Wer hat im Werk das letzte Wort?

Die Aufgabe moderner KI-Governance besteht darin, eine gemeinsame Steuerungslogik für eine Produktionswelt zu schaffen, in der Software, Daten und physische Prozesse immer stärker miteinander verschmelzen.
Die Aufgabe moderner KI-Governance besteht darin, eine gemeinsame Steuerungslogik für eine Produktionswelt zu schaffen, in der Software, Daten und physische Prozesse immer stärker miteinander verschmelzen.Bild: ©Gorodenkoff/shutterstock.com

Solange KI lediglich Berichte zusammenfasst oder Informationen bereitstellt, sind Fehler meist korrigierbar. Anders sieht es aus, wenn ein Agent Produktionsaufträge priorisiert, Lagerbestände disponiert, Maschinenparameter verändert oder künftig sogar direkt mit Robotik und Automatisierungssystemen interagiert. Dann beeinflusst KI reale Prozesse, Anlagen und Menschen. Die eigentliche Herausforderung besteht dabei nicht darin, einzelne KI-Anwendungen zu kontrollieren. Künftig wird es vielmehr darum gehen, hunderte oder sogar tausende KI-gestützte Assistenten, Agenten und Automatisierungen kontrolliert in eine bestehende Produktionslandschaft einzubetten.

Gleichzeitig verändert sich das Risikoprofil. Eine falsche Entscheidung bei der Maschinensteuerung kann unmittelbare Auswirkungen auf die Qualität, Anlagenverfügbarkeit oder Sicherheit haben. In hochautomatisierten Produktionsumgebungen entstehen dadurch völlig neue Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle.

Ein Frage des Risikos

Das Thema Governance sollten Unternehmen entlang der Frage ausrichten, welchen Einfluss ein KI-System auf die Produktion ausübt und welche Risiken damit verbunden sind. Denn nicht jede KI-Anwendung erfordert dieselben Kontrollmechanismen. Am unteren Ende der Kritikalität stehen Systeme, die lediglich Informationen bereitstellen oder Vorschläge unterbreiten. Ein Beispiel dafür ist die automatisierte Erstellung von Schichtübergaben: Die KI sammelt Meldungen, Störungen und relevante Ereignisse und bereitet diese für die nächste Schicht auf. Die Entscheidung verbleibt vollständig beim Menschen. Eine Stufe höher befinden sich Anwendungen, die operative Prozesse unterstützen. Dazu gehören etwa Systeme zur Fertigungsplanung, die Produktionsaufträge priorisieren oder optimale Reihenfolgen für die Bearbeitung berechnen. Auch hier erfolgt die finale Freigabe weiterhin durch einen Mitarbeitenden. Kritischer wird es, wenn die KI Einfluss auf Materialflüsse, Lagerhaltung oder Werkslogistik nimmt. Zwar entstehen fehlerhafte Entscheidungen zunächst außerhalb der eigentlichen Produktion, ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch zeitverzögert in Form von Materialengpässen oder Produktionsunterbrechungen. Die höchste Risikoklasse umfasst schließlich Anwendungen, die direkt in Produktionsprozesse eingreifen oder sicherheitsrelevante Entscheidungen treffen. Dazu zählen beispielsweise die autonome Anpassung von Maschinenparametern, Eingriffe in laufende Fertigungsprozesse oder Anwendungen im Umfeld von Robotik und industrieller Automatisierung. Jede Fehlentscheidung kann sich hier direkt auf den Fertigungsprozess auswirken , die von Qualitätseinbußen über Anlagenstillstände bis hin zu Sicherheitsrisiken reichen. Gerade wenn Menschen und Maschinen in derselben Umgebung arbeiten, dürfen autonome Entscheidungen niemals unkontrolliert erfolgen.

Drei Gateways helfen bei der Freigabe

Um diese unterschiedlichen Risikostufen beherrschbar zu machen, ist ein Ansatz sinnvoll, der auf drei aufeinander aufbauenden Gateways basiert. Im Governance-Kontext bezeichnet ein Gateway einen zentralen Kontrollpunkt, eine Schnittstelle oder ein Zugangsportal, das den Daten- oder Informationsfluss zwischen verschiedenen Systemen, Organisationen oder Netzwerken steuert und überwacht. Es fungiert als Regulierungsinstanz, um Sicherheits-, Compliance- und Zugriffsrichtlinien durchzusetzen.

Die erste Ebene betrifft die Plattform selbst. Läuft die Anwendung auf einer freigegebenen Infrastruktur? Ist das zugrunde liegende Modell bereits in die bestehende IT-Landschaft integriert? Existieren definierte Sicherheits- und Betriebsprozesse? Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, sollte eine weitere Bewertung erfolgen. Die zweite Ebene betrachtet die Daten. Handelt es sich um öffentlich verfügbare Informationen, interne Unternehmensdaten oder sogar um sensible Kunden- und Personendaten? Mit zunehmender Kritikalität steigen auch die Anforderungen an Datenschutz, Zugriffsrechte und Nachvollziehbarkeit. Erst auf der dritten Ebene wird der eigentliche Use Case bewertet. Welche Entscheidungen trifft die Anwendung? Welche Auswirkungen können daraus entstehen? Erfolgt die finale Freigabe durch einen Menschen oder arbeitet das System weitgehend autonom? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen aus Governance-Sicht den Umgang mit der KI.

Flaschenhals vermeiden

Mit der Verbreitung von Low-Code-Plattformen und agentenbasierten KI-Systemen ergibt sich jedoch eine neue Herausforderung. Immer häufiger entwickeln Fachbereiche eigene Automatisierungstools, ohne dass klassische IT-Projekte dahinterstehen. Gerade in der Produktion verfügen Mitarbeitende oft über ein tiefes Verständnis ihrer Prozesse und erkennen Optimierungspotenziale schneller als zentrale Entwicklungsteams. Eine Governance, die für jeden Anwendungsfall lange Freigabeprozesse erfordert, würde diesem Vorteil entgegenwirken. Hier kommt das Konzept eines zentralen ‚AI Control Towers‘, also einer ‚Kommandozentrale‘, für den gesamten Lebenszyklus der KI ins Spiel.

Ein solcher Ansatz unterstützt Transparenz über vorhandene Anwendungen, Datenquellen und Risiken. Gleichzeitig ermöglicht er eine differenzierte Steuerung. Unkritische Anwendungen können automatisiert freigegeben werden, während risikoreiche Use Cases zusätzliche Prüfungen oder menschliche Entscheidungen erfordern. Unternehmen erhalten darüber hinaus einen strukturierten Überblick über ihre KI-Landschaft. Oft genutzte Anwendungen lassen sich leichter identifizieren, dokumentieren und auf andere Werke übertragen. Anstatt identische Tools mehrfach zu entwickeln, entstehen wiederverwendbare Best Practices, die den unternehmensweiten Rollout beschleunigen.

Oliver Ko%E2%95%A0eth NTT DATA DACH
Bild: NTT Data Deutschland AG

Risiken im Blick haben

In der Fertigungsindustrie vernetzt KI zunehmend klassische IT-Systeme wie ERP-, Planungs- und Analysesysteme mit der Operational Technology (OT), also mit Maschinen, Steuerungen und Fertigungsanlagen. Mit Agentic AI und Physical AI verschwimmen diese Grenzen weiter. Damit steigt auch der Bedarf an einer Governance, die beide Welten gleichermaßen berücksichtigt. Es gilt zudem, Governance nicht als regulatorische Pflichtübung zu betrachten, sondern als Voraussetzung für Innovationen.



  • Statamath wird Tochter von IFM Solutions

    Statamath wird Tochter von IFM Solutions

    IFM Solutions hat den Big-Data-Spezialisten Statamath übernommen. Alexander Hoffmann und Christian Friedrich sollen das Unternehmen weiterhin führen.

    mehr lesen: Statamath wird Tochter von IFM Solutions

  • Kooperation zwischen AIF und IDTA

    Kooperation zwischen AIF und IDTA

    Die Industrial Digital Twin Association und Alliance Industrie du Futur haben ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Beide wollen sich u.a. auf Digital Twin-Projekte fokussieren, die der Industrie zu mehr Nachhaltigkeit…

    mehr lesen: Kooperation zwischen AIF und IDTA

  • Smart Systems Hub erweitert IoT-Labor

    Smart Systems Hub erweitert IoT-Labor

    Rund 500.000€ investiert der Smart Systems Hub in den Ausbau seines ‚IoT-Labs‘. Unternehmen und Institute können dort beispielsweise Roboter per über die Cloud mithilfe von 5G fernsteuern.

    mehr lesen: Smart Systems Hub erweitert IoT-Labor

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • World of Quantum geht in München an den Start

    World of Quantum geht in München an den Start

    Eine Plattform für die Quantentechnologie will die Messe München mit der World of Quantum bieten, die erstmals im Rahmen der Laser World of Photonics stattfinden soll.

    mehr lesen: World of Quantum geht in München an den Start

  • Pandemie hemmt Innovationen und ist zugleich Impulsgeber

    Pandemie hemmt Innovationen und ist zugleich Impulsgeber

    Im Jahr 2020 haben deutsche Unternehmen ihre innovationsausgaben reduziert. Wie aus Erhebungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung hervorgeht, sind die Innovationstätigkeiten dabei vor allem bei Großunternehmen zurück gegangen.

    mehr lesen: Pandemie hemmt Innovationen und ist zugleich Impulsgeber

  • FMB 2022 findet früher statt

    FMB 2022 findet früher statt

    Die Vorverlegung der SPS führt dazu, dass die FMB – Zuliefermesse Maschinenbau nun ebenfalls früher stattfindet. Statt wie ursprünglich geplant Mitte November, sind die Veranstalter auf einen Termin Mitte Oktober…

    mehr lesen: FMB 2022 findet früher statt

  • iGrafx übernimmt Logpickr

    iGrafx übernimmt Logpickr

    Mit der Übernahme von Logpickr hat sich der Prozessdatenmanagement-Spezialist iGrafx Knowhow in Sachen Process Mining gesichert.

    mehr lesen: iGrafx übernimmt Logpickr

  • Machine Learning für die hochautomatisierte Fertigung

    Machine Learning für die hochautomatisierte Fertigung

    Der Automobilzulieferer Valeo hat mit dem Fraunhofer KI-Spin-off Plus10 und der Technischen Hochschule Ingolstadt ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt gestartet. Ziel des Projekts Palim (Performance-Accelerated Learning for Intelligent Manufacturing) ist es,…

    mehr lesen: Machine Learning für die hochautomatisierte Fertigung

  • Ifo Geschäftsklima legt im Januar zu

    Ifo Geschäftsklima legt im Januar zu

    0,9 Punkte mehr als noch im Dezember: Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Januar gestiegen. Aus der Industrie kommen dabei positive Signale.

    mehr lesen: Ifo Geschäftsklima legt im Januar zu

  • Neuer Vorsitzender der VDI/VDE-GMA

    Neuer Vorsitzender der VDI/VDE-GMA

    Nach Atilla Bilgic übernimmt Michael Weyrich den Vorsitz der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA).

    mehr lesen: Neuer Vorsitzender der VDI/VDE-GMA

  • Wie sich Omicron auf die Lieferketten auswirkt

    Wie sich Omicron auf die Lieferketten auswirkt

    Nach Analysen des B2B-Netzwerks Tradeshift hat sich das Auftreten der Omicron-Variante im vierten Quartal negativ auf die globalen Lieferketten ausgewirkt, jedoch nicht so stark wie vorherige Infektions-Wellen.

    mehr lesen: Wie sich Omicron auf die Lieferketten auswirkt