersten zweieinhalb bis drei Jahre – gebraucht, um das Konzept der offenen Kollaboration, also der Kollaboration auf Implementierungsebene, zu verankern. Die Industrie war es in der Vergangenheit eher gewohnt, auf Spezifikationsebene zusammenzuarbeiten. Als wir begonnen haben, die verschiedenen Projekte in die SDV Working Group aufzunehmen, kam jedes Projekt aus einer Firma und auch die originären Entwickler kamen alle aus einer Firma. Diese Silos haben wir aufgebrochen. Nun befinden wir uns in Phase 2. Hier geht es darum, zu zeigen, dass man in der Breite auch etwas entwickeln kann. Hier ist für mich die Middleware S-Core das richtige Projekt zur richtigen Zeit.

Können Sie das Projekt kurz umschreiben? Was steckt hinter S-Core?

S-Core ist der Versuch, ein Middleware-Stack zu bauen. Am Ende soll eine nicht wettbewerbsdifferenzierende Softwareplattform für den Automotive-Bereich entstehen. Dabei gilt es auch, die dazugehörigen Prozesse, also die Toolchains entsprechend zu definieren – ein großes Thema. Auf einer Veranstaltung eines großen OEMs hieß es beispielsweise, dass für die Entwicklung von Level 3-Funktionen für autonomes Fahren 140 verschiedene Tools benötigt wurden. Im nächsten Projekt bei einem anderen Unternehmen kommen dann wieder andere Tools zum Einsatz. Die Komplexität ist immens. Eine einheitliche Toolchain zu entwickeln, ist eines der Ziele von S-Core. Und letztendlich geht es auch darum, als Community zu zeigen, dass man – basierend auf Open Source – einen Software Stack entwickeln kann, mit dem man in Serie gehen kann.

Welchen zeitlichen Rahmen halten Sie hier für realistisch?

2028 bzw. 2030 wurden hier bereits genannt. Wobei 2028 aus meiner Sicht der wichtigere Termin ist, da die Zeit etwas drängt. Bis dahin gilt es, wirklich einen Software Stack basierend auf Open Source zu haben, der dann wiederum als Grundlage für weitere Funktionen im Fahrzeug dienen wird.

Sie haben das Memorandum of Understanding (MoU) angesprochen. Die Unterzeichner arbeiten ohnehin schon in der SDV-Working Group zusammen. Warum brauchte es noch diesen speziellen Schritt?

Es ist ein klares Signal nach außen. Die Unterzeichner zeigen sich damit offen für internationale Kollaboration. Am Tag der Presseveröffentlichung titelten einige Überschriften ‚Player der deutschen Automobilindustrie entwickeln eine Plattform gegen Google und Apple‘, das ist in jeder Dimension falsch. Marcus Bollig (Geschäftsführer des VDA) hat auf einer Veranstaltung gesagt: „Wir sind offen, wir wollen eine globale Plattform schaffen und wir laden jeden ein, dabei mitzumachen“. Ich glaube das ist das Signal, das das MoU sendet: Es ist ernst, es ist kein Spaß, wir übernehmen Verantwortung und lassen uns vielleicht auch ein Stück weit daran messen.

Wie genau hilft das Ihrem Projekt?

Es wird uns ganz massiv helfen, an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, weil man schlichtweg nun sagen kann: „Schaut, wer hier unterschrieben hat!“

Sie beschäftigen sich in der SDV-Working Group mit dem nicht wettbewerbsdifferenzierenden Teil des Software Stacks. Wo hört dieser aus Ihrer Sicht eigentlich auf bzw. wo fängt der Wettbewerb an?

Das ist eine hochgradig spannende Frage, auf die es keine Antwort gibt. Wir haben auf der einen Seite eine nicht wettbewerbsdifferenzierende Software-Plattform und auf der anderen Seite Produkte. Dazwischen gibt es eine Linie, die wir Value Line nennen. Für diese gibt es jedoch keine einheitliche Definition, auf die sich alle Beteiligten einigen könnten. Aber das ist aus meiner Sicht aktuell auch gar nicht notwendig, da wir von unten gegen diese Linie arbeiten. S-Core ist z.B. so weit davon entfernt, dass es darüber keine Diskussion gibt. Weiter oben ist etwa die technische Abwicklung von Kreditkartenzahlungen angesiedelt. Hier würden vermutlich viele sagen, das ist nicht wettbewerbsdifferenzierend. Aus Endkundensicht kann ein Teil dieser Abwicklung aber schon eine Rolle spielen: Läuft diese sprachbasiert ab? Wie muss ich den PIN eingeben? Das ist definitiv wettbewerbsdifferenzierend.

Je näher man dieser Value Line kommt, umso mehr Organisationen wird man finden, die nicht mehr in gemeinsamen Projekten mitarbeiten wollen. Die Communities werden kleiner werden, aber eine scharfe Linie wird es nicht geben.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen in der Entwicklung des Software-defined Vehicle?

Ich glaube, dass die größte Herausforderung die Trennung von Hardware und Software ist. Oft haben wir heute Fahrzeug- bzw. modellspezifische Ansätze: Für das eine Modell gilt die eine Plattform, das nächste Fahrzeug erfordert eine andere Lösung. Am Ende des Tages entsteht eine Variantenvielfalt mit vielen unterschiedlichen Tools, die über lange Zeit gepflegt werden müssen. Es ist also wichtig, diesen Variantenreichtum zu reduzieren. Hier muss man schlichtweg hin zu skalierbaren Plattformen kommen. Das ist genau der Grund, warum es die Open-Source-Community gibt. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, dieses Problem zu lösen.

Wo sehen Sie die nächsten Schritte, für Ihre Arbeit bzw. für die SDV Working Group selbst?

Ich sehe drei wichtige Aktivitäten, die wir verfolgen wollen. Erstens: Das Ökosystem weltweit ausbauen. Wir bemühen uns weltweit um neue Partner und führen derzeit einige sehr interessante Gespräche. Außerdem planen wir beispielsweise SDV-Community-Veranstaltungen in Japan und Korea Anfang Dezember.

Zweitens möchten wir mit Eclipse S-Core schnell vorankommen. Zwar müssen wir ein Gleichgewicht finden zwischen ’schneller vorankommen‘ und ‚weiter kommen‘, doch brauchen wir jetzt einen echten Beweis dafür, dass unser Ansatz der kollaborativen Umsetzung zu Ergebnissen führt, die in realen Produkten genutzt werden können. Gleichzeitig müssen wir immer wieder erklären, dass S-Core nur eines unserer erfolgreichen Projekte ist und denselben Regeln unterliegt wie jedes andere Projekt der Eclipse Foundation. Wir beobachten eine gewisse Verbreitung irreführender Darstellungen wie ‚Bestimmte Akteure kontrollieren S-Core‘ oder die Vorstellung einer ‚Mitgliedschaft in S-Core‘, die im Widerspruch zur Realität stehen. Wenn diese jedoch immer weiter wiederholt werden, neigen die Menschen dazu, diese zu akzeptieren.

Und schließlich koordinieren und integrieren wir weitere Bausteine. Es gibt verschiedene Initiativen, die an der Implementierung von Bausteinen für das SDV arbeiten. Alle diese Bausteine sind für den Aufbau des Ökosystems von Bedeutung. Wir werden uns bemühen, eine Fragmentierung in verschiedene Initiativen mit unterschiedlicher Governance zu vermeiden, da diese die Reibung für die Anwender erhöhen, aber nicht unbedingt einen Mehrwert schaffen. Ein Ökosystem, wie wir es aufbauen wollen, kann nur in großem Maßstab funktionieren. Unser Fokus müssen die Entwickler sein, die sich auf die technischen Herausforderungen konzentrieren, und nicht die Anwälte, die sich mit organisatorischen Herausforderungen befassen.



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