Digitale Zwillinge an der Produktionslinie

508275 1
Bild: ©Itsaree/stock.adobe.com

Bei einem digitalen Zwilling handelt es sich um ein virtuelles Abbild eines physischen Produkts, Systems oder Prozesses, das mit Echtzeitdaten aus Sensorik und vernetzten Geräten (‚IoT‘) gespeist wird. Diese dynamischen Modelle ermöglichen es Unternehmen, verschiedene Szenarien zu simulieren, Optimierungsmöglichkeiten zu testen und Vorhersagen zu generieren – ohne dafür reale Abläufe unterbrechen zu müssen. So wird die physische Welt in einem digitalen Spiegelbild nachvollziehbar und unterstützt datenbasierte Entscheidungen mit hoher Genauigkeit.

Anwendung in der Linie

In alternden Produktionsumgebungen verschleißen Komponenten, was sich negativ auf die Effizienz auswirken kann. Digitale Zwillinge tragen zur Weiterentwicklung von Wartungskonzepten und Prozessoptimierungen innerhalb von Produktionslinien bei, indem sie Betriebsabläufe analysieren, auf Basis umfassender Daten verbessern und in zahlreichen Einsatzbereichen auch Einsparpotenziale erschließen. Die Technologie ermöglicht Echtzeiteinblicke in Produktionsprozesse und unterstützt die Optimierung der sogenannten ‚Operativen OEE‘ (Overall Equipment Effectiveness) durch Gegenüberstellung geplanter und tatsächlich umgesetzter Produktionskennzahlen (‚As-Planned‘ vs. ‚As-Manufactured‘). Solche Einblicke dienen sowohl der Identifikation von Fehlerquellen als auch bei der Ursachenanalyse etwaiger Qualitätsprobleme.

Im Dienst der Sustainability

Darüber hinaus kann der Einsatz digitaler Zwillinge nachhaltigkeitsbezogene Verbesserungen unterstützen. Beispiele hierfür sind die Senkung des Energie- und Wasserverbrauchs oder eine Reduktion von Abfällen. Zugleich kann die Anlagenführung zur erhöhten Betriebssicherheit beitragen – etwa durch Echtzeitüberwachung kritischer Parameter. Durch digital zugängliche Betriebsdaten ist zudem eine nachvollziehbare Dokumentation regulatorischer Anforderungen gegeben, was die Auditierbarkeit unterstützt.

KI und Cloud-Technologie

Digitale Zwillinge erzeugen große Datenmengen, deren Analyse durch den Einsatz künstlicher Intelligenz eine zentrale Rolle für den praktischen Nutzen spielt. Deep Learning-Ansätze ermöglichen es nun, Zusammenhänge aus Zeitreihendaten zu extrahieren und dabei sowohl strukturierte Daten (wie Sensordaten) als auch unstrukturierte Daten (beispielsweise Wartungsprotokolle) einzubeziehen. Auf Geräteeebene kommen sogenannte Knowledge Reasoner zum Einsatz, die Problemfelder identifizieren, während generative KI-Mechanismen der Verbesserung dieser Verfahren dienen. Diese Kombination aus digitalem Zwilling und KI unterstützt sowohl Echtzeitanalysen als auch anspruchsvolle Simulationsprozesse, etwa zur vorausschauenden Prozessoptimierung. Cloud-Plattformen bilden eine Grundlage für diese Funktionsweise, indem sie Speicherkapazitäten und Rechenleistung bereitstellen.

Mehr als nur Geld sparen

Digitale Zwillinge werden nicht nur im Kontext von Effizienzsteigerung oder Kostensenkung betrachtet, sondern finden auch Anwendung in Schulungs- und Sicherheitsfragen. Beispielsweise lassen sich realitätsnahe und risikoarme Lernumgebungen schaffen, in denen Bedienpersonal spezifische Fähigkeiten trainieren kann, ohne dass Produktionsprozesse davon betroffen sind. Gleichzeitig kann durch die fortlaufende Kontrolle technischer Zustände in Echtzeit die Betriebssicherheit erhöht und die Einhaltung regulatorischer Vorgaben unterstützt werden. Auch virtuelle Standortbegehungen und Inspektionsverfahren lassen sich so durchführen – was insbesondere für international tätige Unternehmen mit verteilten Produktionsstandorten eine potenzielle Vereinfachung darstellen kann.

Künftige Entwicklungen

051122 AM 390
Raghavendra K.A, Global Head of Engineering, IOT and Blockchain practice, Infosys Bild: Infosys Ltd.

Zunehmend rücken digitale Zwillinge und KI-getriebene Verfahren in das Zentrum industrieller Weiterentwicklungen. Zu den derzeit diskutierten Entwicklungen zählen vorausschauende Wartungskonzepte, adaptive Prozesssteuerung und die Nutzung hochauflösender Simulationen zur Verbesserung technischer Planung und Umsetzung. Beispielsweise lassen sich durch verbesserte Diagnoseverfahren und selbstregulierende technische Systeme Ausfallzeiten weiter verringern. In der Echtzeit-Optimierung kann KI dazu beitragen, Betriebsabläufe flexibel auf veränderte Produktionsbedingungen hin anzupassen. Gleichzeitig wird auf der Simulationsseite der Einsatz sogenannter High-Fidelity-Modelle beobachtet, die eine höhere Genauigkeit und bessere Prognosefähigkeit bieten. Auch Ansätze zur durchgängigen Steuerung von Lieferketten auf digitaler Basis finden vermehrt Anwendung, da sie Transparenz und Ausfallsicherheit in komplexen Versorgungsnetzen erhöhen können. Weitere Innovationslinien betreffen die automatisierte Qualitätskontrolle, bei der Inspektionen und Qualitätssicherung auf Basis prädiktiver Modelle durchgeführt werden, sowie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine – etwa mithilfe von Schulungstechnologien wie Augmented oder Virtual Reality sowie sogenannter kollaborativer Robotik.

