KI unter menschlicher Kontrolle und Aufsicht

Abbildung 1
Abbildung 1Bild: Gramelt, Höfer und Schmid (2024)

Methoden der Erklärbaren KI (XAI) ermöglichen es, nachvollziehbar zu machen, auf welcher Informationsgrundlage ein KI-System zu einer bestimmten Ausgabe gekommen ist. Dadurch kann Vertrauen sinnvoll kalibriert werden. In Kombination mit Methoden des interaktiven maschinellen Lernens können Erklärungen dabei unterstützen, KI-Systeme durch gezielte Rückmeldungen zu verbessern. Interaktive XAI-Systeme liefern damit eine technologische Grundlage für menschliche Kontrolle und Aufsicht von KI-Systemen.

Domänenfachleute und Endnutzende sind Teil des maschinellen Lernprozess. Ihnen werden die Modellvorhersagen und Klassifikationen nachvollziehbar erklärt und sie haben ihrerseits die Möglichkeit, korrigierend in den Lernprozess einzugreifen, etwa auf Modell- oder auf Datensatzebene (Schmid 2024). Auf diese Weise können durch die XAI-Komponente eines KI-Systems fehlerhafte Systemausgaben und Biases aufgedeckt werden. Durch die interaktive Komponente kann das Modell eines KI-Systems oder auch ein nachvollziehbares, regelbasiertes Ersatzmodell (sogenannt Surrogat-Modell), das ein ursprüngliches Black-Box-Modell approximiert, korrigiert und verbessert werden – beispielsweise indem ein Trainingsdatensatz, eine Verlustkurve oder Regelsätze angepasst werden (engl. explain to revise).

Die Potenziale von XAI

Anwendungsnahe Studien zeigen, dass beispielsweise Modelle zur Krebserkennung oder zur Anomalieerkennung in der industriellen Qualitätskontrolle mit interaktiver XAI verbessert werden können (Plattform Lernende System 2023, Gramelt, Höfer & Schmid 2024). Es konnte zudem demonstriert werden, dass durch interaktive XAI die Vorhersage- und Erklärungskraft von KI-Modellen erhöht und damit mehr Vertrauen bzw. begründetes Misstrauen in KI-Systeme aufgebaut werden kann (Teso und Kersting 2019, Gramelt, Höfer & Schmid 2024). Darüber hinaus spielt interaktive XAI unter anderem bei der Kontrolle von Systemen mit höheren Autonomiegraden und bei der Anpassung von KI-Systemen an Domänen und Individuen eine wichtige Rolle.

Nutzende wie Domänenexpertinnen und -experten werden das Verhalten des Modells mit ihrer Intuition oder ihrem Erfahrungswissen abgleichen, sodass Diskrepanzen zwischen dem KI-Modell und den Domänenspezifika erkannt und reduziert werden können (vgl. Bhatt et al. 2020, S.650). Interaktive XAI-Methoden können hier unterstützen, indem sie beispielsweise Domänenexpertinnen und -experten den Abgleich mit dem Erfahrungswissen durch eine Erklärung erleichtern und diese so wiederum präziseres Feedback für die Anpassung des KI-Systems geben können. Ein geeignetes User-Experience-Design kann Nutzende unterstützen, wenn durch Interaktivität im Dialog mit dem KI-System verschiedene Ebenen und Formen der Erläuterung abgerufen werden können (Finzel et al. 2021).

Wo die Herausforderungen liegen

In der praktischen Umsetzung und Anwendung von interaktiver XAI zeigen sich jedoch verschiedene Herausforderungen, die Potenziale für weitere Forschung und Entwicklung liefern. Eine Meta-Studie zeigt etwa, dass aktuell Mensch-KI-Teams in den meisten Fällen eine schlechtere Performanz liefern, als das beste KI-Modell oder der beste Mensch alleine (Vaccaro, Almaatouq, & Malon, 2024). Gründe dafür liegen zum Teil an unzureichender Passung zwischen menschlicher und maschineller Informationsverarbeitung:

  • Eine zielgerichtete Interaktion mit KI-Systemen basiert darauf, dass Menschen verstehen können, warum das System zu einer bestimmten Ausgabe kommt. Die Kommunikation zwischen Menschen findet meist auf der Basis von abstrakten, aber aussagekräftigen Konzepten statt. Wie KI-Systeme dazu befähigt werden können, auf Basis von Konzepten zu kommunizieren, ist Gegenstand der Forschung zu konzept-basierter XAI (Finzel et al., 2025).
  • Wenn Nutzende in der Interaktion korrigierende oder annotierende Informationen an das KI-System weitergeben, kann dies ‚Rauschen‘ durch ungenaues Feedback oder Flüchtigkeitsfehler in den Lernprozess einführen und zu erhöhtem Aufwand und Kosten auf Seiten der Nutzenden führen.
  • Menschliche Urteile sind teilweise durch subjektive Biases gefärbt. Gerade in Grenzbereichen, etwa ob ein Werkstück Ausschuss ist oder nicht, können verschiedene Personen zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Entsprechend kann interaktives Feedback Inkonsistenzen bei der Modellanpassung erzeugen.
  • Erklärungen sollen prinzipiell eine Grundlage für Vertrauen von Nutzenden in KI-Systeme schaffen. Allerdings können Erklärungen, selbst wenn sie fehlerhaft sind, zu unberechtigtem Übervertrauen oder umgekehrt, wenn sie nicht verständlich sind, zu unberechtigtem Misstrauen gegenüber dem System führen (Schmid, 2024).
Abbildung 2
Abbildung 2Bild: Acatech – Dt. Akademie der Technikwissenschaften

Auch bezüglich der XAI-Methodik bestehen aktuell noch offene Fragen. So kann die mangelnde Modelltreue einer Erklärung zu einem Problem in der Interaktion werden – etwa wenn die Erklärung den Nutzenden ungenaue oder falsche Information darüber gibt, welche Information aus einer Eingabe (z.B. einem Bild) ein gelerntes Modell vor allem genutzt hat, um zu seiner Ausgabe zu kommen und dieser ein entsprechendes Feedback an das System gibt. Und während es für die Evaluation von Methoden des maschinellen Lernens standardisierte Metriken und Benchmarks gibt, gibt es aktuell noch keine bewährte Methodik zur Evaluierung von erklärbarer interaktiver XAI.

Ein typischer Anwendungsfall

Ein typischer Anwendungsfall für die Erkennung von Anomalien in der Industrie ist die Qualitätssicherung in der Produktionslinie – im Beispiel geht es um die industrieller Scheiben. Um den Prozess der Erkennung von Defekten zu beschleunigen, ist es hilfreich, Endnutzenden eine Begründung für die Klassifizierungsentscheidung zu geben. Dies kann im Falle von Bildern durch die Hervorhebung der für die Anomalieerkennung verantwortlichen Pixel geschehen (siehe Abbildung 2).

Wie der Ablauf von interaktiver XAI im Sinne von ‚explain to revise‘ aussehen könnte, zeigt sich ebenfalls anhand dieses Beispiels. Zunächst wird nach Abschluss des KI-Trainings das gelernte Klassifizierungsmodell auf neuen Daten eingesetzt. Nutzenden werden Bilder mit hoher Unsicherheit über eine Schnittstelle angezeigt, inklusive der vorhergesagten Klasse (z.B. Defekt/Nicht-Defekt) und einer Erklärung der Vorhersage (Abbildung 2 a und b). Nutzende können dann die Vorhersage und die Erklärung bewerten. Dies ist wichtig, da es hier zu einer richtigen Klassifizierung aus falschen Gründen kommen kann. Dies ist in Abbildung 2 der Fall und gibt Hinweise für mögliche Korrekturen.

Nachdem die Nutzenden die Erklärung und die Vorhersage überprüft und gegebenenfalls korrigiert haben, werden auf Basis der Korrekturen neue Trainingsdaten erzeugt (Abbildung 2 c und b). Danach werden die Bilder mit den Korrekturen dem Trainingsdatensatz hinzugefügt. Unter Verwendung des erweiterten Trainingsdatensatzes kann das Modell neu trainiert oder angepasst werden, und seine Leistung verbessern. Diese Schleife wird so lange wiederholt, bis eine bestimmte Leistung des KI-Systems erreicht wurde. Alternativ zu Erklärungen über Hervorhebungen im Bild können diese in Form von Beispielen gegeben werden, die der aktuellen Eingabe ähnlich sind und die vom Modell zur gleichen (near hit) oder einer anderen (near miss) Klasse zugeordnet werden. Solche beispielbasierten Erklärungen sind hilfreich, um die Entscheidungsgrenzen des gelernten Modells besser nachzuvollziehen (siehe Abbildung 1).

KI unter Aufsicht

AG1 UteSchmid copyright J Schabel 6
Bild: Acatech – Dt. Akademie der Technikwissenschaften

In Zukunft werden Mensch und KI verstärkt zusammenarbeiten. Menschliche Kontrolle und Aufsicht werden damit weiterhin an Bedeutung gewinnen und eine zentrale Anforderung an vertrauenswürdige KI-Systeme darstellen. KI-Systeme, die Prozesse im Sinne eines ‚explain to revise‘ ermöglichen und dabei KI-Modelle inkrementell verbessern, sind ein möglicher Lösungsansatz für diese Anforderung. Künftig werden aber auch neue, interaktive Ansätze zur Mensch-KI-Kommunikation nötig sein, für die neue Formen der bidirektionalen Erklärbarkeit erforscht werden müssen.



  • LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

    LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

    Das Bundeskabinett hat im März den Entwurf für das neue Lieferkettengesetz beschlossen. Wird das Gesetz in dieser Form erlassen, so werden in deutschen Unternehmen einige Änderungen erforderlich. Der Softwareanbieter Comarch…

    mehr lesen: LiefKettG nimmt Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt in den Fokus

  • Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

    Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

    Siemens beendet das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres mit positiven Neuigkeiten. Umsatzerlöse und Gewinn legen kräftig zu.

    mehr lesen: Siemens mit deutlicher Gewinnsteigerung im 2. Quartal

  • Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

    Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

    Insgesamt 8,2Mrd.€ hat der Maschinen- und Anlagenbau im Jahr 2019 für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Auch in der Pandemie behalten F&E-Ausgaben einen hohen Stellenwert.

    mehr lesen: Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

    Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

    IT-Sicherheit ist ein wichtiges Thema für jedes Unternehmen. Denn kommt es zu einem erfolgreichen Angriff kann dies teuer werden. Durch die Nutzung sogenannter Bug-Bounty-Plattformen können Unternehmen kriminellen Hackern vorgreifen.

    mehr lesen: Sicherheitsrisiko neu definieren – Hacker engagieren

  • Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

    Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

    Corona stellt Unternehmen und deren Mitarbeiter nach wie vor auf eine harte Probe. Laut der Studie ‚Kollaboration – Erfolgsfaktor Zusammenarbeit‘ schaffen es aktuell nur 22 Prozent der Unternehmen, eine Zusammenarbeit…

    mehr lesen: Zusammenarbeit funktioniert nur in jedem fünften Unternehmen

  • Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

    Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

    Im März haben die Bestellungen im Maschinen- und Anlagenbau im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugelegt. Dabei kamen sowohl aus dem Aus- als auch aus dem Inland positive Signale.

    mehr lesen: Bestellungen im März und im 1. Quartal steigen

  • Der Weg zur effizienten Datenstrategie

    Der Weg zur effizienten Datenstrategie

    Viele deutsche Mittelständler bieten innovative Produkte an, tun sich aber oft schwer, operative Prozesse mithilfe von Daten tatsächlich zu verbessern und wichtige Entscheidungen auf Basis ihrer Daten zu fällen. Der…

    mehr lesen: Der Weg zur effizienten Datenstrategie

  • Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

    Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

    HMS hat die neue Fernwartungs-Router-Generation Ewon Cosy+ auf erhöhte Sicherheit ausgelegt. Die Geräte bieten nicht nur moderne hardware-implementierte Sicherheitsmechanismen, sondern auch automatische Updates signierter Firmware über die firmeneigene Plattform Talk2M.

    mehr lesen: Mehr Cybersicherheit für Fernwartungs-Router

  • Catherine Kniker wird CSO bei PTC

    Catherine Kniker wird CSO bei PTC

    Mit dem Wechsel von Kathleen Mitford zu Microsoft wird Catherine Kniker zur EVP (Executive Vice Presdient) und Chief Stategy Officer bei PTC ernannt.

    mehr lesen: Catherine Kniker wird CSO bei PTC

  • Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

    Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

    Gemeinsam mit CEO Peter Sorowka leitet Carsten Stiller seit 1. April das Softwareunternehmen Cybus. Er verantwortet die Bereiche Marketing und Vertrieb.

    mehr lesen: Carsten Stiller wird Geschäftsführer bei Cybus

  • Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries

    Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries

    Siemens Digital Industries bekommt einen neuen CTO. Dirk Didascalou soll zum 1. September neuer Technikchef werden.

    mehr lesen: Dirk Didascalou wird CTO bei Siemens Digital Industries