
Spätestens seit die transatlantischen Beziehungen zunehmend durch Verunsicherung getrübt sind, gewinnt die Debatte um die digitale Souveränität hierzulande an Dynamik. Viele Unternehmen überlegen, wie sie technologisch unabhängiger von großen US-Anbietern werden können. Dabei wäre es ein Trugschluss, Souveränität mit Autarkie gleichzusetzen. Vielmehr geht es darum, selbstbestimmt zu entscheiden und zu handeln. Abschottung ist in einer globalisierten, vernetzten digitalen Welt weder umsetzbar noch erstrebenswert. Gefragt sind stattdessen belastbare, verlässliche Beziehungen mit Partnern, die unsere Werte teilen und Souveränität unterstützen. Doch wo finden sie verlässliche Technologiepartner, die Datenschutz, Compliance und Unabhängigkeit gleichermaßen sicherstellen? Bisher fokussiert sich die Suche meist auf europäische Anbieter. Eine oft noch übersehene Ergänzung sind Technologieanbieter aus Japan – einem politisch stabilen, demokratischen Land, das mit der EU in enger strategischer Partnerschaft verbunden ist. Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt: Japan ist die Technologie-Nation, der deutsche Unternehmen abgesehen von den anderen EU-Mitgliedsstaaten am meisten vertrauen. Auf Rang drei im Ranking landete Großbritannien, allerdings mit einem deutlichen Abstand von 13 Prozentpunkten.
Japan ist enger Wertepartner
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die beiden Länder 1951 ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf und vertieften sie. Seither haben sich sowohl Deutschland als auch Japan zu führenden Industrienationen entwickelt, die die gemeinsamen Grundwerte Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit teilen. Japan ist nicht nur Mitglied der G7, sondern wird von der deutschen Bundesregierung auch ausdrücklich als enger Wertepartner bezeichnet, neben Australien, Neuseeland und Südkorea. So heißt es im aktuellen Koalitionsvertrag: „Unsere umfassenden strategischen Partnerschaften mit diesen […] Ländern werden wir vertiefen.“ Im Gegensatz zu den USA, die teils auf Protektionismus setzen und Zölle als politisches Druckmittel nutzen, vertritt Japan eine offene Handelspolitik. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit der EU werden durch ein Freihandelsabkommen gestärkt, das 2019 in Kraft getreten ist. Heute zählt Japan zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands in Asien. Auch der VDMA sieht angesichts wachsender globaler Handelskonflikte gerade im Anlagen- und Maschinenbau große Chancen für eine engere Kooperation zur gemeinsamen Bewältigung aktueller Herausforderungen.

Datenschutz vergleichbar mit der EU
Ein für deutsche Unternehmen wichtiger Aspekt in der digitalen Zusammenarbeit ist die Einhaltung der DSGVO. Bei japanischen Anbietern ist dies sichergestellt, denn die EU-Kommission hat 2019 in einem Angemessenheitsbeschluss offiziell anerkannt, dass Japan ein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau unterhält. Das japanische Datenschutzgesetz APPI (Act on the Protection of Personal Information) ist bereits seit 2003 in Kraft und ähnelt in vielen Punkten der DSGVO. Aufgrund des Angemessenheitsbeschlusses können deutsche Unternehmen personenbezogene Daten ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen nach Japan übermitteln. Im Juli 2024 verabschiedeten die EU und Japan zudem ein Abkommen über den grenzüberschreitenden Datenverkehr, das die digitale Zusammenarbeit weiter erleichtert, indem es mögliche territoriale Speicher- und Verwaltungsanforderungen aufhebt. Im Gegensatz zu den USA gibt es in Japan keinen dem US Cloud Act ähnlichen Rechtsrahmen, der den Datenschutz durch extraterritoriale Zugriffe aushebeln könnte. SAP-Verantwortliche wissen, dass sie handeln müssen – aber nicht, wie sie fundiert entscheiden. ‣ weiterlesen
SAP-Transformation mit Augenmaß: Sicherheit für die richtige Entscheidung
Zusammen Sicherheitspolitik und Cybersicherheit angehen
Auch in der Sicherheitspolitik und Cybersicherheit sind Deutschland und Japan enge Verbündete. 2021 schlossen die beiden Länder ein Geheimschutzabkommen, das es Behörden und Unternehmen erlaubt, vertrauliche Informationen grenzüberschreitend auszutauschen. Dies ermöglicht z.B. eine vertiefte Zusammenarbeit in der Wehrtechnik oder Terrorismusbekämpfung. Nach einer Regierungskonsultation im Jahr 2023 äußerten sich beide Länder besorgt über die zunehmende Cyberkriminalität und bekannten sich in einer gemeinsamen Erklärung dazu, ihre Zusammenarbeit in der Cybersicherheit auszubauen und jährliche deutsch-japanische Cyberkonsultationen abzuhalten. Auch auf EU-Ebene gibt es einen Cyber-Dialog mit Japan, der im Januar 2026 bereits zum siebten Mal stattfand. Beide Partner tauschten sich bei dem Treffen über jüngste politische und regulatorische Entwicklungen in der Cybersicherheit aus, u.a. in Bereichen wie aufkommenden und kritischen Technologien, der Resilienz kritischer Infrastrukturen, der Meldung von Vorfällen, dem Cyber-Krisenmanagement und der Cyberverteidigung. Auch in internationalen Gremien wie ISO, IEC und ITU arbeiten beide Seiten gemeinsam an sicheren Standards für globale Lieferketten und Technologien.
Cybersicherheit als Grundlage für digitale Souveränität
Im Hinblick auf die digitale Souveränität spielt Cybersicherheit eine wesentliche Rolle, da nur sichere Technologien und Infrastrukturen wirklich selbstbestimmtes Handeln ermöglichen. Viele japanische Unternehmen verfolgen eine ‚Security & Compliance by Design‘-Philosophie, die auf Transparenz, hohe Qualitätsstandards und auditierbare Prozesse setzt. Insbesondere für kritische Sektoren und regulierte Branchen sind dies wichtige Kriterien. So hat das japanische National Center of Incident Readiness and Strategy for Cybersecurity (NISC) – häufig als National Cybersecurity Office (NCO) bezeichnet – eine Secure-by-Design-Leitlinie mitunterzeichnet, die erstmals 2023 von der amerikanischen Cybersecurity-Behörde CISA gemeinsam mit 17 internationalen Partnern veröffentlicht wurde, darunter auch das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Diese Empfehlung fordert Softwarehersteller dazu auf, Produkte so zu designen und zu entwickeln, dass sie von vornherein sicher konzipiert sind.
Eine belastbare Grundlage für langfristige Kooperationen
Digitale Souveränität wächst durch eine Verbesserung der Cybersicherheit und eine bewusste Diversifizierung technologischer Partnerschaften. Neben europäischen Anbietern kann Japan für viele Unternehmen eine strategisch sinnvolle Ergänzung darstellen: Politische Stabilität, ein mit der EU vergleichbares Datenschutzniveau und die enge digitale und sicherheitspolitische Zusammenarbeit schaffen eine belastbare Grundlage für langfristige Kooperationen. Gerade im sensiblen Bereich der Cybersicherheit ist Vertrauen ein entscheidender Faktor. Japanische Anbieter, die seit vielen Jahren am Markt etabliert sind und zu den Technologieführern in ihrem Segment zählen, können eine verlässliche Alternative zu US-Anbietern sein, um digitale Souveränität zu stärken.









