Hebel für Mass Customization

Im Kontext nachhaltiger Produktion werden digitale Zwillinge und KI vermehrt eingesetzt, um energetische Verbräuche zu optimieren und kreislaufwirtschaftliche Prinzipien in der Praxis umsetzbar zu machen. Die Möglichkeit, auf spezifische Kundenbedürfnisse mit individualisierten Systemen zu reagieren, wird unter dem Schlagwort Massenanpassung (Mass Customization) diskutiert – unterstützt durch flexible Fertigungsstrukturen. Zunehmend spielen datenbasierte Entscheidungsprozesse eine Rolle, bei denen Automatisierungssysteme zur Beschleunigung von Planungs- oder Steuerungsvorgängen beitragen. Dies erfordert mitunter tiefgreifende Integrationen in bestehende IT- und Sicherheitsarchitekturen – vor allem im Hinblick auf Cybersicherheit, die im digitalen Kontext der Produktion eine zentrale Schutzfunktion einnimmt. Für die Industrie 4.0 wird anhand des Reifegradmodells ein vierstufiger Entwicklungsverlauf skizziert: Sichtbarkeit, Transparenz, Vorhersagbarkeit und Implementierung. KI gilt als technologische Grundlage insbesondere für die letzten drei Entwicklungsstufen. Verfahren wie Knowledge Engineering, Machine Learning oder Deep Learning unterstützen digitale Zwillinge dabei, historische Daten zu nutzen und deren Modelle weiter zu präzisieren. Generative KI (GenAI) spielt dabei eine zunehmende Rolle: Sie kombiniert strukturierte und unstrukturierte Informationen – etwa Sensordaten – und soll dazu beitragen, kontextbasierte Analysen zu verbessern und benutzerfreundlichere Schnittstellen zu gestalten. Der Trend zur Verarbeitung solcher Anwendungen direkt am Endgerät (GenAI on Edge) gewinnt an Dynamik. Gleichwohl bedarf es weiterer Fortschritte bei Rechen- und Speicherressourcen, um diese Verfahren wirtschaftlich in breiten Anwendungskontexten umsetzbar zu machen. Das Zusammenspiel aus digitalen Modellen und intelligenten Technologien markiert eine relevante Entwicklungsperspektive für die Industrieproduktion der kommenden Jahre.



  • LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

    LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

    Das Bundeskabinett hat im März den Entwurf für das neue Lieferkettengesetz beschlossen. Wird das Gesetz in dieser Form erlassen, so werden in deutschen Unternehmen einige Änderungen erforderlich. Der Softwareanbieter Comarch…

    mehr lesen: LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

  • Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

    Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

    Siemens beendet das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres mit positiven Neuigkeiten. Umsatzerlöse und Gewinn legen kräftig zu.

    mehr lesen: Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

  • Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

    Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

    Insgesamt 8,2Mrd.€ hat der Maschinen- und Anlagenbau im Jahr 2019 für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Auch in der Pandemie behalten F&E-Ausgaben einen hohen Stellenwert.

    mehr lesen: Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

    Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

    IT-Sicherheit ist ein wichtiges Thema für jedes Unternehmen. Denn kommt es zu einem erfolgreichen Angriff kann dies teuer werden. Durch die Nutzung sogenannter Bug-Bounty-Plattformen können Unternehmen kriminellen Hackern vorgreifen.

    mehr lesen: Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

  • Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

    Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

    Corona stellt Unternehmen und deren Mitarbeiter nach wie vor auf eine harte Probe. Laut der Studie ‚Kollaboration – Erfolgsfaktor Zusammenarbeit‘ schaffen es aktuell nur 22 Prozent der Unternehmen, eine Zusammenarbeit…

    mehr lesen: Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

  • Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

    Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

    Im März haben die Bestellungen im Maschinen- und Anlagenbau im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugelegt. Dabei kamen sowohl aus dem Aus- als auch aus dem Inland positive Signale.

    mehr lesen: Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

  • Der Weg zur effizienten Datenstrategie

    Der Weg zur effizienten Datenstrategie

    Viele deutsche Mittelständler bieten innovative Produkte an, tun sich aber oft schwer, operative Prozesse mithilfe von Daten tatsächlich zu verbessern und wichtige Entscheidungen auf Basis ihrer Daten zu fällen. Der…

    mehr lesen: Der Weg zur effizienten Datenstrategie

  • Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

    Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

    HMS hat die neue Fernwartungs-Router-Generation Ewon Cosy+ auf erhöhte Sicherheit ausgelegt. Die Geräte bieten nicht nur moderne hardware-implementierte Sicherheitsmechanismen, sondern auch automatische Updates signierter Firmware über die firmeneigene Plattform Talk2M.

    mehr lesen: Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

  • Catherine Kniker wird CSO bei PTC

    Catherine Kniker wird CSO bei PTC

    Mit dem Wechsel von Kathleen Mitford zu Microsoft wird Catherine Kniker zur EVP (Executive Vice Presdient) und Chief Stategy Officer bei PTC ernannt.

    mehr lesen: Catherine Kniker wird CSO bei PTC

  • Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

    Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

    Gemeinsam mit CEO Peter Sorowka leitet Carsten Stiller seit 1. April das Softwareunternehmen Cybus. Er verantwortet die Bereiche Marketing und Vertrieb.

    mehr lesen: Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

  • Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries

    Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries

    Siemens Digital Industries bekommt einen neuen CTO. Dirk Didascalou soll zum 1. September neuer Technikchef werden.

    mehr lesen: Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries